Hirntumoren: Warum die Forschung auf Impfungen setzt

Von: Dagmar Schüller (Medizinredakteurin)
Letzte Aktualisierung: 09.06.2026

Hirntumoren gehören zu den Krebsarten, die Betroffene und Angehörige besonders verunsichern. Die Diagnose wirft oft viele Fragen auf. Der Neurologe Prof. Dr. Martin Glas erklärt, warum Hirntumoren besondere Herausforderungen mit sich bringen und welche innovativen Ansätze derzeit Hoffnung machen.

Aktuell wird an der Impfung gegen Hirntumoren geforscht“

Prof. Dr. Martin Glas

Hirntumoren sind häufiger als viele denken

Anders als oft angenommen, zählen Hirntumoren nicht zu den seltenen Krebserkrankungen. Nach Angaben von Prof. Glas werden in Deutschland jedes Jahr rund 30.000 Hirntumoren diagnostiziert, wenn sowohl primäre Hirntumoren als auch Hirnmetastasen berücksichtigt werden. Letztere entwickeln sich aus Krebszellen, die von Tumoren in anderen Organen ins Gehirn gestreut haben.

Nicht jeder Hirntumor ist bösartig, etwa 60 Prozent sind tatsächlich gutartig. Dennoch können auch sie je nach Lage Beschwerden verursachen. Die bösartigen Formen gelten hingegen weiterhin als besonders schwer behandelbar.

Warum Hirntumoren so schwer zu behandeln sind

Das Gehirn stellt die Medizin vor besondere Herausforderungen. Anders als bei vielen anderen Tumoren können Chirurg*innen krankes Gewebe nicht beliebig entfernen, ohne wichtige Funktionen im Körper zu gefährden.

Hinzu kommt, dass Hirntumoren sehr unterschiedlich aufgebaut sind. Selbst Tumoren derselben Diagnose können sich von Person zu Person stark unterscheiden. Oft reagieren sogar einzelne Tumorzellen innerhalb eines Tumors unterschiedlich auf eine Behandlung.

Eine weitere Hürde ist die sogenannte Blut-Hirn-Schranke. Sie schützt das Gehirn vor schädlichen Stoffen aus dem Blutkreislauf. Gleichzeitig erschwert sie jedoch auch den Transport vieler Medikamente ins Gehirn.

„Die Blut-Hirn-Schranke schirmt das zentrale Nervensystem vom restlichen Blutkreislauf ab, wodurch nicht jedes Medikament im Gehirn ankommen kann.“

Zusätzlich gelingt es Hirntumoren häufig, das Immunsystem in ihrer Umgebung zu beeinflussen. Dadurch wirken moderne Immuntherapien bei Hirntumoren oft weniger gut als bei anderen Krebsarten.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es heute?

Die Therapie von Hirntumoren stützt sich derzeit auf mehrere Säulen. Häufig steht zunächst eine Operation im Mittelpunkt. Dabei wird nicht nur Tumorgewebe entfernt, sondern auch Material für die genaue Diagnostik gewonnen.

Je nach Tumorart können anschließend Bestrahlungen oder medikamentöse Therapien folgen. Für bestimmte aggressive Hirntumoren, etwa das Glioblastom, stehen inzwischen zusätzlich sogenannte Tumortherapiefelder zur Verfügung. Dabei kommen schwache elektrische Wechselfelder zum Einsatz, die das Wachstum von Tumorzellen beeinträchtigen sollen.

Personalisierte Therapien durch moderne Studien

Weil Hirntumoren so unterschiedlich sind, setzen Forschende zunehmend auf personalisierte Ansätze. Moderne klinische Studien berücksichtigen immer häufiger die molekularen Eigenschaften eines Tumors.

Dafür wird das Tumorgewebe detailliert untersucht. Anschließend versuchen Forschende herauszufinden, welche Therapie für den jeweiligen Tumor besonders geeignet sein könnte.

Ein vielversprechender Ansatz sind sogenannte adaptive Studien. Dabei wird während der laufenden Studie ausgewertet, welche Behandlungen in bestimmten Untergruppen besonders gute Ergebnisse zeigen. Das Studiendesign kann anschließend entsprechend angepasst werden.

Prof. Glas betont deshalb, dass bei allen Patient*innen geprüft werde, ob eine Studienteilnahme infrage kommt. Gerade bei schwer behandelbaren Erkrankungen könne sie Zugang zu innovativen Therapien ermöglichen.

Krebsimpfung, Blut-Hirn-Schranke und neue Angriffspunkte

Besonders spannend sind aktuelle Forschungsprojekte, die völlig neue Wege beschreiten. Ein Ansatz beschäftigt sich mit therapeutischen Krebsimpfungen. Anders als klassische Impfungen sollen sie nicht vor Krebs schützen, sondern das Immunsystem dabei unterstützen, bereits vorhandene Tumorzellen gezielt anzugreifen.

„Aktuell forschen wir an verschiedenen Ansätzen. So zum Beispiel an der Impfung gegen Krebs. Nicht als Prophylaxe, sondern als Therapie.“

Weitere Forschungsgruppen untersuchen Möglichkeiten, die Blut-Hirn-Schranke zeitweise zu öffnen. Dadurch könnten Medikamente künftig besser an ihren Wirkort gelangen.

Zudem haben Wissenschaftler*innen entdeckt, dass Tumorzellen im Gehirn offenbar Netzwerke bilden und mit gesunden Nervenzellen kommunizieren. Die Hoffnung: Wenn diese Kommunikationswege gezielt unterbrochen werden können, lässt sich das Tumorwachstum möglicherweise bremsen.

Zur Person

Prof. Dr. Martin Glas ist Neurologe und Hirntumorspezialist. Seit Februar 2025 leitet er als Chefarzt die Klinik für Neurologie und Neuroonkologie am St. Marien Hospital Lünen. Zuvor war er Leiter des Neuroonkologischen Zentrums am Westdeutschen Tumorzentrum der Universitätsmedizin Essen.