Das Bild zeigt eine Kuh auf der Wiese.
© Jupiterimages/Stockbyte

Colostrum als Nahrungsergänzungsmittel

Der Begriff Colostrum (auch: Kolostrum) steht für die Erstmilch der Säugetiere, die von der Brustdrüse der Mutter produziert wird. Colostrum versorgt das Neugeborene unmittelbar nach der Geburt sowie während der ersten Lebenstage mit wichtigen Nährstoffen und weiteren Substanzen. Andere Bezeichnungen für Colostrum sind Vormilch, Kolostralmilch sowie bei Kühen Biestmilch. Colostrum unterscheidet sich in seiner Zusammensetzung wesentlich von der späteren reifen Muttermilch.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Allgemeines

Unabhängig vom eigentlichen Nutzen Colostrums als Erstnahrung für das Neugeborene bieten viele Hersteller Colostrum auch als Nahrungsergänzungsmittel an. Hierbei handelt es sich um speziell aufbereitetes Colostrum der Kuh (sog. Kuhcolostrum oder bovines Colostrum), das in unterschiedlichen Darreichungsformen zur Verfügung steht. Besonders wichtig ist die Qualität und Einheitlichkeit des Colostrums sowie die Sicherheit des Produkts, wenn es als Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden soll. Es muss also gewiss sein, dass es keine gesundheitsschädlichen (z.B. infektiösen) Bestandteile enthält.

Grundsätzlich kann man zwei verschiedene Ansätze zur Verwendung von Colostrum unterscheiden: Zum einen setzen Mediziner Colostrumpräparate im Rahmen der klinischen Forschung bei verschiedenen Krankheiten ein und untersuchen den Effekt der Inhaltsstoffe auf Infektionen und Stoffwechselvorgänge. Zum anderen existiert ein breiter Markt mit Colostrumpräparaten für den Eigengebrauch – allerdings gibt es für derartige Produkte bislang keine gesicherten Wirkungsnachweise. Inwieweit Colostrumpräparate für Gesunde einen Nutzen haben, ist zweifelhaft – klinischen Ergebnissen und Überlegungen zufolge scheint Colostrum bei verschiedenen Erkrankungen aber durchaus einen positiven Effekt zu haben.

Abschließend kann die Wirkung einzelner Produkte in der Mehrzahl der Fälle nicht beurteilt werden, da aussagekräftige Studien fehlen. In jedem Falle sollte man den Gebrauch von Colostrum mit einem Arzt besprechen, anstatt Colostrum eigenmächtig als Selbsttherapie einzunehmen.

Was ist Colostrum?

Colostrum ist die Vor- oder Erstmilch, die die weibliche Brustdrüse bei Säugetieren (also auch dem Menschen) während der Schwangerschaft und der ersten Tage nach der Entbindung bildet. Colostrum besteht im Wesentlichen aus:

Weitere für das Abwehrsystem (Immunsystem) des Neugeborenen wichtige Inhaltsstoffe des Colostrums sind bestimmte Eiweißmoleküle aus der Gruppe der sogenannten Zytokine (z.B. Interferon) sowie die Enzyme Lysozym, Lactoferrin und Lactoperoxidase. Sie alle richten sich gegen Krankheitserreger (etwa im Magen-Darm-Trakt) und helfen dem Neugeborenen bei der Abwehr von Infektionen.

Kälber erhalten über das Colostrum den Großteil der für sie wichtigen Antikörper von ihrer Mutter (sog. Leihimmunität). Bei Menschen überträgt die Schwangere viele Antikörper (besonders Immunglobulin G (IgG)) bereits in den Wochen vor der Geburt mit dem Blut über den Mutterkuchen (Plazenta) auf das Kind – daher besteht beim menschlichen Neugeborenen schon ein gewisser Immunschutz. Dies ist auch der Grund, warum menschliches Colostrum weniger Antikörper als das der Kuh enthält.

Colostrum unterscheidet sich hinsichtlich seiner Inhaltsstoffe von der später gebildeten Muttermilch und sieht daher auch anders aus: Durch den hohen Eiweißgehalt ist Colostrum etwas schleimig und dickflüssig, sogenannte Karotinoide färben es gelblich. Innerhalb der ersten 18 bis 36 Stunden nach der Geburt ändert die Milch ihre Zusammensetzung – nach circa 3-5 Tagen gibt die Mutter statt Colostrum fortan reife Muttermilch ab.

Der Hauptunterschied zwischen Colostrum und normaler Milch bei der Kuh besteht darin, dass die normale Milch weniger Antikörper (Immunglobuline), Calcium, Magnesium, Natrium und Phosphat enthält. Wie sich das jeweilige Colostrum genau zusammensetzt, hängt unter anderem vom Alter der Kuh, seiner Rasse und Ernährung sowie möglichen Krankheiten ab.

Bedarf

Die Tatsache, dass Colostrum für das Neugeborene (sei es etwa Mensch oder Kalb) so wichtig ist, lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere Altersgruppen oder Menschen mit bestimmten Erkrankungen übertragen. Übrigens ist das Kalb noch in viel stärkerem Maß auf die Inhaltsstoffe des Colostrums angewiesen als das menschliche Neugeborene.

Colostrum kann nach heutigem Stand außerhalb des kontrollierten klinischen Einsatzes unter ärztlicher Betreuung nicht pauschal als Nahrungsergänzungsmittel für den Menschen empfohlen werden. Anders ist es bei bestimmten Erkrankungen und Personengruppen: Mediziner konnten in klinischen Studien positive Wirkungen nachweisen – dabei kam streng kontrolliert gewonnenes und geprüftes Colostrum zum Einsatz.

Viele Hersteller geben an, dass ihr Colostrum-Produkt gegen eine ganze Reihe von Erkrankungen wirkt. Dies ist in der Mehrzahl der Fälle bisher nicht hinreichend durch wissenschaftliche Daten belegt.

Funktion im Körper

Colostrum erfüllt im Körper verschiedene Funktionen.

Beim Menschen: Das Colostrum in der Muttermilch spielt für das Ungeborene beziehungsweise Neugeborene ohne Zweifel eine besondere Rolle. In welcher Form Colostrum von Kühen als Nahrungsergänzungsmittel auf den menschlichen Körper wirkt und welche Effekte es tatsächlich erzielt, ist dagegen noch unklar. Wahrscheinlich ist, dass die Hauptwirkung auf zwei Mechanismen beruht:

  • Colostrum wirkt auf Krankheitserreger (z.B. Bakterien).
  • Colostrum stimuliert und unterstützt das Abwehrsystem.

Für diese Effekte sind die im Colostrum enthaltenen Antikörper (Immunglobuline) und eine Reihe von Enzymen verantwortlich. Allerdings reichen die bisherigen Studienergebnisse in vielen Fällen noch nicht aus, um Colostrum zur Eigentherapie bestimmter Erkrankungen empfehlen zu können.

Die Einnahme von Colostrum als Nahrungsergänzungsmittel führt nach bisherigen Erkenntnissen kaum oder gar nicht zu Nebenwirkungen. Jedoch treten bei manchen Anwendern Unverträglichkeiten auf: Manche Produkte enthalten Milchzucker (Laktose) – er löst bei einem Teil der Menschen, die Laktose nicht verdauen können (sog. Laktoseintoleranz), eine unerwünschte Reaktion aus. Andere Menschen wiederum reagieren empfindlich auf bestimmte Eiweiße, die in einem Teil der Colostrum-Präparate vorkommen. Sollten Sie Nebenwirkungen bei der Einnahme von Colostrum bemerken, verzichten Sie besser auf dieses Nahrungsergänzungsmittel.

Bei Kühen: Besonders für das gerade auf die Welt gekommene Kalb ist Colostrum sehr wichtig, da das Neugeborene zum Zeitpunkt der Geburt noch keine Antikörper besitzt, die es bei der Abwehr von Krankheitserregern unterstützen. Die mit dem Colostrum nach der Geburt von der Kuh auf das Kalb übertragenen Antikörper (Leihimmunität) spielen eine Schlüsselrolle für die Gesundheit und das Überleben des Kalbs. Antikörper der Klasse IgG (Immunglobulin G) liegen im Kuhcolostrum in besonders hoher Konzentration vor. Ein beachtlicher Teil der im Colostrum enthaltenen Antikörper übersteht nach Aufnahme durch den Mund die Passage durch den Magen und erreicht unbeschadet den Darm.

Colostrum bei verschiedenen Erkrankungen

Einige wissenschaftliche Studien haben sich mit der Wirkung von Kuhcolostrum auf bestimmte Erkrankungen, auf gesunde Menschen und auf Sportler auseinandergesetzt:

Colostrum bei Magen-Darm-Infektionen und -Erkrankungen

Den Darm kann man als eine Art Schnittstelle zwischen Umwelt und Körper verstehen: Er kommt sowohl unmittelbar mit Nahrungsbestandteilen als auch mit Krankheitserregern und ihren Giften in Kontakt. Ein großer Teil des Immunsystems findet sich im Darm – daher ist es für das menschliche Abwehrsystem sehr wichtig, dass der Darm und besonders seine Schleimhaut mit den Abwehrzellen seine Aufgabe zuverlässig erfüllt. Nur dann können keine Erreger vom Darm in den Blutstrom übertreten.

Durch EHEC-Bakterien ausgelöste Durchfälle bei Kindern

Colostrum konnte in Studien bei Kindern Durchfälle reduzieren, die durch Bakterien vom Typ EHEC (enterohämorrhagische E. coli) ausgelöst wurden. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung zu einer weiteren schwerwiegenden Komplikation führt, ließ sich senken. Dies ist besonders interessant, da eine Therapie mit Antibiotika bei dieser Infektion oft nicht wirksam ist und sogar schädlich sein kann – umso wichtiger sind solche alternativen Therapieansätze bei der EHEC-Infektion.

Entschärfung von Bakteriengiften und Verhinderung eines Schocks

Über den Mund eingenommenes Colostrum trägt dazu bei, dass bei Infektionen mit bestimmten Bakterien weniger Bakteriengifte (sog. Endotoxine oder LPS) vom Darm in das Blut übertreten. Somit entwickelt sich auch seltener ein lebensbedrohlicher Schockzustand als mögliche Komplikation dieser Infektion.

Colostrum bei Darmerkrankungen, Schmerzsyndromen & Abwehrschwäche

Colostrum bei schmerzmittelbedingter Dünndarmentzündung

Forscher kamen in ersten klinischen Tests zu dem Ergebnis, dass Colostrum einen positiven Effekt auf Entzündungen des Dünndarms hat, die durch die Einnahme von sogenannten nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) bedingt waren.

Colostrum bei entzündlichen Darmerkrankungen

Colostrum kann die Heilung der Darmschleimhaut bei Menschen mit entzündlichen Darmerkrankungen fördern: Über den Darm verabreichtes (rektaler Einlauf) spezielles Kuhcolostrum zeigte in einer Studie positive Effekte auf eine linksseitige Dickdarmentzündung (Coltitis), wenn die Ärzte es in Kombination mit dem Wirkstoff Mesalazin verabreichten. Weitere Studien müssen diese Ergebnisse noch bestätigen. Anderen Untersuchungen zufolge linderte Colostrum bei Kindern mit Durchfall die Beschwerden.

Colostrum als ergänzende Therapie bei Patienten mit Schmerzsyndromen (z.B. Fibromyalgie)

Studien legen nahe, dass Colostrum bei Patienten mit Schmerzsyndromen bei einem Teil der Betroffenen gut wirkt und die Schmerzen nachlassen. Allerdings scheint bei diesen Patienten die Wahrscheinlichkeit erhöht zu sein, dass sie Bestandteile der Milch nicht vertragen (z.B. Laktoseintoleranz) und sich eine bestehende Neurodermitis verschlechtert (besonders bei kleinen Kindern).

Colostrum und Immunfunktion

Für gesunde und wohlernährte Menschen scheint die niedrigdosierte tägliche Einnahme von Colostrum keinen zusätzlichen Nutzen für die Abwehrfunktion (Immunfunktion) zu bieten. Allerdings verbesserte sich in Studien bei Menschen mit eingeschränkter Abwehrfunktion und unter besonderen Belastungen die Immunfunktion. Bei unterernährten und geschwächten Kindern könnte Colostrum eine schützende Wirkung gegen Infektionen haben, wenn die Kinder es vorbeugend einnehmen.

Colostrum-Eiweißkonzentrat und Sport

Drei verschiedene Studien haben ergeben, dass Colostrum nach mehrwöchiger regelmäßiger Einnahme bei Leistungssportlern die Ausdauer, die Erholungszeit und andere Parameter in unterschiedlichem Maße positiv beeinflussen kann.

Colostrumpräparate

Für die Herstellung von Colostrumpräparaten ist es besonders wichtig, dass eine kontrollierte und gleichmäßige Konzentration der Inhaltsstoffe erzielt wird. Dies betrifft vor allem den Gehalt an Antikörpern (Immunglobulinen), denen Mediziner die Hauptwirkung auf verschiedene Erkrankungen zuschreiben.

Es gibt unterschiedliche Colostrum-Produkte: so etwa Colostrum Kapseln mit getrocknetem Pulver aus Colostrum oder flüssiges Colostrum. In Studien sollte nur besonders streng geprüftes Colostrum zum Einsatz kommen.

Für viele im Handel erhältliche Colostrumpräparate fehlen die wissenschaftlichen Belege, dass sie wirksam sind. Zudem ist oft nicht klar, gegen welche Erkrankungen und in welchen Situationen die Produkte wirken sollen. Darüber hinaus erfüllen nicht alle Hersteller die strengen Anforderungen, die an die Produktion der Präparate zu stellen sind. Es ist aber besonders wichtig, diese Anforderungen einzuhalten – nur so erhält man ein qualitativ hochwertiges, einheitliches Produkt, das sich auch für den Einsatz in klinischen Studien eignet.

Flüssiges Colostrum

Um flüssiges Colostum zu gewinnen, bedarf es mehrerer Behandlungsschritte. Die Hersteller entfetten das Colostrum nach dem Melken zunächst und entfernen ein spezielles Milcheiweiß, das Kasein. In einem weiteren Schritt wird die Molke filtriert, sodass die wichtigen Bestandteile wie etwa die Immunglobuline (Antikörper), Wachstumsfaktoren und Zytokine von Bakterien und anderen unerwünschten Stoffen getrennt werden. Zurück bleibt ein flüssiger, steriler Extrakt, den die Hersteller zum Beispiel in Flaschen abfüllen.

Colostrum-Pulver

Die ersten Produktions-Schritte entsprechen denen des flüssigen Colostrums. Um ein Pulver zu erhalten, wird die Flüssigkeit wieder eingefroren und dann sprüh- oder gefriergetrocknet. In Kapseln abgefüllt wird es dann im Handel angeboten. Kapseln sind besser haltbar als flüssiges Colostrum.

Colostrum und BSE

Ein weiteres Merkmal sollte sein, dass das Colostrum aus Gegenden stammt, wo definitiv kein BSE ("Rinderwahn") bei Kühen vorkommt. Der Verzicht auf tierische Futtermittel stellt eine wichtige Grundlage dar, wenn es darum geht, sicheres Colostrum zu gewinnen. So erhalten Weiderinder mit dem Futter keine verarbeiteten Körperteile anderer Tiere. Zudem sollten die Rinderherden unter ständiger tierärztlicher Kontrolle stehen.