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©gettyimages/Yulia Lisitsa

ASMR: Flüstern bis zum Einschlafen

ASMR beschreibt ein Gefühl, das sich unter anderem durch ein behagliches Kribbeln auf der Haut bemerkbar macht. Unter dem Begriff finden sich unzählige Youtube-Videos mit leisen Geräuschen wie Flüstern und Knistern im Internet, die die wohlige Gänsehaut auslösen, entspannen und beruhigen sollen. Was steckt hinter diesem Trend? Bringt ASMR wirklich Entspannung und hilft beim Einschlafen?

Was ist ASMR?

Jemand haucht etwas ins Mikrofon, streichelt es hingebungsvoll mit Federn, klopft sachte mit den Fingernägeln darauf, raschelt mit Papier oder bürstet sich die Haare. Das Internet ist voll mit Videos und Podcasts, die alltägliche Geräusche wirkungsvoll in Szene setzen. Aber auch visuelle Reize wie langsame Handbewegungen oder ein "Streicheln" der Kamera spielen eine Rolle. Dabei soll das Gefühl einer echten Berührung vermittelt werden. Die Nachfrage nach solchen Videos ist groß, sie werden millionenfach geklickt. 2021 war ASMR der drittmeistgesuchte Begriff auf YouTube. Alle Videos haben gemeinsam: Die Personen reden ausschließlich im Flüsterton. Und ihr Ziel ist, dem*der Zuhörer*in einen angenehmen Schauer über die Haut zu jagen, ihn*sie zu entspannen und beim Einschlafen zu helfen. 

Auch in der Werbung wird ASMR bereits eingesetzt, wenn etwa flüsternd Produkte angepriesen werden. Und selbst ASMR-Pornos sind stark gefragt.

Was bedeutet ASMR?

ASMR – ein wissenschaftlich klingender Begriff, der jedoch keinen wissenschaftlichen Ursprung hat. Die Abkürzung steht für "Autonomous Sensory Meridian Response" und bedeutet ins Deutsche übersetzt so viel wie "Autonome sensorische Meridianreaktion" – eine körperliche Reaktion, die unwillkürlich auftritt und sehr stark ist. Bestimmte Sinnesreize sollen diese körperliche Reaktion, die sogenannten "Tingles", hervorrufen. Diese werden als ein Kribbeln beschrieben, das auf der Kopfhaut beginnt und sich dann über den Rücken ausbreitet. Das Gefühl gibt es schon lange, den Begriff erst seit 2010, als die Amerikanerin Jennifer Allen ihn für eine Facebookgruppe erfand. Offensichtlich hatten viele Menschen das Bedürfnis, dem Gefühl einen Namen zu geben. "Gehirnorgasmus" ist eine weitere Umschreibung, die sich häufig im Internet findet.

Was sagt die Forschung zu ASMR?

Tatsächlich haben sich auch schon wissenschaftliche Studien mit dem Phänomen beschäftigt. Einer Studie der Universität Sheffield in England zufolge beispielsweise funktioniert ASMR wirklich. Rund 1.000 Teilnehmende sollten sich Videos mit unterschiedlichen ASMR-Reizen ansehen. Einige Probanden*innen sahen jedoch ein Kontrollvideo, das den anderen zwar ähnelte, jedoch keine der typischen Trigger wie Knistern oder Flüstern enthielt. Diejenigen, die die echten ASMR-Videos schauten, fühlten sich hinterher eigenen Angaben zufolge deutlich entspannter als die Teilnehmenden der Kontrollgruppe.

Bei einer Stichprobe von 110 Freiwilligen überprüfte Studienleiterin Giulia Poerio außerdem Herzfrequenz und Hautleitwert. Das Ergebnis: Während sich die Teilnehmenden ASMR-Videos ansahen, schlug ihr Herz rund dreimal weniger pro Minute und ihr Hautleitwert erhöhte sich – sie bekamen Gänsehaut im positiven Sinne.

Welche Trigger funktionieren besonders gut?

Einer Studie der englischen Psychologin Emma Barratt zufolge steht Flüstern auf Platz eins unter den besonders gefragten Triggern, gefolgt von Knacken und stereotypen Geräuschen wie dem Falten von Handtüchern.

Beliebte Trigger sind zum Beispiel:

  • Flüstern, häufig von sich immer wiederholenden Wörtern
  • Knistern
  • Rauschen (zum Beispiel von Wasser)
  • Klopfen mit den Fingernägeln

Offenbar ist jedoch nicht jeder Mensch gleich empfänglich für ASMR-Effekte. Sensible und synästhetische Menschen reagieren laut Barratt besonders auf die Geräusche, während Poerios Studie zufolge jeder fünfte der Teilnehmenden gar nicht auf die typischen ASMR-Sounds reagierte. Eine kleine Studie der Northumbria University in Newcastle-upon-Tyne fand zudem heraus, dass auch ängstliche und neurotische Menschen besonders stark auf ASMR-Reize reagieren. Ihre Ängste reduzierten sich beim Anschauen der Videos deutlich.

Wirkung von ASMR

Anscheinend helfen bestimmte Geräusche manchen Menschen dabei, sich zu entspannen und einzuschlafen. Warum das so ist, ist jedoch nicht ganz klar. Neurolog*innen der Shenandoah University betrachteten das Gehirn ihrer Teilnehmenden im MRT, während sich diese ASMR-Videos ansahen. Dabei stellten sie fest, dass das Betrachten der Videos offenbar das Belohnungssystem im Gehirn aktivierte. Doch nicht nur das: auch der präfrontale Kortex leuchtete auf, der für soziales Verhalten zuständig ist. Die Muster, die sich zeigten, ähnelten denen, die Menschen beim Musizieren zeigen, aber auch bei sozialer Interaktion, vergleichbar mit der Fellpflege bei Säugetieren. Dabei schüttet der Körper das Kuschelhormon Oxytocin aus. 

Die leise ins Ohr flüsternden Stimmen stellen eine Intimität und Vertrautheit her. In einigen Videos werden die Zuschauer*innen auch in einer Art Rollenspiel eingecremt oder geschminkt. Wer diese aufruft, sucht vermutlich nach persönlicher Zuwendung und Geborgenheit und möchte verwöhnt werden. Bei anderen mögen es die sanften Geräusche sein, die einen Kontrast zum lauten, hektischen Alltag bilden. Schließlich schlafen auch viele Babys gut mit monotonem Rauschen ein.

Allerdings ist davon abzuraten, sich zu viel von ASMR-Videos zu versprechen. Manche Anbieter*innen behaupten beispielsweise, dass ASMR bei Depressionen, Ängsten oder Schlafstörungen helfe. Menschen mit solchen Beschwerden und Erkrankungen gehören jedoch in ärztliche Behandlung und sollten nicht versuchen, sich selbst ausschließlich mit ASMR-Videos zu behandeln.