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Phagen - Hoffnung, wenn Antibiotika nicht helfen

Von Klaus Fleck (4. Dezember 2014)

Bakteriophagen injizieren ihre Erbsubstanz in die Bakterienzelle. Illustration: Getty Images/Science Photo Library

Dr. Mzia Kutateladze erforscht, wie man bakterielle Infektionen mit speziellen Viren, den Phagen, bekämpfen kann. In West-Europa ist die Phagen-Therapie noch nicht zugelassen.

Patienten mit Viren behandeln, um sie von Infektionen durch Bakterien zu befreien? "Das ist das Prinzip der Phagentherapie, die vor fast 100 Jahren begründet wurde, als es noch keine Antibiotika gab und die jetzt eine Renaissance erfährt", sagt Dr. Mzia Kutateladze, Mikrobiologin und wissenschaftliche Leiterin des Eliava-Instituts für Bakteriophagen in der georgischen Hauptstadt Tiflis.

Der Grund für das erneut entfachte Interesse an dieser Behandlungsmethode, die in der Kaukasusrepublik Georgien eine lange Tradition hat: Weltweit infizieren sich immer mehr Menschen – vor allem bei Krankenhausaufenthalten bzw. medizinischen Eingriffen – mit Bakterien, bei denen Antibiotika nicht mehr wirken. Die Keime sind resistent, also unempfindlich dagegen geworden. Zu den möglichen Folgen zählen monate- oder jahrelang nicht heilende Wunden, Amputationen, Infektionen innerer Organe, Sepsis und nicht selten der Tod.

Phagen sind die natürlichen Feinde der Bakterien

"Phagen", erklärt Mzia Kutateladze, "können eine Alternative zu Antibiotika sein – und auch dann noch helfen, wenn sonst nichts mehr zu helfen scheint. Denn diese Viren sind die natürlichen Feinde der Bakterien. Sie kommen überall in der Natur vor, wo auch Bakterien sind und sie greifen ihre Ziele anders als Antibiotika hochspezifisch an: Das heißt, ein bestimmter Phage sucht sich nur den zu ihm passenden Bakterienstamm aus, um dessen Vertreter zu vernichten."

Das geschieht in der Regel, indem er seine Erbsubstanz in die Bakterienzelle injiziert und diese dazu zwingt, von nun an Phagen-Partikel zu produzieren. So viele, bis die Bakterienzelle platzt und oftmals Hunderte von neuen Phagen entlässt, die sich so lange auf weitere zu ihnen passende Bakterien stürzen, bis auch diese zerstört sind. Anders als beim Großteil der Antibiotika werden nützliche Bakterien im Körper wie die der Darmflora verschont. "Deshalb verursacht die Behandlung mit den Bakteriophagen auch so gut wie keine Nebenwirkungen", betont die Mikrobiologin. Sie selbst hatte als Kind den ersten Kontakt mit Phagen, als sie eine Halsentzündung hatte.

Zunächst muss der Bakterienstamm identifiziert werden

Die hohe Spezialisierung der Phagen auf ihre Ziele bringt allerdings auch ein Problem mit sich: Denn während etwa mit einem Breitband-Antibiotikum gleichzeitig auf verschiedenartige Bakterien "geschossen" werden kann, setzt eine erfolgreiche Phagen-Behandlung voraus, dass der für die Infektion verantwortliche Bakterienstamm zuvor identifiziert wurde. "Daraufhin muss der passende Phage gesucht und auf Kulturen der Zielbakterien vermehrt werden. Oft kommen auch Phagen-Cocktails zum Einsatz, die gegen verschiedene Bakterienstämme wirksam sind und deren Zusammensetzung immer wieder geändert wird", erläutert Mzia Kutateladze. Phagen-Zubereitungen gibt es vor allem zur oralen Einnahme (in flüssiger Form und als Pillen) sowie als Lösung bzw. Tinktur zur äußerlichen Anwendung.

Weltzentrum der Phagen-Forschung in Georgien

Entdeckt hatte das Phänomen der natürlichen Bakterienzerstörung durch Phagen maßgeblich der frankokanadische Mikrobiologe Félix d‘Hérelle, als er 1917 am Pariser Institut Pasteur forschte. Er war es, der den Viren damals auch den Namen "Bakteriophagen" gab (von griechisch phagein = fressen). "In Paris traf D'Hérelle den georgischen Arzt und Bakteriologen Georgi Eliava, der 1923 in Tiflis ein bakteriologisches Labor eröffnete, das später zum Weltzentrum für Bakteriophagen-Forschung und -Therapie werden sollte", schildert Mzia Kutateladze die Anfänge des Eliava-Instituts, in dem sie seit nun mehr als einem Vierteljahrhundert arbeitet. Bis heute beherbergt es eine der größten Bakteriophagen-Sammlungen der Welt.

In Ostblock-Staaten waren Antibiotika Mangelware

Während in den westlichen Ländern die sensationellen Erfolge der in den 1940er Jahren eingeführten Antibiotika die Phagen-Therapie jedoch schnell vergessen ließen, wurde diese in den Staaten des damaligen Ostblocks zunehmend wichtiger. Denn Antibiotika waren dort Mangelware. Bis zum Ende der Sowjetunion hatte allein das Eliava-Institut bis zu 1000 Mitarbeiter, und es wurden mehrere Tonnen Phagen-Wirkstoff pro Tag produziert.

"Diese Zeiten sind vorbei, doch auch heute noch ist die Phagen-Therapie insbesondere in Georgien weit verbreitet, daneben in Russland und Polen. Und sie wird mit beachtlichen Erfolgen praktiziert", sagt die Mikrobiologin. Im Therapiezentrum des Eliava-Instituts arbeiten Fachärzte aus den Bereichen Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Frauen- und Kinderheilkunde, HNO, Urologie und Dermatologie. Die Patienten kommen dabei nicht nur aus Georgien, sondern aus aller Welt. Wie ein 75jähriger Diabetes-Patient aus Frankreich, dem in seinem Heimatland wegen einer chronischen, antibiotika-resistenten Fuß-Infektion mit dem Keim Staphylococcus aureus bereits drei Zehen amputiert worden waren. Er kam, als weitere Amputationen drohten, mit einer offenen Wunde in Tiflis an. Nach zwei Wochen Phagen-Therapie war diese geheilt und der Patient konnte wieder weitgehend normal laufen.

In West-Europa ist die Phagen-Therapie nicht zugelassen

In westlichen Ländern allerdings ist die Therapie mit den Phagen nicht zugelassen. Der Grund: Es gibt bislang keine großen klinischen Studien dazu, die nach den Anforderungen hiesiger Behörden Voraussetzung für eine Zulassung wären. "Ein Problem dabei ist zum Beispiel", erklärt Mzia Kutateladze, "dass es sich bei Phagen um biologische und keine chemischen oder pharmazeutischen Produkte handelt." So ist bisher noch nicht einmal klar, unter welche Kategorie die Phagen als medizinische Produkte in den EU-Richtlinien fallen, die für klinische Studien gelten.

Allerdings setzt sich derzeit eine Gruppe von Biologen und Medizinern aus mehreren westeuropäischen Ländern (u.a. vom Leibniz-Institut DSMZ in Braunschweig) dafür ein, das EU-Regelwerk so anzupassen, dass die Phagen-Forschung auch hier einfacher wird. Immerhin unterstützt die EU mit 3,8 Millionen Euro eine derzeit in Frankreich, Belgien und der Schweiz laufende klinische Studie, bei der Phagen bei Verbrennungsopfern eingesetzt werden, die oft unter Hautinfektionen leiden. "Westeuropäische und nordamerikanische Wissenschaftler interessieren sich jedenfalls immer mehr für die Phagentherapie und wir kooperieren sehr eng mit ihnen", bestätigt Mzia Kutateladze.

Nur sehr wenige Mediziner in der EU behandeln mit Phagen

Trotzdem gibt es auch jetzt schon in Deutschland und anderen EU-Ländern einige ganz wenige Ärzte, die ihre Patienten – legal – mit Phagen behandeln. Möglich ist das durch die sogenannte Deklaration von Helsinki, die unter bestimmten Umständen individuelle Heilversuche auch mit noch nicht zugelassenen Methoden erlaubt. Allerdings muss die meist mehrere Tausend Euro teure Behandlung privat bezahlt werden. Das gilt natürlich ebenso, wenn jemand nach Georgien reist, um sich dort vor Ort behandeln zu lassen.

"Wenn Antibiotika nicht mehr helfen, bietet die Phagen-Therapie Patienten jedenfalls Hoffnung und auch sehr gute Behandlungschancen", ist sich Mzia Kutateladze sicher. "Auch wenn ein Erfolg nicht bei jedem einzelnen Patienten garantiert werden kann, lohnt es sich, diese Chancen zu nutzen." Die Wissenschaftlerin hofft, dass international künftig mehr finanzielle Mittel für die Phagenforschung zur Verfügung gestellt werden: "Dann könnten weitaus mehr Menschen von dieser Behandlungsform profitieren."


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Quellen

Gespräch mit Dr. Mzia Kutateladze, Eliava-Institut für Bakteriophagen, Mikrobiologie und Virologie, Tiflis/Georgien, Mai 2014


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