Das Bild zeigt zwei junge Frauen, die sich unterhalten.
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Erste Hilfe bei psychischen Problemen: Was können Laien tun?

Ob für den Führerschein oder als betrieblicher Ersthelfer – viele von uns haben schon mal an einem Erste-Hilfe-Kurs teilgenommen, um in körperlichen Notfällen helfen zu können. Aber haben Sie sich jemals damit beschäftigt, wie Sie Erste Hilfe bei psychischen Problemen leisten könnten?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Überblick

Laien darin zu schulen, wie sie psychische Notfallhilfe leisten könnten, ist leider keine Selbstverständlichkeit. Dabei wäre es sinnvoll, wenn möglichst viele Mitglieder einer Gemeinschaft wüssten, was in psychischen Krisen als Erstes zu tun ist.

Viele Betroffene zögern lange, bevor sie sich jemandem anvertrauen – wenn sie es überhaupt aus eigenem Antrieb tun. Diese Erfahrung hat auch unser Foren-Experte, Psychiater Dr. Bernhard Riecke, gemacht. Speziell depressive Männer, bei denen die Erkrankung zum ersten Mal auftritt, hätten in vielen Fällen eine hohe Hemmschwelle, professionelle Hilfe anzunehmen. "Das hat gesellschaftspolitische Gründe, da auch in unserer angeblich so aufgeklärten Zeit psychische Erkrankungen als Schwäche, Versagen und so weiter angesehen werden", so Riecke.

Besonders bei einer beginnenden schizophrenen Psychose, wo jedes Krankheitsgefühl fehle, seien es oft die Angehörigen, die den Betroffenen zu einer Behandlung brächten, erklärt Riecke weiter. Er bringt es auf die Kurzformel: "Ein Schizophrener kommt nicht, er wird gebracht."

Mehr Aufklärung nötig

Darum hält Psychiater Riecke nahestehende Menschen – Angehörige, Freunde, nette Kollegen – oder andere Bezugspersonen besonders in psychischen Krisensituationen für unverzichtbar. Entsprechend wichtig findet er es, die Allgemeinheit über psychische Erkrankungen aufzuklären und besser zu informieren: "Info-Kurse wären schon ein Anfang." Geschulte und zur Empathie fähige Helfer seien beispielsweise in Betrieben wünschenswert: Sie könnten Mitarbeitern mit psychischen Krisen, Suizidgedanken oder Panikattacken sofort Beistand leisten.

Genau dieses Ziel verfolgt das Projekt Mental Health First Aid, das in Australien gestartet und mittlerweile in vielen weiteren Ländern eingeführt wurde. Zu dem Zweck bietet es entsprechende Schulungsprogramme für Jedermann.

Was ist Mental Health First Aid?

Mental Health First Aid ist ein Schulungsprogramm, das der Öffentlichkeit vermitteln möchte, wie man jemandem helfen kann, der ...

  • eine psychische Störung entwickelt,
  • eine Verschlimmerung einer bestehenden psychischen Störung durchmacht oder
  • eine psychische Krise durchlebt.

In den Schulungen lernen Laien, wie sie – ähnlich wie bei der klassischen Ersten Hilfe – Menschen mit psychischen Problemen Unterstützung bieten können, bevor diese professionelle Hilfe erhalten oder bis die psychische Krise überwunden ist. Die Entwickler des Projekts meinen, dass es an jedem Arbeitsplatz mindestens ebenso viele psychische wie klassische Ersthelfer geben sollte.

Inzwischen liegen schon einige Studien vor, die den Nutzen des Projekts belegen: Danach können die Schulungen das Verständnis für psychische Probleme in der Öffentlichkeit erhöhen und so die Unterstützung (und auch das Befinden) der Betroffenen verbessern.

In Deutschland gibt es solche Schulungen leider noch nicht. Wer wissen möchte, was zu tun ist, wenn ein Familienangehöriger oder Freund in eine psychische Krise gerät, dem kann folgende Anleitung zur Ersten Hilfe bei psychischen Problemen helfen.

Anleitung zur Ersten Hilfe bei psychischen Problemen

1. Woran kann man erkennen, dass jemand psychische Probleme hat?

  • Informieren Sie sich über psychische Störungen und deren Anzeichen.
  • Denken Sie daran, dass wir alle unterschiedlich sind: Nicht jeder, der psychische Probleme hat, zeigt auch die typischen Symptome.
  • Wenn sich Stimmung, Verhalten, Tatkraft, Gewohnheiten oder Persönlichkeit eines Menschen verändern, könnten psychische Probleme dahinterstecken.
  • Ignorieren Sie solche Signale nicht.

2. Wie spricht man die betroffene Person am besten auf das Thema an?

  • Schaffen Sie Gelegenheiten zum Gespräch. Wählen Sie hierfür einen geeigneten Zeitpunkt, an dem Sie beide nüchtern und in ruhiger Gemütsverfassung sind, sowie einen Ort, an dem Sie sich beide wohl fühlen und ungestört sind.
  • Wenn sich die betroffene Person bei dieser Gelegenheit nicht von sich aus öffnet, sollten Sie das Thema offen und ehrlich selbst ansprechen.
  • Lassen Sie die betroffene Person wissen, dass Sie sich Sorgen um sie machen und ihr gerne helfen möchten.
  • Verwenden Sie Ich-Botschaften wie "Ich mache mir Sorgen, weil …" oder "Mir ist aufgefallen, dass …" anstelle von Du-Aussagen.
  • Respektieren Sie, wie die Person ihre Symptome selber erklärt.
  • Wenn die Person sich nicht wohl dabei fühlt, das Gespräch mit Ihnen zu führen, ermutigen Sie sie, mit jemand anderem über ihr Befinden zu reden.

3. Wie sieht eine gute Unterstützung aus?

  • Behandeln Sie die betroffene Person mit Respekt.
  • Machern Sie ihr keine Vorwürfe wegen ihrer Probleme.
  • Zeigen Sie Verständnis und bieten Sie seelischen Beistand an.
  • Ermutigen Sie die Person, mit Ihnen zu reden.
  • Seien Sie ein guter Zuhörer.
  • Vermitteln Sie Hoffnung auf Besserung.
  • Wenn die Person Informationen zu psychischen Problemen oder Hilfsangeboten wünscht, stellen Sie sicher, dass die Informationsquellen, die Sie nennen, korrekt und der Situation angemessen sind.

4. Welche Dinge sollte man unbedingt vermeiden?

  • Übertreiben Sie es nicht! Seien Sie zum Beispiel nicht überfürsorglich.
  • Seien Sie auch nicht feindselig oder sarkastisch.
  • Nörgeln Sie nicht an der betroffenen Person herum.
  • Vermeiden Sie einen herablassenden Tonfall.
  • Verzichten Sie auf Sprüche wie "Reiß' dich zusammen!" oder "Kopf hoch!".
  • Verharmlosen Sie die Situation der betroffenen Person niemals, indem Sie sie zum Beispiel dazu auffordern, doch mal zu lächeln oder die Kurve zu kriegen.
  • Vermeiden Sie es, die Gefühle der Person zu schmälern oder abzutun mit Aussagen wie "So schlimm klingt das für mich gar nicht".
  • Versuchen Sie nicht, die Person zu heilen oder sich Lösungen für ihre Probleme einfallen zu lassen.

5. Wie kann man die betroffene Person dazu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?

  • Fragen Sie die betroffene Person, ob sie Hilfe benötigt, um mit ihrer Situation oder ihren Gefühlen fertig zu werden.
  • Machen Sie sich am besten vor dem Gespräch mit örtlichen und Online-Hilfsangeboten vertraut.
  • Wenn die Person das Gefühl hat, Hilfe zu brauchen, besprechen Sie mit ihr die verschiedenen Hilfsangebote und ermutigen Sie sie, diese Angebote zu nutzen.
  • Ein guter Anfang wäre es, die Person dazu zu bringen, zum Hausarzt zu gehen.

6. Was tun, wenn die betroffene Person Hilfe ablehnt?

  • Versuchen Sie herauszufinden, ob es bestimmte Gründe dafür gibt. Ihre Ablehnung könnte auf falschen Vorstellungen beruhen. Eventuell können Sie der Person helfen, ihre Scheu vor Hilfsangeboten zu überwinden.
  • Wenn die betroffene Person bei ihrer Ablehnung von Hilfsangeboten bleibt, lassen Sie sie wissen, dass sie sich jederzeit an Sie wenden kann, wenn sie ihre Meinung ändert.
  • Respektieren Sie das Recht der Person, Hilfe abzulehnen – außer Sie glauben, von ihr ginge eine Gefährdung für sich oder andere aus.

7. Was tun, wenn die betroffene Person selbstmordgefährdet ist?

  • Suizid lässt sich verhindern. Die meisten selbstmordgefährdeten Menschen möchten nicht sterben. Sie haben aber das Gefühl, so nicht mehr weiterleben zu können.
  • Es ist wichtig, Selbstmordgedanken und suizidales Verhalten ernst zu nehmen.
  • Selbstmordgedanken und Gefühle offen anzusprechen kann Leben retten.

Die drei wichtigsten Schritte im Überblick:

  1. Wenn Sie vermuten, dass jemand Selbstmordgedanken hat, sprechen Sie denjenigen direkt darauf an.
  2. Wenn der Betroffene Ihren Verdacht bestätigt, bleiben Sie bei ihr. Lassen Sie ihn auf keinen Fall allein!
  3. Stellen Sie Verbindung zu jemandem her, der professionelle Hilfe leisten kann. Kostenlose und anonyme Soforthilfe bekommen Sie zum Beispiel rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge Deutschland unter der Rufnummer 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Auch die kommunalen Sozialpsychiatrischen Dienste, die Teil des öffentlichen Gesundheitsdienstes sind, bieten kostenlose Hilfe und Beratung.

Selbstmordgedanken? Hilfe in ausweglosen Situationen

Erscheint Ihnen Ihre Situation ausweglos? Wissen Sie nicht mehr weiter und kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Versuchen Sie, mit jemandem darüber zu sprechen. Das kann ein Ihnen nahestehender Mensch sein – oder eine professionelle Anlaufstelle, zum Beispiel:

in Deutschland der Sozialpsychiatrische Dienst in Ihrer Stadt bzw. Region oder
die Telefonseelsorge
Tel.: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Internet: www.telefonseelsorge.de

in Österreich die Telefonseelsorge
Tel.: 142
Internet: www.telefonseelsorge.at

in der Schweiz der Schweizer Verband Dargebotene Hand
Tel.: 143
Internet: www.143.ch