HIV-1-Proteasehemmer

Wirkstoffe

Folgende Wirkstoffe sind der Wirkstoffgruppe "HIV-1-Proteasehemmer" zugeordnet

Anwendungsgebiete dieser Wirkstoffgruppe

HIV-1-Proteasehemmer werden zur Behandlung einer Infektion mit dem menschlichen (englisch: human) Immunschwäche-Virus (HIV) eingesetzt. Obwohl das Virus in allen Körperflüssigkeiten eines infizierten Menschen (wie Blut, Samenflüssigkeit, Scheidenschleim, Speichel und Tränenflüssigkeit) nachweisbar ist, wird es fast ausschließlich über Blut und Blutprodukte sowie durch ungeschützte Sexualkontakte übertragen.

Bislang kennt man zwei Formen des Virus, HIV-1 und HIV-2. Während HIV-1 weltweit verbreitet ist, kommt HIV-2 vornehmlich in Westafrika vor.

Gelangt das HI-Virus in den Körper, infiziert es Körperzellen, die bestimmte Rezeptoren (so genannte CD4-Rezeptoren) auf ihrer Oberfläche tragen. Besonders betroffen sind Zellen der körpereigenen Abwehr (Immunsystem). Das Virus vermehrt sich bevorzugt in T-Lymphozyten, diese Zellen werden dabei geschädigt und nach und nach zerstört. In den meisten Fällen kann der Körper die Verluste zunächst ausgleichen, indem er ständig neue Lymphozyten bildet. Aber dem Immunsystem gelingt es nicht, die Viren zu vernichten.

Irgendwann, meist nach einigen Jahren, schafft der Körper es nicht mehr, ausreichend Zellen nachzuliefern. Die körpereigene Abwehr büßt dann zunehmend ihre Kraft ein. Die Zahl der T-Lymphozyten nimmt kontinuierlich ab, die Anzahl der Viren im Blut (die so genannte Viruslast) hingegen zu. Diese beiden Größen dienen daher zur Beurteilung des Schweregrads einer HIV-Infektion.

Durch die Schwächung der Abwehr wird ein HIV-infizierter Mensch anfällig für sonst eher ungefährliche Krankheitserreger. Es entwickelt sich das erworbene (englisch: acquired) Immundefizit-Syndrom AIDS. Die Betroffenen leiden an zahlreichen Infekten durch Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten, die ein gesundes Immunsystem leicht abwehren könnte. Beispiele sind eine schwere Lungenentzündung durch Pneumocystis carinii oder eine Infektion der Augennetzhaut durch Cytomegalie-Viren (CMV-Retinitis). Auch das Risiko für Krebserkrankungen nimmt zu, so leiden manche AIDS-Patienten an einer bestimmten Form von Hautkrebs (Kaposi-Sarkom) oder Lymphdrüsenkrebs (Lymphogranulomatose). Die ständigen Infektionskrankheiten schwächen und zerstören den Körper und führen schließlich zum Tod.

HIV-1-Proteasehemmer können die Immunschwäche AIDS bekämpfen beziehungsweise den Ausbruch der Erkrankung verzögern. Derzeit stehen die Wirkstoffe Amprenavir, Atazanavir, Indinavir, Lopinavir, Nelfinavir, Ritonavir, Saquinavir und Tipranavir zur Verfügung. Sie werden zumeist in Form von Tabletten oder Kapseln eingenommen und gelangen über den Magen-Darm-Trakt in den Körper.

Wirkung

Ziel der Behandlung mit HIV-1-Proteasehemmern ist es, die Vermehrung des HI-Virus zu stoppen und die weitere Ausbreitung der Viren im Körper zu verhindern. Die Wirkstoffe können die Erreger jedoch nicht zerstören oder aus dem Körper entfernen; die HIV-Infektion ist nicht heilbar. Ihr Angriffspunkt ist die so genannte HIV-1-Protease, welche für die Vermehrung der Viren unabdingbar ist. Proteasen sind Enzyme, die Eiweiße spalten. Zwar gibt es auch im menschlichen Körper Proteasen, aber sie unterscheiden sich deutlich von denen der Viren. Daher werden sie durch die Wirkstoffe nicht beeinträchtigt.

Proteasehemmer binden an die HIV-1-Protease und behindern die Eiweißspaltung. Größere Eiweiße können nicht mehr in kleinere funktionsfähige Teile zerschnitten werden. Dadurch ist die Bildung neuer infektionsfähiger Viren stark eingeschränkt.

Leider ist das HI-Virus sehr wandlungsfähig, sodass bei der Behandlung mit HIV-1-Proteasehemmern rasch Viren entstehen, die unempfindlich (resistent) gegenüber diesen Wirkstoffen sind. Deshalb dürfen Arzneimittel gegen HIV nie allein, sondern nur im Rahmen einer Kombinationstherapie eingesetzt werden. Auf diese Weise werden unterschiedliche Wirkmechanismen miteinander kombiniert, sodass sich das Virus dem Angriff nur schwer entziehen kann. Zum einen werden häufig verschiedene Hemmstoffe der Protease zusammen eingesetzt, insbesondere Ritonavir kann den Effekt eines zweiten Wirkstoffs verbessern, so beispielsweise bei der Paarung Lopinavir und Ritonavir. Zum anderen kommen HIV-1-Proteasehemmer stets nur gemeinsam mit einer weiteren Wirkstoffgruppe gegen HIV zum Einsatz, den so genannten reversen Transkriptasehemmern.

Aufgrund der stets notwendigen Kombinationsbehandlung gibt es kaum zuverlässige Aussagen zur Verträglichkeit der einzelnen HIV-1-Protease-Hemmstoffe. Häufige Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall, Störungen der Leber- sowie der Nierenfunktion, Fettstoffwechselstörungen, eine vermehrte Anlage von Fettpolstern im Nacken- und Unterbauch-Bereich (Lypodystrophie), Kopfschmerzen, Müdigkeit und ein eingeschränktes Leistungsvermögen, Mundtrockenheit und Beeinträchtigungen im Geschmacksempfinden, Veränderungen des Blutbilds wie ein Mangel an weißen Blutkörperchen und Blutarmut sowie Hautausschläge.

HIV-1-Protease-Hemmstoffe werden vornehmlich in der Leber abgebaut und können daher mit vielen Substanzen Wechselwirkungen eingehen, die auf dem gleichen Weg aus dem Körper entfernt werden. So beschleunigen das Antibiotikum Rifampicin sowie einige Imidazole und Triazole den Abbau der Proteasehemmer.

Bei der gemeinsamen Einnahme des Tuberkulose-Mittels Rifampicin mit einer Saquinavir/Ritonavir-Kombination besteht ein besonderes Risiko für die Entwicklung von Leberschäden. Patienten, die Rifampicin oder die Kombination der Virushemmer erhalten, dürfen nicht mit dem jeweils anderen Wirkstoff behandelt werden.

Auch wenn durch die Behandlung die Zahl der HI-Viren in den Körperflüssigkeiten meist deutlich gesenkt werden kann und viele Infizierte sich nahezu gesund fühlen, bleibt das Übertragungsrisiko durch Blut oder durch Sexualkontakte bestehen.