Empath bei der Therapie
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Empath: Wenn Menschen mehr als empathisch sind

Empathen haben die Gabe, sich in die Gefühle und Gedanken anderer Menschen hineinversetzen zu können. Wenn die Empathie zu stark ausgeprägt ist, kann dies für Betroffene belastend werden, weil die Gefühle der anderen sie negativ beeinflussen. Was Empathen ausmacht und mit welchen Taktiken sie sich abgrenzen können, lesen Sie hier.

Hinweis: In diesem Artikel wird aus Gründen der Lesbarkeit der Begriff "Empath" stellvertretend für alle Geschlechter verwendet.

Was ist ein Empath?

Als Empathen werden Menschen bezeichnet, die eine stärker als normal ausgeprägte Empathie besitzen. Empathie bezeichnet die menschliche Fähigkeit, Emotionen und Stimmungen anderer Menschen wahrzunehmen und sich hineinfühlen zu können. Zwar haben alle Menschen eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Empathie. Bei Empathen geht dies jedoch so weit, dass sie die Emotionen der anderen spüren, übernehmen und erleben. Sie sind stärker mit den Mitmenschen verbunden, können Situationen und Stimmungen schnell erfassen und sich darauf einlassen. Empathen sind sehr gute Zuhörer, verfügen über eine ausgeprägte Intuition und werden von anderen oft sehr geschätzt, werden aber oft auch als hochsensibel bezeichnet. Laut Untersuchungen sind ein bis zwei Prozent der Bevölkerung echte Empathen.

In der Psychologie nimmt man an, dass sich Empathen in frühster Kindheit schon auf eine Bezugsperson einstellen mussten, um zu überleben. Das kann beispielsweise bei einem narzisstischen Elternteil der Fall sein.

Anzeichen für Empathen

Es gibt verschiedene Anzeichen dafür, empathischer als andere zu sein. Folgende Anzeichen zeigen viele Empathen:

  1. Empathen benötigen viel Zeit für sich: Dadurch, dass Empathen die Gefühle und Stimmungen der anderen sehr stark wahrnehmen, benötigen sie für sich selbst viel Zeit alleine, um Stress abzubauen, Gefühle zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen.
  2. Menschenmassen werden als sehr anstrengend wahrgenommen: Empathen können viele Emotionen gleichzeitig wahrnehmen, was zu Überforderung führen kann. Auch Lärm fordert sie sehr heraus, weshalb danach viel Ruhe notwendig ist, um herunterzukommen.
  3. Ausgeprägte Liebe zur Natur und zu Tieren: Empathen sind gerne draußen und insbesondere in der Natur, denn dort können sie durchatmen und haben Abstand zu anderen Menschen und deren Emotionen. Auch Tierliebe zeichnet die meisten Empathen aus und oft nehmen sie bei Tieren die Stimmungen ebenso sehr deutlich wahr.
  4. Empathen sind gute Helfer und Vermittler: Durch ihr ausgeprägtes Einfühlungsvermögen sind Empathen mit guten Hilfestellungen zur Stelle, wenn sie gebraucht werden. Durch ihre feinen Antennen werden sie oft besonders im Berufsleben geschätzt, wenn es darum geht, Konflikte zu lösen und zu vermitteln.
  5. Ausgeprägte, tiefe Freundschaften und Verbundenheit mit anderen Menschen: Freundschaften mit Tiefgang sind für Empathen sehr wichtig, denn sie mögen keine oberflächlichen Kontakte. Sie fühlen sich emotional mit Freund*innen sehr verbunden und spüren, wie es ihnen geht.
  6. Fremde Menschen schütten ihr Herz aus: Typisch für Empathen ist auch, dass ihnen wildfremde Menschen plötzlich ihr Herz ausschütten, beispielsweise auf Bahnfahrten.
  7. Kontrolle über die eigenen Gefühle: Da Empathen die Gefühle der anderen Menschen deutlich wahrnehmen, wissen sie, wann es passend ist, die eigenen Emotionen zu zeigen und wann sie sich besser zurücknehmen, um dem Gegenüber mehr Raum zu geben.
  8. Starke Emotionen beim Fernsehen: Empathen halten es nicht aus, gewalttätige Filme oder Nachrichten im TV anzuschauen, da sie den Schmerz so stark mitfühlen, dass es sie überfordert. Sie vermeiden dies deshalb in der Regel. Bei emotionalen Filmen weinen sie schnell und es fühlt sich für sie sehr echt an.
  9. Tendenz zur Abhängigkeit: Empathen neigen zum Konsum von Drogen, da sie so ihre Emotionen betäuben können. Manche brauchen strenge Routinen, an denen sie krampfhaft festhalten, auch wenn es in manchen Situationen nicht sinnvoll ist.

Was es bedeutet, ein Empath zu sein

Empathie ist eine wertvolle Fähigkeit, um sich in seine Mitmenschen hineinzuversetzen. Dadurch können enge Bindungen aufgebaut werden. Da Empathen gute Zuhörer sind, die die Mimik und Körpersprache ihres Gegenübers sehr genau lesen können, sind sie allgemein beliebt und werden als wertschätzend wahrgenommen. Sie sprechen Konflikte meist an und versuchen Lösungen zu finden, weshalb sie im Arbeitsleben sehr beliebt sind. Sie schauen sich zudem gute Techniken bei anderen ab und sind neugierig und offen für neue Strategien.

Außerdem sind Empathen sehr positiv, haben für jeden Menschen freundliche Worte und Komplimente und können andere ermutigen und aufbauen. Ihre eigenen Gefühle reflektieren sie und suchen auch hier nach Lösungen, um die Emotionen produktiv nutzen zu können.

Nachteile von zu viel Empathie

Aufgrund ihrer Fähigkeit, Mitgefühl für ihre Mitmenschen zu haben, ergeben sich auch einige Nachteile. So üben Empathen häufig soziale Berufe aus, wie beispielsweise in der Pflege. Das kann zu einer Verausgabung und Überschreitung der eigenen Kräfte führen und letztendlich im Burnout münden. Überdurchschnittlich viele Empathen finden sich in kreativen Berufen wie der Schriftstellerei und Schauspielerei, da sie sich gut in die Figuren hineinversetzen können.

Eine Gefahr besteht darin, dass Empathen von anderen Menschen ausgenutzt werden, da sie immer ein offenes Ohr haben und aufgrund ihres Einfühlungsvermögens sehr geschätzt werden. Für Menschen mit ausgeprägter Empathie ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und Grenzen zwischen den eigenen und fremden Gefühlen zu wahren. Das ist vor allem für zwischenmenschliche Beziehungen wichtig.

Dabei fühlen sich Empathen und Narzissten offenbar stark voneinander angezogen, obwohl sie extrem gegensätzlich sind. Da Empathen aber viel Mitgefühl geben können und Narzissten diese Aufmerksamkeit brauchen, scheint es hier eine hohe Anziehung zu geben. Dennoch handelt es sich dann um eine toxische Beziehung, da die Beziehung einseitig und manipulativ wird und in einer starken emotionalen Abhängigkeit für den Empathen mündet.

Tipps, um sich selbst zu schützen

Empathen mit ihrer ausgeprägten Empathie sind wertvoll in der Gesellschaft. Allerdings brauchen die meisten Strategien, um mit ihren Fähigkeiten umzugehen und um sich selbst und ihr eigenes Leben zu schützen. Sie laufen schnell Gefahr, ihrer Energie beraubt zu werden und durch die Wahrnehmung der Gefühle anderer auszubrennen. Folgende Tipps für eine gute Selbstfürsorge können helfen, sich selbst zu schützen:

  • Abgrenzung von fremden Gefühlen; klarmachen, was eigene und fremde Emotionen sind
  • eigene Grenzen ziehen und wahren
  • Selbstmitgefühl zulassen, Selbstannahme der Fähigkeit
  • Energievampire meiden, wenn nötig Kontakt abbrechen
  • ausreichend Zeit alleine verbringen
  • Zeit in der Natur und mit Tieren verbringen
  • Achtsamkeitsübungen (z. B. MBSR), Meditation, Atemübungen
  • eigene Bedürfnisse kommunizieren, beispielsweise mit dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GfK, auch empathische Kommunikation genannt)
  • bei Drogenproblemen Hilfe suchen