Ghosting: Eine Frau blickt betrübt auf ihr Handy.
© GettyImages/Maria Korneeva

Ghosting: Ursachen für den plötzlichen Kontaktabbruch

Schmetterlinge im Bauch, täglicher Kontakt und aufregende Dates: So gestalten sich viele Kennenlernphasen. Was vielversprechend beginnt, endet jedoch in einigen Fällen umso schmerzhafter. Opfer von Ghosting werden unverhofft blockiert und ignoriert. Die plötzliche Funkstille ohne Stellungnahme tut weh. Welche Ursachen stecken hinter dem verletzenden Verhalten und was kann Betroffenen von Ghosting helfen, mit dem Kontaktabbruch klarzukommen?

Was ist Ghosting?

Als Ghosting (aus dem Englischen von ghost = Geist) wird der plötzliche Kontaktabbruch auf sämtlichen Kanälen bezeichnet – ohne, dass dafür eine Erklärung geliefert wird. Das Phänomen wurde erstmals in den USA beschrieben und scheint im digitalen Zeitalter immer häufiger aufzutreten. Fachleute beobachten dieses Verhalten vor allem im Online-Dating. Doch auch in festen Beziehungen, Freundschaften oder sogar im Job kann es zu Ghosting kommen.

Dass Menschen plötzlich abtauchen und nichts mehr von sich hören lassen, gibt es zwar schon immer. Mit der Digitalisierung wurden jedoch neue Wege geschaffen, in nur wenigen Sekunden von der Bildfläche zu verschwinden. Schätzungsweise 20 Prozent der Deutschen wurden schon einmal Opfer von Ghosting – Frauen ebenso wie Männer.

Ghosting beim Dating: Plötzlicher Kontaktabbruch

Rund 63 Prozent der Deutschen haben bereits eine Dating-Plattform oder Dating-App verwendet. Dienste wie Tinder, Bumble, Lovoo und Parship werden immer beliebter – vor allem seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Im Lockdown stiegen die Anmeldezahlen um ein Vielfaches.

Online auf Partnersuche zu gehen, bietet Vorteile:

  • Es kann in Sekundenschnelle Kontakt zu Menschen aufgebaut werden, die man in der physischen Welt womöglich nicht kennengelernt hätte.
  • Mithilfe verschiedener Filter und Einstellungen kann zudem eine Vorauswahl getroffen werden. Das soll die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine*n passende*n Partner*in zu finden.

Was Online-Dating aber auch mit sich bringt, ist die Möglichkeit, die andere Person mit nur wenigen Klicks zu blockieren. Dazu kommt es meist in der Kennenlernphase: Man hat sich bereits einige Male getroffen, kommuniziert regelmäßig online miteinander und plötzlich: Funkstille.

Kein Konflikt, keine klärendes Gespräch, kein Abschied. Der*die Geghostete bleibt in der Regel ratlos zurück und fragt sich, was passiert ist. Eine Chance auf eine Aussprache gibt es nicht.

Ghosting in Beziehungen und Freundschaften

Besonders belastend ist es für Ghosting-Opfer, wenn sie von einem Menschen geghostet werden, zu dem zuvor eine innige Beziehung bestand. So kommt es in einigen Fällen auch in langjährigen Beziehungen oder Freundschaften zu einem plötzlichen, einseitigen Kontaktabbruch ohne Erklärung. Ghosting findet vor allem in Fernbeziehungen statt, in denen Partner*innen nicht direkt in das Leben des*der anderen integriert sind und kaum eine andere Möglichkeit haben, als das stille Beziehungsende zu akzeptieren.

Orbiting und Breadcrumping: Varianten des Ghosting

Von Orbiting (zu Deutsch „umkreisen“) spricht man, wenn wie beim Ghosting zwar ein Kontaktabbruch stattfindet, der*die Ghostende aber nicht komplett aus dem Leben der anderen Person verschwindet. So werden zwar keine Nachrichten mehr beantwortet; Beiträge in sozialen Netzwerken aber weiterhin mit einem „Gefällt mir“ markiert oder kommentiert. So signalisiert der*die Ghostende deutlich, dass ein direkter Kontakt nicht mehr erwünscht ist – zu einem radikalen Kontaktabbruch scheint er*sie jedoch auch nicht bereit.

Ein weiteres Dating-Phänomen nennt sich „Breadcrumping“ (zu Deutsch „Brotkrümel hinwerfen“). Wie der Begriff bereits erahnen lässt, wird das Opfer immer wieder mit kleinen Happen angelockt, die für Hoffnung sorgen. Dann folgt zunächst Funkstille, anschließend wird wieder „angefüttert“. Dieser Wechsel kann für die Leidtragenden psychisch sehr belastend sein.

Ghosting im Job

Ghosting findet nicht nur im Dating- und Beziehungskontext statt. Auch in der Berufswelt ist das Phänomen weit verbreitet. So haben zum einen Unternehmen mit Ghosting zu kämpfen. Die Ausmaße können verschieden sein:

  • Bewerbende tauchen während des Bewerbungsverfahrens unter, erscheinen etwa nicht zum Bewerbungsgespräch und reagieren nicht mehr auf Nachrichten und Anrufe.
  • Einige angehende Mitarbeitende erscheinen nach Jobzusage und Unterzeichnung des Arbeitsvertrags nicht zu ihrem ersten Arbeitstag und melden sich auch im Anschluss nicht mehr.
  • Einige Mitarbeitende treten ihre neue Tätigkeit zwar an, erscheinen allerdings nach nur wenigen Tagen nicht mehr und sind auch nicht mehr erreichbar.

Und das ist keine Seltenheit: Einer Studie zufolge wurden 83 Prozent der teilnehmenden Unternehmen bereits geghostet.

Der Grund: Bewerber*innen entscheiden sich um und möchte den Job doch nicht antreten. Womöglich war die Stelle auch nur die „zweite Wahl“. Anstatt den unangenehmen Anruf hinter sich zu bringen, trauen sich viele nicht, ihre Entscheidung zu kommunizieren und wählen den vermeintlich einfacheren Weg: untertauchen und nicht mehr erreichbar sein.

Doch Ghosting im Job gibt es auch andersherum: Bewerbende, die sich auf Jobsuche befinden, warten oft vergeblich auf eine Rückmeldung. Viele Unternehmen schicken nicht einmal ein Absageschreiben. So hat einer Umfrage zufolge jede*r zweite Befragte schon einmal keine Rückmeldung zu einer eingereichten Bewerbung erhalten.

Warum ghosten Menschen?

Ein plötzlicher, einseitiger Kontaktabbruch wirft in der Regel viele Fragen auf. Ghosting-Opfer suchen die Schuld häufig bei sich selbst. Dabei liegen die Ursachen meist bei dem*der Ghostenden. Mögliche Gründe für Ghosting sind zum Beispiel folgende:

  • Bindungsangst: Wer andere Menschen ghostet, tut dies häufig nicht aus mangelndem Interesse. Im Gegenteil: Ghostende entwickeln Gefühle für die andere Personen und können sich durchaus eine Zukunft vorstellen. Aus Angst vor Ablehnung und Zurückweisung treten Ghostende die stille Flucht an. In diesem Fall dient Ghosting also als Schutzreflex.
  • Angst vor Kontrollverlust: Wenn sich Gefühle entwickeln, spielen Herz und Kopf verrückt. Gerade für Menschen, die ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle haben, kann dies beängstigend sein. Um die Fäden weiterhin in der Hand zu halten, ziehen Ghostende lieber selbst einen Schlussstrich.
  • Mangelnde Kommunikationsfähigkeit: Einige Menschen wissen nicht, wie sie die richtigen Worte finden und die Trennung kommunizieren sollen. Sie haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. Oft haben sie die entsprechenden Kompetenzen nie beigebracht und vorgelebt bekommen.
  • Konfliktvermeidung: Ghoster*innen entziehen sich zwischenmenschlichen Beziehungen, ohne mit einer negativen Reaktion und gefürchteten Konsequenzen konfrontiert zu werden. Ihnen fehlt schlichtweg der Mut, persönlich Schluss zu machen. Die Ursache liegt häufig darin, dass Konflikte selten als produktiv, sondern vielmehr als Scheitern oder Demütigung wahrgenommen wurden.
  • Fear of missing out (FOMO): Aufgrund der scheinbar endlosen Auswahl an potenziellen Dating-Partner*innen ist die Versuchung für viele Menschen groß, stets nach etwas „Besserem“ zu suchen. Die Mühe, den Schlussstrich mitzuteilen, scheint einigen schlichtweg zu lästig zu sein.

Kommen Ghosting-Täter*innen zurück?

Viele Opfer von Ghosting klammern sich an die Hoffnung, dass der*die Ghostende den Kontakt wieder aufnimmt und sich erklärt. Da die Motive, die hinter Ghosting stecken, aber in der Regel nichts mit dem Opfer zu tun haben und oft auf tief verwurzelte Bindungsängste zurückgehen, melden sich Ghostende meist nicht erneut. Und selbst wenn doch, sollten sich Betroffene fragen, ob sie sich einen Gefallen mit einer erneuten Kontaktaufnahme tun. Wer einmal ghostet, tut dies in der Regel erneut.

Ghosting und Narzissmus

Immer wieder wird Ghosting mit Narzissmus in Verbindung gebracht. In der Tat lässt sich das Phänomen häufig mit tief sitzenden Ängsten erklären: Menschen mit einer narzisstischen Störung definieren ihren Selbstwert durch die Rückmeldung ihres sozialen Umfelds. Die Angst vor Zurückweisung ist daher ein typisches Kriterium für Narzissmus – jedoch längst nicht das einzige. Bei Narzissmus handelt es sich um eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung, die nicht mehr als sechs Prozent der deutschen Bevölkerung betrifft. Somit hat längst nicht jede*r Ghostende narzisstische Persönlichkeitszüge.

Folgen von Ghosting

Ghosting kann bei den Opfern erheblichen Schaden anrichten – insbesondere, wenn bereits Gefühle für die andere Person im Spiel waren. Das Dating-Phänomen führt etwa zu

  • Verunsicherung,
  • Selbstzweifeln,
  • Scham und Schuldgefühlen,
  • Hilflosigkeit und
  • Wut.

Je nachdem, wie tief die emotionale Verletzung ist, kann sich die Ghosting-Erfahrung auch nachhaltig auf das weitere Beziehungsverhalten einer Person auswirken. So geht das Opfer womöglich keine neuen Bindungen mehr ein oder entwickelt starke Verlustängste und ein übermäßiges Kontrollbedürfnis.

Tipps zum Umgang mit Ghosting

Ein Kontaktabbruch, ohne den Grund zu kennen, ist für viele Menschen schwer zu verarbeiten. Wichtig ist zunächst, das Verhalten des*der anderen nicht auf die eigene Person zurückzuführen. In aller Regel liegen die Gründe für Ghosting bei dem Ghostenden selbst. Paarberater*innen raten zudem zu folgenden Tipps im Umgang mit Ghosting:

1. Das Verhalten der anderen Person als wichtige Erkenntnis ansehen

Ein Mensch, der einen ohne Vorwarnung fallen lässt, wäre vermutlich auch in einer Beziehung keine zuverlässige Stütze gewesen. Auch wenn es schmerzt – versuchen Sie, die Situation zu akzeptieren und Schlüsse daraus zu ziehen.

2. Ebenfalls einen Schlussstrich ziehen

Ohne Erklärung geghostet zu werden ist nicht nur schmerzhaft, sondern hinterlässt auch viele Fragen. So stark das Bedürfnis nach einer Konfrontation auch sein mag: Versuchen Sie, die Funkstille hinzunehmen. Jeder verzweifelte Kontaktversuch wird den Trennungsschmerz vermutlich nur verlängern. 

3. Gefühle zulassen

Eine Trennung tut weh, ganz gleich, wie diese abläuft. Gestehen Sie sich daher zu, traurig und verletzt zu sein und Ihre Gefühle nicht zu unterdrücken.

4. Für Ablenkung sorgen

Genauso wichtig ist es, nicht in der Trauer zu versinken. Ablenkung und Selbstfürsorge können helfen, ghostende Personen aus dem Kopf zu verbannen.

5. Auf Anzeichen achten

Um sich vor Ghosting zu schützen, kann es helfen, mögliche Warnsignale zu kennen. Werden die Nachrichten der anderen Person plötzlich kürzer und kühler und Treffen werden kurzfristig abgesagt? Die andere Person hat sie bis vor Kurzem noch mit Komplimenten überschüttet und nun damit aufgehört? Das sind potenzielle Anzeichen für Ghosting.