Das Modell einer DNA-Doppelhelix liegt auf einem Ausdruck der Ausschnitte eines genetischen Codes zeigt.
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Angelman-Syndrom

Beim Angelman-Syndrom ist die körperliche und geistige Entwicklung verzögert. Ursache ist ein angeborener Fehler im Erbgut. Hier erfahren Sie das Wichtigste über diesen Defekt sowie über Symptome, Diagnose und Behandlung der seltenen Störung.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Ursachen

Die Gene mit unseren Erbinformationen liegen auf fadenförmigen Gebilden im Zellkern: den Chromosomen. Das gesamte menschliche Erbgut umfasst 1 Paar Geschlechtschromosomen und 22 weitere Chromosomenpaare, die nach Größe von 1 bis 22 durchnummeriert sind. Jedes Chromosomenpaar besteht normalerweise aus einem väterlichen und einem mütterlichen Chromosom.

Der Fehler im Erbgut, der das Angelman-Syndrom verursacht, betrifft ein ganz bestimmtes Gen namens UBE3A auf Chromosom 15. Das Besondere an diesem Gen ist, dass in den Gehirnzellen nur die von der Mutter stammende Kopie aktiv ist. Das väterliche Gen UBE3A ist dort abgeschaltet und kann somit einen Defekt am mütterlichen Gen nicht ausgleichen.

Das Angelman-Syndrom entsteht also durch einen Funktionsverlust der mütterlichen Genkopie von UBE3A. Dieser kann verschiedene Ursachen haben. (Dabei haben die Mütter der betroffenen Kinder meist ein intaktes Chromosom 15. Darum ist ihr Risiko, noch ein Kind mit Angelman-Syndrom zu bekommen, allgemein gering.)

Bei etwa 70 bis 75 Prozent der Menschen mit Angelman-Syndrom fehlt die mütterliche Kopie des Gens UBE3A. Einen solchen Verlust eines Chromosomenstücks bezeichnet man als Deletion.

Auch eine von selbst entstandene Veränderung beziehungsweise Mutation am mütterlichen Chromosom 15 kann das Angelman-Syndrom verursachen. Diese Mutation führt dazu, dass entweder die Erbinformation des Gens UBE3A nicht umgesetzt wird oder sich dessen Funktion verändert.

In einigen Fällen steckt eine fehlerhafte Prägung des mütterlichen Chromosoms 15 hinter dem Angelman-Syndrom. Bei diesem sogenannten Imprintingdefekt ist das mütterliche Gen UBE3A ebenso wie das väterliche abgeschaltet.

Manchmal sind beim Angelman-Syndrom auch beide UBE3A-Genkopien abgeschaltet, weil beide Chromosomen 15 vom Vater stammen – und keines von der Mutter. Fachleute bezeichnen das als paternale UPD (uniparentale Disomie).

Daneben gibt es noch andere, bislang nicht geklärte Entstehungsmechanismen. So sind bei etwa jedem zehnten Kind mit Angelman-Syndrom keine Anomalien am 15. Chromosomenpaar feststellbar – zumindest mit dem jetzigen Stand der Technik.

Übrigens: Neben dem Angelman-Syndrom entsteht auch das Prader-Willi-Syndrom durch einen Funktionsverlust von Genen auf Chromosom 15. Beim Prader-Willi-Syndrom ist allerdings das väterliche Chromosom betroffen.

Häufigkeit

Etwa 1 von 10.000 bis 20.000 Neugeborenen hat das Angelman-Syndrom. Dabei können sowohl Jungen als auch Mädchen betroffen sein.

Angelman-Syndrom: Symptome

Die mit dem Angelman-Syndrom verbundenen Symptome sind beim Baby noch wenig kennzeichnend. Meist tritt das Syndrom erst nach dem ersten Lebensjahr deutlich in Erscheinung.

Typische Symptome für das Angelman-Syndrom sind:

Kinder mit Angelman-Syndrom haben typischerweise einen glücklichen Gesichtsausdruck. Sie lächeln oder lachen überdurchschnittlich viel (oft kombiniert mit Händeklatschen) und wirken sehr fröhlich, wobei sie teils die Zunge vorstrecken.

Eine weitere Verhaltensbesonderheit beim Angelman-Syndrom ist die leichte Erregbarkeit. Typische Symptome hierfür sind Winken oder Herumfuchteln mit erhobenen Armen. Zudem zeigen die Betroffenen ein hypermotorisches und hyperaktives Verhalten (d. h. gesteigerte Bewegungen und Ruhelosigkeit).

Durch die Bewegungs- oder Gleichgewichtsstörungen bewegen sich Menschen mit Angelman-Syndrom häufig steif und ruckartig und recken oft die Arme hoch. Dadurch fällt ihnen das Laufen schwer.

Die beim Angelman-Syndrom gestörte Sprachentwicklung führt dazu, dass die Betroffenen fast nie selbst sprechen können. Sie sind aber in der Lage, Gesprochenes zu verstehen und nonverbal zu kommunizieren (z. B. durch Zeichen, Laute, Gesten oder eine individuelle Körpersprache).

Alle Menschen mit Angelman-Syndrom zeigen diese Symptome. Allerdings sind die einzelnen Merkmale von Fall zu Fall unterschiedlich stark ausgeprägt.

Darüber hinaus können beim Angelman-Syndrom noch viele weitere Symptome hinzukommen. Dazu gehören vor allem:

  • kleiner Kopf (Mikrozephalie)
  • epileptische Anfälle
  • auffällige Hirnströme auch ohne epileptische Anfälle (messbar durch ein EEG)
  • flacher Hinterkopf
  • ausgeprägter Kiefer und breiter Mund
  • weit auseinanderstehende Zähne
  • herausgestreckte Zunge
  • Sabbern und übermäßige Kaubewegungen
  • Schielen
  • geringe Pigmentierung (d. h. helle Haut, helles Haar und helle Augenfarbe)
  • Fütterprobleme im Säuglingsalter
  • breitbeiniges Laufen mit flachen, nach außen gedrehten Füßen
  • Hitzeempfindlichkeit
  • veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus und geringer Schlafbedarf
  • ausgeprägte Faszination für Wasser, knisterndes Papier und Plastik
  • gewöhnliches Essverhalten (z. B. gesteigerter Appetit, Verzehr von nicht essbaren Dingen usw.)
  • Übergewicht im höheren Kindesalter
  • verkrümmte Wirbelsäule (Skoliose)
  • Verstopfung

Übrigens: Benannt ist das Angelman-Syndrom nach dem englischen englischen Kinderarzt Harry Angelman, von dem die erste veröffentlichte Beschreibung des Syndroms stammt. Angelman selbst bezeichnete das Syndrom aufgrund der typischen Symptome als Happy-Puppet-Syndrom (engl. puppet = Marionette).

Angelman-Syndrom: Diagnose

Nach der Geburt bleibt das Angelman-Syndrom beim Baby normalerweise noch unerkannt. Die richtige Diagnose gelingt erst später. Der Grund dafür ist, dass die ersten Symptome nicht eindeutig sind. Deutlicher zutage tritt das Syndrom erst im Alter von 1 bis 3 Jahren.

In manchen Fällen sind es die Eltern selbst, die auf die Idee kommen, dass ihr eigenes Kind das Angelman-Syndrom haben könnte (z. B. weil sie etwas über das Syndrom gelesen oder ein betroffenes Kind kennengelernt haben). Meistens diagnostizieren aber Fachärztinnen und Fachärzte für Kinderneurologie oder Humangenetik das Angelman-Syndrom.

Einen ersten Hinweis auf das Angelman-Syndrom kann eine Elektroenzephalographie (EEG) liefern. Eine sichere Diagnose ist aber nur mithilfe verschiedener Gentests möglich. Dazu ist eine Blutprobe nötig, die in ein Labor geschickt wird. Bis das Testergebnis vorliegt, können ein paar Wochen vergehen.

Durch Gentests lässt sich das Angelman-Syndrom auch schon vor der Geburt feststellen. Es ist jedoch ratsam, sich zuvor ausführlich ärztlich beraten zu lassen, um die Vor- und Nachteile dieser Untersuchung abzuwägen. Bei einer vorgeburtlichen Ultraschalluntersuchung ist das Angelman-Syndrom nicht erkennbar.

Angelman-Syndrom: Therapie

Heilbar ist das Angelman-Syndrom nicht. Denn es gibt (noch) keine Therapie, mit der sich die ursächliche Anomalie im Erbgut beseitigen ließe. Stattdessen zielt die Behandlung darauf ab, die Symptome zu lindern und die Einwicklung der betroffenen Kinder zu fördern.

Doch die gute Nachricht lautet: Beginnt die Behandlung rechtzeitig, ist für Menschen mit Angelman-Syndrom viel mehr erreichbar als früher gedacht. Sie können zum Beispiel lernen zu laufen und zu kommunizieren sowie einen Schulabschluss machen.

Geeignet sind beim Angelman-Syndrom Fördermethoden, die sich positiv auf die Entwicklung der Kinder auswirken – zum Beispiel:

  • Physiotherapie (soll die Bewegungen und Funktionsfähigkeiten verbessern)
  • Ergotherapie (soll durch körperliche oder geistige Aktivität die bestmögliche Handlungsfähigkeit der Kinder erreichen)
  • Logopädie (soll Sprach- und Sprechstörungen behandeln)
  • unterstützte Kommunikation (soll die Kommunikationsmöglichkeiten ohne Lautsprache erweitern)
  • Mototherapie (Bewegungstherapie, soll Fehler im Bewegungsverhalten verbessern oder nicht entwickeltes Bewegungsverhalten fördern)
  • tiergestützte Therapie (z. B. therapeutisches Reiten, soll sich auf das Erleben und Verhalten positiv auswirken)

Häufig verursacht das Angelman-Syndrom neben den typischen Merkmalen weitere Beschwerden – wie epileptische Anfälle, Schielen oder eine Verkrümmung der Wirbelsäule. Dann ist zusätzlich eine gezielte Behandlung dieser Symptome ratsam.

Angelman-Syndrom: Verlauf

Das Angelman-Syndrom macht sich im Verlauf der Schwangerschaft und Geburt nicht bemerkbar: Beides verläuft meist völlig unauffällig.

Auch in der frühen Entwicklungsphase eines Kindes bleibt das Angelman-Syndrom oft längere Zeit unbemerkt. Denn die Störung der körperlichen und geistigen Entwicklung macht sich erst ab dem ersten Lebensjahr deutlicher bemerkbar.

Frühzeitige entwicklungsfördernde Hilfen und Maßnahmen können die Selbstständigkeit der Menschen mit Angelman-Syndrom stark verbessern. Je nachdem, wie stark das Syndrom ausgeprägt ist, können die Kinder integrative oder sonderpädagogische Schulen besuchen. Manche gehen auch auf allgemeinbildende Schulen.

Trotzdem bleiben Menschen mit Angelman-Syndrom ein Leben lang auf Hilfe durch andere angewiesen. Die Lebenserwartung ist durch das Angelman-Syndrom aber normalerweise nicht eingeschränkt.