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Blutgruppen

Letzte Änderung:
Autor*in: Onmeda-Redaktion

Blutgruppen beschreiben und unterteilen die unterschiedlichen Eigenschaften von Blutbestandteilen. Diese Merkmale des Blutes sind erblich, überwiegend konstant und unterscheiden sich oft zwischen verschiedenen Individuen oder auch Gruppen (Familien, ethnischen Gruppen).

Allgemeines

Es gibt viele verschiedene Blutgruppen-Systeme. In der Praxis von Bedeutung sind vor allem das AB0-System und das Rhesusfaktoren-System.

Auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen befinden sich je nach Blutgruppe unterschiedliche Eiweiße (Proteine) und Fettstoffe (Glykolipide). Diese bilden die sogenannten Antigene (z.B. AB0-Antigene oder Rhesusfaktoren), welche nachweisbar sind. Im flüssigen Bestandteil des Blutes (Blutplasma) befinden sich entsprechende Antikörper, die mit den Antigenen reagieren können. Das passiert in der Regel nicht, da jemand mit der Blutgruppe A nur Antikörper gegen B-Antigene besitzt. Vermischt man sein Blut aber mit Blut, das diese B-Antigene enthält (Blutgruppe B) verklumpt das Blut (Agglutination). Diese Reaktion nennt man Blutgruppen-Unverträglichkeit.

Die einzelnen Blutgruppen nach dem AB0-System können mithilfe eines Tests nachgewiesen werden. In Mitteleuropa ist die Blutgruppe A mit einer Häufigkeit von 44 Prozent am weitesten verbreitet, gefolgt von Blutgruppe 0 mit 42 Prozent, Blutgruppe B mit 10 Prozent und Blutgruppe AB mit 4 Prozent.

Auch das Rhesusfaktoren-System zur Einteilung der Blutgruppen beruht auf verschiedenen Antigenen – dem sogenannten Rhesusfaktoren. Beim Menschen kommen die Rhesusfaktoren C,D,E und c,d,e vor. Das Antigen D wirkt am stärksten – Menschen mit diesem Antigen werden als Rhesus-positiv (Rh+) bezeichnet. Ist das Antigen D dagegen nicht vorhanden, lautet die Blutgruppe nach dem Rhesusfaktoren-System Rhesus-negativ (Rh-). Etwa 85 Prozent der Europäer sind Rhesus-positiv. Der Rhesusfaktor ist zum Beispiel bei einer Schwangerschaft wichtig: Erwartet eine Rhesus-negative Mutter ein Rhesus-positives Kind, kann sie Antikörper gegen das Antigen D bilden. In einer ersten Schwangerschaft bleibt dies in der Regel ohne Folgen. Bei einer zweiten Schwangerschaft, bei der das Kind wieder Rhesus-positiv ist, kann eine Rhesusunverträglichkeit auftreten. Dabei treten die gebildeten Antikörper der Mutter in den Blutkreislauf des Kindes über und führen dort dazu, dass das Blut verklumpt. Diese schwere Komplikation kann für das Kind tödlich sein.

Bedeutung

Blutgruppen sind in vielerlei Hinsicht von Bedeutung. Ohne ihre Kenntnis wären Bluttransfusionen und Organtransplantationen nicht möglich. Aufgrund von Unverträglichkeitsreaktionen bei Nichtübereinstimmung der Blutgruppe bei Spender und Empfänger, kann es bei einer Bluttransfusion zu schweren Zwischenfällen bis hin zum Tod des Empfängers kommen. Bei Organtransplantationen ist die Abstoßung des transplantierten Organs die Folge. Deshalb muss vor jeder Blutübertragung die genaue Blutgruppe von Spender und Empfänger festgestellt werden.

In der Geburtshilfe können Blutgruppenunterschiede zwischen der schwangeren Frau und ihrem Kind zu schweren Schäden des Kinds bis zu dessen Tod führen. Man spricht von einer Rhesusunverträglichkeit (Morbus haemolyticus fetalis sive neonatorum).

Von Bedeutung sind Blutgruppen auch in der forensischen Medizin (Gerichtsmedizin). Sie dienen der Identifizierung von Personen bei den verschiedensten Fragestellungen, von Abstammungsgutachten bis hin zu Tätersuche und Spurensicherung.

Auch in der Anthropologie (Lehre vom Menschen) sind Blutgruppen sehr nützlich, um die Entwicklung des Menschen und unterschiedliche Merkmale wissenschaftlich zu erforschen.

In der Genetik ist eine Blutgruppenbestimmung besonders im Rahmen von Vaterschaftstests bedeutsam.

AB0-System

Heute ist eine Vielzahl von unterschiedlichen Blutgruppen-Systemen bekannt, die allerdings nur zu einem geringen Teil praktische Anwendung finden. Das wichtigste ist das 1901 von dem österreichischen Bakteriologen Karl Landsteiner entdeckte AB0-System (ABNull-System). Es umfasst die vier Haupt-Blutgruppen A, B, 0 und AB.

Bei der Blutgruppenvererbung spielen die Begriffe "dominant" und "rezessiv" eine wichtige Rolle: Die jeweilige Blutgruppe eines Menschen ist in seiner Erbinformation in doppelter Ausführung kodiert. Dabei stammt eine Fassung von der Mutter, die andere hat man vom Vater geerbt. Hat ein Mensch zum Beispiel das Merkmal für Blutgruppe A von seiner Mutter geerbt und vom Vater das Merkmal für Blutgruppe 0, hat er die Blutgruppe A. Das liegt daran, dass sich Merkmal A durchsetzt – es ist dominant. Das Merkmal 0 ist rezessiv und wird "überstimmt". Auch das Merkmal B ist dominant. Ein Mensch mit den geerbten Merkmalen B und 0 hat demnach die Blutgruppe B. Was ist aber mit Menschen, die zwei dominante Merkmale von ihren Eltern erhalten haben? Sind es jeweils dieselben (z.B. A und A) bildet sich auch genau diese Blutgruppe aus (hier Blutgruppe A). Liegen die gleichwertig dominanten Merkmale A und B vor, kommt es zur Blutgruppe AB. Das Blutgruppen-Merkmal 0 ist zwar rezessiv – aber wenn Vater und Mutter beide das Blutgruppen-Merkmal 0 an ihr Kind weitergeben, ist kein "überstimmendes" dominantes Merkmal vorhanden. Das Kind hat dann die Blutgruppe 0. Aufgrund dieser Mechanismen der Blutgruppenvererbung wird die Blutgruppenbestimmung zum Beispiel für Abstammungsgutachten genutzt.

Im Blutplasma befinden sich Eiweiße, die gegen körperfremdes Material gerichtet sind und somit einen wichtigen Teil des menschlichen Immunsystems ausmachen: die Antikörper. Je nach Blutgruppe eines Menschen zirkulieren in seinem Blut auch Antikörper, die gegen die Blutzellen fremder Blutgruppen gerichtet sind – Antikörper gegen die eigenen Erythrozyten kommen aber nicht vor (Landsteinersche Regel). Ein Beispiel veranschaulicht das Ganze: Ein Mensch mit der Blutgruppe A besitzt auf seinen Erythrozyten nur das Antigen A. In seinem Blut zirkulieren Antikörper gegen das Antigen B. Vermischt man sein Blut nun zum Beispiel mit dem Blut der Blutgruppe B, kommt es zu einer sogenannten Antigen-Antikörper-Reaktion. Die Antikörper greifen die "fremden" Blutzellen an – es kommt zu einer Verklumpung (Agglutination). Das wird als AB0-Inkompatibililtät (AB0-Unverträglichkeit) bezeichnet. Sie ist bei Bluttransfusionen und in der Geburtshilfe von Bedeutung.

AB0-Blutgruppenbestimmung

Möchte man die Blutgruppe eines Menschen bestimmen, benötigt man zwei Blutproben von ihm: Probe und Gegenprobe.

Bei der Probe zur Blutgruppenbestimmung teilt man das Blut in drei Portionen auf, und gibt jeweils ein Testserum hinzu: Eines mit den Antikörpern Anti-A, das nächste enthält Anti-B-Antikörper und im dritten befinden sich Antikörper gegen beide Antigene (Anti-AB-Antikörper) (links in der Tabelle). Die Blutgruppe lässt sich nun davon ableiten, welche Blut-Testserum-Mischungen verklumpen. Bei der Blutgruppe A verklumpt zum Beispiel das Blut, wenn es mit Anti-A- und Anti-AB-Antikörpern in Kontakt kommt, die im ersten und im dritten Testserum enthalten sind.

Für die Gegenprobe (rechts in der Tabelle) teilt man das Blut ebenfalls in drei Portionen auf – jetzt gibt man allerdings Test-Erythrozyten der Blutgruppen A, B und 0 hinzu. Es kommt wieder zu einem charakteristischen Verklumpungsmuster, das davon abhängt, welche Antikörper im Blut des untersuchten Menschen zirkulieren.

Bei korrekter Durchführung stimmen das Ergebnis von Probe und Gegenprobe überein.

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Abersicht: Blutgruppenbestimmung

Eine AB0-Inkompatibilität zwischen Mutter und Kind tritt gehäuft bei der Konstellation – Mutter = Blutgruppe 0 und Kind = Blutgruppe A auf. Im Gegensatz zur Rhesus-Inkompatibilität tritt vor der Geburt keine Schädigung des Fötus auf. Nach der Geburt bemerkt man eine rasch zunehmende Gelbfärbung der Haut (Ikterus), die sich jedoch durch eine Phototherapie gut behandeln lässt. Dabei wird der Blaulichtanteil des Lichtspektrums mit einer Wellenlänge von 420-480 Nanometern genutzt, um das in der Haut des Kindes befindliche Bilirubin abzubauen. Die Kinder liegen unter der Lichtquelle und tragen eine spezielle Brille, um Schäden am Auge – genauer an der Netzhaut – zu vermeiden. Eine Blutaustauschtransfusion ist nur selten notwendig.

Rhesus-System

Das AB0-System ist aber nicht das einzige Schema, nach dem sich die Blutgruppen einteilen lassen: Das sogenannte Rhesus-System ist ebenfalls von großer Bedeutung.

Das Rhesus-System stammt aus dem Jahr 1940 und ebenfalls von Karl Landsteiner, der bereits 1930 für die Entdeckung der menschlichen Blutgruppen den Nobelpreis für Physiologie erhielt. Zum Rhesus-System gehören mehrere Antigene, sogenannte Rhesusfaktoren (Rh-Faktoren), die auf den Erythrozyten vorkommen. Beim Menschen gibt es die Rhesusfaktoren C, D, E und c, d, e. Auch im Rhesus-System kann es zu Unverträglichkeiten zwischen den Blutgruppen zweier Individuen mit verschiedenen Rh-Faktoren kommen. Diese sind wie beim AB0-System für Bluttransfusionen und in der Geburtshilfe (z. B. beim Morbus haemolyticus fetalis sive neonatorum) von besonderer Bedeutung.

Weitere Informationen

Linktipps:

Quellen:

Silbernagl, S., Despopoulos, A.: Taschenatlas der Physiologie. Thieme, Stuttgart 2012

Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 263. Auflage, de Gruyter, Berlin 2011

Luxem, J., Runggaldier, K., Kühn, D.: Rettungsdienst RS/RH. Elsevier, München 2010

Silbernagel, S. et al.: Physiologie, Thieme, Stuttgart 2010

Murphy, K., Travers, P., Walport, M.: Janeway Immunologie. Spektrum, Heidelberg 2009

Letzte inhaltliche Prüfung: 30.11.2012
Letzte Änderung: 02.12.2021