Eine Frau steht mit dem Rücken zu uns, auf ihrem Rücken viele Kinesio tapes
© Getty Images

Die klebrige Wahrheit über Kinesio-Tapes

Bunte Klebestreifen zieren die Haut vieler Sportler. Auch immer mehr Menschen mit chronischen Rücken- oder Schulterschmerzen setzen auf die sogenannten Kinesio-Tapes. Helfen die roten, blauen oder pinken Klebebänder tatsächlich?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Die klebrige Wahrheit über Kinesio-Tapes

Kinesio-Tapes sind hochelastische Pflaster aus Stoff, die bei der Behandlung von Muskel- und Gelenkschmerzen zum Einsatz kommen. "Kinesio" steht für Kinesiologie. Dabei handelt es sich um ein alternatives Heilverfahren, bei dem es primär darum geht, mittels bestimmter Muskeltests Blockaden zu lösen. Für die Diagnose- und Behandlungsmethoden gibt es jedoch keine gesicherten wissenschaftlichen Belege.

Der Ursprung des Kinesio-Tapes

Schon in den 1970er-Jahren widmete sich der japanische Chiropraktiker Dr. Kenzo Kase dem elastischen Klebeverfahren. Er suchte nach einer Möglichkeit, die Durchblutung der Muskulatur zu steigern, damit Sportler ihre eigenen Bewegungen besser wahrnehmen können und seltener unter Gelenkschmerzen leiden – ohne dabei allerdings die Bewegungsfreiheit eingrenzen zu müssen. Und so stellte Kase nach zwei Jahren Forschungsarbeit 1979 zum ersten Mal seine Erfindung vor: das Kinesio-Taping.

Lange Zeit interessierten sich nur wenige Menschen für die luftdurchlässigen, elastischen Bänder aus Fernost. Doch seit immer mehr verklebte Spitzensportler in den Medien auftauchen, wächst das Interesse an der Behandlungsform auch bei Breitensportlern.

Lesetipp: Fünf Zeichen, dass Sie es mit dem Sport übertreiben

Kinesio-Taping: Was soll es bringen?

Kinesio-Tapes sind keine gewöhnlichen Verbände. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Verbänden, die man aus dem Erste-Hilfe-Koffer kennt, sind die bunten Kinesio-Tapes atmungsaktiv und äußerst elastisch. Sie kleben – manchmal sogar mehrere Tage – direkt auf der Haut und passen sich sämtlichen Bewegungen an.

Die aufgeklebten Streifen heben die Haut an den getapten Stellen etwas an, wodurch die Blut- und Lymphzirkulation angeregt werden soll. Das Band gibt sozusagen eine dauerhafte, sanfte Massage auf die Muskeln ab.

Korrekt aufgeklebt sollen die Streifen dazu beitragen,

  • Schmerzen und Schwellungen zu lindern,
  • den Lymph- und Blutfluss anzuregen,
  • die Gelenkbeweglichkeit zu verbessern,
  • den Muskeltonus zu regulieren
  • und eigene Bewegungen besser wahrzunehmen (Propriozeption).

Die Tapes werden zudem häufig bei Sportverletzungen eingesetzt, so etwa bei

Tipps für die Praxis

Wie wird ein Kinesio-Tape angebracht?

Sie können das Kinesio-Tape entweder von einem Arzt anbringen lassen, oder sich selbst tapen. Dies erfordert allerdings ein wenig Übung. Zudem gibt es auch Körperstellen, die alleine schlecht zu erreichen sind.

Um ein Kinesio-Tape eigenständig anzubringen, gehen Sie folgendermaßen vor:

  • Stellen Sie sicher, dass Ihre Haut trocken und sauber ist, damit keine Bakterien unter das Tape gelangen können.
  • Schneiden Sie das Tape in die richtige Form und Länge. Tipp: Wenn Sie die Ecken abrunden, haftet es besser an der Haut.
  • Im Anschluss reiben Sie das Tape mit Ihren Händen warm. Nur so kann der Klebstoff wirken.
  • Ziehen Sie die Folie ab und legen Sie das Tape auf die betroffene Körperstelle. Achten Sie darauf, dass dabei keine Falten entstehen.

Wie lange sollte das Kinesio-Tape auf der Haut bleiben?

In der Regel löst sich das Tape nach 4 bis 6 Tagen von selber ab. Vorzeitig entfernen sollten Sie das Tape, wenn Sie Schmerzen haben oder die beklebte Körperstelle zu jucken beginnt oder anschwillt.

Wo kann ich Kinesio-Tape kaufen?

Grundsätzlich können Sie das Tape in der Apotheke oder online erwerben. Inzwischen gibt es Kinesio-Tapes aber auch in Drogerien und teilwiese auch Discountern zu kaufen. Eine Rolle kostet rund 3 bis 5 Euro.

Was sagt die Wissenschaft?

Mittlerweile gibt es zahlreiche Untersuchungen zur Wirksamkeit von Kinesio-Tapes – die Ergebnisse mögen den Hype um die bunten Wunderbänder allerdings etwas trüben.

Einige Studien deuten zwar darauf hin, dass Kinesio-Tapes bei leichten Muskelschmerzen und -verspannungen zumindest kurzzeitig die Symptome lindern können – allerdings wirken die aufgeklebten Bänder nicht besser als klassische Maßnahmen (z.B. Kälte- oder Wärmetherapie).

Lesetipp: Wärmetherapie und Kältetherapie – Was hilft wann?

Gegen längerfristige Beschwerden – zum Beispiel gegen andauernde Rückenschmerzen – helfen Kinesio-Tapes nur geringfügig. In diesem Fall sollte man nicht ausschließlich auf die Wirkung der bunten Tapes hoffen, sondern sich lieber in die professionellen Hände eines Physiotherapeuten begeben und zum Beispiel die betroffene Muskulatur kräftigen.

Lesetipp: Erste Hilfe bei Muskelzerrungen

Ein weiteres Bespiel: das Impingement-Syndrom. Hier sollen die aufgeklebten Tapes dazu beitragen, den Arm wieder schmerzfrei bewegen zu können. Wissenschaftlich gesehen darf auch dieses Versprechen angezweifelt werden. Die wenigen Forschungsergebnisse, die es dazu bislang gibt, sind widersprüchlich.

Einige wenige Studien unterstützen allerdings die Annahme, dass Kinesio-Tapes die Gelenkbeweglichkeit und die Propriozeption (die Wahrnehmung von Bewegungen und Körperhaltungen) verbessern.

Fazit

Kinesio-Tapes sind relativ kostengünstig, schmerzfrei und verursachen keine Nebenwirkungen. Aufgrund der uneinheitlichen Studienlage und der widersprüchlichen Ergebnisse darf man von den farbigen Klebestreifen aber auch keine Wunder erwarten.

Nicht zu unterschätzen: Der Placebo-Effekt

Alles Humbug also? Nicht unbedingt! Man sollte den Placebo-Effekt der bunten Tapeverbände nicht unterschätzen. An der Weltspitze des Leistungssports entscheiden Nuancen über Sieg oder Niederlage. Allein, wenn der Sportler denkt, die aufgeklebten Kinesio-Tapes könnten Schmerzen reduzieren oder anderweitig zur Leistungssteigerung beitragen, haben sie schon einen wichtigen Zweck erfüllt.

Bei Menschen mit chronischen Rückenschmerzen können Kinesio-Tapes möglicherweise die Beweglichkeit der Wirbelsäule verbessern und somit die Behandlung zumindest unterstützen.