Man sieht eine vereinfachte Versione der Darmflora auf dem Bauch einer Frau aufgemalt.
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Nicht nur Antibiotika: Welche Medikamente die Darmflora noch verändern

Die Darmflora spielt eine wichtige Rolle für den Körper und kann durch verschiedene Einflüsse aus dem Gleichgewicht geraten – etwa durch eine Antibiotika-Therapie. Offenbar beeinflussen aber noch weit mehr Medikamente Darmbakterien als gedacht. Erfahren Sie, welche das sind.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Medikamente nehmen Einfluss

Dass es außer Antibiotika weitere Medikamente gibt, die die Darmflora verändern können, hat sich insbesondere in den letzten Jahren gezeigt. So etwa für:

Jedes vierte Medikament beeinträchtigte Darmbakterien

Der Einfluss auf die Darmflora kam bei diesen Medikamenten jedoch eher zufällig zutage. In der Fachzeitschrift Nature wurde nun eine neue Studie veröffentlich, die der Sache systematischer auf den Grund geht. Wissenschaftler nahmen hierfür knapp 1.200 Wirkstoffe unter die Lupe. Dabei zeigte sich, dass etwa jeder vierte Wirkstoff die Zusammensetzung der Darmbakterien und damit die Darmflora veränderte. Viele Wirkstoffe beeinträchtigten gleich mehrere Bakterienarten auf einmal.

Bei einigen Wirkstoffen, die gegen Infektionen eingesetzt werden, war bereits von vornherein anzunehmen, dass sie das Bakterienwachstum im Darm beeinflussen könnten. Aber auch viele andere Wirkstoffe, die nichts mit dem Kampf gegen Infektionen zu tun haben, hindern überraschend viele Bakterienstämme der Darmflora im Wachstum. Bei ihnen ist eine antibakterielle Wirkung nur zum Teil erklärbar.

Der Wirkstoff Auranofin etwa hilft bei rheumatoider Arthritis und basiert auf Gold – einem Edelmetall, das bekanntermaßen das Wachstum von Bakterien hemmt. Auf welche Weise ist allerdings nicht vollkommen geklärt. Andere Wirkstoffe wie Clomifen hemmen Enzyme der Bakterien, was ebenfalls das Wachstum beeinträchtigt. Clomifen kommt normalerweise bei Frauen mit Kinderwunsch zum Einsatz und soll den Eisprung stimulieren.

Bei vielen anderen Wirkstoffen überrascht es dagegen, dass sie überhaupt auf die Bakterien der Darmflora einwirken können, etwa bei Antipsychotika. Wirkstoffe aus dieser Gruppe nehmen normalerweise Einfluss auf Rezeptoren der Botenstoffe Dopamin und Serotonin im Gehirn. Bei Bakterien sind solche Strukturen nicht bekannt.

Ähnlich unerwartet war der Einfluss von Protonenpumpenhemmern. Bislang nahm man an, dass sie die Darmflora aus dem Gleichgewicht bringen können, weil sie den Magensaft weniger sauer machen. Der saure Magensaft ist jedoch auch eine Barriere für Keime, die mit der Nahrung aufgenommen werden. Wissenschaftler gingen deshalb davon aus, dass durch die Einnahme von Protonenpumpenhemmer einfach mehr krankmachende Keime bis in den Darm gelangen. In der Studie zeigte sich jedoch, dass Protonenpumpenhemmer manche Bakterien der Darmflora sogar direkt beeinträchtigen.

Mögliche Langzeitfolgen noch unklar

Die Ergebnisse der Studie erklären bei einigen Wirkstoffen Nebenwirkungen, die man bislang zwar beobachten, nicht jedoch schlüssig herleiten konnte. Welche Langzeitfolgen die Einnahme solcher Medikamente, insbesondere auch in Kombination, auf die Darmflora beziehungsweise die Gesundheit haben könnte, lässt sich allerdings schwer sagen. Denn jeder Mensch besitzt trotz gewisser Überschneidungen eine im Grunde einzigartige Darmflora, die sich im Laufe des Lebens ohnehin immer wieder verändert – unter anderem durch Ernährung und Erkrankungen. Hier müssen weitere Untersuchungen folgen.

Tragen nicht nur Antibiotika zu Resistenzen bei?

Die Forscher stellten zudem fest, dass viele Bakterien, die bereits Resistenzen gegen Antibiotika zeigten, auch gegen die bislang unbekannte bakterienhemmende Wirkung der nicht-antibiotischen Wirkstoffe resistent waren. Der Entstehungsmechanismus ist also möglicherweise der gleiche. Die Ergebnisse legen daher nahe, dass einige der untersuchten Medikamente generell zur Entwicklung von Antibiotikaresistenzen beitragen könnten. Die Studie zeigt allerdings auch, dass viele Wirkstoffe ein bislang ungeahntes Potenzial für die Entwicklung neuer Antibiotika besitzen.

Möglicherweise könnte man die Ergebnisse außerdem für die sogenannte personalisierte Medizin nutzen, so die Wissenschaftler. Darunter versteht man Behandlungskonzepte, die konkret auf einzelne Patienten zugeschnitten sind. Würde man vor einer Medikamenten-Behandlung die Darmflora des Betroffenen analysieren, könnte man zum Beispiel genau solche Wirkstoffe wählen, die zum Betroffenen passen und so weniger Nebenwirkungen hervorrufen.

Was ist die Darmflora?

Unter dem Begriff Darmflora versteht man alle Mikroorganismen, die Darm besiedeln. Ein anderer Ausdruck dafür ist (intestinales) Mikrobiom. Die Darmflora besteht aus mehreren Hundert Bakterienarten und ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich zusammengesetzt. Die meisten Darmbakterien befinden sich dabei im Dickdarm: Hier tummeln sich mehr als zehn Billionen Bakterien.

Die Darmflora hat verschiedene wichtige Funktionen für den Körper. So nimmt sie unter anderem Einfluss auf das Immunsystem, trägt zur Versorgung bestimmter Vitamine bei und hilft beim Abbau unverdaulicher Nahrungsbestandteile. Aus dem Gleichgewicht geraten kann sie zu Erkrankungen beitragen.

Eine Antibiotika-Behandlung beispielsweise etwa greift nicht nur den gewünschten Krankheitserreger an, sondern auch die Bakterien im Darm. So kann sich das Gleichgewicht der Darmflora verschieben. Schädliche Bakterien können sich dann leichter ansiedeln und vermehren. Als Folge kommt es bei vielen Menschen nach einer Antibiotika-Therapie zu Durchfall.