Eine Frau blickt ins Schaufenster einer Konditorei.
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Helfen bittere Tropfen wie BitterLiebe gegen Süßhunger?

Statt Dessert ein paar bittere Tropfen: Klingt nicht wirklich verlockend, oder? Die meisten haben nach einer herzhaften Mahlzeit eher Appetit auf Süßes. Doch genau dagegen sollen bittere Tropfen oder Pulver helfen: Angeblich dämpfen sie den Süßhunger, der vielen Menschen das Abnehmen erschwert. Funktioniert das?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Was ist BitterLiebe?

"Bei Deinem nächsten Verlangen nach etwas Süßem empfehlen wir die in BitterLiebe natürlich enthaltenen Bitterstoffe" wirbt der Hersteller der bitteren Tropfen, die er im vergangenen Jahr in der Sendung "Die Höhle der Löwen" präsentierte. Die Idee ist nicht neu. Bitterstoffe gelten schon lange als natürliche Appetitzügler. Auch deshalb wird Abnehmwilligen häufig empfohlen, erst einmal einen Kaffee zu trinken oder ein Stück Zartbitterschokolade zu essen, wenn sie Lust auf Süßes verspüren.

Aber Präparate wie BitterLiebe sind weitaus bitterer als Kaffee oder dunkle Schokolade. Und teurer: Ein 50-Milliliter-Fläschchen BitterLiebe kostet 15 Euro. Für weniger gehypte Konkurrenzprodukte wie BitterStern zahlt man ein paar Euro weniger. Da stellt sich die Frage: Sind die Mittelchen ihren Preis wert?

Das steckt drin

Bittere Tropfen bestehen hauptsächlich aus Alkohol, Wasser und verschiedenen Kräutern. BitterLiebe enthält unter anderem Wermutkraut, Artischockenkraut, Lavendelblüten, Enzianwurzel, Ingwerwurzel, Kardamom, Kurkuma, Löwenzahnwurzel, Schafgarbenkraut, Zitwerwurzel und braunen Fenchel.

Tinkturen anderer Hersteller sind ähnlich zusammengesetzt. Teilweise stehen noch andere Pflanzenextrakte und Gewürze wie etwa Zimt, Isländisch Moos oder Koriander auf der Zutatenliste. Zudem gibt es neben den Tropfen noch bittere Pulver oder pulverhaltige Kapseln, die ohne Alkohol auskommen.

Wissenschaftliche Belege fehlen

All den bitteren Mittelchen ist gemein, dass ihre Wirksamkeit nicht bewiesen ist – jedenfalls nicht direkt. Bisher gibt es keine klinische Studie, die beweist, dass die bitteren Tropfen oder Pulver den Appetit dämpfen.

Wozu klinische Studien?

In klinischen Studien werden Medikamente oder andere Therapien mit freiwilligen Versuchspersonen getestet. Forscherinnen und Forscher beobachten dann, ob das Mittel bei den Probanden die erwünschte Wirkung zeigt – und ob Nebenwirkungen auftreten.

Eine Vergleichsgruppe erhält derweilen ein Placebo, also ein Scheinmedikament ohne Wirkstoff. Eine Zulassung erhält das echte Mittel nur, wenn es besser wirkt als das Placebo. Denn nur dann weiß man, dass seine Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinausgeht.

Für Medikamente sind solche Studien Pflicht. Sie dürfen erst verkauft werden, wenn sie sich in Untersuchungen mit vielen Tausend Menschen bewährt haben. Nahrungsergänzungsmittel werden in der Regel nicht in solchen Studien erprobt. Die Hersteller sind nicht dazu verpflichtet, deren Wirksamkeit nachzuweisen. Darum lässt sich bei vielen freiverkäuflichen Mitteln auch nicht sicher sagen, ob sie wirklich etwas bringen – so auch bei BitterLiebe & Co.

Warum bittere Tropfen trotzdem helfen könnten

Traut man Erfahrungsberichten im Internet, scheinen die bitteren Mittelchen zumindest bei manchen Menschen den erwünschten Effekt zu zeigen. Da könnte zwar auch der erwähnte Placeboeffekt am Werk sein: Womöglich wirkt das Präparat bei den Testerinnen und Testern nur, weil sie es erwarten und daran glauben.

Es spricht aber einiges dafür, dass mehr dahintersteckt. Studien legen beispielsweise nahe, dass der Körper weniger des "Hunger-Hormons" Ghrelin bildet, wenn man etwas Bitteres zu sich genommen hat. Diesen Botenstoff setzt der leere Magen frei, um Hungergefühle auszulösen.

Bitterstoffe wirken dem offenbar entgegen. Nachgewiesen wurde das allerdings nicht mit BitterLiebe, sondern mit wirklich ungenießbaren Chemikalien wie Denatoniumbenzoat und Chinin. Denatoniumbenzoat ist der bitterste Stoff, den je ein Mensch probiert hat. Er wird Haushalts-Mitteln wie Brennspiritus zugesetzt, damit sie nicht versehentlich jemand trinkt (zum Beispiel ein Kind). Chinin ist ein natürlicher Bitterstoff, der aus der Chinarinde gewonnen wird. (Eine geringe Menge davon steckt etwa in bitteren Limonaden wie Bitter Lemon.)

In einem Experiment bekamen acht Frauen eine chininhaltige Flüssigkeit per Nasensonde in den Magen geschleust. Probandinnen aus einer Vergleichsgruppe bekamen unterdessen eine Placebo-Flüssigkeit verabreicht – ebenfalls per Sonde. So konnte keine der Frauen erschmecken, ob sie Chinin oder den Placebo-Saft bekommen hatte.

Anschließend nahmen die Forscherinnen und Forscher den Frauen alle zehn Minuten Blut ab, um den Ghrelin-Spiegel zu messen. Das Ergebnis: Bei den Frauen, die Chinin intus hatten, sank der Ghrelin-Spiegel deutlich ab. Bei den Frauen in der Placebogruppe blieb er unverändert oder erhöhte sich sogar leicht.

Das schien sich tatsächlich auf ihren Appetit auszuwirken, und zwar sofort: Eine Stunde nach der Mageninfusion bekamen alle Frauen ein Milchshake mit belgischem Vanilleeis und Schokosoße serviert. Sobald sie ausgetrunken hatten, wurde das Glas wieder aufgefüllt. Sie sollten so lange trinken, bis sie sich angenehm gesättigt fühlten. Bei den Frauen aus der Chinin-Gruppe ging das deutlich schneller als bei den Probandinnen aus der Placebogruppe.

Was gegen den Kauf spricht

Auch wenn solche Studien beeindruckend klingen: Ihre Ergebnisse sind höchstens Hinweise und haben keine große Aussagekraft. Denn erstens fallen bei so wenigen Testpersonen selbst kleine Effekte stark ins Gewicht. Das heißt: Es könnte sein, dass das bittere Chinin bei den Probandinnen zufällig besonders gut gewirkt hat – und dass die Ergebnisse einer größeren Studie mit mehr Testpersonen nicht so eindrucksvoll ausfallen würden. Außerdem verrät die Studie nicht, wie Männer auf den bitteren Stoff reagieren.

Vor allem aber ist nicht klar, ob sich die Ergebnisse auf jede andere bittere Substanz übertragen lassen. Und welche Menge man davon zu sich nehmen müsste, um die erwünschte Wirkung zu erzielen.

Fazit: Es geht günstiger – und gesünder

Mag sein, dass Präparate wie BitterLiebe tatsächlich gegen Süßhunger helfen. Doch wenn, verdanken sie diese Wirkung höchstwahrscheinlich allein der Tatsache, dass sie Bitterstoffe enthalten. Bitterstoffe stecken von Natur aus in vielen Lebensmitteln wie

  • Grapefruit,
  • Chicorée,
  • Endivien,
  • Rucola,
  • Rosenkohl und Brokkoli,
  • Artischocke und
  • Ingwer.

Wer statt BitterLiebe diese Nahrungsmittel zu sich nimmt, spart nicht nur Geld, sondern lebt auch gesünder. Zum einen, weil sie neben Bitterstoffen zahlreiche wertvolle Nährstoffe liefern. Zum anderen, weil sie im Gegensatz zu den bitteren Tropfen keinen Alkohol enthalten.

Auch gegen Kaffee und dunkle Schokolade spricht nichts, im Gegenteil. Beides ist – wenn man es in Maßen genießt – gesund. Und vor allem: lecker!