Warum Menschen immer größer werden

In den vergangenen 120 Jahren sind die Menschen im Schnitt um 14 Zentimeter gewachsen, so schnell wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Über die Ursachen gibt es verschiedene Theorien

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Warum Menschen immer größer werden

2080 wird der Durchschnittsmann 1,94 Meter groß sein. Immer größer werden die Menschen – und sie wachsen vermutlich auch immer schneller in die Höhe. Nach den Studien von Professor Georg Kenntner von der Universität Karlsruhe, der seit über 40 Jahren das Körpergrößen-Wachstum untersucht, hat sich die Menschheit weltweit in den vergangenen 120 Jahren um durchschnittlich 14 Zentimeter emporgereckt – so rasant wie noch nie in ihrer Geschichte.

Dass wir immer größer werden, gilt vor allem für Europa, wo Anthropologen die meisten Knochen ausgegraben und so am genauesten gemessen haben, sowie für Amerika, Australien, Neuseeland und Japan. Dagegen stagnierte im 20. Jahrhundert das Wachstum in einigen Ländern Afrikas wie dem Sudan oder im Senegal, während es in der Türkei, in Indien und Chile statistisch gesehen sogar abwärts ging. So wie schon einmal auf der Erde, wenn auch vor kaum vorstellbar langer Zeit. Nämlich zwischen Steinzeit und Eiszeit-Ende sowie Bronzezeit und Mittelalter gab es den Homo sapiens eine Nummer kleiner.

Aber wie kommte es, dass wir immer größer werden? Die noch junge Größenforschung liefert zahlreiche Theorien, aber noch keine wissenschaftlich bestätigte Ursache. "Auf verschiedenen Gebieten wirkten und wirken zu verschiedenen Zeiten verschiedene Faktoren. Die Gründe, warum wir größer werden, sind sehr komplex", sagt Biologe Kenntner. Beispielsweise könnte der sozialökonomische Aspekt eine wichtige Rolle spielen. Die 1806 von Napoleon (vermutlich 1,69 Meter) verhängte Kontinentalsperre über die britischen Inseln führte durch den wirtschaftlichen Niedergang in den Niederlanden dazu, dass die Durchschnittsgröße dort bis 1850 zurückging. Heute allerdings sind die Holländer insgesamt wieder die Größten in Europa (siehe Grafik). Für die These, dass schwächeres Licht das Größenwachstum verstärkt, könnte laut Kenntner das Nord-Süd-Gefälle in Europa sprechen: Die Schweden überragen die Sizilianer um immerhin sieben bis zehn Zentimeter.

Mann und Frau unterscheiden sich nicht nur in der Durchschnittsgröße, sondern auch im Wachstumstempo. So hat Kenntner beobachtet, dass zurzeit weltweit die Männer deutlich schneller größer werden als die Frauen. An diesem Unterschied sei die Pille schuld, meint der Biologe: "Bei den Frauen bedingt das Östrogen einen Wachstums-Stopp. Sie haben mit 14, 15 Jahren meist ihre Endgröße erreicht." Womöglich muss bald für den "Klub langer Menschen" (KLM), der sich in 23 deutschen Städten für die Interessen großwüchsiger Menschen einsetzt, die Zulassungsnorm für Herren angehoben werden. Derzeit liegt sie bei 1,90 Meter (Frauen: 1,80 Meter).

Auf die neuen Riesen warten Alltagssorgen und Krankheiten

Eine Endgröße für die Menschen ist vorerst nicht in Sicht. Experte Kenntner prognostiziert für Männer im Jahr 2080 eine Durchschnittsgröße von 1,94 Meter – gleich bleibende Bedingungen vorausgesetzt. Dass die Menschen immer größer werden, dürfte im Alltag erhebliche Konsequenzen haben. Allein die Industrie sieht sich bei der Produktion von Gebrauchsgegenständen mit neuen Größennormen konfrontiert. Kann sie mit dem Wachstum nicht Schritt halten, dann warten auf die neuen Riesen Probleme mit Möbeln, Kleidung oder Autos. Vor allem aber stehen die Langen vor gesundheitlichen Problemen. "Ich rechne mit einer Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, von Haltungsschäden und Anomalien", sagt Kenntner. Tägliches Bewegungstraining könne dem aber entgegenwirken.

Kurzsichtigkeit steigt, wenn Menschen immer größer werden

Die künftige Generation der Hochgewachsenen ist möglicherweise auch eine von Kurzsichtigen. Denn weil durch die Größenzunahme auch die Köpfe schmaler werden, verformen sich ebenso Augenhöhlen und Augäpfel. Und vielleicht werden auch die Tenöre auf den Bühnen bald spürbar seltener und die Bässe häufiger. Schließlich wachsen die Stimmbänder ebenfalls, wenn die Sänger größer werden .

Die Körpergröße des Menschen könnte ihm nach Kenntners Meinung irgendwann vollends zum Verhängnis werden. "Die Dinosaurier sind nicht durch eine Naturkatastrophe ausgestorben, sondern an ihrer Körpergröße zugrunde gegangen. Sie haben dafür keine entsprechende Nahrung mehr gefunden. Und genauso wird es den Menschen ergehen, wenn sie immer größer werden."

Ursachen: Fünf Thesen zum Wachstum

Das stark beschleunigte Größenwachstum des Menschen in den letzten 120 Jahren ist bislang kaum systematisch erforscht worden. Deswegen gibt es auch noch keine eindeutigen Aussagen über die Ursachen, warum wir größer werden. Prof. Georg Kenntner hat die interessantesten Hypothesen zusammengetragen.

Ernährung Die Vielfalt und der Reichtum an Nährstoffen in der modernen Nahrung (Mineralstoffe, Spurenelemente, Vitamine) beeinflussen gravierend das Gehirnwachstum. Das ist schon bei Affen so: Blätter fressende Arten haben ein kleineres Gehirn als Früchte fressende. Am größten ist es bei Kapuzineraffen mit eiweißreicher Nahrung. Mit dem Gehirn wächst nicht nur der Kopf, sondern der ganze Körper kann größer werden.

Licht Lichteinwirkung – insbesondere deren UV-Strahlung – unterstützt die Arbeit der wachstumsfördernden Hormondrüsen. Dass auf der nördlichen Erdhalbkugel die Menschen im Durchschnitt größer werden als auf der südlichen, erklären manche Forscher mit dem Lichtdefezit. Die Körper (und Pflanzen) müssten im Norden dem Licht praktisch entgegenwachsen. Wissenschaftlich erwiesen indes ist, dass übermäßige UV-Bestrahlung wachstumshemmend auf Pflanzen wirkt. Möglicherweise auch auf den Menschen.

Sozialer Status Der Rückgang der körperlichen Schwerstarbeit fördert das Wachstum, weil der Mensch sich ohne körperliche Lasten größer werden kann. So könnte sich auch erklären, warum nach Meinung einiger Wissenschaftler in Europa die Akademikerfamilien größer sind als die von Arbeitern. Statistisch belegt ist, dass die Stadtbevölkerung größer ist als jene auf dem Land. Das könnte wiederum an der Reizüberflutung in den Städten liegen, worauf der Mensch mit Größenwachstum reagiert.

Stillen Fest steht: Säuglinge wachsen am stärksten, wenn sie gestillt werden. Denn die Muttermilch enthält ungesättigte Fettsäuren, die das Wachstum der Zellmembranen stimulieren. In der konventionellen Babynahrung sind diese speziellen Fettsäuren nicht enthalten. Das Stillen der Babies hat in Europa seit einiger Zeit wieder zugenommen.

Sport Intensives Training könnte einen Einfluss auf das Längenwachstum der Gliedmaßen haben. Möglicherweise nimmt durch eine gezielte Belastung nicht nur die Dichte der Knochen zu, sie können auch größer werden. So wurde bei professionellen Tennisspielern beobachtet, dass deren Schlagarm im Durchschnitt länger ist als der andere.