Eine Stechapfel-Pflanze.
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Nachtschatten­gewächse

Der Begriff Nachtschattengewächse (Solanaceae) umfasst eine Pflanzenfamilie der Ordnung Solanales. Zu ihr gehören 92 Gattungen mit circa 2.300 Arten, unter anderem Nutzpflanzen wie Kartoffeln, Tomaten und Paprika, aber auch Giftpflanzen wie Tollkirsche, Bilsenkraut, Stechapfel, Alraune und Engelstrompete.

Überblick

Die giftigen Nachtschattengewächse haben eine berauschende halluzinogene Wirkung und werden deshalb auch Biodrogen, biogene Drogen oder Naturdrogen genannt. Für die bewusstseinsverändernde Wirkung der Nachtschattengewächse sorgen chemische Verbindungen wie Atropin, Scopolamin und Hyoscyamin, die zu ungleichen Teilen in den Giftpflanzen enthalten sind. Die Konsumenten rauchen oder essen die frischen oder getrockneten Pflanzen oder trinken sie als Tee, um sich in einen Rauschzustand zu versetzen. Der Rausch durch Nachtschattengewächse ist sehr gefährlich, da zwischen wirksamer und tödlicher Dosis nur wenige Milligramm liegen.

Die Vergiftung durch Nachtschattengewächse äußert sich in vier Hauptsymptomen:

  1. Errötete und heiße Haut
  2. Trockene Schleimhäute
  3. Pulsbeschleunigung
  4. Erweiterung der Pupillen

Weitere Folgen des Konsums von Nachtschattengewächsen sind körperliche Unruhe, Redseligkeit, verstärkte sexuelle Lust und real erscheinende Halluzinationen, die zu Angstzuständen führen können. Eine Vergiftung durch Nachtschattengewächse kann zu Atemlähmungen und lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen.

Der Missbrauch der giftigen Nachtschattengewächse scheint zugenommen zu haben. Diese Vermutung ergibt sich aus vereinzelten Studien über den Konsum von Nachtschattengewächsen sowie den zunehmenden Angeboten der Substanzen im Internet. Genaue Erhebungen über die Zahl der Konsumenten gibt es allerdings nicht. Die Pflanzen werden frisch gesammelt und dann getrocknet oder übers Internet bestellt. Die Einnahme der Pflanzen ist auch deshalb so gefährlich, weil diese ganz unterschiedliche Mengen der bewusstseinsverändernden Wirkstoffe enthalten und die Risiken dadurch unkalkulierbar werden.

Nachtschattengewächse wie Stechapfel, Tollkirsche, Bilsenkraut und Alraune sind vor allem bei Jugendlichen beliebt. Die Giftpflanzen sind leicht zugänglich. Ihr Genuss verstößt derzeit gegen kein geltendes deutsches Betäubungsmittelrecht. Eine Ahndung nach dem Arzneimittelgesetz ist allerdings möglich.

Anwendungsformen

Beim Konsum der Nachtschattengewächse können die Konsumenten zwischen verschiedenen Anwendungsformen wählen. Die Pflanzen werden gegessen, als Tee aufgebrüht oder geraucht. Dabei verwenden die Konsumenten entweder die frischen oder die getrockneten Pflanzen(teile).

Die wichtigsten Gattungen der Nachtschattengewächse, die als Rauschdrogen verwendet werden, sind:

  1. Stechapfel (Datura stramonium)
  2. Tollkirsche (Atropa belladona)
  3. Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)
  4. Alraune (Mandragora officinarum)
  5. Engelstrompete/Trompetenbaum (Datura suaveolens)

Die bewusstseinsverändernden (psychoaktiven) Wirkstoffe der genannten Pflanzen sind vor allem Atropin, Scopolamin und Hyoscyamin. Die Tollkirsche enthält hauptsächlich Atropin; Stechapfel, Bilsenkraut und Alraune enthalten überwiegend Scopolamin.

Bei allen Nachtschattengewächsen dominieren Alkaloide (organische, stickstoffhaltige und meist alkalische Pflanzenstoffe). Diese wirken auf den parasympathischen Teil des vegetativen (Parasympatholytika).

Wirkungsweise

Nachtschattengewächse verdanken ihre Wirkungsweise drei bewusstseinsverändernden Inhaltsstoffen, die sich sich in ihrer Wirkung ergänzen.

Diese psychoaktiven Wirkstoffe der Nachtschattengewächse verdrängen den körpereigenen Botenstoff (Neurotransmitter) Acetylcholin von seinen Rezeptoren im parasympathischen Nervensystem. Dadurch kann das Acetylcholin nicht mehr wirken, was zum Beispiel dazu führt, dass die Muskelspannung (Muskeltonus) abnimmt, die Herzfrequenz steigt und die Schweißdrüsen die Absonderung (Sekretion) von Schweiß drosseln.

Acetylcholin-Rezeptoren kommen in sehr vielen Organen und Organsystemen vor, das heißt durch die Verdrängung des Acetylcholin treten eine Vielzahl weiterer Erscheinungen auf, die unter dem Begriff des Zentralen anticholinergen Syndroms zusammengefasst werden.

Atropin

Atropin ist chemisch gesehen eine Mischung (Racemat) aus D-Hyoscyamin und dem psychoaktiv wirksamen L-Hyoscyamin. Es wirkt erregend auf das zentrale Nervensystem. Dies äußert sich in einer allgemeinen Erregung mit motorischer Unruhe und erhöhter Herzfrequenz. Handlungsabläufe werden ständig wiederholt. Es kommt neben Rededrang, Euphorie und Tobsucht auch zu Weinkrämpfen, Irrereden und Halluzinationen. Die Haut rötet sich, die Schleimhäute trocknen aus. Außerdem erweitern sich die Pupillen und die Speichelsekretion nimmt ab. Schluckbeschwerden treten auf. Atropin kann zu Koma und tödlicher Atemlähmung führen.

L-Hyoscyamin

L-Hyoscyamin ist nach dem Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) benannt, der Wirkstoff kommt jedoch auch in den meisten anderen Nachtschattengewächsen vor. Die Wirksamkeit ist deutlich stärker als die des Atropins. Beim Trocknen der Pflanze wandelt sich L-Hyoscyamin zum schwächer wirkenden Atropin um (Racemisierung). Deshalb wirken die getrockneten Pflanzen schwächer als frische.

Scopolamin

Scopolamin wirkt annähernd so wie Atropin, im Vergleich allerdings etwas beruhigender und dämpfender. Es lähmt die Magensaft- und Schweißabsonderung ebenso wie das zentrale Nervensystem. Der Wirkstoff sorgt für einen Zustand der Willenlosigkeit und Apathie, ähnlich wie bei einer Hypnose.

Der Rauschzustand

Salben mit Nachtschattengewächsen als Bestandteil wurden früher als "Flug-Salben" oder "Hexensalben" bezeichnet und enthielten neben den Nachtschattengewächsen noch weitere Giftpflanzen. Das Auftragen auf die Haut löste einen Rauschzustand aus. Im Gegensatz zu anderen Halluzinogenen wird hier der Drogenrausch als sehr real empfunden, wodurch sich weitere Risiken ergeben. Zum Beispiel kann es kann passieren, dass sich ein Anwender aus dem Fenster stürzt, weil er glaubt, fliegen zu können.

Im Rausch treten folgende Erlebnisse auf:

  1. Halluzinationen
  2. Unruhe
  3. Rededrang
  4. Weinkrämpfe
  5. Sexuelle Erregtheit
  6. Starkes Traumerleben

Vergiftungenen

Nachtschattengewächse rufen Vergiftungen hervor, die durch folgende Symptome gekennzeichnet sind:

  1. Heiße Haut
  2. geweitete Pupillen (Mydriasis)
  3. Räumliche und zeitliche Desorientierung
  4. Angst und Stimmungsschwankungen
  5. Sehstörungen/Bindehautreizung
  6. Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz
  7. Halluzinationen

Die Hauptgefahr besteht dabei im Auftreten von lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen. Das Herz schlägt dann so schnell, dass es kein Blut mehr durch den Organismus pumpen kann. Bei dieser sogenannten Tachykardie arbeitet das Herz bis zu 300-mal in der Minute, normal sind etwa 80 Schläge pro Minute.

Wie giftig ist die Droge?

Atropin: Bei Kindern können bereits 2 bis 5, beim Erwachsenen 10 bis 20 Tollkirschen tödliche Vergiftungserscheinungen auslösen.

L-Hyoscyamin: Ab einer Menge von fünf Milligramm löst L-Hyoscyamin Vergiftungssymptome aus. Die tödliche Dosis beträgt für Erwachsene zehn Milligramm (oral aufgenommen). Bei Kindern wirken zum Beispiel schon 15 Bilsenkrautsamen tödlich.

Scopolamin: Stechapfel enthält hohe Scopolamin-Anteile, bei Kindern bewirken 15 Stechapfelsamen tödliche Vergiftungserscheinungen.

Erste Hilfe bei Überdosierung

Bei einer Vergiftung durch Nachtschattengewächse bestehen Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Überdosierung darin, dem Betroffenen Flüssigkeit in Form von Tee, Wasser oder Saft zuzuführen. Wenn jemand nach dem Kosum von Pflanzen Vergiftungserscheinungen zeigt, bewahren Sie Ruhe und sichern Sie zur genauen Bestimmung der giftigen Pflanze Überreste der eingenommenen Substanz.

Außerdem sollte eine Giftbindung mit Kohletabletten erfolgen. Der Körper des Betroffenen sollte zusätzlich mit feuchten Tüchern gekühlt werden. Als Gegengift steht dem Arzt der Wirkstoff Physostigmin zur Verfügung. Dieser verdrängt die Giftstoffe der Nachtschattengewächse von den Acetylcholin-Rezeptoren und wirkt so unter anderem dem schnellen Puls und den Erregungszuständen entgegen.

Besonderes Augenmerk sollte der psychischen Betreuung gelten. Lassen Sie den Vergifteten nie unbeaufsichtigt, da er oft aggressiv wird. Deshalb kommt dem Eigenschutz auch eine besondere Bedeutung zu.

Rechtliches

Atropin, Scopolamin und Hyoscyamin sowie deren Zubereitungen sind keine Betäubungsmittel entsprechend dem Betäubungsmittelgesetz (Btmg). Sie unterliegen vielmehr dem Arzneimittelgesetz (AMG). Verstöße gegen das AMG werden in der Regel mit Bußgeldern und nur in besonders schweren Fällen strafrechtlich geahndet.