Mit Kreide auf eine Tafel gezeichnet: Ein Kopf, darin ein Glas Bier.
© iStock

Korsakow-Syndrom

Das Korsakow-Syndrom ist meist die Folge eines chronischen Alkoholmissbrauchs. Zu den typischen Symptomen dieser Hirnschädigung zählen Gedächtnisstörungen und Orientierungsprobleme.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Korsakow-Syndrom

Wer einer Person begegnet, die am Korsakow-Syndrom leidet, wird vielleicht auf den ersten Blick gar nicht bemerken, dass sie krank ist: Beim kurzen Smalltalk zeigen sich nicht unbedingt Auffälligkeiten. Im Laufe eines Gesprächs wird aber rasch deutlich, dass Merkfähigkeit und Gedächtnis massiv beeinträchtigt sind.

Was ist das Korsakow-Syndrom?

Das Korsakow-Syndrom ist eine Hirnschädigung, die durch einen Vitamin-B1-Mangel auftritt. Dieser Mangel entsteht typischerweise nach langjährigem Alkoholmissbrauch.

Das Korsakow-Syndrom ist relativ selten, über die genaue Häufigkeit gibt es unterschiedliche Angaben. Betroffen sind meist Personen über 40 Jahre.

Menschen mit Korsakow-Syndrom können sich an viele Ereignisse aus der Vergangenheit nicht mehr erinnern und sich auch keine neuen Informationen merken. Daher wird die Erkrankung auch als amnestisches Syndrom bezeichnet (Amnesie = Gedächtnisverlust).

Benannt ist das Korsakow-Syndrom nach dem russischen Psychiater und Neurologen Sergei Korsakow, der das Krankheitsbild Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb.

Vorläufer Wernicke-Enzephalopathie

Oft geht dem Korsakow-Syndrom die Wernicke-Enzephalopathie voraus. Darunter versteht man einen degenerativen, lebensbedrohlichen Zustand, der mit Schäden im Gehirn einhergeht. Dabei sind dieselben Strukturen betroffen wie beim Korsakow-Syndrom.

Wird die Wernicke-Enzephalopathie nicht rechtzeitig behandelt, kann sie in ein Korsakow-Syndrom münden. Mediziner sprechen dann von einem Wernicke-Korsakow-Syndrom. Die Wernicke-Enzephalopathie ist benannt nach ihrem Entdecker, dem Neurologen Carl Wernicke.

Wernicke-Enzephalopathie und Korsakow-Syndrom sind zwar unterschiedliche Beschwerdebilder, sie entstehen aber beide durch einen meist alkoholbedingten Vitamin-B1-Mangel.

Typische Symptome der Wernicke-Enzephalopathie sind Gang- und Standunsicherheit, Augenmuskellähmungen und Störungen des Bewusstseins. Während die Wernicke-Enzephalopathie durch rechtzeitige Therapie relativ gut behandelbar ist, können beim Korsakow-Syndrom nur bedingt Verbesserungen erzielt werden.

Korsakow-Syndrom: Ursachen

Ein Korsakow-Syndrom entsteht, wenn im Körper zu wenig Vitamin B1 (Thiamin) vorhanden ist. Häufigste Ursache der unzureichenden Vitamin-B1-Versorgung ist über lange Zeit bestehender, chronischer Alkoholmissbrauch.

Vitaminmangel durch Alkoholismus

Langjähriger Alkoholmissbrauch geht oft mit einem Vitaminmangel einher. Die Gründe: Zum einen "ernähren" sich viele Alkoholiker fast ausschließlich von Alkohol. Dem Körper fehlen dann wichtige Nährstoffe aus der Nahrung – unter anderem Vitamin B1. Zum anderen führt der Alkoholkonsum dazu, dass der Magen-Darm-Trakt das Vitamin schlechter aufnehmen kann.

Ist zu wenig Vitamin B1 im menschlichen Körper vorhanden, kann dies auf Dauer das Gehirn beeinträchtigen. Insbesondere Regionen im Zwischenhirn, die unter anderem für die Gedächtnisbildung und den Abruf von Informationen zuständig sind, nehmen Schaden. Dazu zählen etwa die sogenannten Mamillarkörper und weitere Bereiche des Zwischenhirns wie der Thalamus. Diese Schäden haben die typischen Beschwerden des Korsakow-Syndroms zur Folge.

Da nicht alle Personen mit Vitamin-B1-Mangel ein Korsakow-Syndrom entwickeln, sind vermutlich noch weitere Faktoren an der Entstehung beteiligt, etwa genetische Komponenten.

Wozu braucht der Mensch Vitamin B1?

Vitamin B1, auch Thiamin genannt, spielt vor allem im Kohlenhydratstoffwechsel eine tragende Rolle. Es ist mit dafür verantwortlich, dass der Körper aus der Nahrung Energie gewinnt. Vitamin B1 hilft bestimmten Eiweißen (Enzymen) dabei, ihre Aufgaben zu erfüllen und als biochemischer Katalysator bestimmte Reaktionen im Körper zu beschleunigen.

Darüber hinaus ist das Vitamin für die Reizweiterleitung im Nervensystem von Bedeutung.

Nicht immer ist Alkohol der Auslöser

Nicht nur Alkoholmissbrauch kann zu einem Vitamin-B1-Mangel führen. Sehr selten hat der Mangel andere Ursachen. Dazu zählen Mangel- oder Fehlernährung durch Erkrankungen wie zum Beispiel Magersucht oder durch künstliche Ernährung oder schwere Infektionen.

Korsakow-Syndrom: Symptome

Typische Symptome des Korsakow-Syndroms sind:

  • Störung des Gedächtnisses/der Merkfähigkeit: Menschen mit Korsakow-Syndrom können sich an viele Dinge nicht mehr erinnern. Zudem können sie sich neue Informationen nicht merken und haben eine mangelnde Auffassungsgabe.
  • Konfabulationen: Der Betroffene schließt die Gedächtnislücken mit frei erfundenen Inhalten.
  • Orientierungsstörungen: Die Person vergisst, wo sie sich befindet, wann ein bestimmtes Ereignis stattgefunden hat usw.

Häufig geht das Korsakow-Syndrom mit weiteren Symptomen und Anzeichen anderer alkoholbedingter Begleiterscheinungen einher, so zum Beispiel mit

Störung des Gedächtnisses/der Merkfähigkeit

Bei einem Korsakow-Syndrom wird das Gedächtnis in Mitleidenschaft gezogen, insbesondere das Kurzzeitgedächtnis. Die Person leidet an verschiedenen Formen des Gedächtnisverlustes (Amnesie):

  • anterograde Amnesie: Neue Informationen, die nach der Hirnschädigung hinzukommen, kann sich der Patient nur schlecht merken. So weiß er beispielsweise nicht mehr, was er vor fünf Minuten gegessen hat oder wer ihn in der letzten Woche besucht hat. Die Merkfähigkeit kann so sehr gestört sein, dass er sich selbst an Ereignisse, die erst Sekunden zurückliegen, nicht erinnern kann.
  • retrograde Amnesie: Auch viele Dinge aus der Zeit vor der Hirnschädigung fallen dem Patienten nicht mehr ein. Manche Ereignisse aus der Vergangenheit können die Patienten dagegen oft problemlos erinnern. Die Betroffenen sind jedoch dann manchmal nicht in der Lage, das Geschehene in einen Zusammenhang zu bringen und zeitlich richtig einzuordnen.

Während Merkfähigkeit und Auffassungsgabe gestört sind, sind andere Leistungen vergleichsweise intakt, so etwa die Intelligenz oder die Fähigkeit, aufmerksam zu sein.

Größtenteils fallen die Gedächtnisstörungen bei oberflächlichen Gesprächen zunächst gar nicht auf. So kann die Person beispielsweise fehlerlos Schach spielen und richtige Schlussfolgerungen ziehen, sodass sie geistig völlig gesund wirkt. Erst wenn der Betroffene nach Dingen gefragt wird, die vor Kurzem geschehen sind, treten die Gedächtnisstörungen zutage: So fehlt etwa die Erinnerung daran, was vor wenigen Minuten passiert ist. Auffällig ist, dass die Person dann nur sehr wenige Informationen liefern kann oder aber angibt, in dem Zeitraum nur wenig gemacht zu haben.

Konfabulationen: Kaschieren der Gedächtnislücken

Da sich Menschen mit Korsakow-Syndrom an bestimmte Ereignisse nicht mehr erinnern können, neigen sie dazu, die Lücken spontan durch eigene Fantasie aufzufüllen und so zu kaschieren. Auf Fragen antworten sie dann beispielsweise mit frei erfundenen Antworten.

Normalerweise ist sich der Patient nicht darüber im Klaren, dass sein Gedächtnis gestört ist. Er täuscht oder lügt nicht bewusst.

Orientierungsstörungen

Das Korsakow-Syndrom geht mit Störungen der Orientierung einher: Beispielsweise weiß der Patient während eines Krankenhausaufenthaltes nicht, welche Nummer zu seinem Zimmer gehört, wie lange er sich schon dort befindet oder wer ihn zuletzt besucht hat.

Korsakow-Syndrom: Diagnose

Die Vorgeschichte eines Patienten gibt dem Arzt erste Hinweise auf die Diagnose: In den meisten Fällen entwickelt sich das Korsakow-Syndrom nach chronischem Alkoholmissbrauch.

Zunächst wird der Arzt prüfen, inwieweit das Gedächtnis seines Patienten beeinträchtigt ist. Bei einem Korsakow-Syndrom fallen dem Mediziner Gespräch mit dem Betroffenen das gestörte Kurzzeitgedächtnis, die fehlende Orientierung und die mangelnde Merkfähigkeit auf. Der Patient hat kein Zeitgefühl, er bringt Ereignisse in die falsche Reihenfolge. Bestimmte Dinge aus der Vergangenheit kann er nicht abrufen, neue Informationen vergisst er sofort. Auch Gespräche mit Angehörigen oder Pflegepersonal können dem Arzt bei seiner Diagnosestellung helfen.

Wichtig für die Diagnose ist zudem eine gründliche körperliche Untersuchung. Viele Betroffene leiden unter anderen Folgeerkrankungen durch Alkoholkonsum wie etwa einer Leberzirrhose. Anhand des Blutbilds kann der Arzt unter anderem feststellen, ob tatsächlich ein Vitamin B1-Mangel vorliegt.

Darüber hinaus liegt die Diagnose nahe, wenn der Patient unter der Wernicke-Enzephalopathie leidet beziehungsweise gelitten hat, da diese Hirnschädigung häufig in ein Korsakow-Syndrom mündet. Da der Übergang zwischen Wernicke-Enzephalopathie und dem Korsakow-Syndrom fließend sein kann, wird der Arzt unter Umständen prüfen, ob die Enzephalopathie noch vorhanden ist.

Andere Erkrankungen ausschließen

Bestimmte andere Erkrankungen können mit ähnlichen Symptomen wie denen des Korsakow-Syndroms einhergehen. Hierzu zählen etwa Infarkte des Hirnstamms oder auch eine Demenz. Um solche Krankheiten auszuschließen, wird der Arzt gegebenenfalls weitere Untersuchungen veranlassen, so zum Beispiel eine Computertomographie oder eine Magnetresonanztomographie.

Korsakow-Syndrom: Therapie

Ist das Korsakow-Syndrom voll ausgeprägt, geht es in der Therapie vor allem darum, die Symptome zu lindern.

Durch die Gabe von Vitamin B1 und strikter Alkoholabstinenz kann sich der Zustand einiger Patienten leicht verbessern. Ein voll ausgeprägtes Korsakow-Syndrom führt jedoch in der Regel zu bleibenden Hirnschäden. Mithilfe eines neuropsychologischen Trainings und psychotherapeutischer Behandlung können die Patienten unterstützt werden.

Bei der Wernicke-Enzephalopathie, die in vielen Fällen dem Korsakow-Syndrom vorausgeht, kann die frühzeitige, hochdosierte Gabe von Vitamin B1, erfolgreich sein, sodass eine Besserung der Symptome eintritt. Ist der Vitamin-B1-Mangel ausgeglichen, kann möglicherweise verhindert werden, dass die Wernicke-Enzephalopathie im Korsakow-Syndrom mündet.

Schon bei Verdacht auf Wernicke-Enzephalopathie oder Korsakow-Syndrom wird der Arzt Vitamin B1 verordnen.

Korsakow-Syndrom: Verlauf & Vorbeugen

In den meisten Fällen verläuft das Korsakow-Syndrom chronisch. Die Symptome bleiben dann dauerhaft bestehen und die Betroffenen sind lebenslang beeinträchtigt. Verbesserungen können nur bedingt und im Einzelfall erzielt werden. Unbehandelt kann das Korsakow-Syndrom tödlich sein.

Viele Menschen mit Korsakow-Syndrom können ihren Alltag nicht mehr selbstständig bewältigen und sind auf Betreuung angewiesen.

Vorbeugen durch rechtzeitiges Handeln

Hauptrisikofaktor für das Korsakow-Syndrom ist eine Alkoholabhängigkeit. Daher gilt: Wer dem Korsakow-Syndrom vorbeugen möchte, sollte auf regelmäßigen, übermäßigen Alkoholkonsum verzichten.

Das ist für manche Menschen leichter gesagt als getan. Wenn Sie das Gefühl haben, alkoholabhängig zu sein: Scheuen Sie sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen und den Arzt Ihres Vertrauens aufzusuchen. Auch Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen können eine erste Anlaufstelle sein.

Menschen, die zu Alkoholmissbrauch neigen, können dem Korsakow-Syndrom durch die Zufuhr von Vitamin B1 ein Stück weit vorbeugen. Ein Ersatz für Abstinenz ist das allerdings nicht.

Bei Personen, die an einer akuten Wernicke-Enzephalopathie leiden, ist eine frühzeitige Therapie durch Vitamin-B1-Gabe nötig. So kann man möglicherweise verhindern, dass die Erkrankung in ein Korsakow-Syndrom übergeht.