Depressive Verstimmung, Winterdepression

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (25. September 2017)

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Kurzfristige Stimmungstiefs kennt vermutlich jeder. Hält dieser Zustand aber länger als zwei Wochen an, spricht man von einer depressiven Verstimmung. Im Winter treten depressive Verstimmungen, vorwiegend aufgrund des Lichtmangels, besonders häufig auf.

Was ist eine depressive Verstimmung?

Eine depressive Verstimmung ist ein Gemütszustand, in dem Emotionen wie Traurigkeit und Niedergeschlagenheit über mindestens zwei Wochen vorherrschen. Da es besonders in dunklen Monaten zu depressiven Verstimmungen kommt, spricht man  auch von einer

  • saisonal abhängigen Depression / saisonale Depression (SAD) oder
  • Winterdepression.

Depressionen werden unterteilt in leichte, mittelschwere und schwere Depressionen. Eine depressive Verstimmung zählt zu den leichten bis mittelschweren Depressionen.

Nach belastenden Ereignissen, wie einer Trennung vom Partner oder dem Tod eines geliebten Menschen, erlebt fast jeder eine Phase, in der seine Stimmung gedrückt ist. Jedoch ist es den meisten Menschen auch während dieser Zeit möglich, zumindest kurzfristig ihren Kummer zu vergessen, wenn sie zum Beispiel im Gespräch mit anderen von ihren traurigen Gedanken abgelenkt werden. Auch wird bei normaler Traurigkeit dieses Gefühl mit der Zeit zurückgehen. Bleibt es jedoch über lange Zeit bestehen, kann sich der Zustand zu einer Depression vertiefen. Die Übergänge von Trauer und Traurigkeit zu einer Depression verlaufen dann fließend.

Von saisonalen Depressionen sind 4 bis 13 Prozent der Bevölkerung betroffen. Besonders in nördlicheren Regionen, in denen die Winter länger und dunkler sind, neigen die Menschen zur Winterdepression.


Depressive Verstimmung, Winterdepression: Ursachen

Depressive Verstimmungen können unterschiedliche Ursachen haben. Auslöser für eine saisonale Depression (SAD) oder auch Winterdepression ist in der Regel der Lichtmangel in den Herbst- und Wintermonaten. Die kürzer werdenden Tage signalisieren dem Körper einen veränderten Tag-Nacht-Rhythmus. Als Folge geraten Hormone und Botenstoffe im Gehirn aus dem Gleichgewicht, was zu schweren Stimmungsschwankungen, der Winterdepression oder auch SAD, führen kann.

Weitere mögliche Ursachen einer depressiven Stimmung sind zum Beispiel:

  • Dauerstress
  • Arbeitsplatzverlust
  • Trennung
  • Tod eines nahestehenden Menschen

Botenstoffe (Neurotransmitter)

Ohne Botenstoffe (Neurotransmitter) gäbe es keine Signalübertragung im Gehirn. Zu den wichtigsten Botenstoffen gehören Dopamin, Noradrenalin, Serotonin und Endorphine. Sie werden vom Körper selbst produziert und liegen in einem ganz bestimmten Verhältnis zueinander vor. Ist dieses Verhältnis gestört, etwa weil ein Botenstoff nicht ausreichend produziert wird, schlägt sich dies in Gefühlen, Verhalten und Wahrnehmung nieder:

  • So ist Dopamin in Kombination mit Noradrenalin für angenehme und erfreuliche Gefühle zuständig. Ein zu niedriger Dopaminspiegel führt zu Niedergeschlagenheit und Deprimiertheit.
  • Ausreichend Serotonin sorgt für Gelassenheit, Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und Ruhe. Außerdem dämpft es Hungergefühle, Angst, Aggression, Kummer und Sorgen.
  • Noradrenalin macht den Körper wach, aufmerksam und motiviert.
  • Endorphine sind die körpereigenen Schmerzkiller. Ein zu niedriger Endorphinspiegel lässt Schmerzen stärker erscheinen.

Gestörte synaptische Übertragung

Eine Nervenzelle besteht aus dem Zellkörper, aus dem zahlreiche lange Ausstülpungen (Axone bzw. Dendriten) hervorgehen. Diese leiten elektrische Signale weiter. Mehrere Nervenzellen sind über die sogenannten Synapsen miteinander verbunden. Der synaptische Spalt trennt den signalgebenden vom signalannehmenden Teil der Synapse.

Darstellung einer Synapse.

Aufbau einer Synapse

Dendriten fangen elektrische Signale auf und leiten sie anschließend über den Zellkörper und das Axon weiter bis zu den Synapsen. Damit das Signal an einer Synapse von einer Nervenzelle auf andere Zellen überspringen kann, schüttet die Nervenzelle Botenstoffe (Neurotransmitter) in den synaptischen Spalt aus, also in den Raum zwischen den Zellen. Auf diese Weise wandeln Zellen das elektrische Signal in ein chemisches um. Die Botenstoffe breiten sich im synaptischen Spalt aus und erreichen die gegenüberliegende Zelle, wo sie wiederum ein elektrisches Signal auslösen.

Damit keine Dauererregung entsteht, müssen die Transmitter anschließend aus dem synaptischen Spalt entfernt werden. Entweder bauen spezielle Enzyme die Botenstoffe ab oder die Synapse nimmt sie wieder auf, damit das Signal abebben kann.

Die Übertragung zwischen den Synapsen kann auf unterschiedliche Art gestört sein:

  • keine oder zu wenige Botenstoffe
  • Transmitter werden zu schnell abgebaut
  • Transmitter können nicht an die Zielzelle binden
  • die Botenstoffe werden zu schnell wieder aufgenommen

Derartige Störungen können verschiedene Ursachen haben:

Depressive Verstimmungen bei Frauen

Frauen sind etwa doppelt so oft von depressiven Verstimmungen betroffen wie Männer. Das liegt unter anderem daran, dass sie im Laufe ihres Lebens häufger Hormonschwankungen unterworfen sind. Häufig entwickeln Frauen daher in folgenden Situationen eine depressive Verstimmung:

Kein erhöhtes Risiko für eine depressive Verstimmung besteht bei hormonellen Verhütungsmitteln auf Östrogenbasis, wie etwa der Antibabypille. Besonders für die heutigen, niedrigdosierten Präparate konnte in Untersuchungen kein Zusammenhang belegt werden.

Depressive Verstimmung, Winterdepression: Symptome

Eine depressive Verstimmung, wie etwa eine Winterdepression, verursacht typische Symptome:

Besonders auffällig ist, dass die Stimmung häufig zum Abend hin noch schlechter wird.

Wann beginnt und endet die Winterdepression?

Eine Winterdepression beginnt gewöhnlich im Spätherbst und endet im Frühjahr. In einigen Fällen können auch im Frühjahr noch vereinzelt Symptome auftreten.

Depressive Verstimmung, Winterdepression: Diagnose

Wer eine depressive Verstimmung bei sich vermutet beziehungsweise entsprechende Beschwerden beobachtet, sollte das beim Hausarzt abklären lassen. Dieser wird die Krankengeschichte erfragen (Anamnese) und sich ein genaueres Bild machen. Um eine depressive Verstimmung wie eine Winterdepression zu erkennen, wird der Arzt beispielsweise erfragen,

  • seit wann die Beschwerden bestehen und
  • ob sie jedes Jahr etwa zur gleichen Zeit auftreten.

Für die sichere Diagnose einer depressiven Verstimmung müssen mindestens zwei der typischen Beschwerden, wie etwa:

  • gedrückte Stimmung
  • Interessenverlust
  • Freudlosigkeit
  • Antriebsminderung

und zwei weitere, unspezifische Symptome, wie:

über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen bestehen.

Depressive Verstimmung, Winterdepression: Therapie

Eine depressive Verstimmung beziehungsweise eine Winterdepression oder eine andere saisonale Depression (SAD) benötigt eine Therapie, die sich nach der Schwere der Beschwerden richtet.

Gegen eine leichte depressive Verstimmung helfen oft einfache Maßnahmen. Das können Sie selber tun, um die Produktion des Glückshormons Serotonin anzukurbeln:

Bei stärkeren und länger anhaltenden Beschwerden ist es wichtig, zum Arzt zu gehen und sich behandeln zu lassen. Dabei müssen es nicht immer Antidepressiva sein:

  • Eine Lichttherapie (Phototherapie) oder
  • eine Behandlung mit natürlichen Arzneimitteln wie Johanniskraut

können vielen Menschen mit SAD beziehungsweise einer Winterdepression helfen, ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

Um mögliche Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu vermeiden, sollte Sie eine Therapie mit Johanneskraut immer mit Ihrem Arzt besprechen.

Vorsicht ist auch geboten, wenn Lichttherapie und Johanniskraut gleichzeitig verwendet werden: Johanniskraut macht lichtempfindlicher, es kann zu sogenannten phototoxischen Reaktionen kommen.

Was ist die Lichttherapie (Phototherapie)?

Die Lichttherapie zielt darauf ab, dass der Körper mit ausreichend Sonnenlicht beziehungsweise vergleichbarem künstlichen UV-Licht versorgt wird. Das kann in Form von ausgedehnten Spaziergängen geschehen oder mithilfe von speziellen Lampen. Die Lichttherapie kann beim Arzt oder zu Hause vorgenommen werden. Derzeit ist die Lichttherapie als Behandlung einer depressiven Verstimmung eine IGel-Leistung, muss vom Patienten also selber gezahlt werden.

Bei der Behandlung von depressiven Verstimmungen ist es wichtig,

  • Angstzustände zu lindern,
  • die Stimmung zu bessern und
  • zu vermeiden, dass sich chronische Depressionen ausbilden oder
  • es zu Rückfällen (Rezidive) kommt.

Medikamente gegen depressive Verstimmungen

Ist es nicht möglich, die Situation mit einfachen Dingen wie Spaziergängen oder mit natürlichen Präparaten wie Johanniskraut zu bessern? Dann kann es sinnvoll sein, vorübergehend Antidepressiva einzunehmen. Außerdem sollten Sie sich Rat von einem Psychotherapeuten holen, um es erst gar nicht zu einem Teufelskreis kommen zu lassen.

Die Therapie setzt dabei dort an, wo depressive Verstimmungen wie eine Winterdepression entstehen: bei den Botenstoffen. Medikamente können:

  • die Ausschüttung der Neurotransmitter in den synaptischen Spalt beeinflussen,
  • den Abbau der Botenstoffe hemmen,
  • die Bindung an die Zielzelle unterstützen sowie
  • die Wiederaufnahme nach der Reizübertragung hemmen.

All dies führt dazu, dass wieder mehr Botenstoffe für die Signalübertragung zur Verfügung stehen.

Bei der Behandlung von Depressionen und depressiven Verstimmungen ist es wichtig, die Therapie fortzuführen, bis

  • die Stimmung über längere Zeit stabil ist und
  • Maßnahmen getroffen wurden, um Rückfällen vorzubeugen.

Depressive Verstimmung, Winterdepression: Verlauf

Wenn es sich bei der depressiven Verstimmung um eine Winterdepression handelt, nimmt diese meist einen typischen Verlauf:

  • In der Regel beginnt diese saisonal abhängige Depression im Herbst und hält bis zum Frühjahr an.
  • Die Symptome verschwinden anschließend häufig schlagartig und von selbst.
  • Im Frühjahr kann die Stimmung noch hin und wieder schwanken (Sonderform der Winterdepression, ähnlich einer bipolaren Störung)

Unterstützung durch Angehörige sowie Eigeninitiative (z.B. gesunde Ernährung, viel Bewegung im Freien) begünstigen einen positiven Verlauf der Winterdepression und machen die dunkle Jahreszeit für Betroffene erträglicher.

Jede Form der depressiven Verstimmung sollte aber ärztlich abgeklärt werden, wenn die Symptome länger anhalten oder immer wieder auftreten. Es besteht sonst die Gefahr, dass die depressive Verstimmung mit der Zeit in eine chronische Depression übergeht.

Depressive Verstimmung, Winterdepression: Vorbeugen

Grundsätzlich kann sich eine depressive Verstimmung in allen Jahreszeiten entwickeln. Einer Winterdepression (saisonale Depression, SAD) lässt sich allerdings meist vorbeugen. Es ist sinnvoll, die körpereigene Produktion des Glückshormons Serotonin anzukurbeln. Dabei helfen Spaziergänge oder Sport im Freien – denn wer ausreichend Licht tankt und sich bewegt, sorgt dafür, dass mehr Serotonin ausgeschüttet wird.

Auch über die Ernährung lässt sich der Serotoninspiegel heben. Zwar gelangt in Lebensmitteln enthaltenes Serotonin nicht ins Gehirn, da es die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren kann – die Serotonin-Vorstufe Tryptophan überwindet diese Hürde jedoch. Die Aminosäure Tryptophan kommt zum Beispiel in Fisch, Bananen, Datteln, Feigen und Schokolade vor. Auch eine kohlenhydratreiche Ernährung kann die Stimmung kurzzeitig heben – hat aber auf Dauer den Effekt der Gewichtszunahme.

Depressive Verstimmung, Winterdepression: Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Depressive Verstimmung, Winterdepression":

Onmeda-Lesetipps:

IGeL-Monitor

Buchtipps:

Emotionen

buch_huelshoff_emotionen4.jpg Thomas Hülshoff

336 Seiten Reinhardt UTB Verlag 2012

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Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Abrufdatum: 25.9.2017)

Frauen und Psyche. Online-Informationen des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: www.embryotox.de (Stand: 25.1.2017)

Kasper, S.; Volz, H.-P.: Psychiatrie und Psychotherapie compact. Thieme, Stuttgart 2014

Hautzinger, M.: Kognitive Verhaltenstherapie bei Depressionen. Beltz PVU, München 2013

Online-Informationen des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS): www.igel-monitor.de (16.1.2012)

Aktualisiert am: 25. September 2017

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