Zwei Freundinnen führen ein ernstes Gespräch
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Essstörungen: Fünf Sätze, die man Betroffenen niemals sagen sollte

"Du siehst ungesund aus!", "Treib doch lieber Sport!", "Zu dünn ist auch nicht attraktiv" – solche Kommentare sind bei Essstörungen nicht hilfreich, im Gegenteil: Sie können sogar schaden. Wer einem erkrankten Angehörigen oder Bekannten helfen möchte, sollte zunächst begreifen, worum es bei einer Essstörung wirklich geht.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Essstörungen: Fünf Sätze, die man Betroffenen niemals sagen sollte

Wer Freunden oder Familienmitgliedern anvertraut, dass er an Magersucht oder Bulimie erkrankt ist, stößt leider nicht immer auf Verständnis und Mitgefühl. Für Außenstehende sind Essstörungen zum Teil so schwer zu begreifen, dass sie unsensibel oder sogar beleidigend reagieren. Bestimmte Kommentare sind nicht nur unsinnig und verletzend, sondern können verheerende Auswirkungen auf den Verlauf der Erkrankung haben.

1. "Essgestört, wirklich? Du bist doch normalgewichtig!"

Eine Essstörung macht sich keineswegs immer durch Untergewicht bemerkbar. Sie kann zwar dazu führen, dass die Betroffenen sehr stark abnehmen. Bei einer Magersucht ist das fast immer der Fall. Menschen mit Bulimie oder einer anderen Essstörung hingegen haben häufig einen normalen Body-Mass-Index. Die sogenannte Binge-Eating-Störung führt sogar häufig zu Übergewicht.

Gewicht, Körperfettanteil und andere Körpermaße sind aber ohnehin nicht entscheidend für die Diagnose. Denn Essstörungen sind psychische Erkrankungen. Der Leidensdruck der Erkrankten lässt sich nicht an ihrem Body-Mass-Index ablesen, sondern an ihrem geringen Selbstwertgefühl, ihrem Verhalten und ihren Gedanken. Menschen mit Essstörungen

  • essen anders als gewohnt,
  • fürchten sich vor dem Dickwerden und
  • haben oft eine gestörte Körperwahrnehmung.

Äußerungen wie "Du bist doch gar nicht so dünn" können die Betroffenen in tiefe Verzweiflung stürzen, ihr krankhaftes Abnehm-Bedürfnis noch verstärken und die Erkrankung somit verschlimmern. Obendrein haben sie nach so einer Reaktion womöglich noch größere Hemmungen, sich professionelle Hilfe zu suchen – aus Angst, wieder nicht ernstgenommen zu werden.

2. "Es ist doch viel attraktiver, wenn ein bisschen was dran ist"

Diesen (wohl gutgemeinten) Satz bekommen vor allem Frauen zu hören. Leider scheint sich bei vielen Menschen bis heute die Ansicht zu halten, dass eine "richtige" Frau Kurven haben müsse, um "wirklich weiblich" auszusehen.

Gerade essgestörten Frauen geht es aber in der Regel nicht darum, im klassischen Sinne weiblich auszusehen. Sie streben meist das von Models, Schauspielerinnen und Social-Media-Stars repräsentierte Schönheitsideal an – und nach diesem Ideal ist Untergewicht ästhetisch.

Obendrein ist eine Essstörung häufig mit einer gestörten Körperwahrnehmung verbunden, sodass sich die Betroffenen ohnehin zu dick fühlen – egal, wie kurvig, schlank oder dünn sie tatsächlich sind. Und oft entspringt eine Essstörung auch gar nicht primär dem Wunsch nach Attraktivität, sondern hat tiefer liegende psychische Ursachen.

Video: Magersucht – 5 Fakten über die missverstandene Essstörung

"Sei doch nicht so eitel!"

3. "Du solltest nicht so viel über Äußerlichkeiten nachdenken!"

Eine Essstörung ist Ausdruck seelischer Nöte, mit denen die Erkrankten nicht anders fertigwerden. Im Falle einer Bulimie oder Binge-Eating-Störung dient Essen mitunter als Trost, weil es angenehme Gefühle auslöst. Bei einer Magersucht kann es etwa um ein tröstliches Gefühl der Kontrolle gehen, das sich durch strenges Kalorienzählen oder den eisernen Verzicht auf Essen einstellt.

Das sind aber nur Beispiele. Wie bei fast jeder psychischen Störung entstehen Essstörungen durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Einflüsse. Bei jedem Patienten spielen andere Faktoren eine Rolle. Eitelkeit ist dabei aber meist zweitrangig.

4. Treib doch lieber mehr Sport!

Dass eine Essstörung immer mit Hungern oder Erbrechen einhergeht, ist ein verbreiteter Irrglaube: Viele Erkrankte treiben stattdessen oder zusätzlich exzessiv Sport, um weiter abzunehmen oder das Kalorienplus vorangegangener Essanfälle auszugleichen.

Und auch für Betroffene, die bisher keinen Sport machen, ist der Rat alles andere als hilfreich, weil er suggeriert, dass ihre Abnehm-Besessenheit nicht krankhaft ist, sondern sie bislang nur auf nur die falsche Methode gesetzt haben.

Sie werden dadurch also nicht dazu ermutigt, sich professionelle Hilfe zu suchen, sondern dazu, ihr Repertoire der Abnehmmaßnahmen um eine weitere krankhafte Verhaltensweise zu erweitern. Auch wenn regelmäßige Bewegung den meisten Menschen zugutekommt: Im Übermaß betrieben kann Sport auch negative Auswirkungen auf Körper und Psyche haben.

Übrigens: Leistungssport kann sogar der Auslöser der Essstörung sein. Das gilt besonders für Sportarten, für die eine schlanke Figur oder ein geringes Körpergewicht von Vorteil sind – etwa beim Ballett, in der Leichtathletik, beim Reiten oder beim Kampfsport.

5. Du siehst total ungesund aus!

Wie erwähnt ist Attraktivität selten das (alleinige) Ziel hinter einer Essstörung. Wenn, streben die Betroffenen meist kein gesundes Aussehen an. Sie möchten dünn sein. Vor rund einem Jahr haben Forscher in einer Studie mit magersüchtigen und gesunden Frauen herausgefunden, dass eine Magersucht keineswegs immer mit einer gestörten Wahrnehmung des eigenen Körpers einhergeht. Die magersüchtigen Frauen in der Studie hatten vielmehr eine andere Auffassung von einem wünschenswerten Gewicht: Sie fanden Untergewicht schöner.

Einen Hinweis auf ihr niedriges Gewicht verstehen sie daher schlimmstenfalls als Bestätigung dafür, dass sie auf dem richtigen Weg sind.

Wie sollte man reagieren?

Die Reaktion sollte grundsätzlich frei von Kritik und Vorwürfen sein. Anstatt mit der Person über ihr Gewicht, ihr Äußeres oder ihr Essverhalten zu sprechen, sollte man ihr Offenheit und Verständnis signalisieren und sie dazu ermutigen, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Da der Weg in die Psychotherapie mit einigen Hürden verbunden ist, kann man für die ersten Schritte Unterstützung anbieten.

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