Ein Mann in einem Büro beobachtet die Szenerie im Hintergrund.
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Der Psychopath: Gefühlskalt und rücksichtlos

Er gilt als unberechenbar, impulsiv und ohne Mitgefühl: der Psychopath. Der Satz "Das ist ein Psychopath" ist schnell gefallen. Doch was Psychologen wirklich darunter verstehen, bleibt oft unklar – zumal der Begriff im Laufe der Geschichte unterschiedlich besetzt war.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Überblick

Für die einen ist "Hannibal Lecter" aus dem Film "Das Schweigen der Lämmer" der Prototyp, für die anderen ist "Norman Bates" aus "Psycho" der Psychopath schlechthin. Von brutal bis wahnsinnig: Der Begriff "Psychopath" kann mit vielen Assoziationen verbunden sein.

In der Realität ist ein Psychopath nicht unbedingt ein Krimineller, der durch besonders grausame Taten auffällt – es kann sich auch um den Bekannten von nebenan handeln, der durch rücksichtsloses und aggressives Verhalten auffällt.

Mit Psychopath beziehungsweise Psychopathie meinten Forscher früher das, was Psychologen heute als Persönlichkeitsstörung bezeichnen. Der Begriff "Psychopath" wurde von Wissenschaftlern teilweise sehr negativ umschrieben. Dies ist ein Grund dafür, weshalb man stattdessen den rein beschreibenden und nicht wertenden Begriff der Persönlichkeitsstörungen eingeführt hat.

Von Psychopathie zur Persönlichkeitsstörung

Der Begriff "Psychopath" hatte früher einen stark wertenden Charakter. So sprach der deutsche Psychiater Julius Ludwig August gegen Ende des 19. Jahrhunderts von "psychopathischen Minderwertigkeiten". Nach Ansicht des Psychiaters Kurt Schneider (1887-1969) waren Psychopathen "abnorme Persönlichkeiten", die eine Extremvariante einer bestimmten Wesensart darstellen – was mit Leidensdruck für die Betroffenen und / oder die Umwelt verbunden ist. Schneider unterschied zwischen verschiedenen Psychopathie-Typen, so etwa dem depressiven, dem gemütlosen oder dem fanatischen Typ.

Das damalige Konzept des Psychopathen wurde durch das der Persönlichkeitsstörungen ersetzt. Eine Persönlichkeitsstörung zeichnet sich durch tief verwurzelte, überdauernde und von der Norm stark abweichende Verhaltens- und Erlebnisweisen aus. Je nachdem, welche Merkmale vorherrschen, unterscheiden Psychologen zwischen verschiedenen Formen von Persönlichkeitsstörungen. So gibt es beispielsweise Personen mit zwanghafter Persönlichkeit oder solche, die als besonders selbstverliebt wahrgenommen werden.

Die "Psychopathie-Checkliste"

Die Bezeichnung "Psychopath" wurde in den 1990er Jahren insbesondere im angloamerikanischen Sprachraum wieder aufgegriffen, ist aber nicht deckungsgleich mit den früheren Darstellungen eines Psychopathen. Die heutige Beschreibung wurde unter anderem vom Amerikaner Robert Hare geprägt. Der Psychologe hat erforscht, welche Merkmale einen Psychopathen ausmachen, und anhand dessen eine Checkliste entwickelt, mit deren Hilfe man ermitteln kann, inwieweit ein Mensch als Psychopath bezeichnet werden kann.

Nach dem Konzept von Hare weist ein Psychopath bestimmte Merkmale auf, so zum Beispiel:

  • Er verhält sich verantwortungslos und unbekümmert.
  • Er ist rücksichtslos und verletzt die Rechte anderer.
  • Der Psychopath ist "gefühlskalt" und kann sich nicht in andere Menschen hineinversetzen (mangelnde Empathie).
  • Er ist impulsiv und langweilt sich schnell; er braucht ständig "etwas Neues".
  • Es fehlt ihm an langfristigen Zielen.
  • Der Psychopath empfindet im Vergleich zu anderen Personen kaum Angst.
  • Schuldgefühle, Reue oder Gefühle von Scham sind ihm fremd.
  • Er ist nicht in der Lage, Liebe zu empfinden.
  • Er reagiert oft aggressiv und neigt zu Gewalt.
  • Sein Selbstwertgefühl ist deutlich übersteigert.

Viele Psychopathen gelten als "Blender", sie nutzen ihren Charme, um andere Menschen für ihre Zwecke zu missbrauchen. Tiefe Gefühle für andere hegen sie nicht, oft sind ihre Beziehungen nur von kurzer Dauer. Ein Psychopath ist unfähig, sich an soziale Normen und Werte anzupassen – eine Straftat ist für ihn nichts, weswegen man Schuldgefühle haben müsste.

In der Regel sind Psychopathen schon früh auffällig. Zum Beispiel lügen manche als Kind besonders viel oder sie werden kriminell. Auflagen oder Weisungen missachten sie – Strafe fürchten sie nicht.

Die Psychopathologie-Checkliste (PCL) findet insbesondere Anwendung, wenn es um die Prognose von Straftätern geht. Kriminelle, auf die die Beschreibung eines Psychopathen zutrifft, werden häufig zu Wiederholungstätern, und sie gelten als besonders problematisch, wenn es um eine Therapie geht.

Viele Psychopathen sind kriminell – viele werden aber auch gar nicht straffällig.

Dies bedeutet aber nicht, dass alle Kriminelle auch Psychopathen sind – und umgekehrt wird nicht jeder Psychopath automatisch zum Kriminellen. Die wenigsten Psychopathen verbringen ihr Leben hinter Gittern, vielmehr kann man sie überall treffen – zum Beispiel am Arbeitsplatz, im Bekanntenkreis oder in der Politik.

Der Psychopath, wie ihn Robert Hare beschrieben hat, besitzt viele Eigenschaften, die der sogenannten dissozialen oder antisozialen Persönlichkeitsstörung zugeschrieben werden. Einige Forscher verstehen die Gruppe der Psychopathen auch als spezielle Untergruppe der dissozialen Persönlichkeitsstörung.

Personen mit dissozialer Persönlichkeit missachten jegliche soziale Regeln und Normen – und das meist schon in der Kindheit. Sie übernehmen keine Verantwortung für ihr Tun, zudem fehlt es ihnen an Mitgefühl. Auch kennen sie kein Schuldbewusstsein. Manche Betroffene neigen zu aggressivem Verhalten – bis hin zur Gewalt.