Zwei Wanderer machen Rast an einem Fluss.
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Onchozerkose (Flussblindheit)

Als Onchozerkose (Flussblindheit) bezeichnet man eine Infektion mit dem Fadenwurm Onchocerca volvulus, bei der es ohne Therapie nach Jahren zur Erblindung kommen kann. Die Erkrankung tritt vor allem in Afrika sowie vereinzelt in Mittel- und Südamerika auf.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Überblick

Fadenwürmer der Art Onchocerca volvulus zählen zu den Parasiten. Die Larven dieser Fadenwürmer (sog. Mikrofilarien) werden durch den Stich der tagaktiven Kriebelmücke (Simulium) auf den Menschen übertragen. Kriebelmücken brüten hauptsächlich in der Nähe von Flüssen, deshalb infizieren sich Menschen auch hauptsächlich in Flussnähe mit dem Parasiten. In der Folge kommt es vor allem in Flussregionen zu Erkrankungen, was zur umgangssprachlichen Bezeichnung Flussblindheit geführt hat. Anfangs äußert sich eine Onchozerkose jedoch nicht durch Augenbeschwerden, sondern durch Beschwerden der Haut, wie einem flüchtigen Hautausschlag mit juckenden Knötchen.

Im Körper des Menschen entwickeln sich die Larven nach mehreren Monaten zu geschlechtsreifen Fadenwürmern. Diese nisten sich knäuelartig im Unterhautgewebe ein und führen so zur Bildung der bei Flussblindheit typischen Hautknoten: den sogenannten Onchozerkomen. Dauert der Befall bereits länger an, verliert die Haut an Elastizität und es kann zu Pigmentstörungen kommen.

Die Larven der Fadenwürmer können sich in der Haut bewegen und so im Körper ausbreiten. Auf diese Weise gelingt es ihnen bis zu den Augen zu wandern, wo sie ohne Therapie zu Augenschäden bis hin zur Erblindung führen können. Durch eine rechtzeitige Therapie lässt sich eine Onchozerkose und dadurch auch eine mögliche Erblindung jedoch aufhalten beziehungsweise verhindern.

In Afrika hat sich die Zahl der Onchozerkose-Fälle dank einer flächendeckenden Behandlung der Bevölkerung zahlreicher afrikanischer Regionen mit dem Wirkstoff Ivermectin seit 1995 stark reduziert: Gab es 1995 noch über 40 Millionen Onchozerkose-Betroffene in Afrika, waren es 2010 nur noch etwa 16,2 Millionen.

Was ist das?

Die Onchozerkose (Flussblindheit) ist eine Fadenwurm-Infektion, die zur Erblindung führen kann. Auslöser der Erkrankung ist die Fadenwurm-Art Onchocerca volvulus. Larven des Parasiten werden durch den Stich der Kriebelmücke (Simulium) auf den Menschen übertragen.

Mediziner bezeichnen Fadenwürmer als Filarien – Erkrankungen durch Filarien heißen deshalb auch Filariosen.

Häufigkeit

Zu Onchozerkose kommt es in 99 Prozent der Fälle in Afrika – in manchen Gebieten Afrikas sind über 90 Prozent der Bevölkerung mit Onchocerca volvulus infiziert. Vereinzelt tritt die Onchozerkose auch im Jemen sowie in Ländern Mittel- und Südamerikas auf (z.B. Guatemala, Mexiko, Venezuela).

Laut Angaben der WHO waren in Afrika im Jahr 2010 16,2 Millionen Menschen von einer Onchocerca-volvulus-Infektion betroffen. Damit ist die Zahl der Onchozerkose-Erkrankungen weiter gesunken. Etwa eine halbe Million Menschen sind als Folge der Fadenwurm-Infektion blind oder sehbehindert. Die Onchozerkose ist in vielen Ländern Afrikas eine der Hauptursachen für Erblindungen.

Onchozerkose in Afrika

Jahr Anzahl erkrankter Personen
2010 16,2 Millionen
2008 25,7 Millionen
1995 41,8 Millionen

Ursachen

Erreger der Onchozerkose (Flussblindheit) ist der Fadenwurm Onchocerca volvulus. Der ausgewachsene weibliche Fadenwurm erreicht im Durchschnitt eine Länge von bis zu 70 Zentimetern. Der ausgewachsene männliche Fadenwurm wird dagegen nur circa 2 bis 4 Zentimeter lang. Die Larven von Onchocerca volvulus (die sog. Mikrofilarien) sind mit etwa 0,3 Millimeter Länge vergleichsweise klein. Die Beschwerden, die bei einer Onchozerkose auftreten, entstehen vor allem durch die Mikrofilarien. Ausgewachsene Würmer können im Körper circa zehn Jahre alt werden.

Infektionsweg

Zur Onchozerkose kommt es durch den Stich der tagaktiven Kriebelmücke Simulium. Diese kann sich nur in schnell fließenden, sauerstoffreichen Gewässern entwickeln. Die Erkrankung entsteht deshalb vor allem in Flussnähe, was zu der umgangssprachlichen Bezeichnung Flussblindheit geführt hat. Kriebelmücken, die mit Larven (sog. Mikrofilarien) von Onchocerca volvulus infiziert sind, geben diese beim Blutsaugen in den Körper des Menschen ab. Auf diese Weise gelangt der Parasit schließlich in das Bindegewebe der Haut.

Innerhalb von 3 bis 15 Monaten werden die Larven geschlechtsreif und wandern dabei entlang der Hautschichten durch den Körper. Ausgewachsene Würmer lagern sich bevorzugt zu Knäueln aufgewunden im Unterhautbindegewebe ab. Dabei entstehen schmerzlose Knoten in der Haut. Diese sogenannten Onchozerkome können mehrere Zentimeter groß sein und sind von einer bindegewebigen Kapsel umgeben.

Ein einzelnes ausgewachsenes Weibchen kann täglich Hunderte von Wurmlarven "gebären". Diese bewegen sich, oftmals von außen gut sichtbar, im Unterhautgewebe und in den Lymphgefäßen der Haut. Über Letztere können sie nach Jahren bis in die Hornhaut des Auges gelangen.

Inkubationszeit

Von der Infektion mit Onchocerca volvulus bis zum Auftreten der ersten Symptome (Inkubationszeit) vergehen im Durchschnitt ein einige Monate bis zu einem Jahr, manchmal auch länger.

typische Symptome

Bei einer Onchozerkose (Flussblindheit) entstehen die Symptome weniger durch den Fadenwurm Onchocerca volvulus selbst, sondern vor allem durch die Abwehrreaktionen des Immunsystems. Die Symptome variieren deshalb abhängig davon, wie stark der Befall ist und wie gut die Abwehrkräfte des Betroffenen sind.

Erster Hinweis auf eine Flussblindheit ist ein flüchtiger Hautausschlag mit juckenden Knötchen. Typisch für die Flussblindheit sind die mehrere Zentimeter großen, meist schmerzlosen Hautknoten, die sich im Verlauf der Erkrankung bilden: die sogenannten Onchozerkome. In ihnen befinden sich ausgewachsene Fadenwürmer.

Als Folge der Onchozerkome können sich die Lymphgefäße entzünden, gelegentlich entstehen auch Lymphödeme. Ein lang anhaltender Befall mit Onchocerca volvulus schädigt die Haut: Sie verliert an Elastizität und weist Pigmentstörungen auf.

Wandern die Fadenwurmlarven (sog. Mikrofilarien) nach einigen Jahren ins Auge, besteht die Gefahr einer Bindehaut- oder Hornhautentzündung, die schließlich zu Sehbeeinträchtigen bis hin zur Erblindung führen kann.

Diagnose

Um bei einer Onchozerkose (Flussblindheit) die Diagnose zu stellen, entnimmt der Arzt in der Nähe eines Onchozerkoms eine kleine Hautprobe, sogenannte Skin-snips (engl. skin = Haut, snip = Schnitt), die er in Kochsalzlösung legt. Betrachtet man diese unter dem Mikroskop, kann man sehen, wie innerhalb weniger Minuten durchschnittlich ein Dutzend Mikrofilarien aus dem Hautstück austreten. Alternativ kann der Arzt zur Diagnose einen der Hautknoten (sog. Onchozerkom) operativ entfernen, um ausgewachsene Fadenwürmer nachzuweisen.

Ist das Auge bereits von der Flussblindheit betroffen, sind die Wurmlarven (Mikrofilarien) im Auge mithilfe einer Spaltlampe erkennbar. In der Regel ist dies jedoch frühestens 10 bis 30 Monate nach der Infektion mit Onchocerca volvulus möglich.

Hohe Aussagekraft für die Diagnose einer Onchozerkose hat auch der sogenannte Mazzotti-Test. Dabei lässt man den Wirkstoff Diethylcarbamazin auf einem kleinen Hautareal des Betroffenen oberflächlich einwirken. Bei einer Infektion mit Onchocerca volvulus kommt es an dieser Stelle zu Juckreiz und Quaddelbildung.

Zusätzlich kann ein Antikörper-Test erwogen werden, um auszuschließen, dass eine Magen-Darm-Infektion mit anderen Fadenwurm-Arten vorliegt.

Therapie

Bei einer Onchozerkose (Flussblindheit) setzt der Arzt zur Therapie den Wirkstoff Ivermectin ein. Ivermectin bekämpft nicht die ausgewachsenen Fadenwürmer, sondern die Larvenstadien (sog. Mikrofilarien) von Onchocerca volvulus.

Durch die Therapie mit Ivermectin sterben die Larven ab. Dabei setzen sie große Mengen an bestimmten Eiweißen frei, auf die das Immunsystem stark reagiert. Ohne Gegenmaßnahmen entsteht dadurch in der Regel bei den Betroffenen eine massive allergieähnliche Reaktion, in deren Folge es zu einem unerträglichen Juckreiz oder sogar einem lebensbedrohlichen allergischen Schock kommen kann. Aus diesem Grund setzt der Arzt in der Therapie mit Ivermectin normalerweise zusätzliche Medikamente ein, die entweder die allergieähnliche Reaktion mildern (Antihistaminika) oder die Entzündungsreaktion abschwächen (Glukokortikoide, z.B. Kortison).

In Kombination mit Ivermectin kommt häufig auch das Antibiotikum Doxycyclin zum Einsatz. Der Wirkstoff Doxycyclin tötet die ausgewachsenen Filarien zwar nicht ab, führt aber bei den weiblichen Würmern zur Unfruchtbarkeit, sodass diese sich nicht weiter vermehren können. Dies funktioniert, weil die weiblichen Exemplare von Onchocerca volvulus von parasitischen Wolbachia-Bakterien befallen sind, die in den Geschlechtsorganen der Weibchen leben und für die Fortpflanzung benötigt werden. Das Antibiotikum tötet die Bakterien ab und bewirkt so bei den Weibchen eine Sterilität. Erst in höherer Konzentration und über längere Zeit eingenommen kann Doxycyclin auf ausgewachsene Würmer tödlich wirken.

Die wurmhaltigen Hautknoten (Onchozerkome) lassen sich chirurgisch entfernen. Das ist sinnvoll, da so weniger ausgewachsene Würmer im Körper existieren, die neue Mikrofilarien produzieren.

Da Ivermectin nur die Larven, nicht jedoch die ausgewachsenen Würmer abtötet, kann man die Erkrankung damit zwar stoppen, aber nicht heilen. Abhilfe bietet möglicherweise in der Zukunft der Wirkstoff Moxidectin, der die ausgewachsenen Würmer angreift und somit eine gute Ergänzung zu Ivermectin wäre. Moxidectin ist jedoch bislang noch nicht für den Menschen zugelassen und befindet sich zurzeit noch im Zulassungsverfahren. Bisher wendet man Moxidectin nur bei Tieren an.

Verlauf

Eine Onchozerkose (Flussblindheit) entwickelt sich etwa 3 bis 15 Monate nachdem die Larven der Fadenwurm-Art Onchocerca volvulus über Kriebelmücken auf den Menschen übertragen wurden. Unbehandelt kann der Parasitenbefall im Verlauf zur Erblindung führen.

Als erstes Anzeichen einer Flussblindheit entwickeln sich in der Regel schmerzlose Knoten (Onchozerkome) in der Unterhaut, welche ausgewachsene Fadenwürmer enthalten. Diese produzieren massenhaft Larven (sog. Mikrofilarien), die sich in der Haut verbreiten. Anfangs sind vor allem die Füße und Beine betroffen, nach und nach wandern die Mikrofilarien über die Hautschicht auch in obere Körperregionen, mitunter bis in den Kopf und in die Augen. Diese Wanderung kann jedoch Jahre dauern.

Abgestorbene Mikrofilarien lösen in den Augen schließlich entzündliche Reaktionen aus, die das Auge erblinden lassen. Bis zur totalen Erblindung können mehrere Jahrzehnte vergehen. Rechtzeitig behandelt kann man die Erkrankung jedoch stoppen.

Vorbeugen

Einer Onchozerkose (Flussblindheit) können Sie nur indirekt vorbeugen, indem Sie sich in von der Erkrankung betroffenen Ländern vor Stichen der Kriebelmücke Simulium zu schützen:

  • Tragen Sie langärmelige Hemden und lange Hosen tragen. Die Kleidungsstücke sollten möglichst hell und stichdicht sein.
  • Verwenden Sie Mückenabwehrmittel.

Falls Sie sich für längere Zeit in einem Onchozerkose-Gebiet aufhalten (z.B. aus beruflichen Gründen), kann Ihnen Ihr Arzt zur Vorbeugung den Wirkstoff Ivermectin verschreiben.