Ein traurig aussehendes Mädchen an einer Schaukel.
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Selektiver Mutismus bei Kindern

Kinder mit Mutismus sprechen nicht – obwohl sie körperlich dazu in der Lage sind. Meist liegt ein sogenannter selektiver Mutismus vor: Das Kind spricht nur mit bestimmten Personen, so etwa mit den Eltern. Bei Kontakt mit anderen Menschen bleibt es hingegen stumm.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Selektiver Mutismus

Viele Kinder reagieren vor fremden Leuten oder in neuen Situationen zunächst schüchtern und sprechen kaum. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit – etwa im Kindergarten – öffnen sie sich jedoch in der Regel und sprechen unbefangen drauflos.

Selektiver Mutismus geht über eine Schüchternheit weit hinaus. Auch nach längerer Eingewöhnung bleiben die betroffenen Kinder stumm – aber nicht in allen Lebensbereichen. Ein typisches Beispiel: Zu Hause plaudert das Kind munter drauflos, im Kindergarten aber gibt es schon seit Monaten keinen Mucks von sich.

Definition: Was ist selektiver Mutismus bei Kindern?

Kinder mit selektivem Mutismus sind unter bestimmten Bedingungen nicht in der Lage, zu sprechen, obwohl ihr Sprachvermögen normal entwickelt ist und ihre Sprachorgane intakt sind. Die Kinder sind in der Lage, sich altersgemäß zu artikulieren und Gesprochenes zu verstehen, sprechen aber nicht oder nur in eingeschränkter Form.

Selektiver Mutismus ist auch unter der Bezeichnung elektiver Mutismus bekannt. Mit selektiv/elektiv ist so viel wie "auswählend" gemeint. Beide Begriffe machen deutlich, dass das Kind nur in bestimmten Situationen nicht spricht, zum Beispiel, wenn bestimmte Personen im Raum sind. Das Wort mutus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie "stumm".

Wesentlich seltener als ein selektiver Mutismus ist der sogenannte totale Mutismus – in diesem Fall spricht das Kind gar nicht mehr, auch nicht mit den Eltern oder anderen nahestehenden Personen.

Manche Wissenschaftler sehen selektiven Mutismus als eine Ausprägung einer Angststörung wie der sozialen Phobie an, andere halten Mutismus nicht für ein eigenständiges Krankheitsbild.

Wie häufig ist selektiver Mutismus?

Die Angaben darüber, wie häufig selektiver Mutismus ist, schwanken. Einige Forscher gehen davon aus, dass weniger als eines von 1.000 Kindern nicht spricht, andere Quellen berichten von bis zu sieben von 1.000 Kindern. Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen. Bei Kindern mit Migrationshintergrund kommt elektiver Mutismus öfter vor als bei Kindern ohne Migrationshintergrund.

Selektiver Mutismus: Ursachen

Wissenschaftler gehen davon aus, dass selektiver Mutismus (elektiver Mutismus) durch mehrere Faktoren begünstigt wird. Hierzu zählen zum Beispiel:

  • Verzögerungen in der Entwicklung: Vor allem die sprachliche Entwicklung ist bei Kindern und Jugendlichen mit selektivem Mutismus häufig nicht auf dem Niveau ihrer Altersgenossen – sie reicht aber in der Regel aus, um sich verbal zu verständigen.
  • Persönlichkeitsmerkmale: Die meisten Kinder weisen bereits vor dem Auftreten des Mutismus bestimmte Persönlichkeitsmerkmale auf. Sie sind scheu und zurückhaltend, ziehen sich lieber zurück und gelten als ängstlich und empfindlich. Häufig haben sie eine enge Bindung zur Mutter und sind überbehütet aufgewachsen.
  • Veranlagung und/oder familiäre Lernumgebung: Selektiver Mutismus tritt gehäuft in Familien auf, in denen vermehrt psychiatrische Erkrankungen vorkommen. Oft ist ein Elternteil auffällig gehemmt oder schüchtern.
  • Kulturelle Belastung: Kinder mit Migrationshintergrund leiden häufiger an selektivem Mutismus, möglicherweise, weil sie mit der Sprache nicht so vertraut sind und Angst haben, Fehler zu machen

Ausgelöst wird selektiver Mutismus schließlich durch eine äußere Belastung – zum Beispiel durch den Eintritt in den Kindergarten. Das Kind zieht sich aus einer sozialen Situation zurück, indem es sich nicht mehr äußert.

Selektiver Mutismus: Symptome

Selektiver Mutismus (elektiver Mutismus) zeichnet sich dadurch aus, dass das Kind nur unter ganz bestimmten Bedingungen spricht.

Das bedeutet: Das Kind schweigt zum Beispiel im Kindergarten oder in der Schule, weist zu Hause aber ein ganz normales Sprechverhalten auf. Die Situationen, in denen das Kind schweigt beziehungsweise spricht, sind dabei immer die gleichen.

Die ersten Symptome zeigen sich oft erstmals im Vorschulalter, seltener tritt selektiver Mutismus erst später in Erscheinung. Viele Kinder sind schon im Vorfeld auffällig ängstlich und schüchtern.

In der Regel stellt ein Arzt die Diagnose erst, wenn die Symptome mindestens über einen Zeitraum von einem Monat anhalten. Meist nehmen die Beschwerden schleichend zu: Das Kind verweigert das Sprechen mit anderen Personen immer häufiger. Schließlich äußert es sich nur noch unter ganz bestimmten Bedingungen.

Betroffene Kinder wirken oft ängstlich und gehemmt und sie meiden den Blickkontakt. Mitunter reagieren sie auch trotzig, missmutig oder depressiv. Im Kreise vertrauter Menschen können sie durch aggressives Verhalten auffallen. Die sprachliche Entwicklung ist in den meisten Fällen normal.

Selektiver Mutismus kann mit weiteren Auffälligkeiten einhergehen, mögliche Symptome sind zum Beispiel

Überblick: Typische Symptome des selektiven Mutismus

Das Kind

  • spricht nur in ausgewählten Situationen oder nur mit bestimmten Personen, in anderen Situationen/bei anderen Personen bleibt es stumm
  • hat in der Regel ein Sprachverständnis und Sprachvermögen, das zum verbalen Kommunizieren ausreicht
  • ist in sozialen Situationen häufig ängstlich
  • ist oft besonders empfindsam
  • vermeidet es in bestimmten Situationen/bei bestimmten Personen, laut zu lachen, zu weinen oder zu husten

Manche Kinder erstarren regelrecht in ihrem körperlichen Ausdrucksverhalten und in ihrer Mimik. Andere vermeiden alle Körpergeräusche wie Husten, Lachen oder Weinen.

Selektiver Mutismus: Diagnose

Die Verdachtsdiagnose selektiver Mutismus (elektiver Mutismus) ergibt sich in der Regel aus den Erzählungen der Familienangehörigen sowie aus der Verhaltensbeobachtung des Arztes.

Der Arzt wird die Eltern im Gespräch beispielsweise fragen,

  • in welchen Situationen das Kind nicht spricht,
  • wie lange die Symptome schon bestehen,
  • wann die Symptome eingesetzt haben oder
  • ob sie einen möglichen Auslöser für das Schweigen ausmachen können.

Nicht jedes Kind, das nicht oder nur wenig spricht, leidet an Mutismus. Daher ist es notwendig, dass der Arzt andere Erkrankungen ausschließt, die ähnliche Symptome hervorrufen. Erkrankungen, die zu ähnlichen Beschwerden führen, sind zum Beispiel:

  • Sprachverlust durch hirnorganische Schäden, etwa durch einen Tumor oder eine Entzündung im Bereich des Gehirns
  • Schwerhörigkeit, Gehörlosigkeit
  • Hörstummheit (Audimutitas), eine Störung der Sprachentwicklung, die sich bereits vor Abschluss des Spracherwerbs bemerkbar macht
  • tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Autismus
  • Erkrankungen, die zu Sprachverlust führen wie etwa das Heller-Syndrom oder das Landau-Kleffner-Syndrom
  • psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie

Daher wird der Mediziner das Kind gründlich körperlich untersuchen. So wird er etwa einen Hörtest durchführen, um ein Problem mit dem Gehör auszuschließen. Darüber hinaus wird er die sprachliche Entwicklung des Kindes prüfen.

Hält (selektiver) Mutismus nicht länger als vier Wochen an, spricht man auch von passagerem (vorübergehendem) Mutismus. Passagerer Mutismus ist in der Regel eine Folge von Trennungsangst. Er kommt etwa vor, wenn das Kind gerade in den Kindergarten oder in die Schule gekommen ist. Auch ein traumatisches Erlebnis kann dazu führen, dass ein Kind vorübergehend nicht spricht.

Selektiver Mutismus: Therapie

Je früher selektiver Mutismus (elektiver Mutismus) behandelt wird, desto besser. Die Therapie sollte individuell auf das Kind zugeschnitten sein.

Die Therapie besteht in der Regel aus verschiedenen Behandlungselementen, die individuell auf das Kind zugeschnitten sind.

Hierzu zählen zum Beispiel:

  • Elterntraining, Familientherapie
  • Psychotherapie zur Erweiterung der kommunikativen Fähigkeiten, so z.B. Verhaltenstherapie
  • Gruppentherapie zum Abbau sozialer Ängste
  • Musiktherapie, Bewegungstherapie, Kunsttherapie
  • ggf. zusätzlich medikamentöse Therapie mit Antidepressiva, wobei diese nicht die einzige Maßnahme darstellen sollte

Das Kind lernt zum Beispiel in der Verhaltenstherapie in einer beschützten Atmosphäre, Schritt für Schritt mit fremden Menschen zu sprechen – so zunächst etwa mit einem Therapeuten. Durch Gestik, Mimik und gemeinsamem Spielen kann der Therapeut behutsam und in angstfreier Umgebung Vertrauen zu dem Kind aufbauen und es ihm leichter machen, sich vor ihm auch verbal zu äußern. Nach und nach wird der Spielraum des Kindes immer mehr erweitert.

Wichtig bei der Therapie des selektiven Mutismus ist es, dass die Eltern und das nähere Umfeld – zum Beispiel Ansprechpartner im Kindergarten oder in der Schule – miteinbezogen werden. Im Rahmen einer Familientherapie kann es wichtig sein, die Einflüsse und Faktoren herauszufinden, die zur Störung geführt haben beziehungsweise diese aufrechterhalten.

Selektiver Mutismus: Verlauf & Vorbeugen

Selektiver Mutismus (elektiver Mutismus) kann sehr unterschiedlich verlaufen:

  • In vielen Fällen bildet er sich im Jugendalter langsam zurück. Diese Kinder zeigen im späteren Leben ein normales Sprechverhalten und sind im sozialen Bereich unauffällig.
  • Andere Kinder wiederum sprechen später zwar wieder, sie haben jedoch weiterhin Probleme damit, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Sie haben Angst vor sozialen Kontakten und ziehen sich gerne zurück.

Oft dauert selektiver Mutismus nur wenige Monate an. Er kann aber auch chronisch werden und über mehrere Jahre hinweg bestehen bleiben.

Generell gilt: Je früher die Therapie einsetzt, desto besser ist auch die Prognose. Bleibt selektiver Mutismus unbehandelt, kann er sich möglicherweise negativ auf das spätere Leben auswirken. So kann es sein, dass die Betroffenen als Erwachsener weiterhin sehr schüchtern sind oder eine soziale Phobie entwickeln.

Erste Anzeichen erkennen

Sicher vorbeugen können Eltern einem selektivem Mutismus nicht – aber auf mögliche erste Anzeichen achten. Wenn Sie Sorge haben, dass Ihr Kind nicht altersgerecht kommuniziert, sollten Sie sich an einen Experten wenden. Eine erste Anlaufstelle kann der Kinderarzt oder ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sein. Hilfe bieten auch die Sprachambulanz des Gesundheitsamts oder eine Frühförderstelle.