Frau hustet weil ihr Vagusnerv gereizt ist.
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Größter Nerv des Parasympathikus

Vagusnerv: Was bewirkt er im Körper?

Hustenreiz, Sodbrennen, beschleunigter Herzschlag: Der Vagusnerv kann für einige Symptome verantwortlich sein, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben. Woran liegt das? Und was kann man tun, wenn der Vagusnerv gereizt ist?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vagusnerv – was ist das?

Der Vagusnerv (in der Fachsprache auch Nervus vagus) zählt zu den sogenannten Hirnnerven.

Anders als ihr Name vielleicht vermuten lässt, verläuft diese Gruppe von Nerven nicht ausschließlich im Gehirn. Vielmehr soll die Bezeichnung ihren Ursprungsort ausdrücken: Die 12 Hirnnerven entspringen – im Gegensatz zu den Rückenmarksnerven – direkt dem Gehirn. Von dort verlaufen sie zu den unterschiedlichsten Punkten im Kopf- und Halsbereich oder, wie im Fall des Vagusnervs, sogar bis in den Rumpf.

Um die Hirnnerven und ihre Herkunftsorte klarer zu kategorisieren, haben sie neben ihren Eigennamen zudem Ziffern erhalten. Die Nummerierung orientiert sich dabei an der Reihenfolge, in der die Nerven aus dem Gehirn austreten. Der Vagusnerv ist nach diesem System der zehnte Hirnnerv (römisch X). Wie die anderen Hirnnerven verläuft auch er paarig, das heißt sowohl in der linken als auch in der rechten Körperhälfte.

Aufgaben des Vagusnervs

Beim Vagusnerv handelt es sich um den größten Nerv des Parasympathikus. Was bedeutet das genau? Der zehnte Hirnnerv bündelt viszeromotorische Nervenfasern, die für die Steuerung der unwillkürlichen Muskulatur, beispielsweise im Herzen oder Kehlkopf, zuständig sind. Der Parasympathikus wird immer dann aktiv, wenn es den Körper zu regenerieren gilt – primär also in Entspannungsphasen. Er ist der Gegenspieler zum Sympathikus, der den Organismus unter Stress und in Gefahrensituationen zu Höchstleistungen anregt.

Darüber hinaus umfasst der Nervus vagus aber auch

  • somatosensible (für die Wahrnehmung bewusster, allgemeiner Körperempfindungen wie von Schmerzen) und
  • viszerosensible Nervenfasern (für die Wahrnehmung unbewusster Körperempfindungen, unter anderem der Spannung der Lungen oder des Geschmacks am Zungengrund),

die stetig Informationen zwischen dem Gehirn und ihren Endpunkten austauschen.

Der Vagusnerv entspringt aus dem Abschnitt des Gehirns, in dem auch die Medulla oblongata liegt (das verlängerte Mark im Hirnstamm). Er durchläuft Kopf, Hals und Rumpf und verzweigt sich dabei in feinste Verästelungen. So erreicht er diverse Organe und Körperregionen, zum Beispiel:

  • Zungengrund
  • Haut der Ohrmuschel und des äußeren Gehörgangs
  • Rachen
  • Kehlkopf
  • Luftröhre
  • Lunge
  • Herz
  • Speiseröhre
  • Magen
  • Leber
  • Bauchspeicheldrüse
  • Dünndarm sowie einen Abschnitt des Dickdarms
  • Nieren

Dieser großflächigen Zuständigkeit verdankt der zehnte Hirnnerv seinen Namen: "Vagus" leitet sich vom lateinischen vagari für "umherschweifen" ab. Umgangssprachlich ist der Vagusnerv daher auch als umherschweifender Nerv oder Eingeweidenerv bekannt.

Welche Symptome kann der Vagusnerv verursachen?

Die Tatsache, dass der Vagusnerv ein so ausgedehntes Gebiet im Körper durchzieht, macht ihn zu einem der bedeutendsten Nerven überhaupt. Gleichzeitig heißt das aber auch: Störungen, Einklemmungen und Reizungen können vielfältige und weitreichende Folgen haben.

So wird im Zusammenhang mit dem Vagusnerv unter anderem von diesen Symptomen berichtet:

Ob und welche Beschwerden genau auftreten, hängt maßgeblich davon ab, an welcher Stelle die Arbeit des zehnten Hirnnervs eingeschränkt wird. Je näher am Gehirn die Ursache für die Reizung liegt, desto mehr Symptome zeigt der*die Betroffene. Auftretende Beschwerden helfen also dabei, die Lokalisation der Störung einzugrenzen.

Schon gewusst?

Die Kerne des zehnten Hirnnervs liegen in direkter Nähe zu denen des Gleichgewichtsnervs. Das kann zur Folge haben, dass Schwindel (ausgehend vom Gleichgewichtsnerv) gleichzeitig mit Übelkeit einhergeht, die wiederum der Vagusnerv bedingt - und umgekehrt.

Welche Reizungen betreffen den Vagusnerv?

Der Nervus vagus ist vergleichsweise selten von Störungen oder Erkrankungen betroffen. Kommt es doch zu einem Funktionsverlust und fehlt sein regenerierender Effekt, kann dies auf Faktoren zurückgehen wie:

  • Druck, den zum Beispiel Wirbelfehlstellungen im Halsbereich auf den Vagusnerv ausüben (sogenanntes Kompressionssyndrom) – der Vagusnerv wird hier eingeklemmt und verursacht dadurch Beschwerden
  • eine Unterbrechung der Versorgung des Vagusnervs, beispielsweise im Rahmen eines Schlaganfalls
  • die Entzündung des Nervus vagus (kann sich unter anderem nach Unfällen, Infektionen oder durch Erkrankungen wie Multiple Sklerose entwickeln)

Bei Verdacht auf einen gereizten oder eingeklemmten Vagusnerv ist es immer sinnvoll, entsprechende Symptome ärztlich abklären zu lassen.

Behandlung von Problemen mit dem Vagusnerv

Der*die Hausarzt*Hausärztin ist häufig der*die erste Ansprechpartner*in, wenn sich durch den Vagusnerv Beschwerden entwickeln. Dort steht im Vordergrund, ein möglichst vollständiges Beschwerdebild zu erfassen – nur so lassen sich die oft eher unspezifischen Symptome zum Vagusnerv zurückverfolgen.

Erhärtet sich im Gespräch und während erster Untersuchungen der Verdacht auf eine Störung des zehnten Hirnnervs, erfolgt meist eine Überweisung an die Neurologie. Die Fachärzte*Fachärztinnen für das Nervensystem arbeiten dann gegebenenfalls eng mit Kolleg*innen anderer Disziplinen zusammen, zum Beispiel der Pneumologie (Fachbereich Lunge), Kardiologie (Herz) oder Gastroenterologie (Verdauungsorgane).

Vagusnerv ist gereizt was tun?

In den meisten Fällen legen sich Störungen des Vagusnervs, wenn die Ursache für seine Reizung behandelt werden kann. Stellt der*die Mediziner*in also eine Grunderkrankung oder verschobene Wirbel aus Auslöser für die Beschwerden fest, liegt der Fokus zunächst auf deren Behandlung. Den Vagusnerv selbst direkt zu beruhigen, ist dagegen ein eher schwieriges Unterfangen. Seine feinen Verästelungen verlaufen tief im Körper. Sie lassen sich über Medikamente oder Operationen nur schwer gezielt beruhigen – und irrtümlich auf die falschen Zweige einzuwirken, bremst schnell auch Vorgänge, die besser unangetastet bleiben. Ärzte*Ärztinnen raten daher meist davon ab.

Umgekehrt kann eine Stimulation (zum Beispiel nach einem Schlaganfall) aber durchaus positive Effekte erzielen: Dabei werden Impulsgeber im Hals implantiert, von wo aus sie den Vagusnerv in der Regel am besten erreichen. Kleine Elektroden geben daraufhin elektrische Impulse ab, die den zehnten Hirnnerv anregen. Diese Behandlungsmethode ermöglicht insbesondere bei motorischen Einschränkungen Fortschritte. Erste Untersuchungen weisen zudem darauf hin, dass so die Verdauungstätigkeit reguliert werden kann. Unter Umständen trägt das künftig zur Therapie von Adipositas bei.

Die wichtige Rolle des Vagusnervs im Parasympathikus (also des für Regeneration und Ruhe zuständigen Teils des vegetativen Nervensystems) nutzen Ärzte*Ärztinnen auch bei der Behandlung von Depression, Angststörungen und Epilepsie. So erzielt die Vagusnerv-Stimulation (VNS) in vielen Fällen Behandlungserfolge, wenn diese Erkrankungen ansonsten nicht mehr oder nicht ausreichend auf Medikamente ansprechen.

Vagusnerv-Übungen

Die Verknüpfung zum regenerierenden Parasympathikus lässt sich bis zu einem gewissen Grad auch ohne implantierten Impulsgeber nutzen. So können beispielsweise Menschen, die stark unter Stress stehen oder unter Ängsten leiden, ihren Vagusnerv mit bestimmten Übungen zu seiner beruhigenden Wirkung motivieren. Insbesondere eine tiefe Bauchatmung mit einer verlängerten Ausatmung erweist sich hier als Vagus-aktivierender Faktor.Interessierte können unter anderem diese Vagusnerv-Übungen ausprobieren:

 

  • Meditation, am besten unter Anleitung in einer Gruppe oder per App
  • Atemübungen, beispielsweise nach der 4711-Regel (für 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden lang ausatmen und dieses Schema 11 Minuten lang fortführen)
  • Kehlkopfvibrationen, bei denen stimmhafte S-Laute die Ausatmung ausdehnen
  • Summen von A, O oder U, nach ganz ähnlichem Prinzip wie die Kehlkopfvibrationen
  • Gurgeln, beispielsweise mit Wasser oder lauwarmem Kamillentee
  • Singen
Diese Formen der sogenannten Vagus-Meditation können Blutdruck und Herzfrequenz herunterregulieren, die Verdauung fördern und Anspannung lindern. Positive Effekte werden ihnen außerdem bei Schlafstörungen, chronischen Schmerzen oder zum Überbrücken von Leistungstiefs nachgesagt.