Onmeda.de Logo

Weibliche Sexualität ab 45

Letzte Änderung:
Nächste Aktualisierung von Dr. rer. nat. Geraldine Nagel • Medizinredakteurin

Wie wir unsere Sexualität ausleben, hat mit vielen Aspekten zu tun. Etwa ob das Elternhaus eher konservativ oder offen eingestellt war. Oder welche Erfahrungen man in seinem bisherigen Leben mit Sexualität und Partnerschaft gemacht hat. Doch ändert sich die weibliche Sexualität im Alter? Frauen ab 45 stehen schließlich erhebliche Veränderungen bevor.

Allgemeines

Früher glaubte man, dass die weibliche Sexualität ab 45 – oder spätestens mit der letzten Regelblutung (sog. Menopause), die im Durchschnitt um das 50. Lebensjahr eintritt – unaufhaltsam nachlässt. Doch in Wirklichkeit können Frauen ebenso wie Männer bis ins hohe Alter sexuell aktiv sein – auch, wenn sie keine Kinder mehr bekommen können: Verglichen mit anderen Körperfunktionen altern die sexuellen Funktionen des Menschen nur langsam.

Auch Umfragen zeigen, dass das Sexualleben mit dem Eintritt in die Wechseljahre mitnichten schlagartig aufhört. Im Gegenteil: Für viele Frauen ist die weibliche Sexualität ab 45 sehr wichtig und die Menopause in dieser Hinsicht eine Art Befreiung für die eigenen sexuellen Bedürfnisse. Eine Befreiung von den mit der Regel verbundenen Beschwerden und Hygienemaßnahmen und davon, immer an eine mögliche Schwangerschaft und Verhütung denken zu müssen.

Die Sexualität der Frau hört mit dem Älterwerden also nicht einfach auf. Auch wenn die Hormonumstellungen in den Wechseljahren Einflüsse auf das Sexualleben haben können, so haben Frauen dennoch bis ins hohe Alter sexuelle Interessen und Bedürfnisse. Das sexuelle Leben bleibt genuss- und orgasmusfähig. Der Sexualtrieb (Libido) erreicht sein Maximum bei Frauen zwar meist um die 30, bleibt aber dann mehr oder weniger unverändert bis über die Wechseljahre hinaus bestehen und lässt in der Regel erst im höheren Alter leicht nach.

Dennoch ist es in unserer Gesellschaft nach wie vor üblich, alternde Männer und Frauen mit zweierlei Maß zu messen: Graue Haare und Falten gelten bei älteren Männern im Allgemeinen als Zeichen für Reife und tun der Attraktivität eines Mannes nicht zwangsläufig einen Abbruch. Bei Frauen hingegen nehmen viele Menschen Falten und graue Haare schnell als unattraktiv wahr. "Attraktiv sein" wird bei Frauen in der Regel auch immer mit Jugend gleichgesetzt.

Ob ältere Frauen das eigene Sexualleben als befriedigend empfinden, hängt von vielen Aspekten ab. Vor allem jedoch von der Qualität der gelebten Partnerschaft – jetzt und in der Vergangenheit. Dabei ist es mit zunehmendem Alter für viele Frauen weniger wichtig, wie oft sie Geschlechtsverkehr haben. Die Qualität und Zärtlichkeit sexueller Begegnungen gewinnt dagegen mehr an Bedeutung.

Wer vor den Wechseljahren ein erfülltes und freudvolles Sexualleben hatte, für den wird sich aller Voraussicht nach auch danach lange nichts ändern.

Einflüsse auf die Sexualität ab 45

Wie Sexualität im Alter erlebt wird, hängt von der gesamten Lebensgeschichte ab und ist von Frau zu Frau sehr unterschiedlich. Auch das Alter selbst wirkt sich individuell auf die weibliche Sexualität aus: Manche Frauen sind im Alter sexuell weniger erregbar als zuvor, verlieren den Spaß am Sex oder gar jegliches sexuelles Interesse. Andere sind mit ihrem Sexualleben nach wie vor zufrieden oder finden es sogar besser als vorher.

Wer in der Vergangenheit gelernt hat, ein zufriedenstellendes Sexualleben zu führen, hat mit großer Sicherheit auch mit zunehmendem Alter keine Probleme damit. Nicht erst ab 45 ist eine positive Einstellung zur Sexualität grundlegend, um diese freudvoll ausleben zu können.

Menopause

Gerade zu Beginn der Wechseljahre haben nicht wenige Frauen mit einem veränderten Selbstbild zu kämpfen und fürchten, an weiblicher Anziehungskraft einzubüßen. Hinzu können gesundheitliche Probleme und Veränderungen ihrer beruflichen und familiären Situation kommen, mit denen sie erst einmal klarkommen müssen. Einige Frauen haben auch – in der Regel unbegründet – Angst vor der Menopause und den hormonellen Veränderungen, die etwa ab 45 auf sie zukommen. Dabei ändert sich die weibliche Sexualität durch die Wechseljahre gar nicht so sehr.

Entsprechend sehen andere Frauen die Wechseljahre als normale Lebensphase an: Sie fühlen sich auch nach der Menopause noch unverändert attraktiv und weiblich. Manche empfinden den Wandel sogar als Gewinn – sie erlangen mehr Ruhe, Gelassenheit und Selbstvertrauen.

Viele Frauen erleben die Menopause als Erleichterung, denn sie können ihr Sexualleben nun viel freier ausleben: Keine lästige Regelblutung mehr und die dazugehörigen monatlichen Hygienemaßnahmen fallen auch weg. Für Frauen, die vorher besonders starke und/oder schmerzhafte Regelblutungen hatten (z.B. wegen einer Endometriose), steigt die Lebensqualität dadurch sogar erheblich. Hinzu kommt, dass die Frauen keine ungeplanten Schwangerschaften mehr befürchten müssen.

Allerdings kann es nach der Menopause zu Beschwerden wie einer trockenen Scheide kommen, was den Geschlechtsverkehr unangenehm oder schmerzhaft machen kann. Hier können zum Beispiel Gleitmittel einfache Abhilfe schaffen.

Wenn sich die weibliche Sexualität ab 45 ändert, kann das also nicht nur an der hormonellen Umstellung in den Wechseljahren liegen. Neben der Menopause spielen auch andere Faktoren eine wichtige Rolle – beispielsweise familiäre und gesellschaftliche Einflüsse sowie die Situation in der Partnerschaft.

Elternhaus

Ob und wie Frauen ihre Sexualität ausleben, hängt auch damit zusammen, wie die Eltern Sexualität vorgelebt haben beziehungsweise wie offen die Eltern damit umgegangen sind. Wer in einem sehr konservativen Elternhaus aufgewachsen ist, in dem das Thema eher totgeschwiegen oder nur verschämt besprochen wurde, wird sich unter Umständen mit einem freudvollen und aktiven Sexualleben schwer tun. Eine gesunde Sexualerziehung ist für das gesamte Sexualleben förderlich.

Partnerschaften

Ebenso prägend sind die erlebten Partnerschaften einer Frau. Positive Erfahrungen in jungen Jahren sind sicherlich förderlich für das sexuelle Erleben sowie auch für die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins. Nicht weniger wichtig ist jedoch, wie die Partner in der aktuellen Partnerschaft miteinander umgehen. Vor allem wie der Lebenspartner die langsam sichtbaren Zeichen des Älterwerdens wahrnimmt und bewertet, hat bei vielen Frauen großen Einfluss auf das eigene Erleben des Alterns beziehungsweise des alternden Körpers und der Sexualität.

Wenn eine Frau ab 45 die Erfahrung machen muss, dass sich ihr Partner nicht für ihre Wechseljahre interessiert und entsprechend wenig Verständnis zeigt, wirkt sich das bestimmt nicht positiv auf das gemeinsame Sexualleben aus. Weiß der Mann hingegen die eigene Partnerin und ihren Körper in sexueller Hinsicht zu schätzen und gibt er ihr das Gefühl, attraktiv zu sein, fördert dies letztendlich ihr Selbstbewusstsein. Frauen, die ihrem eigenen Körper positiv gegenüber stehen und sich so akzeptieren können, wie sie sind, erleben eine befriedigendere Sexualität.

Die Pille

Seit den 1960er Jahren ist die Antibabypille als Verhütungsmittel nicht mehr wegzudenken. Und sie hat viel für die Frauen verändert. Denn sie ermöglichte es ihnen, sich aus starren und traditionellen Rollenbildern zu lösen. Frauen konnten nun selbst bestimmen, ob sie Kinder bekommen wollten und vor allem wann. Dadurch ergab sich auch ein sexueller freieres Leben. Gleichzeitig begannen Frauen vermehrt, Berufe zu ergreifen und ihre Lebenspläne selbstständiger zu bestimmen. Diese neue, selbstbewusstere Rolle der Frau hat auch Veränderungen im sexuellen Verhalten älterer Frauen heute angestoßen.

Gesellschaft

Das gesellschaftliche Bild der weiblichen Sexualität ab 45 ist trotz allem immer noch relativ festgefahren und kommt selten zur Sprache. Und das, obwohl Frauen ihr Sexualleben in der Regel ungeachtet ihres jeweiligen Lebensalters aktiv ausleben. Dabei ist es gar nicht so leicht, der gesellschaftlichen Wahrnehmung entgegen zu leben. Denn die setzt mit einer attraktiven Frau meist auch das Attribut jung gleich. Erste Falten und ergrauendes Haar scheinen bei Frauen von den meisten jedoch immer noch selten als attraktiv empfunden zu werden.

Das sieht bei Männern ganz anders aus. Bei ihnen steht Älterwerden sexueller Aktivität nicht im Weg und ist gesellschaftlich mehrheitlich akzeptiert. Wenn ein älterer Mann eine jüngere Freundin hat, wird sich kaum jemand deswegen auf der Straße umdrehen. Eine ältere Frau mit einem jüngeren Lebensgefährten ist dagegen für viele eher ein Stein des Anstoßes. Doch langsam beginnt sich dieses Bild zu wandeln.

Verfügbare Partner

Um die 50 wird es noch nicht stark auffallen. Tatsache ist aber, dass Frauen statistisch gesehen zunehmend länger leben als Männer (in Deutschland gibt es fünfmal so viele Witwen wie Witwer) – und dadurch unter Umständen ihren langjährigen Lebenspartner verlieren. Umfragen zeigen, dass viele Frauen in fortgeschrittenem Alter sexuelle Bedürfnisse haben und gern sexuell aktiv wären, es aber schwer haben, gleichaltrige Partner zu finden. Zudem ist nur ein Drittel der Frauen bereit, sich trotz ihrer Bedürfnisse nach einem Partnerverlust im Alter neu zu binden. In Zusammenhang mit dieser Bevölkerungsentwicklung und der sexuellen Emanzipierung der Frau nimmt allerdings die Zahl derjenigen älteren Frauen, die sich einen jüngeren Partner suchen, langsam zu.

Sexuell inaktiv – warum?

Bei einigen Frauen nimmt mit zunehmendem Alter die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs ab und es wird mehr Wert auf die Qualität der sexuellen Begegnungen gelegt. Der erlebten Sexualität tut das Altern also keinen Abbruch. Dennoch gibt es Frauen, die mit dem Beginn der Wechseljahre ihre sexuelle Aktivität einstellen. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich.

Einige Frauen leben partnerlos und haben möglicherweise Schwierigkeiten, neue Partner in ihrem Alter zu finden. Denn da Frauen im Allgemeinen länger leben als Männer, gibt es in der Bevölkerung ab einem gewissen Alter deutlich mehr Frauen als Männer. So bedeutet auch der Verlust eines Partners für die Frau oft das Ende des Sexuallebens – zumindest vorübergehend.

Gesundheitliche Probleme können die weibliche Sexualität im Alter ebenfalls beeinträchtigen. So steigt mit zunehmendem Alter im Allgemeinen das Risiko, dass körperliche Erkrankungen (wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Rheuma, Krebserkrankungen usw.) das Sexualleben einschränken oder gar beenden. Psychische Erkrankungen (wie Depressionen, Alkoholismus) können das Sexleben beeinträchtigen.

Des Weiteren können sich Beziehungsprobleme negativ auf die weibliche Sexualität auswirken. Ist das Sexleben in einer langen Beziehung eintönig geworden, nutzen zudem einige Frauen das Älterwerden, um unliebsam gewordene sexuelle Routinen, die sie nur noch als lästige Verpflichtung empfinden, loszuwerden. Das kann auch passieren, wenn die Frau beim sexuellen Verkehr mit dem Partner seit Jahren keine Lust empfindet.

Immer wieder kommt es vor, dass Frauen eine Scheu oder sogar Angst davor haben, sexuell aktiv zu sein – und dies unabhängig davon, wie jung oder alt sie sind. Oft fällt es ihnen schwer, sexuelle Vorlieben oder Wünsche dem Partner gegenüber auszusprechen oder auf andere Weise deutlich zu machen. Zum Teil schrecken sie davor zurück, mit den im Leben erlernten Rollenvorstellungen zu brechen, in denen Männern die aktive Rolle zukommt. Denn der Partner könnte einen ablehnen oder nicht mehr lieben, wenn man plötzlich sexuell mehr fordert, so zumindest die Sorge vieler Frauen. Viele Frauen scheuen sich auch vor dem eigenen sexuellen Begehren – empfinden sie unter Umständen mehr Lust als der Partner, schämen sich viele, ihm dies zu gestehen.

Mit dem Partner offen über Probleme, sexuelle Vorlieben und Bedürfnisse zu reden, ist in jedem Lebensalter empfehlenswert und hilfreich – für sich selbst und die Partnerschaft.

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2016)

Wechseljahre. Online-Informationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): www.gesundheitsinformation.de (Stand: 10.8.2016)

Wenn Sexualität sich verändert. pro familia Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V., Frankfurt 2015

Tessler Lindau, S., et al.: A Study of Sexuality and Health among Older Adults in the United States. The New England Journal of Medicine, Nr. 357, pp. 762–774 (23.8.2007)

Vetter, B.: Sexualität: Störungen, Abweichungen, Transsexualität. Schattauer, Stuttgart 2007

Online-Informationen des Familienhandbuchs des Staatsinstituts für Frühpädagogik: www.familienhandbuch.de (Stand: 18.10.2005)

Schulte-Zehden, B.: Wie wandelt sich Sexualität im Alter? fundiert: Alter und Altern – Wissenschaftsmagazin der Freien Universität Berlin, Ausgabe 1/2004

Letzte inhaltliche Prüfung: 30.09.2016
Letzte Änderung: 24.01.2019