Ein Mann fasst sich an den Steißbeinbereich.
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Steißbeinfistel (Pilonidalsinus)

Unter einer Steißbeinfistel versteht man eine akute oder chronische Entzündung im oberen Bereich der Gesäßfalte. Vor allem Männer sind davon betroffen. Woran man Steißbeinfisteln erkennt und wie man sie behandelt.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Steißbeinfistel: Ursachen

Als Steißbeinfistel (Pilonidalsinus) bezeichnet man einen Hohlraum (Zyste), der sich in der Haut gebildet hat. In dieser Hauttasche befinden sich in der Regel Haare und tote Hautzellen. Ein Pilonidalsinus bildet sich immer oberhalb des Steißbeins am oberen Ende der Gesäßfalte. Infiziert sich der Pilonidalsinus, entsteht in der Folge meist ein sehr schmerzhafter, eitriger Abszess, der sich häufig durch einen Fistelgang nach außen entleert.

Ursache einer Steißbeinfistel ist in der Regel ein abgebrochenes Haar. Durch die schräge Bruchfläche in der Nähe der Haarwurzel und die als Widerhaken wirkende Haarschuppung wird es durch Druck und die Bewegung der Gesäßbacken wie ein Bohreinsatz bis in die Unterhaut der Gesäßfalte eingetrieben.

Teilweise ragt das abgebrochene Haar oder auch ein ganzes Haarbüschel noch sichtbar aus der Eintrittsstelle heraus. Häufig spießt sich das Haar jedoch komplett in die Haut ein und ist nicht mehr sichtbar. Die Eintrittsstelle des Haares ist in der Gesäßfalte als kleine Hautöffnung oder Vertiefung zu erkennen (sog. Primäröffnung, Porus oder Pit). Bei manchen Betroffenen sind mehrere solcher Öffnungen sichtbar.

Die Haut reagiert auf das eingetriebene Haar wie auf einen Fremdkörper: Sie startet Entzündungsprozesse und bildet eine etwa haselnussgroße Hauttasche (Zyste) um das Haar herum (Pilonidalsinus bzw. Sinus pilonidalis bedeutet etwa so viel wie "Haarnestgrübchen"). Die Zyste enthält außer dem Haar auch abgestorbene Hautzellen.

Die Zyste kann symptomfrei bleiben und keinerlei Beschwerden verursachen (sog. asymptomatischer Pilonidalsinus). In vielen Fällen entsteht jedoch eine akute oder chronische Form, bei der es im Verlauf zu einer Infektion kommt, in deren Folge sich dann ein Abszess bilden kann. Der Abszess kann dabei durchaus größere Ausmaße annehmen (teils pflaumen- oder mandarinengroß). Die tatsächliche Größe ist von außen meist nicht zu erkennen.

Bricht der Abszess spontan auf, entstehen Fistelgänge. Diese können blind enden oder weitere, etwas seitlicher gelegene Öffnungen (sog. Sekundäröffnungen) in der Gesäßfalte bilden, über die sich der blutig-eitrige Inhalt des Abszesses nach außen entleeren kann. Häufig liegt bei den Betroffenen ein fuchsbauartiges System aus mehreren Fistelgängen vor.

Steißbeinfisteln bilden sich vor allem bei Männern. Neben dem Geschlecht gibt es weitere Faktoren, die das Auftreten eines Pilonidalsinus begünstigen können:

  • Alter: Die meisten Betroffenen sind zum Zeitpunkt der Diagnose zwischen 20 und 40 Jahre alt.
  • starke Körperbehaarung
  • Übergewicht
  • dickere Unterhautfettgewebe-Schicht
  • tiefere Gesäßfalte
  • starke Schweißproduktion
  • enge, luftundurchlässige Kleidung
  • überwiegend sitzender Alltag/Beruf
  • ungewohnte körperliche Belastungen

Zwar macht sich ein Pilonidalsinus meist erst im Alter zwischen 20 und 40 Jahren durch Symptome bemerkbar, wahrscheinlich entsteht die Ursache – das in die Haut eingetriebene Haar – aber bereits in der Pubertät. Manche Experten vermuten außerdem ein Zusammenspiel mit erblichen Faktoren, die jedoch noch nicht genauer bekannt sind.

Weitere Bezeichnungen für die Steißbeinfistel sind:

  • Pilonidalsinus
  • Sinus pilonidalis
  • Pilonidalzyste
  • Steißbeinabszess
  • Steißbeindermoid
  • Sakraldermoid
  • Sakralzyste
  • Dermoidzyste
  • Rekrutenkrankheit
  • Rekrutenabszess
  • Jeep Disease ("Jeep-Krankheit")

Häufigkeit

Im Jahr 2012 wurde in Deutschland bei 48 von 100.000 Einwohnern eine Steißbeinfistel festgestellt. Steißbeinfisteln treten vor allem bei Männern zwischen 20 und 40 Jahren auf, die eine starke Körperbehaarung im Gesäßbereich haben. Aber auch bei Frauen kann sich ein Pilonidalsinus entwickeln. Insgesamt sind Männer etwa zwei- bis dreimal häufiger als Frauen betroffen.

Woher der Name Jeep Disease kommt

Im englischen Sprachraum sind Steißbeinfisteln auch unter dem Namen Jeep Disease ("Jeep-Krankheit") bekannt. Denn sie traten häufiger im Kriegseinsatz bei Jeep-, Lastwagen- und Panzerfahrern auf. Wahrscheinlich verursacht durch das Sitzen in Kombination mit Schwitzen und ungünstigen Hygienebedingungen. Im zweiten Weltkrieg bereitete die Steißbeinfistel rund 87.000 US-amerikanischen Soldaten Probleme. Während des Koreakrieges erkrankten rund 83.000 US-Soldaten an einem Pilonidalsinus.

Steißbeinfistel: Symptome

Wenn sich ein Pilonidalsinus infiziert, entwickelt sich aus der zuvor meist unbemerkten Zyste ein (teilweise recht großer) Abszess. Das kann sich durch verschiedene Symptome bemerkbar machen, wie zum Beispiel:

  • (starke) Schmerzen im oberen Steißbeinbereich
  • betroffener Bereich und Umgebung reagieren schmerzhaft auf Druck
  • Hautrötung am oberen Ende der Gesäßfalte
  • (eventuell überwärmte) weiche Schwellung am oberen Ende der Gesäßfalte
  • aus einer kleinen Hautöffnung am oberen Ende der Gesäßfalte rinnt Eiter oder Blut
  • fauliger Geruch durch den ausfließenden Eiter
  • erschwertes Sitzen oder Liegen auf dem Rücken durch die Schmerzen

Diese Symptome einer akuten Steißbeinfistel mit Abszess entwickeln sich häufig innerhalb weniger Tage.

Bei der chronischen Form sondert die Steißbeinfistel zeitweise oder ständig eine eitrige-blutige Flüssigkeit aus den Primäröffnungen und/oder Sekundäröffnungen ab. Schmerzen oder Schwellungen treten hierbei in der Regel nicht auf. Manche Betroffene bemerken ein wechselnd starkes Druckgefühl.

Ein Pilonidalsinus kann auch ohne Symptome vorliegen (sog. asymptomatischer Pilonidalsinus) und keinen Krankheitswert haben. Solch ein beschwerdefreier Pilonidalsinus ist häufig ein Zufallsbefund.

Steißbeinfistel: Diagnose

Eine entzündete Steißbeinfistel (Pilonidalsinus) erkennt der Arzt oder die Ärztin in der Regel bereits anhand des typischen Aussehens und der Symptome sowie durch Abtasten.

Fachleute unterscheiden drei Formen der Steißbeinfistel:

  • symptomfreier Pilonidalsinus: Hier ist meist nur eine kleine, porenähnliche Vertiefung im oberen Bereich der Gesäßfalte zu sehen.
  • akuter Pilonidalsinus: Hier bildet sich ein Abszess und es treten akute Symptome wie Schmerzen, Schwellung, Eiter- oder Blutabsonderungen auf.
  • chronischer Pilonidalsinus: Bei der chronischen Form bildet sich ebenfalls ein Abszess, es treten jedoch keine akuten Beschwerden auf. In zeitlichen Abständen kann es möglicherweise zu Schmerzen oder einem Druckgefühl kommen. Ein blutig eitriges Sekret fließt fortwährend oder immer wieder ab.

Bei einem chronischen Pilonidalsinus rinnt durch das Abtasten beziehungsweise durch Druck ein blutig-eitriges bis klares Sekret aus den Primäröffnungen (und gegebenenfalls den Sekundäröffnungen) im oberen Teil der Gesäßfalte.

Mit einem stabförmigen Instrument, das ein stumpfes, verdicktes Ende hat (sog. Knopfsonde), kann der Arzt den Fistelgang bis zur entzündeten Zyste austasten.

Folgende Untersuchungen sind für die Diagnose eines Steißbeinfistel in der Regel unnötig:

Welcher Arzt kann helfen?

Der beste Ansprechpartner, um eine mögliche Steißbeinfistel abzuklären, ist ein Proktologe oder Koloproktologe. Zwar ist der Pilonidalsinus genaugenommen keine Erkrankung des Analbereichs, jedoch tritt er in der Nähe des Analbereichs auf. Die Erkrankung fällt deshalb in den Bereich der Proktologie.

Steißbeinfistel: Therapie

Welche Therapie bei einer Steißbeinfistel (Pilonidalsinus) infrage kommt, hängt davon ab, ob Symptome auftreten.

Asymptomatischer Pilonidalsinus

Solange sich ein Pilonidalsinus nicht infiziert und er beschwerdefrei bleibt, ist keine Therapie erforderlich. Unter Umständen kann jedoch die asymptomatische Form in die akute oder chronische Form übergehen.

Wenn bereits bekannt ist, dass ein Pilonidalsinus vorliegt, dieser aber bislang keine Beschwerden verursacht, sollte man darauf achten, den betroffenen Bereich möglichst sauber und trocken zu halten. Bei stärkerer Körperbehaarung kann eine Haarentfernung (am besten dauerhaft, per Laserepilation) empfehlenswert sein. Das verringert das Risiko, dass erneut Haare in die Haut einstechen.

Akuter Pilonidalsinus

Sobald sich ein Pilonidalsinus infiziert und sich zu einem Abszess entwickelt, muss dieser (operativ) behandelt werden. Meist erfolgt die Operation als rasch durchzuführender, notfallmäßiger Eingriff, bei dem die Steißbeinfistel chirurgisch ausgehoben wird.

Je nach Situation geht die Ärztin oder der Arzt jedoch auch anders vor und öffnet den Abszess zuerst, um den Eiter abfließen zu lassen (sog. Drainage). Erst einige Tage später erfolgt der eigentlich operative Eingriff. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass die Entzündung etwas abklingen kann und das Gewebe abschwillt. Auf diese Weise soll es seltener zu Rückfällen kommen.

Ist der Abszess relativ klein, kann es möglicherweise ausreichen, ihn nur zu eröffnen und den Eiter abfließen zu lassen.

Chronischer Pilonidalsinus

Bei einem chronischen Pilonidalsinus ist ebenfalls eine operative Behandlung notwendig, um den Abszess und die Fistelgänge zu entfernen. Im Unterschied zur akuten Form kann der Eingriff jedoch geplant vorgenommen werden und muss nicht notfallmäßig erfolgen.

Operative Methoden

Zur operativen Behandlung einer Steißbeinfistel gibt es zahlreiche Verfahren. Häufige Methoden sind zum Beispiel:

  • minimal-invasiv:
    • Pit-Picking
    • Sinusektomie
  • invasiv:
    • Herausschneiden des Fistelsystems und offene Wundheilung
    • Herausschneiden des Fistelsystems und geschlossene Wundheilung (z. B. nach Karydakis oder Limberg)

Pit-Picking

Das sogenannte "Pit-Picking" ist ein minimal-invasives Verfahren mit örtlicher Betäubung, dessen Vorgehensweise nicht einheitlich vorgeschrieben ist. Die Durchführung kann daher je nach Operateur etwas abweichen.

Ziel des Pit-Pickings ist es, die Steißbeinfisteln beziehungsweise Hautgänge, die von der Primäröffnung (sog. "pit", engl. für Grube) in der Gesäßfalte zum eigentlichen Pilonidalsinus führen, herauszuschneiden.

Das Pit-Picking basiert auf der Annahme, dass ein Pilonidalsinus ausheilen kann, wenn der zur Primäröffnung führende Fistelgang entfernt wird. Denn dieser schließt sich nicht von selbst und bietet ansonsten Bakterien eine Eintrittsmöglichkeit.

Das Pit-Picking eignet sich vor allem bei bisher nicht-operierten Patienten und einem eher kleinen Abszess.

Nach einem Pit-Picking kommt es bei schätzungsweise 10 bis 20 Prozent der Betroffenen zu Rückfällen.

Sinusektomie

Die Sinusektomie zählt ebenfalls zu den minimal-invasiven Verfahren mit örtlicher Betäubung. Hierbei schneidet der Chirurg einzelne Fistelgänge jeweils von der Primäröffnung her raus. Die Wunden lässt man offen heilen. Eine Sinusektomie eignet sich ebenfalls eher bei Betroffenen, bei denen der Pilonidalsinus ein kleineres Ausmaß hat.

Nach einer Sinusektomie kommt es bei etwa 1,6 bis 7 Prozent der Betroffenen zu Rückfällen. Allerdings gibt es zum Thema Rückfälle nur wenig veröffentlichte Studien, sodass die tatsächliche Rate möglicherweise höher liegt.

Herausschneiden des Fistelsystems mit offener Wundheilung

Diese operative Methode kommt weltweit am häufigsten bei Steißbeinfisteln zum Einsatz. Hierbei färbt der Operateur die Fistelgänge zuerst ein, um sie besser sichtbar zu machen, und schneidet dann das komplette Fistelsystem heraus. Dabei können je nach Ausmaß größere Wundflächen entstehen.

Im Anschluss lässt man den Wundbereich offen heilen. Das hat den Vorteil, dass danach ein breiter, haarfreier Bereich entsteht. Auf diese Weise soll das Risiko, dass durch abgebrochene Haare in der Gesäßfalte neuer Pilonidalsinus entsteht, verringert werden. Bei dieser Methode kommt es bei ungefähr 2 bis 13 Prozent der Fälle zu Rückfällen.

Viele empfinden die offene Wundheilung als sehr belastend, da sie relativ viel Zeit in Anspruch nimmt: Es dauert etwa 1,5 bis 3 Monate (teilweise auch deutlich länger), bis die Wunde komplett heilt und sich schließt. In dieser Zeit ist Sitzen und auf dem Rücken liegen unter Umständen kaum möglich. Betroffene sollten von einer mindestens vierwöchigen Arbeitsunfähigkeit ausgehen.

Bei der offenen Wundheilung ist zudem die aktive Mitarbeit der Betroffenen erforderlich. Die Wunde sollte anfangs mehrmals täglich ausgeduscht werden, wobei man den Duschkopf beziehungsweise Duschstrahl direkt auf die Wunde richtet. Anfänglich ist es empfehlenswert, nach dem Duschen feuchte Wundkompressen (z. B. Hydrokolloid- oder Alginat-Verbände) in die Wunde einzulegen. So trocknet die Wunde nicht aus und es treten weniger Schmerzen auf.

Herausschneiden des Fistelsystems mit Wundverschluss

Bei der Therapie einer Steißbeinfistel gibt es außerdem verschiedene operative Verfahren, mit denen der Wundbereich nach der Aushebung der verzweigten und vorher angefärbten Fisteln mit Hautlappen verschlossen werden kann. Zu diesen Verfahren zählen zum Beispiel das operative Verfahren nach Karydakis und das Verfahren nach Limberg. Die Arbeitsunfähigkeit nach der OP beträgt bei diesen Methoden im Durchschnitt bis zu drei Wochen.

  • Operation nach Karydakis: Bei dieser Methode erfolgt die operative Aushebung des Fistelsystems über einen Hautschnitt, der seitlich von der Gesäßfalte liegt. Beim Zunähen der Wunde zieht man die Haut der gegenüberliegen Gesäßhälfte zur Wunde hin herüber. Auf diese Weise soll die Wunde besser heilen können, da sie nicht mehr direkt in der Gesäßfalte liegt – wo anatomisch bedingt sonst meist ein etwas feuchteres Hautmilieu herrscht. Zudem wird die Gesäßfalte selbst etwas flacher.
  • Operation nach Limberg: Hierbei schneidet man den Pilonidalsinus rautenförmig heraus und legt außerdem einen rautenförmigen Unterhautlappen seitlich von der Wunde frei. Die Wunde wird mit dem Hautlappen abgedeckt.

Sowohl bei der Methode nach Karydakis als auch bei der Methode nach Limberg kommt es bei bis zu 6 Prozent der Betroffenen zu Rückfällen.

Steißbeinfistel: Vorbeugen

Einer Steißbeinfistel lässt sich nicht direkt vorbeugen. Sie können das Risiko jedoch minimieren, indem Sie

  • langes Sitzen vermeiden.
  • Übergewicht verringern.
  • auf ausreichende Hygiene achten.
  • übermäßiges Schwitzen im Gesäßbereich vermeiden (z. B. durch luftdurchlässige, lockere Kleidung).
  • starke Körperbehaarung im Steißbeinbereich verringern.

Wer Probleme durch wiederkehrende Steißbeinfisteln hat, sollte eine dauerhafte Haarentfernung in Erwägung ziehen (z. B. durch Laserepilation). Das kann das Risiko eines erneuten Pilonidalsinus verringern.

Steißbeinfistel: Verlauf

Der Verlauf einer Steißbeinfistel kann sehr unterschiedlich sein. Bei manchen Betroffenen bleibt der Pilonidalsinus ein Leben lang ohne Symptome und erfordert keine Behandlung. Eine akuter oder chronischer Pilonidalsinus erfordert dagegen immer eine operative Behandlung, da sich sie Fistelgänge normalerweise nicht von selbst zurückbilden.

Die Wundheilung dauert je nach Verfahren Wochen bis Monate. In dieser Zeit können Schmerzen auftreten und die Mobilität ist oft eingeschränkt. Im Idealfall treten Steißbeinfisteln nach dem operativen Eingriff nicht mehr auf.

Komplikationen

Nach der Behandlung einer Steißbeinfistel können verschiedene Komplikationen auftreten, wie zum Beispiel:

  • ein erneuter Pilonidalsinus nach der Operation
  • eine Wundinfektion