Das Bild zeigt einen Toilettenschild für Männer und Frauen.
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Stuhlinkontinenz

Stuhlinkontinenz ist meist mit starkem Schamgefühl und erheblichen Einschränkungen im Alltagsleben verbunden. Doch oft ist die Inkontinenz heilbar. Trauen Sie sich also, ärztliche Hilfe zu suchen – Ihrer Lebensqualität zuliebe!

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Stuhlinkontinenz

Was ist Stuhlinkontinenz?

Stuhlinkontinenz ist die Unfähigkeit, Darmgase, Darmschleim und/oder Stuhl zurückzuhalten. Der Darm kann sich also ungewollt von selbst entleeren.

Der Zustand ist auch als Darmschwäche bekannt. Der Fachausdruck für Stuhlinkontinenz lautet anorektale Inkontinenz.

Je nachdem, wie gut es noch gelingt, den Darminhalt zurückzuhalten, spricht man von Stuhlinkontinenz ersten bis dritten Grades.

  • Schweregrad 1 (leichte Inkontinenz): Darmgase gehen unkontrolliert ab.
  • Schweregrad 2 (mittlere Inkontinenz): Die Betroffenen können zudem flüssigen Stuhl nicht halten.
  • Schweregrad 3 (schwere Inkontinenz): Es kommt zu einem völligen Kontrollverlust über die Darmentleerung – auch fester Stuhl lässt sich willentlich oder reflektorisch nicht mehr zurückhalten.

Häufigkeit

Stuhlinkontinenz ist weit verbreitet. In Deutschland haben rund fünf Prozent der Bevölkerung kaum oder keine Kontrolle über ihren Darminhalt.

Zwar kann eine Stuhlinkontinenz grundsätzlich in jedem Lebensalter auftreten. Besonders häufig sind jedoch ältere Menschen und Frauen betroffen. Die Gründe:

  • Im Alter lässt die Beckenbodenmuskulatur nach und häufig entwickelt sich auch eine Schwäche des Schließmuskels am After. Zudem treten im Alter öfter Krankheiten auf, die das Risiko für eine Inkontinenz erhöhen (wie Schlaganfälle, Demenz).
  • Bei Frauen sind der Beckenboden und der Schließmuskel schwächer; zudem kann eine Frau als langfristige Folge des Gebärens inkontinent werden.
Insgesamt haben vier- bis fünfmal mehr Frauen als Männer eine Stuhlinkontinenz.

Stuhlinkontinenz: Ursachen

Stuhlinkontinenz kann viele Ursachen haben. Nicht selten sind auch mehrere Faktoren an der Entstehung der Darmschwäche beteiligt.

Grundsätzlich kann sich in jedem Alter eine Stuhlinkontinenz entwickeln. Da viele Ursachen der Darmschwäche im höheren Lebensalter zunehmend häufiger auftreten, sind jedoch überwiegend ältere Menschen inkontinent.

Je nach Ursache unterscheidet man primäre und sekundäre Inkontinenzformen. Die primäre oder neurogene Stuhlinkontinenz ist direkt auf eine Nervenschädigung zurückzuführen. Sie kann entstehen durch:

Mögliche Ursachen für eine sekundäre Stuhlinkontinenz sind:

  • Schädigung des Schließmuskels am After, zum Beispiel durch
    • Einriss des Schließmuskels während der Geburt eines Kindes (sog. Dammriss)
    • operative Eingriffe (z.B. wegen einer Fistel oder Hämorrhoiden)
    • Analprolaps ("Hervorrutschen" bzw. Vorfall von Analkanal oder Enddarm aus der ursprünglichen Position im Körperinneren)
  • Beckenbodenschwäche, zum Beispiel
    • nach (mehreren) Geburten
    • bei starkem Übergewicht (Adipositas)
    • im Alter durch Muskel- und Bindegewebsschwäche
  • Durchfallerkrankungen, wie
  • Verstopfung (chronische Obstipation)
  • seelische Faktoren (z.B. als Folge von traumatischen Erfahrungen, Psychosen)
  • missbräuchliche Einnahme von Abführmitteln

Stuhlinkontinenz: Diagnose

Bei Stuhlinkontinenz besteht der erste Schritt zur Diagnose immer in der Anamnese – das heißt, der Arzt erkundigt sich nach den Beschwerden und möglichen Vorerkrankungen. So kann er bei Stuhlinkontinenz beispielsweise folgende Symptome abfragen:

  • Wie oft gehen Darmgase unkontrolliert ab?
  • Ist Ihre Unterwäsche manchmal verschmutzt (sog. Stuhlschmieren)?
  • Wie oft verlieren Sie unfreiwillig flüssigen/festen Stuhl?
  • Wenn Sie die Toilette zu spät erreichen, verspüren Sie vorher Stuhldrang oder nicht?
  • Haben Sie zusätzliche Beschwerden – wie Durchfall, Verstopfung, Blähungen, Magenkrämpfe oder eine Blasenschwäche?

Um der Ursache für die Stuhlinkontinenz auf den Grund zu gehen, ist eine körperliche Untersuchung nötig. Damit der Arzt den After genau anschauen kann, muss man sich auf einer Untersuchungsliege mit angezogenen Beinen auf die Seite legen. Bei der rektalen Untersuchung tastet der Arzt mit dem Finger vorsichtig den Enddarm ab, um mögliche Veränderungen festzustellen.

Mithilfe einer Spiegelung (Endoskopie) untersucht der Arzt anschließend den Analkanal. Der Fachbegriff für diese Untersuchung lautet Proktoskopie. Schaut der Arzt mit dem Endoskop noch weiter in den Enddarm beziehungsweise Mastdarm (Rektum) hinein, spricht man von Rektoskopie.

Gegebenenfalls ist bei einer Stuhlinkontinenz auch eine Darmspiegelung (Koloskopie) sinnvoll, um den gesamten Dickdarm untersuchen zu können. Sie erfordert allerdings einige Vorbereitungszeit und ist daher etwas aufwendiger. Bei der Darmspiegelung kann der Arzt auch Abstriche von der Analschleimhaut sowie Gewebeproben von der Darmschleimhaut entnehmen und anschließend mikroskopisch beurteilen (Biopsie).

Um zu untersuchen, ob und wie gut der Schließmuskel bei einer Stuhlinkontinenz noch funktioniert, ist eine sogenannte Druckmessung geeignet. Dabei führt der Arzt einen Messfühler in den Enddarm ein und zeichnet die Druckverhältnisse im Schließmuskelbereich elektronisch auf.

Des Weiteren können bei Stuhlinkontinenz bildgebende Verfahren zum Einsatz kommen, wie:

Stuhlinkontinenz – welcher Arzt ist der richtige?

Wer sichergehen möchte, dass sein Arzt in Sachen Stuhlinkontinenz erfahren ist, kann zum Beispiel einen Facharzt für Erkrankungen des Mastdarms (sog. Proktologe) aufsuchen. Je nach Grund für die Inkontinenz können auch andere Fachleute wertvolle Hilfe leisten, zum Beispiel:

  • Fachärzte für die operative Behandlung von Krankheiten und Verletzungen (Chirurgen)
  • Fachärzte für Erkrankungen der Nerven (Neurologen)
  • Fachärzte für Alterskrankheiten (Geriater)
  • Physiotherapeuten
  • Pflegefachkräfte

Stuhlinkontinenz: Therapie

Die gegen eine Stuhlinkontinenz eingesetzte Therapie soll

  • möglichst die ursächliche Störung oder Erkrankung beheben oder
  • zumindest die Folgen der Inkontinenz lindern.

Grundsätzlich zielt die Therapie der Stuhlinkontinenz darauf ab, langfristig den Stuhlgang zu regulieren (d.h. dafür zu sorgen, dass Sie weder Durchfall noch Verstopfung haben) und die Beckenbodenmuskulatur zu stärken.

Zur Regulierung des Stuhlgangs reicht es oft schon aus, die Ernährung entsprechend anzupassen – also zum Beispiel genügend Ballaststoffe und Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Es empfiehlt sich, ein Ernährungs- und Stuhltagebuch zu führen: So finden Sie schnell heraus, welches Ess- und Trinkverhalten sich wie auswirkt und ob Sie eventuell Unverträglichkeiten (wie eine Laktoseintoleranz) haben. Ihren Beckenboden können Sie mit Beckenbodentraining stärken: Wie das geht, kann Ihnen ein Physiotherapeut zeigen.

Beckenbodengymnastik gilt als eine der besten vorbeugenden Maßnahmen gegen eine Beckenbodenschwäche mit dem Risiko einer späteren Blasen- und Stuhlinkontinenz. Die Übungen sind vor allem für Frauen nach einer Geburt ratsam.

Stecken Nervenschäden hinter Ihrer Stuhlinkontinenz, kann zur Therapie unter anderem die sogenannte sakrale Nervenstimulation (SNS) infrage kommen. Hierzu bekommen Sie einen Schrittmacher ins Gesäß eingepflanzt, der die noch intakten Nervenenden des Schließmuskels anregen soll. Der Schließmuskel zieht sich dadurch zusammen und hält den Stuhl zurück. Um Stuhl zu entleeren, schalten Sie den Schrittmacher ab.

Wenn der Schließmuskel endgültig nicht mehr funktioniert und zerstört ist, kann eine Operation bei Stuhlinkontinenz helfen, den Stuhlgang wieder bewusst zu kontrollieren.

In dieser Operation versucht der Arzt, den Schließmuskel wiederherzustellen beziehungsweise nachzubilden (sog. Schließmuskelersatz) – entweder aus einem Muskel vom Oberschenkel (sog. Gracilis-Plastik) oder durch einen künstlichen Schließmuskel. Es ist allerdings sehr aufwendig, eine Stuhlinkontinenz so zu behandeln – zudem kann die Therapie zu Komplikationen führen. Um den natürlichen Darmausgang am After vollständig zu umgehen, lässt sich bei Darmschwäche als letzte Behandlungsmöglichkeit ein künstlicher Darmausgang (Anus praeter) anlegen.

Um den Alltag mit der Stuhlinkontinenz zu erleichtern, gibt es zahlreiche Hilfsmittel, die verhindern, dass der Stuhl unkontrolliert Unterwäsche und Kleidung beschmutzt. Typische Inkontinenzprodukte sind:

  • Inkontinenzvorlagen
  • Netzhosen für Inkontinenzvorlagen
  • Inkontinenzhosen oder -windeln
  • Stuhlauffangbeutel
  • Analtampons aus Schaumstoff (zum Einführen ins Rektum)

Wichtig ist auch, die Haut im Bereich des Afters gut zu pflegen. Denn durch die Stuhlinkontinenz kommt die Haut ständig mit feuchtem Stuhl und seinen hautreizenden Bestandteilen in Kontakt. Das kann schnell zu Entzündungen führen.