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Im Strudel der Familienkonflikte

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  • Im Strudel der Familienkonflikte

    Weil es im Forum häufig angesprochen wird, möchte ich hier einmal allgemein ein paar Gedanken teilen, die mir im Laufe der Zeit zu den "Nebenschauplätzen" einer Demenzerkrankung gekommen sind. Es ist etwas ins "Unreine" geschrieben, deshalb bitte ich um Nachsicht, falls es nicht so ganz zu Ende gedacht ist, aber soviel Zeit habe ich ja nicht.

    Im menschlichen Miteinander läuft es bekanntlich bei Weitem nicht "rund". Es ist allzu oft ein emotionales "Drunter und Drüber" und wir kommen immer wieder in den Strudel der eigenen Emotionen und der der anderen. Es gibt Egoismus, Unverständnis, tiefste Verletzungen, jahrelange psychische Belastung usw., wir kennen das alle. Jeder geht anders damit um, und wenn man an den wundesten Punkten getroffen wird, ist nichts mehr steuerbar.

    Eine Eigenschaft, die in solchen Spannungszuständen meiner Meinung nach besonders kräfteraubend ist, ist der Wunsch, den anderen verändern zu wollen, so dass er mir "passt".
    DAS GEHT NICHT.
    Jeder Mensch möchte zunächst angenommen werden als Person und nicht dafür, was er ist oder kann. Und jeder Mensch hat eine eigene Verantwortung, die er NACH SEINEM MASS und nicht nach dem Maßstab der anderen tragen muss - das gilt in gewisser Weise auch für Demenzkranke.

    In der Extremsituation einer Demenzkrankheit wird nun alles auf den Kopf gestellt. Alte Wunden, die eigentlich noch aufgearbeitet werden müssten, müssen nun hinten an gestellt werden und es gibt keinen Raum mehr, die Themen anzugehen, weil viel zu viele andere Aufgaben im Vordergrund stehen. Gerade in schwierigen Situationen bekommen aber genau auch die unbequemen Eigenschaften wieder mehr Raum. Das macht alles nicht einfacher und scheint unlösbar. Jeder will sein "Recht", aber das Chaos ist zu groß.

    Ich spreche hier mal speziell von uns hier, die wir so etwa im Durchschnitt zwischen 45 und 60 sind. Unsere Eltern entstammen der Kriegs- oder Nachkriegsgeneration und waren, als wir Kinder waren, schwer mit dem Aufbau beschäftigt. Sie haben selbst unsägliche Traumata erlebt, die nie aufgearbeitet wurden, bis heute nicht. Erstens war das damals nicht üblich, zweitens hatten die auch gar keine Zeit dafür. Es ging darum, die Kinder durchzubringen und das, wovon wir heute in unserer Gesellschaft profitieren, ist Ergebnis dieser harten Arbeit. Die Früchte der späteren Generation (also unsere Früchte), die dann mehr und mehr geprägt sind vom Genussdenken und "alles haben wollen" werden da wohl unter dem Strich nicht so gut abschneiden.

    Dass unsere Eltern, so wie jeder Mensch überhaupt, auch ihre Verletzungen hinter sich haben, sollten wir uns bewußt machen und ich vermute auch, dass viele Demenzerkrankungen durch die erlebten schrecklichen Ereignisse gefördert wurden.

    Jeder Mensch kann unerträglich böse sein und auch viel Gutes haben. Solange man auf "Augenhöhe" ist, gibt es vielleicht eine Chance, sich zu "einigen", in der Betreuung bei Demenzkranken allerdings geht das meist absolut nicht mehr. Die Frau, die den Mann betreut, ist überfordert und hat nun ein Kind als Lebensgefährten und kann alle Konflikte der Ehejahre nie mehr besprechen. Die Tochter, die die Mutter betreut, muss die Mutter-Tochter-Konflikte außen vor lassen, weil die Mutter es nicht mehr verstehen kann; ...

    Fazit: Zunächst muss man sich klar machen: eigene Wünsche, alte Wunden treten mehr und mehr in den Hintergrund. Ich muss entscheiden: was kann und was will ich leisten. Will ich helfen, kann ich helfen und wenn ja, wieviel. Das Mass an Hilfe, das ich dann gebe, kann aber mehr oder weniger nur BEDINGUNGSLOS sein. Ich bekomme etwas zurück, vielleicht sogar, dass ein angespanntes Verhältnis ganz neue positive Impulse bekommt und dass ich verstehen und vergeben kann.

    Eines möchte ich noch ganz klar sagen: Wer die Verantwortung für einen Demenzkranken hat, und sogar noch mit ihm zusammenlebt, ist nach ein paar Jahren körperlich und psychisch ausgebrannt. Dass heisst nicht, dass man auch wunderbare Erfahrungen machen kann und die Erlebnisse nicht missen möchte - ABER - so jemand kann JEDE erdenkliche Hilfe gebrauchen und man sollte nicht von ihm verlangen auch noch tausend anderen Bedürfnissen gerecht zu werden.

    Und, ein Demenzkranker kann im Verlauf seiner Erkrankung sein Verhalten immer weniger reflektieren und hat somit so eine Art "Freibrief", also Privilegien, die wir nicht haben. Er kann "machen, was er will" - Ausnahme, wenn niemand es mehr aushält, wird er sozusagen in eine für andere erträgliche Lage hineingeführt.

    Ich möchte betonen, dass ein Demenzkranker ein vollwertiges, wichtiges Mitglied unserer Gesellschaft ist. Es ist eine spezielle Art der Behinderung, doch er kann uns sehr viel lehren - gerade vielleicht auch, dass wir die Chance haben, zu lernen, einem Menschen bedingungslos etwas Gutes zu tun.

    Lasst uns nicht nach rechts und links schauen, sondern schauen, was wir gemäß UNSEREN Möglichkeiten beisteuern können, möglichst ohne Dank zu erwarten. Der "Lohn" kommt oft ganz überraschend auf andere Weise.

    Soweit mal ein paar Gedanken "am Rande". Vielleicht hat der ein oder andere noch weitere Anregungen, die er beitragen kann.

    Danke für die Möglichkeit, sich hier mit Euch austauschen zu können, liebe Grüße, Eva Franziska

  • Re: Im Strudel der Familienkonflikte


    Also, wir plaudern in diesem Thread allgemein ins Unreine ? Find ich gut. Hierzu fällt mir sofort ein, was mich diese Erfahrung bisher gelehrt und was ich nicht mehr missen möchte:

    Wie Konflikte aus der Vergangenheit, offene oder versteckte, keine Rolle mehr spielen
    Wie sie mich anstrahlt, wenn sie mich sieht, obwohl sie nicht weiß, dass ich ihre Tochter bin
    Wie sie mir bedingungslos vertraut ("mach alles gut für mich")
    Wie sie kuschelt, ohne Zeitdruck und mit Genuss, wie eine träge Katze, völlig entspannt
    Wie ehrlich, im Sinne von wertfrei und ohne nachzudenken, sie jetzt agiert
    Wie ich lerne, was für ein Mensch sie eigentlich war und ist
    Wie ich anfange zu verstehen, in was für einer Ehe und Familie sie gelebt hat
    Ich erkenne meine Onkel und Tanten, die stets um sie herum sind
    Ihre Freundinnen aus der Schule, sogar dem Kindergarten sind bei ihr
    Ich sehe ihre nackten, unverstellten Gefühle, ihr wahres Temperament
    Auch immer noch ihre strenge Erziehung und ihr anerzogenes gutes Benehmen
    Ihren sicheren Instinkt gegenüber Menschen, die sie nicht mag und die sie mag (aus erkennbaren Gründen)
    Ich lache mich schlapp, wenn sie Wörter neu von mir lernt und plötzlich auch immer GENAU sagt (eine meiner Schwächen)
    Wie sie sich freut, wenn ich mitkichere und sie glaubt, ich hätte "ihren Witz" verstanden
    Und wie ich anfange zu verstehen, warum ich so bin wie ich bin und in dieser Zeit eine Art Therapie durch sie erlebe
    Die Einsicht, wie sinnentleert der Rest der Welt ist
    Wie ich mit Liebe überschüttet werde
    Und wie sie dann wieder strahlt, wenn ich sage "bis morgen"


    Was mich bald um den Verstand bringt:

    Die Nachlässigkeiten im Heim
    Die Ignoranz von Politikern und Pflegekassen
    Dass ich sie nicht mit nach Hause nehmen kann
    Dass sie vielleicht jemand ausschimpft oder anschreit
    Dass ich nicht weiß, ob sie Schmerzen hat
    Dass ich nichts tun kann, außer da zu sein
    Dass es keine Rettung gibt
    Dass ich sie nicht gehen lassen will
    Dass ich jede Minute des Tages Angst habe, dass sie fällt
    Dass ich mit ihr ins Krankenhaus muss
    Dass sie aufhört zu essen
    Dass ich mich gegen eine Fixierung wehren muss
    Dass ich fast nichts mehr verstehe, von dem was sie vor sich hin erzählt
    Dass ich nicht in der Lage bin, mein eigenes Leben noch zu leben
    Dass ich vor Müdigkeit im Stehen schlafen könnte
    Dass ich Angst habe, was später sein wird und ob ich es schaffe, diese wieder gewonnene Zeit dann trotzdem sinnvoll zu füllen
    Dass ich dadurch nicht gut genug für meinen Vater sorgen konnte, der vor 3 Wochen verstorben ist




    __________________________________________________ _______________
    Mein Steckbrief (Stand Jun 2012): Mutter (84), Betreuer Tochter (57), vollzeitberufstätig. Erste Hirnleistungsstörungen diagnostiziert in 1994. Im März 09 als "mittelschwere" Altersdemenz eingestuft. Medikamente in 2009: 1 x wöchentlich Imap-Spritze, morgens und abends eine Piracetam Tablette. Seit Jan 10: Axura 5 mg morgens. Mit Axura deutliche Verbesserung in Wahrnehmung und Wortfindung. Wir werden wieder mit unseren richtigen Namen angesprochen, auch wenn sie nicht weiß, wer wir sind. Sie formuliert ab und zu wieder ganze Sätze, wenn auch kurze. Seit März 10 wieder mehr Stimmungsschwankungen, Weinen, Angst. Es kommen Rückenschmerzen und dadurch eingeschränkte Beweglichkeit hinzu. Ab 23.03. Fentanyl-Pflaster. Am 28.03. 10 Tage Krankenhaus wegen starker Durchfälle. Ab 06.04. auf mehrmaliges Anraten des Neurologen auf die geronto-psych. Abtlg. Dort bekommt sie Solian. Am 20.04.2010 Umzug in ein Seniorenheim. Weiterhin nur Solian (1/2 morgens und abends), nachts bei Bedarf Pipamperonsaft (3 ml), sonst keine Medikamente.

    Kommentar


    • Re: Im Strudel der Familienkonflikte


      Na, dann mach ich mal weiter mit dem ins "Unreine" schreiben:

      An erster Stelle steht bei mir die ständige Angst, daß meine Mutter ins Krankenhaus muß, aus welch einem Grund auch immer, das war schon ein paar Mal der Fall und somit für meine Mutter der reinste "Horror"....

      wie es wird, wenn sie das Niedrigbett bekommt....
      wenn sie dann ohne Fixierung nachts schläft und sie dann aus dem Bett auf eine weiche Unterlage rollt... wie wird sie reagieren..

      ich soll ja dann auch spät ins Heim kommen um evtl. eine solche Situation miterleben.... ich habe Angst davor, ganz ehrlich...

      oder sie schläft ruhiger ohne Fixierung und bleibt liegen...
      keiner weiß es....

      So, daß waren die negativen Gedanken, die bei mir bei Tag und Nacht sind.

      Positive Gedanken und Erlebnisse gibts natürlich auch:
      weil sie mich noch erkennt,
      sie noch alleine essen kann,
      noch mit mir ab und zu die Zeitung so grob durchlesen kann,
      sie immer gut "drauf" ist,
      sie manchmal noch in ihrem Malbuch was ausmalt,
      ihr Gesicht vor dem Spiegel noch eincremen kann,
      mir zeigen kann, wo ihr Mund, ihre Nase und ihre Ohren sind,
      manchmal deutlich spricht.
      Das ist doch noch viel, oder?????

      Gute nacht ,
      Grüße aus Bayern
      Karin

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      • Re: Im Strudel der Familienkonflikte


        Genau, das ist noch sehr viel. Und bei allen die gleichen Sorgen - ich bin nicht allein !

        (Schubidu, nicht fixieren lassen, bitte, bitte! Vielleicht zweite Matratze vor dem Bett ? Funktioniert bei einem Mitbewohner bisher sehr gut. Aber das gehört schon wieder nicht hier rein.)

        Kommentar



        • Re: Im Strudel der Familienkonflikte


          Ich warte täglich auf den Beschluß vom Amtsgericht zur Aufstellung des Niedrigbettes und somit Aufhebung der Fixierung.
          Es ist eine Verfahrenspflegerin vom Amtsgericht bestellt worden, ich habe mit dieser und der Pflegedienstleitung des Heimes ein Gespräch geführt. Das letzte Wort habe aber immer noch ich.

          Es handelt sich hier um das Modell "Werdenfelser Weg".

          Grüße
          Karin

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          • Re: Im Strudel der Familienkonflikte


            Hallo an alle miteinander,
            Ihr habt das alles so w u n d e r b a r auf den Punkt gebracht.
            Eine Erfrischung in dieser grausamen Krankheit, neue Gedanken-gänge, um damit besser umgehen zu lernen. Grüße. Weiter so !!!!!!!!!!!!!!

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            • Re: Im Strudel der Familienkonflikte


              Ach, ihr Lieben ... dann will ich auch mal bisschen Frust ablassen. Ich habe sonst nicht viele Möglichkeiten, das zu tun. Meine Umgebung mag's nicht mehr hören und ich mag es ihnen auch nicht antun.

              Aber tief drinnen in mir brodelt es. Warum rege ich mich auch so furchtbar auf - z. B. über die Schlamperei im Pflegeheim (in dem meine Mutter inzwischen ist, weil es zu Hause nicht mehr ging).

              Über Kleinigkeiten wie die zuckersüßen Billiglimonaden, die es zu jeder Mahlzeit gibt. Meine Mutter hat noch Originalzähne, ich putze sie zwar fast täglich, aber man sieht schon, dass der Zucker Wirkung hat.

              Und über vertane Chancen. Nach einer Schenkelhalsfraktur wurde im Krankenhaus am 3. Tag nach OP mit Steh- und Lauftraining begonnen. Zurück im Heim wurde sie ins Bett gesteckt. Trotz meiner Proteste wurde sie nicht weiter mobilisiert. Ich schaltete den Arzt ein und nach einer weiteren Woche wurde sie wenigstens mal alle 2 Tage in den Rollstuhl gesetzt. Inzwischen sind die Beine dünner als meine Unterarme, an Stehen oder Gehen ist nicht zu denken, nicht mal aufrecht Sitzen klappt, da hilft auch 2x wöchentlich Krankengymnastik nicht mehr.

              Ich hatte gehofft, dass ich weniger Stress haben würde, wenn sie im Heim ist, aber es ist eher mehr geworden. Meine Mutter tut mir leid, meine Familie ... ich tue mir leid ...
              LG louisanne

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              • Re: Im Strudel der Familienkonflikte - Ergänzung


                Nun, das Thema ist doch in eine andere Richtung gegangen als geplant, macht aber nichts.

                Da muss ich nun dann aber auch noch etwas (viel) Senf dazugeben:




                Also hier meine Hoch- und Tief- und Tief- und Hochpunkte:


                – dass die Demenz mir immer mindestens einen Schritt voraus ist

                + wenn ein paar Stunden alles "normal" erscheint

                + – wenn meine Mutter nach drei Stunden Aufstehdesaster (wann muss ich aufstehen, was muss ich machen, wo muss ich hin, wer kommt, wo bist du, was muss ich machen, wann muss ich aufstehen, bist du da, was muss ich denn jetzt machen …) beim überraschenden Besuch von 1 Ergotherapeutin inkl. zwei Praktikanten und zwei Hunden bei 30 Grad im Schatten alles relaxt mitmacht und am Schluss noch sagt "ich begleite sie hinaus" !? :-)))

                + als sie sagte "du tust mir leid" und dann aber auch gleich wieder ganz zufrieden war

                + ihren Humor. Z.B. beim Wegräumen der abendlichen Stolpergefahren, nahm ich die Schuhe unter dem Tisch beiseite. Frage: Warum denn das? "Damit Du nicht stolperst". Antwort: "aber nur, wenn ich um Mitternacht wieder unter dem Tisch spazieren gehe".

                + als sie einen dicken Fuß hatte und die Ergotherapeutin entsetzt fragte: Was haben Sie denn gemacht? Antwort: "Ich habe zulange gelebt". :-)))

                – wenn mir alles entgleitet und ich nur noch Sachen hin und her schiebe

                + wenn wir uns kaputt lachen, dass es dann bei mir nach dem Schmieren eines Butterbrotes so aussieht, als hätte ich ein 9-Gänge-Menü gekocht

                + dass meine Mutter jeden Tag von der selben Ameise besucht wird :-)

                – die Aussage "aaaaber deine Mutter ist ja noch soooo gut dran" (na ja, gemessen an anderen stimmt es sogar)

                – wenn ich die Betreuer betreuen muss

                – dass es so schwer ist, gute Betreuer zu finden

                – wenn mir vor der Nacht graut

                + wenn ich jeden Morgen neue Kraft und Hoffnung bekomme, dass alles so gut ist, wie es ist

                – dass ich nicht mehr frei entscheiden kann, wann ich wo hingehe

                + dass ich mehr und mehr frei werde von den üblichen, scheinbar so wichtigen Dingen, die einem vormachen, das dies das Leben ist und die doch meist nur eine kurze Halbwertzeit haben

                – dass ich mich nicht mal ein paar Tage erholen kann

                – dass der Freundeskreis sich verändert hat

                + dass der Freundeskreis sich verändert hat :-)

                + dass es Menschen gibt, die mir meine Schilderungen über unsere Lage glauben

                + wenn ich doch fühle, dass meine Mutter meine Mutter ist und nicht mein Kind

                – dass Demenz wie Aussatz behandelt wird

                – – dass unsere Gesellschaft die Misshandlung alter Menschen in einigen Pflegeheimen mit dem Personalmangel entschuldigt. Wohlgemerkt, ich mache nicht den überforderten Kräften den Vorwurf, denen allenfalls, dass sie sich nicht organisieren. Die wirklich Schuldigen sind WIR alle, die wir die Zustände als unabwendbar hinnahmen (ich habe nie groß darüber nachgedacht) und hinnehmen, und das sind teilweise Zustände, die zur Schließung jedes Tierheimes führen würden.

                – dass man aus dem Leid der Alten und den Schwierigkeiten der Angehörigen auch ganz schön Profit ziehen kann

                + dass wir in Deutschland aber - noch - relativ viele Hilfen bekommen (wenn wir denn darum wissen, dass es solche gibt)

                – die Leute, die mich besuchen, meiner Mutter 2 Sekunden "Guten Tag" sagen, über den Kopf meiner Mutter mit mir erzählen und dann lobend erwähnen, wie fit sie wirkt

                +++ wenn jemand mal nicht über den Kopf meiner Mutter hinweg nur mit mir spricht, sondern echtes Interesse an ihr hat

                + wenn sie im Liegestuhl liegt und sagt, dass es ihr gefällt

                + so manch ein "MENSCH", den ich bei meinen Gängen durch die deutsche Bürokratie und die Beratungsstellen erleben durfte und darf. Danke ihr lieben "Strohhalme", an denen ich mich festhalten kann.

                – wenn sie die immer häufiger werdenden Phasen hat, in denen sie alle 3-5 Minuten fragt, was heute oder morgen ist

                ++ dass sie zu 98% freundlich ist

                ++ das Forum hier!!!!

                + wenn sie morgens wie ein kleines Kind das Aufstehen vermeiden will und dann ganz genüsslich im Bett liegt, während ich nebenan in der Küche wusele.

                + die Videoüberwachungsanlage. Sie hat mir schon so manche Dienste erwiesen und besonders das nächtliche Herzklopfen beruhigt, wenn ich feststellte, dass das Poltern doch nur von den Nachbarn kam und meine Mutter friedlich im Bett war.

                – dass ich mich viel zu sehr identifiziere und manche Verhaltensweisen sogar übernehme

                ++ wenn eine Betreuerin mit meiner Mutter Luftballon spielt und unten ein äußerst lustiges Spektakel stattfindet und wenn sie nachher zusammen ein geistliches Lied singen

                – Sorge um drohende finanzielle Engpässe und berufliches Aus

                – dass ich nicht weinen darf, weil es meine Mutter irritieren würde

                – dass ich manchmal nicht mehr weiß, wer von uns beiden wer ist

                – dass ich eigentlich nicht mehr kann

                – dass ich keinen (Menschen) habe, der die Verantwortung mitträgt

                – dass man für die Gelder der Pflegestufe betteln muss

                – dass die Hausärzte immer noch wenig Ahnung haben (oder haben wollen), was im Kreise der Alten passiert

                – dass "gesunde" Alte mit ihresgleichen oft sehr gnadenlos umgehen, wenn sie demenzkrank sind (Angst?)

                – dass ich denen im Forum, die es noch schwerer haben, nicht helfen kann (außer dem Gebet)

                + dass es immer noch Freunde gibt, die es interessiert, wie es meiner Mutter geht

                + dass es mir nicht mehr so wichtig ist, was andere von mir denken

                + dass ich das Leben lernen darf, auch wenn der Untericht hart ist

                + dass ich die kleinen Dinge schätzen lerne

                Uff, ich höre jetzt lieber erst mal auf …
                nur noch eines

                +++ Das Gott mir Kraft und Freude gibt und ich hoffen darf, dass meine Mutter trotz (oder gerade wegen der Demenz) den Weg zu Gott findet.

                Kommentar


                • Re: Im Strudel der Familienkonflikte - Ergänzung


                  Liebe Eva-Franziska,
                  was war denn der ursprüngliche Ansatz ? Hab noch mal gelesen, aber bin mir nicht wirklich klar darüber. Vielleicht noch einen neuen Thread aufmachen für Ihr Anliegen ? Läuft doch trotzdem ganz gut. ;-)

                  Kommentar


                  • Re: Im Strudel der Familienkonflikte - Ergänzung


                    Liebe Marge!

                    Mein ursprünglicher Ansatz war, Gelegenheit zum Austausch über die Familienkonflikte, die als "Nebenschauplatz" oft alles noch erschweren, also Grabenkriege und Verletzungen, die die pflegenden Angehörigen noch zusätzlich zu verarbeiten haben oder die eine sinnvolle Hilfestellung unmöglich machen. Sie haben es ja so schön aufgelöst in der Bemerkung "Wie Konflikte aus der Vergangenheit, offene oder versteckte, keine Rolle mehr spielen".

                    Hauptsächlich kam mir der Gedanke bei Lesen zweier Berichte im Juni von Töchtern, die sich hilflos fühlten.
                    Da ich selbst nicht so stark betroffen bin, kam das vielleicht unverständlich rüber.

                    Aber ich finde die Richtung, in die es nun geht, sogar besser als geplant. Hoffe, es kommen noch ein paar Hoch-Tief-Hochs.

                    Lieben Gruß und viel Kraft !!!
                    Eva Franziska

                    Kommentar



                    • Re: Im Strudel der Familienkonflikte


                      Liebe Eva

                      Dein Bericht spricht mir aus der Seele!! Ich habe viele dieser Erfahrungen gerade im Familienkreis selber machen können oder müssen.
                      Man lernt Familie einfach besser kennen. Im positiven, wie auch im negativen Sinne.

                      Zu mir nur ein kurzer Steckbrief:

                      - April/Mai 2008 die zweite Brustkrebserkrankung mit einhergehenden Wesensveränderungen meiner Mutter(1942 geboren).
                      - Januar 2009 der erste Besuch beim Neurologen. Bis dahin viele Versuche ihre Antihormontherapie zu ergründen.
                      - Oktober 2009 Diagnose Alzheimer Demenz (Pflegestufe 1)
                      - Februar 2010 Betreuungsvollmacht übers Amtsgericht.
                      - Mai 2010 Pflegestufe 2. Anschließender Versuch der Kurzzeitpflege (von Seiten des Pflegeheimes nicht leistbar gewesen). Von da aus in die Geronto-Psychiatrie) und nach ca. 14 Tagen von uns (mir und meiner Zwillingsschwester)wegen unerträglicher Behandlungsweisen nach Hause geholt.
                      - Juli 2010 hat meine kleine Schwester die Betreunung zu Hause übernommen (Freistellung vom Arbeitgeber.)
                      - August 2010 (Pflegestufe 3)parallel dazu habe ich auch für meinen Vater die Betreuung in allen rechtlichen Dingen übernommen (Generalvollmacht). Er hatte immer mehr Probleme mit der Erkrankung meiner Mutter bekommen.
                      - Januar 2011 hat meine kleine Schwester ihren Vollzeitjob gekündigt und die Pflege zu Hause ganz übernommen.
                      - bis April 2012 ein schnelles stetiges Vortschreiten ihrer Demenz.
                      - Ende Mai 100%ige Bettlägerigkeit.
                      - am 30.06. um 1:45 Uhr im Kreise der Familie (mein Vater, meine kleine Schwester und ich) eingeschlafen.

                      Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich auch gar nicht mehr so viel dazu schreiben, da ich noch schwer mit mir am kämpfen bin. Mir war vorher schon klar, dass ich in ein tiefes Loch fallen werde. Dazu war aus unsere Sicht das Erlebte viel zu intensiv.

                      Ich habe aber die Gewissheit alles was möglich war für meine Mutter getan zu haben. Wir haben meiner Meinung nach alle Register gezogen. Mehr geht glaube ich nicht.
                      Und jetzt ist bei mir gerade das Loch da!!(::I)

                      Dieser Weg wird einen kleinen Teil dazu beitragen das alles zu verarbeiten --- Danke(8)) ---.
                      Nächsten Monat werde ich für 2 Wochen dann (zum ersten Mal) ganz alleine mit meinem Wohnwagen an die Ostseeküste fahren um mich dort zu Erholen.

                      Ich wünsche allen viel Kraft und alles Gute.

                      LG Suse

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                      • Re: Im Strudel der Familienkonflikte


                        Liebe Suse,

                        das tut mir furchtbar leid. Sie und Ihre Schwester haben Bewundernswertes geleistet.

                        Für die Zukunft alles erdenklich Gute.

                        Marge





                        __________________________________________________ __________________
                        Mein Steckbrief (Stand Jun 2012): Mutter (84), Betreuer Tochter (57), vollzeitberufstätig. Erste Hirnleistungsstörungen diagnostiziert in 1994. Im März 09 als "mittelschwere" Altersdemenz eingestuft. Medikamente in 2009: 1 x wöchentlich Imap-Spritze, morgens und abends eine Piracetam Tablette. Seit Jan 10: Axura 5 mg morgens. Mit Axura deutliche Verbesserung in Wahrnehmung und Wortfindung. Wir werden wieder mit unseren richtigen Namen angesprochen, auch wenn sie nicht weiß, wer wir sind. Sie formuliert ab und zu wieder ganze Sätze, wenn auch kurze. Seit März 10 wieder mehr Stimmungsschwankungen, Weinen, Angst. Es kommen Rückenschmerzen und dadurch eingeschränkte Beweglichkeit hinzu. Ab 23.03. Fentanyl-Pflaster. Am 28.03. 10 Tage Krankenhaus wegen starker Durchfälle. Ab 06.04. auf mehrmaliges Anraten des Neurologen auf die geronto-psych. Abtlg. Dort bekommt sie Solian. Am 20.04.2010 Umzug in ein Seniorenheim. Weiterhin nur Solian (1/2 morgens und abends), nachts bei Bedarf Pipamperonsaft (3 ml), sonst keine Medikamente.

                        Kommentar


                        • Re: Im Strudel der Familienkonflikte


                          Liebe Suse,
                          was mag alles hinter den kurzen Zeilen von Ihnen stecken?

                          Zum Zeitpunkt der Pflege erbringt man physisch und psychisch Höchstleistungen und Sie sagen ja auch, dass Ihnen klar war, dass Sie in ein Loch fallen würden.

                          Ja, wie sich dieses Loch anfühlt, das erleben Sie nun und "die Arbeit" geht weiter, denn nun muss man sich sortieren und das Leben neu denken. Keiner kann sich vorstellen, was die Auseinandersetzung mit dieser Krankheit in einem genau auslöst und verändert.

                          Ich überlege, wie man die Gefühle beschreiben soll. Man kommuniziert intensiv mit einem Menschen, der mehr und mehr da und doch nicht da ist. Man wendet sich ihm ganz zu, aber fragt sich, wo ist der Mensch, wie steht er zu mir, wie sieht er die Welt? Was ist diese Demenz eigentlich, was erzeugt sie: einen Menschen, der ganz Mensch ist und dennoch in seinem kompletten Sein sich selbst verloren hat? Ich halte mich daran fest, dass der, der diesen Menschen erschaffen und vor Anbeginn der Welt gewollt hat, Zugang hat, einen Zugang, den wir meist nicht miterleben dürfen, auf den ich aber vertraue und hoffe.

                          Nicht jeder kann wie Sie auf eine "erfolgreiche" Betreuungszeit zurückblicken, das ist ein großes Geschenk. Es ist ganz sicher oft nicht so möglich oder man macht Fehler, verliert die Nerven - alles das ist auch erlaubt und man darf dazu stehen.

                          Ich wünsche Ihnen, dass das Erlebte zu Ihrem Leben als Bereicherung hinzukommt und vielleicht auch anderen Menschen in der ein oder anderen Weise hilfreich wird. Wenn Sie es mal formulieren können, wäre es schön, Sie würden uns hier ein wenig Anteil haben lassen.

                          Mögen Sie der Trauer nachgeben können, zugleich aber auch Trost erfahren.
                          Meine Gedanken sind mit Ihnen, lieben Gruß, Eva Franziska

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                          • Re: Im Strudel der Familienkonflikte


                            Liebe Suse,
                            ich kann Sie so gut verstehen.
                            Ich wünsche Ihnen, dass Sie an der See wieder ein wenig zu sich selbst finden konnten. Ich habe bis heute Probleme damit, wenngleich bei mir der Kampf weniger in der Familie, als vielmehr mit den Ämtern und den Pflegeeinrichtungen stattfand.

                            Ich konnte seit 8 Jahren keine Auszeit nehmen. Bin einfach nicht dazu in der Lage. Lieben Gruß... Leona

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                            • Re: Im Strudel der Familienkonflikte


                              Hallo Ihr Lieben,

                              melde mich nach einiger Zeit mal wieder um zu berichten wie es weiter ging.
                              Die von mir genommene Auszeit von allem (Campingurlaub alleine an der Ostsee) war richtig, hat für mein Wohlbefinden aber nicht vollständig ausgereicht. Eigentlich habe ich geglaubt die Trauer zum größten Teil bewältigt zu haben und wieder in der Lage zu sein nach vorne zu schauen. Doch Falsch gedacht. .....Vier Wochen später habe ich Symptome eines Burnout´s bekommen. Wenns nach meiner Hausärztin geht, würde sie mich am liebsten in eine Klinik stecken. Geht gar nicht... ! Hab jetzt erst einmal einen Termin bei einer Psychologin. Mal schauen, ob ich mit ihrer Hilfe mich wieder in den Griff bekomme.

                              Zu den Familienkonflikten gibt es auch für mich die positiven als auch negativen Dinge.

                              Schön war zu sehen und auch zu spüren wie wir als engste Familie zusammen als Team funktioniert haben und dadurch unsere Mutter bis zu ihrem Tod zu Hause betreuen konnten. Alles andere wäre für unseren Vater auch nicht ertragbar gewesen. 4 Wochen Kurzzeitpflege waren schon absolut grenzwertig für ihn.

                              Traurig das sich eine Schwester hier vollständig ausgeklinkt hat weil eigene Probleme für sie im Vordergrund standen. Aber haben wir die nicht alle?

                              Wütend darüber sich immer wieder erklären zu müssen, weil bei .....war das doch auch nicht so. Wie war das doch so schön... "Was nicht sein kann, das auch nicht sein darf"
                              Ich habe mich oft gefragt wo eigentlich die Toleranz und Akzeptanz geblieben ist, jeden so leben zu lassen wie er es für richtig hält.

                              Was das organisatorische während dieser Pflegezeit angeht, gab es viele Situationen die wütend und traurig gemacht haben. Gott sei Dank war ich in dieser Zeit aber sehr gut in der Lage Probleme die aufkamen sofort zu erkennen und auch Lösungen parat zu haben. Und wenn das mal nicht der Fall war, wusste ich zumindest wo ich Hilfe erwarten konnte. (Diese Fähigkeit ist mir im Moment etwas abhanden gekommen).

                              LG Susanne

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