Wie die menschliche Stimme entsteht

Von Torsten Wendlandt (25. Februar 2011)

Wer im Radiosender am Mikrofon sitzt, muss besonders gut bei Stimme sein. Foto: pa/Keystone

Jeder Mensch hat eine unverwechselbare Stimme, die von vielen Faktoren beeinflusst wird. Sie ist mehr als nur der von den Stimmlippen erzeugte Schall. Wie sie wirkt, was sie beeinflusst und womit wir sprechen und singen können

Bei Babys stimmt alles. Schon beim ersten Schrei des Lebens bringt das Neugeborene den ganzen kleinen Körper zum Vibrieren, dank voller, perfekter Atmung bis in den Bauch hinein. Es kann stundenlang brüllen ohne heiser zu werden, es verwandelt fast die gesamte Energie des Atems in die Stimme. So wie sehr gute Sänger: Man könnte eine Kerze vor ihren Mund halten, die Flamme würde kaum flackern.

Die Stimme des Menschen ist aber weit mehr als der durch Stimmlippen und Kehlkopf erzeugte Schall, moduliert im Mund-, Nasen- und Rachenraum (siehe Grafik), der sich durch Wachstum (Stimmbruch) und Alter verändert. Unsere Stimme ist mehr als schreien, stöhnen, weinen, lachen oder sprechen. Singend etwa kann sie ihren ganzen Zauber entfalten, den Sänger weiten und öffnen.

Die Grafik zeigt, wo die Stimme gebildet wirdGrafik: Das Schaubild zeigt, wo die Laute gebildet werden (zum Vergrößern klicken). Grafik: Markus Kluger

Sie drückt aber auch Stimmung aus, verrät den Gemütszustand: Langsam und spannungsarm bei Trauer und Depression, Zittern bei Unsicherheit, Füllwörter ("Äh") beim Nachdenken, Kommandierton bei Machtgehabe, Räuspern bei Unwohlsein, Hauchen und Flüstern bei Intimität, Näseln bei Wohlbehagen aber auch Arroganz. Die Stimme bestimmt, sie ist nicht nur für Manager, Moderatoren oder Politiker ein (Kommunikations-)Instrument des Erfolgs. Lautstärke allein genügt dabei kaum, sie wird oft sogar als bedrohlich interpretiert. "Mit einer sehr lauten Stimme im Halse ist man fast außerstande, feine Sachen zu denken", schrieb Friedrich Nietzsche. Eine mittlere Sprechstimmlage (170 bis 220 Hertz), entspannt und ungekünstelt erzeugt, variiert in Tempo, Rhythmus und Dynamik, wird deshalb von Phonetikern am angenehmsten und natürlichsten für den Hörer angesehen.

Die Lunge ist wesentlich an der Stimmbildung beteiligt. Grafik: Die Lunge ist wesentlich an der Stimmbildung beteiligt (zum Vergrößern klicken). Grafik: Markus Kluger

übernimmt Dennoch gehen Viele erstaunlich gleichgültig mit der Stimme um. Bereits knapp die Hälfte der Lehramtsanwärter zeigen nach einer Studie der Uni Leipzig Störungssymptome. Indes: Die Stimme ist durchaus wandelbar. "Das richtige Training kann sie wohlklingender und leistungsfähiger machen", sagt der Sprechtrainer Bert Lehwald.

Das Verändern der Stimme hat wiederum seine Grenzen, weil die Einflüsse auf das sensible Phänomen sehr komplex sind. Ein falsches Grinsen zum Beispiel ist viel leichter zu bewerkstelligen als eine gelogene Liebeserklärung. Liebende, haben Psychologen entdeckt, nähern sich auch mit ihren Stimmlagen und dem Sprechtempo unbewusst im Laufe der Zeit immer mehr einander an.

Resonanzräume sind die Lautsprecher der Stimme

Damit die im Kehlkopf produzierte Stimme (Primärstimme) Volumen bekommt und hörbar wird, muss sie im Vokaltrakt (Mund- und Rachenraum, Nasenhöhlen) verändert werden. Diese Resonanzräume sind quasi "Lautsprecher", bei großer Lautstärke kommt sogar der ganze Körper dafür zum Einsatz. Aber die Resonanzräume verstärken nicht nur den Ton, sie geben ihm auch seinen individuellen Klang. Die einmalige Klangfarbe (Timbre) der Stimme bildet sich durch die Anatomie dieser Räume, auch Zahnstellung, Zungengröße und Lippenform spielen eine Rolle. Beim Sprechen wird die Kehlkopfstimme durch das Bewegen der Artikulatoren (Zunge, Glottis, Unterlippe, Gaumen) an den Artikulationsorten in Laute (Vokale, Konsonanten) verwandelt. Es gibt 18 dieser Orte (in der Grafik sind nur einige dargestellt), von labial (b, p) bis glottal (h). Jedes gesprochene (oder gesungene) Wort ist ein komplexes, einzigartiges Kunstwerk. Ein (Kunst-)Wort, das viele Vokale, Konsonanten (außerdem alle Umlaute sowie Eszett) enthält, ist "Heizölrückstoßabdämpfung".

Wer die Tonhöhe variiert, wird wohlwollend eingeschätzt

Je kleiner der Kehlkopf, je schmaler und kürzer die Stimmlippen (Sopran 15 mm, Bass 25 mm), desto höher die Stimme – und umgekehrt. Bei einem tiefen Grundton schwingen die Lippen langsam. Die Höhe des männlichen Grundtons liegt bei etwa 125 Hertz (Frauen 250 Hz, Babies 450). Der menschliche Stimmumfang beträgt normalerweise 1,3 bis 2,5 Oktaven, mit Training sind 3 und mehr möglich. Frequenzbereich des Menschen: 80 Hertz bis 12 Kilohertz, einschließlich der Obertöne. Sie schwingen mit einem Vielfachen der Frequenz des Grundtons und sind die Formanten der Stimme, verleihen ihr Tragfähigkeit. Wer beim Sprechen die Tonhöhe häufig variiert (Melodie), wird nach Meinung von Experten als kompetent, wohlwollend, selbstbewusst und extrovertiert eingeschätzt.

Infos: Übung und Pflege

Training Sprechtrainer Bert Lehwald sagt, mit welchen einfachen Übungen man die Stimme trainieren kann:

Klassiker Korken fünf Millimeter tief zwischen die Zähne stecken und maximal fünf Minuten mit lockeren Lippen einen Text laut und verständlich lesen. Korken entfernen, Text erneut lesen. Die Sprache wird zentrierter, Rachen geweitet, Zunge arbeitet genau. Diese Artikulationsübung trimmt das Sprechwerkzeug kurz vor einem Auftritt.

Stimmübungen Achterbahn Lassen Sie den Vokal U von ganz unten nach ganz oben bei normaler Lautstärke insgesamt zwei Minuten auf- und abklingen. Tonhaltedauer: Versuchen Sie in Ihrer Singtonlage den Ton auf dem Vokal E zehn Sekunden zu halten. Haltezeit steigern.

Lockerung Gähnen Sie mit geschlossenem Mund (wie aus Höflichkeit), um die Stimmlippen zu entspannen. Machen Sie ein Pferd oder einen Motor nach: Erst stimmlos, dann stimmhaft flattern lassen. Danach die Lippen bei geschlossenem Mund abwechselnd in i- und ü-Stellung bringen. Pleuelübung: Die Zunge liegt fest an den unteren Schneidezähnen an und schnellt weich zurück.

Pflege Der Muskelkater der Stimme (Überlastung, Infekt) ist die Heiserkeit. Nicht flüstern, das belastet noch mehr. Viel trinken, ein Glas Wasser mit einer Prise Salz hält die Stimmlippen geschmeidig. Rauchen schadet der Stimme immer.

Zungenbrecher Hier geht es um eine sinnvolle Betonung bei immer höherer Sprechgeschwindigkeit – ohne unsauber zu werden: Auf den sieben Robbenklippen sitzen sieben Robbensippen, die sich in die Rippen stippen bis sie von den Klippen kippen.

Quellen

Gespräch mit Sprechtrainer Bert Lehwald, Berlin, Jan. 2011
Frank Netter: Atlas der Anatomie des Menschen, 2008



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