Man sieht die Augen einer Frau, die nach oben schaut
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EMDR (Eye-Movement-Desensitization and Reprocessing)

EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Es handelt sich dabei um eine Psychotherapieform zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen. Lesen Sie hier, wie diese Therapie funktioniert.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Was ist ein Trauma?

Die amerikanische Psychotherapeutin Francine Shapiro hat EMDR in den 1980er Jahren entwickelt. Sie hatte bei sich selbst beobachtet, dass fokussierte Augenbewegungen helfen, wenn die Gedanken um schwere Probleme kreisen. Daraufhin entwickelte sie das Verfahren, bei dem die Patienten traumatische Erlebnisse in Gedanken noch einmal wachrufen. Währenddessen richten sie ihre Aufmerksamkeit gleichzeitig auf den Finger des Therapeuten, der sich hin und her bewegt.

In Deutschland wird die Therapieform seit 1991 angewandt. 2006 hat der wissenschaftliche Beirat für Psychotherapie EMDR als wissenschaftlich begründete Psychotherapiemethode zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) anerkannt, und seit 2014 ist sie auch vom Gemeinsamen Bundesausschuss zugelassen. Seitdem übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die EMDR-Therapie. Die Wirksamkeit der Therapie konnte in Studien nachgewiesen werden.

Was ist ein Trauma?

Schwierige Erlebnisse, die wir in unserer Kindheit hatten, können uns auch als Erwachsene noch prägen. Und zwar manchmal, ohne dass wir uns darüber bewusst wären. Bestimmte Situationen bereiten uns dann Probleme, rufen Herzrasen, Angst oder bestimmte Handlungsmuster in uns hervor, ohne dass wir uns erklären können, warum das so ist. Möglicherweise erinnern wir uns gar nicht an die belastende Erfahrung oder tun sie als nicht gravierend ab. Doch als Kind bewerten wir Situationen anders, als wir es als Erwachsene können. Eine Situation, die uns heute als nicht dramatisch erscheint, kann uns als Kind große Angst gemacht und eine tiefe Unsicherheit in uns ausgelöst haben. Und auch als Erwachsene können wir natürlich Traumatisches erleben, das uns nicht mehr loslässt.

Normalerweise verarbeiten wir Erlebnisse, bewusst und auch unbewusst im Schlaf, bevor unser Gehirn sie langfristig abspeichert. So, wie wir ein T-Shirt zusammenlegen, ordentlich in einen Schrank legen und es bei Bedarf hervorholen. Wir sind dann in der Lage, das Erlebte mit einer gewissen Distanz zu betrachten.

Traumatische Ereignisse jedoch werden häufig nicht richtig im Gehirn eingeordnet, weil wir im Moment des Erlebens enorm unter Stress stehen. Sie werden ungefiltert im unbewussten Langzeitgedächtnis abgespeichert. Wir haben keinen direkten Zugang zu diesen Erinnerungen und können sie deshalb auch nicht verarbeiten. Sie tauchen häufig unvermittelt, durch bestimmte Reize wachgerufen, wieder auf. Wir erleben die mit ihnen verbundenen Gefühle genauso wieder, wie im Moment des Erlebens. Sie haben von ihrem Schrecken nichts verloren und der Betroffene ist ihnen hilflos ausgeliefert. Das bedeutet großen Stress und häufig großes Leid für die Betroffenen.

Damit das nicht mehr passiert, müssen wir die Erinnerungen hervorholen, richtig verarbeiten, neu einordnen und abspeichern.

Was ist EMDR und wie funktioniert es?

In der EMDR-Therapie soll sich der Patient an das traumatische Erlebnis erinnern, während der Therapeut gleichzeitig seine Finger vor den Augen des Patienten von rechts nach links und zurück bewegt. Das nennt man „bipolare Stimulation“. Die Augenbewegungen sind mit denen des Menschen während der REM-Schlafphase vergleichbar, in der die Tagesgeschehnisse verarbeitet werden. Dabei wird der Informationsfluss in beiden Gehirnhälften angeregt. Das Erlebte kann verarbeitet und neu einsortiert werden. Der Patient erlangt die Kontrolle über seine Reaktionen zurück.

Um die Erinnerung an das Erlebte wachzurufen, kann der Therapeut beispielsweise bestimmte Fragen stellen. Der Patient muss das Erlebte dafür jedoch nicht detailliert wiedergeben. Die EMDR-Therapie muss nicht zwingend an Augenbewegungen gebunden sein. Alternativ kann der Therapeut beispielsweise auch Berührungen oder abwechselnd rechts und links im Ohr vorgespielte Töne einsetzen. Inwiefern tatsächlich bipolare Stimulation notwendig ist, oder ein fester Fokus ausreicht, ist noch umstritten.

Nach der Therapie haben die meisten Patienten eine veränderte Erinnerung an das Erlebte und fühlen sich entlastet. Etwa die Hälfte der betroffenen hat keine Beschwerden mehr, bei den meisten anderen kann die Therapie diese zumindest lindern.

Worauf genau die Wirksamkeit der EMDR-Therapie beruht, ist noch nicht abschließend geklärt. Es existieren dazu drei Erklärungsansätze:

  1. Die Methode aktiviert die Selbstheilungskräfte des Körpers, indem sie den Mechanismus anregt, der während des Erlebens der traumatischen Erfahrung nicht verfügbar war.
  2. Die Augenbewegungen führen dazu, dass sich der Patient entspannt, während er an das traumatische Erlebnis denkt. Das führt zu einer Desensibilisierung und der Betroffene reagiert weniger emotional, wenn er wieder mit den Erinnerungen konfrontiert wird.
  3. Das simultane Wiedererinnern und Bewegen der Augen lassen das Erlebte weniger intensiv erscheinen, da sich das Gehirn auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren muss.
     

    EMDR: Weitere Anwendungsgebiete

    Zwar kommt die EMDR-Therapie hauptsächlich bei posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) zum Einsatz. Es gibt jedoch auch weitere Anwendungsgebiete:

EMDR: Ablauf

Die EMDR-Therapie verläuft in acht Phasen. Wie viele Sitzungen dafür notwendig sind, ist individuell verschieden und lässt sich pauschal nicht beantworten. Jedoch sind für diese Therapieform meist weniger Sitzungen nötig als für andere Methoden.

Phase 1: Vorgeschichte und Behandlungsplanung

Der Therapeut lernt die Vorgeschichte des Patienten kennen und erstellt eine Diagnose. Patient und Therapeut entwickeln gemeinsam einen Behandlungsplan.

Phase 2: Vorbereitung und Stabilisierung des Patienten

Der Arzt klärt den Patienten über die Therapiemethode auf. Um ihn zu stabilisieren, wendet er Entspannungsmethoden an. Gegebenenfalls verabreicht er ihm auch Medikamente.

Phase 3: Bewertung der Erinnerung

Der Therapeut versucht herauszufinden, welche Erinnerung für den Patienten besonders belastend ist. Der Patient soll beschreiben, welches Bild bei der Erinnerung vor seinen Augen auftaucht, was er dabei empfindet und welche körperlichen Reaktionen das bei ihm auslöst. Die Schwere der Belastung soll der Patient auf einer Skala von 0 (neutral) bis 10 (sehr schwer) einordnen. Außerdem soll der Patient einen (realistischen) positiven Gedanken formulieren, den er gerne anstelle des negativen Gedankens setzen würde. Der kann zum Beispiel lauten: „Ich bin stark“.

Phase 4: Durcharbeitung

Nun beginnt die Phase der bipolaren Stimulation. In kurzen Phasen soll der Patient an die belastende Erinnerung denken, während er mit den Augen dem Finger des Therapeuten folgt. Alternativ kann der Therapeut den Patienten auch an den Händen berühren oder ihm Töne vorspielen. Zwischendurch macht er Pausen und fragt den Patienten nach dessen Befinden. Diese Phase kann sich über mehrere Sitzungen hinziehen, bis der Patient entlastet ist.

Phase 5: Verankerung

Der Patient sollte nun viel weniger belastet sein. Der Therapeut ruft den positiven Gedanken aus Phase 3 wieder wach. Der Patient soll prüfen, wie sehr dieser nun tatsächlich zutrifft. Fühlt er sich nicht mehr hilflos, sondern stärker? Dieser positive Gedanke wird verfestigt und mithilfe langsamer, bipolarer Stimulation verstärkt. Negative Gedanken und Empfindungen können durch eine schnelle bipolare Stimulation abgeschwächt werden.

Phase 6: Körpertest

Der sogenannte Körpertest soll zeigen, ob die Belastung wirklich ausreichend abgebaut ist, oder ob noch Bedarf besteht, die Behandlung weiter fortzuführen. Dafür bittet der Therapeut den Patienten, sich die Ausgangssituation noch einmal in Verbindung mit seiner neuen, positiven Überzeugung vor Augen zu führen, dabei seinen Körper von oben bis unten aufmerksam wahrzunehmen und seine Körperempfindungen zu schildern.

Phase 7: Abschluss

Der Therapeut bespricht mit seinem Patienten die Erfahrung und bereitet ihn darauf vor, dass der Verarbeitungsprozess auch nach der Behandlung noch fortlaufen kann. Das kann sich zum Beispiel in Träumen oder auftretenden Gefühlen äußern. Er gibt dem Patienten Möglichkeiten mit an die Hand, um mit solchen Situationen umzugehen. Zum Beispiel kann der Betroffene auftretende Gedanken, Träume und Gefühle notieren und Entspannungstechniken anwenden.

Phase 8: Nachbefragung

In einer nächsten Sitzung wird besprochen, welche Gedanken, Träume oder Erinnerungen in der Zwischenzeit noch aufgetaucht sind. Ist gar etwas Neues aufgetaucht, was bearbeitet werden müsste? Oder kann die Bahandlung beendet werden?

EMDR: Nebenwirkungen

Die Methode kann Risiken mit sich bringen. Es können nicht verarbeitete und sehr belastende Erinnerungen auftauchen. Diese können beim Patienten nicht vorhersehbare emotionale Reaktionen hervorrufen. Auch nach der Sitzung können diese Prozesse noch weiterlaufen. Aus diesem Grund ist die Therapie nicht für Patienten in der akuten Belastungsphase geeignet. Wer sich in eine EMDR-Therapie begibt, sollte darauf achten, dass der Therapeut eine entsprechende Ausbildung und Erfahrung in dem Bereich hat.