Psychose: Wenn der Bezug zur Realität verloren geht

Veröffentlicht von: Wiebke Raue (20. November 2017)

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Viele Menschen denken bei einer Psychose unweigerlich an Schizophrenie. Aber auch andere Störungen oder Erkrankungen können zu psychotischen Symptomen führen.

Definition: Was ist eine Psychose?

Psychose ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche psychische Störungen. Bei einer Psychose ist der Bezug zur Realität und zum eigenen Selbst gestört. Dies führt zu Beeinträchtigungen, die unter anderem das Denken, Wahrnehmen und die Motorik betreffen. Der Begriff Psychose wurde vermutlich erstmals 1845 vom Österreicher Ernst von Feuchtersleben verwendet.

Ein einheitliches Krankheitsbild gibt es bei einer Psychose nicht. Jedoch kennt man charakteristische Symptome, die bei vielen Betroffenen auftreten. Manche haben Halluzinationen. Sie hören zum Beispiel Stimmen, die es nicht gibt. Andere leiden unter Wahnvorstellungen und fühlen sich verfolgt. Wieder andere können keinen klaren Gedanken verfolgen oder haben mehrere Gedanken zur gleichen Zeit. Kurz: Die Bandbreite der möglichen Symptome ist groß.

Menschen mit Psychose ist meist nicht bewusst, dass sie krank sind. Wahnvorstellungen oder Halluzinationen wie Stimmenhören erscheinen während einer Psychose absolut real.

Da es so viele unterschiedliche psychotische Störungen gibt, fehlen genaue Angaben zur Häufigkeit. An der zu den Psychosen gehörenden Schizophrenie erkrankt beispielsweise 1 von 100 Personen im Laufe ihres Lebens. Oft entstehen Psychosen zwischen der Pubertät und dem 35. Lebensjahr. Sie können aber auch in höherem Alter vorkommen. Psychosen bei Kindern sind relativ selten.

Ein nur halb transparent dargestellter Mann in einem Flur. © Jupiterimages/PhotoDisc

Manche Menschen, die an einer Psychose leiden, sehen Personen oder Dinge, die in der Realität nicht existieren.

Je nach Ausmaß der Erkrankung kann eine Psychose das Leben eines Menschen erheblich verändern. Manchen fällt es schwer, allein ihren Alltag zu bewältigen. Hinzu kommt, dass Psychotiker von Außenstehenden oft als beängstigend wahrgenommen und ausgegrenzt werden.

Beachten Sie: Jede Psychose ist eine psychische Störung – jedoch ist nicht jede psychische Störung auch eine Psychose! So können Depressionen beispielsweise mit psychotischen Symptomen einhergehen, aber auch ohne psychotische Symptome auftreten.

Psychose: Die Ursachen sind vielfältig

Mediziner unterscheiden bei den Ursachen einer Psychose vor allem zwischen

  • nicht-organisch und 
  • organisch bedingten Psychosen.

Nicht-organisch bedingte Psychosen

Bei einer nicht-organisch bedingten Psychose kann man keine direkte körperliche Ursache für die Erkrankung feststellen. Die genaue Entstehung ist ungeklärt.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass mehrere Einflüsse zusammentreffen müssen, damit eine nicht-organische Psychose ausbricht. Je nach Störungsbild erhöhen zum Beispiel Infekte, traumatische Ereignisse und Umwelteinflüsse das Risiko. Zudem spielt eine genetische Komponente eine Rolle: Manche Personen sind besonders anfällig für eine nicht-organisch bedingte Psychose.

Zu den nicht-organisch bedingten Psychosen zählt zum Beispiel die Schizophrenie. Aber auch im Rahmen einer affektiven Störung wie der Manie und/oder einer schweren Depression können psychotische Symptome auftreten. Bei einer Manie kann der Erkrankte beispielsweise einen Größenwahn entwickeln. Er ist dann der festen Überzeugung sein, ein verkanntes Genie zu sein. Menschen mit einer Depression können ohne Grund glauben, in naher Zukunft arm zu werden (sog. Verarmungswahn). Wenn Symptome der Schizophrenie und einer affektiven Störung kombiniert auftreten, sprechen Ärzte von einer schizoaffektiven Psychose.

Zu den nicht-organisch bedingten Psychosen zählen

  • schizophrene Psychosen,
  • affektive Psychosen im Rahmen von Manie oder Depression und
  • schizoaffektive Psychosen (Kombination von Symptomen der schizophrenen und der affektiven Psychose).

Organisch bedingte Psychosen

Hinter einer organisch bedingten Psychose verbirgt sich immer eine eindeutige körperlich begründbare Ursache.

Mögliche Ursachen sind zum Beispiel:

Diese Symptome können auf eine Psychose hinweisen

Die "klassische" Psychose gibt es nicht. Eine Psychose kann je nach Krankheitsbild ganz unterschiedliche Symptome zeigen. Jedoch gibt es einige Merkmale, die bei Psychosen häufig auftreten.

Charakteristisch für eine Psychose ist, dass der Betroffene den Bezug zur Realität in unterschiedlichem Ausmaß verliert. Bei einer Psychose können das Denken, Fühlen, Empfinden zum eigenen Körper und der Kontakt zu anderen Menschen verändert sein. 

Menschen mit einer Psychose haben häufig Mühe, zwischen der Wirklichkeit und der eigenen, subjektiven Wahrnehmung zu unterscheiden. Mögliche Symptome:

  • Sie hören Stimmen, die andere nicht hören.
  • Sie fühlen sich verfolgt oder bedroht (auch von Menschen, die ihnen nahestehen).
  • Sie erhalten vermeintlich Botschaften aus einer Welt erhalten, die anderen nicht zugänglich ist.
  • Sie haben das Gefühl, sie würden sich körperlich verändern.

Darüber hinaus kann das formale Denken in Mitleidenschaft gezogen sein. So springt der Betroffene beispielsweise von einem Thema zum nächsten, verliert den Faden oder spricht in Sätzen ohne einen logischen Zusammenhang. 

Nicht bei jedem Psychotiker treten alle der möglichen Symptome auf, zudem sind die Beschwerden unterschiedlich schwer ausgeprägt.

Psychose: Häufige Symptome

Symptom Beschreibung Beispiel
Halluzinationen Halluzinationen sind Störungen der Wahrnehmung. Der Erkrankte nimmt Dinge wahr, die in der Realität nicht vorhanden sind. Dabei können alle Sinne von der Halluzination betroffen sein, etwa Geruch, Gehör oder Geschmack. Die Person hört Stimmen, die Befehle geben oder Situationen kommentieren.

Die Person nimmt (meist unangenehme) Gerüche oder Geschmäcker wahr, die objektiv nicht existieren.

Die Person sieht Menschen, Lichtblitze oder Gegenstände, die nicht vorhanden sind.

Die Person hat das Gefühl, elektrischer Strom würde durch ihren Körper fließen.
Inhaltliche Denkstörungen Überwertige Ideen: Von überwertigen oder fixen Ideen spricht man, wenn das Denken und Handeln ohne Rücksicht auf Verluste immer wieder um eine bestimmte Überzeugung kreist. Der Übergang zur Wahnvorstellung ist dabei fließend.

Wahnvorstellungen: Die Vorstellungen und Überzeugungen des Betroffenen weichen stark von der Realität ab bzw. der Erkrankte interpretiert Dinge falsch. Im Gegensatz zur überwertigen Idee ist die Person so im Wahn gefangen, dass sie nicht vom Gegenteil überzeugt werden kann.

Zwangsgedanken: Der Erkrankte leidet unter immer wiederkehrenden, sich aufdrängenden Gedanken, die teilweise aggressiv oder obszön sind.
Die Person fühlt sich von Außerirdischen verfolgt (Verfolgungswahn).

Die Person glaubt, der Nachrichtensprecher würde persönliche Botschaften an sie überbringen (Beziehungswahn).

Die Person ist der Ansicht, ein Superheld, Prophet, eine bedeutende Persönlichkeit o.Ä. zu sein (Größenwahn).

Die Person denkt, schuld am Unheil anderer Menschen zu sein, obwohl es dafür keinen objektiven Grund gibt ("Die Menschen leiden nur meinetwegen an Armut", Schuldwahn).

Die Person befürchtet immer wieder, sie könne andere Personen physisch angreifen (Beispiel für Zwangsgedanken).
Formale Denkstörungen Formale Denkstörungen können sich auf unterschiedliche Weise bemerkbar machen. Der Ablauf der Gedanken ist beeinträchtigt; die Person wirkt etwa unkonzentriert oder verwirrt. Das Denken ist verlangsamt.

Die Person erfindet neue Wortkombinationen und Begriffe (sog. Neologismen).

Die Person springt plötzlich von einem zum anderen Thema (sog. Ideenflucht).

Die Person neigt dazu, immer wieder die gleichen Sätze, Gedanken oder Wörter zu wiederholen (sog. Perseveration)

Die Person redet am Thema vorbei und antwortet nicht auf Fragen (sog. Vorbeireden).

Die Gedanken kreisen immer wieder um ein Thema (Grübeln).

Die Person hat das Gefühl, dass sich ihr bestimmte Gedanken oder Ideen nahezu aufdrängen (sog. Gedankendrängen).

Der Wortschatz ist eingeschränkt, das Denken nur auf wenige Themen bezogen (Gedankenarmut).

Das Denken ist zerfahren, der Betroffene bildet beim Reden zusammenhanglose Sätze (sog. inkohärentes Denken).

Unwichtige Details können nicht von wichtigen unterschieden werden (sog. umständliches Denken).

Die Gedanken reißen plötzlich ab (sog. Gedankenabriss)
Ich-Störungen Man kann nicht mehr oder nur schwer zwischen sich und der Umwelt unterscheiden. Die Person glaubt, von einer äußeren Macht gesteuert/manipuliert zu werden.

Die Umwelt erscheint nicht real (Derealisation).

Die Person empfindet sich selbst als fremd, z.B. hat sie das Gefühl, ihr Arm gehöre nicht zu ihr (Depersonalisation).

Die Person ist überzeugt, Gedanken lesen zu können.

Die Person glaubt, dass ihre Gedanken von einer äußeren Macht geraubt werden (sog. Gedankenentzug).

Viele Psychotiker ziehen sich mehr und mehr von der Außenwelt zurück. Oft treten zudem Stimmungsschwankungen auf. Manche Betroffene leiden unter Ängsten oder Depressionen. Häufig können sie ihren Alltag ohne fremde Hilfe nicht mehr bewältigen. Antrieb und Konzentrationsfähigkeit können eingeschränkt sein. Auch psychomotorische Symptome wie starke Unruhezustände oder vorübergehende körperliche Bewegungslosigkeit sind möglich.

Symptome wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder Rückzug müssen nicht zwangsläufig bedeuten, dass tatsächlich eine Psychose vorliegt. Vielmehr kommen ähnliche Beschwerden auch im Rahmen anderer Erkrankungen vor.

Frühsymptome

Insbesondere einer nicht-organisch bedingten Psychose wie der Schizophrenie gehen meist unspezifische Frühsymptome voraus (sog. Prodromalsymptome). Schon Monate oder Jahre vor dem eigentlichen Krankheitsausbruch können diese Frühsymptome in Erscheinung treten.

Häufig sind die Frühsymptome so unspezifisch, dass Betroffene und Angehörige sie nicht als mögliche Anzeichen für eine spätere Psychose deuten. Zu möglichen Frühsymptomen zählen beispielsweise:

  • sozialer Rückzug, z.B. bricht der Betroffene den Kontakt zu Freunden ab
  • Probleme bei der Bewältigung des Alltags, z.B. im Beruf
  • Unruhe, Angstzustände, Depressionen
  • mangelnde Lebensfreude
  • Schlafstörungen
  • Konzentrationsstörungen
  • Verlust des Antriebs und der Leistungsfähigkeit

Beachten Sie: Derartige Symptome können auf eine Psychose hinweisen, aber auch Zeichen einer anderen Erkrankung sein oder infolge psychischer Belastung auftreten.

Der organisch bedingten Psychose gehen in der Regel keine Frühsymptome voraus, vielmehr tritt sie plötzlich in Erscheinung.

Wie wird eine Psychose behandelt?

Je früher eine Psychose behandelt wird, desto besser. Mithilfe einer frühzeitigen Behandlung lässt sich der Verlauf meist günstig beeinflussen.

Die Therapie einer Psychose hängt vor allem davon ab,

  • ob es sich um eine organisch oder um eine nicht-organisch bedingte Form der Psychose handelt und
  • wie schwer die Symptome ausgeprägt sind.

Während in leichten Fällen eine ambulante Therapie oder der Aufenthalt in einer Tagesklinik ausreichend ist, müssen Personen mit starken Symptomen stationär aufgenommen werden.

Die Behandlung ist häufig eine Herausforderung für Ärzte und Angehörige. Oft glauben die Erkrankten nicht, dass sie krank sind und verweigern die Zusammenarbeit.

Behandlung von nicht-organisch bedingten Psychosen

Bei nicht-organisch bedingten Psychosen wie der Schizophrenie besteht die Behandlung meist aus mehreren Komponenten. In der Regel erhält der Patient Medikamente zur Behandlung von psychischen Erkrankungen (Psychopharmaka) sowie eine Psychotherapie und/oder eine Soziotherapie.

Während die Psychotherapie unter anderem dazu dient, mögliche Einflussfaktoren herauszufinden, soll die Soziotherapie dabei helfen, den Alltag besser zu bewältigen.

Ein Mann erzählt etwas, eine Frau hört ihm zu. © Jupiterimages/iStockphoto

Menschen mit einer nicht-organisch bedingten Psychose wie der Schizophrenie erhalten häufig psychologische Unterstützung.

 Medikamente aus der Gruppe der Antipsychotika (Neuroleptika) beeinflussen den psychischen Zustand und können einige der typischen Symptome reduzieren, so zum Beispiel Halluzinationen. Meist ist es nötig, dass der Patient diese Medikamente über mehrere Jahre oder dauerhaft einnimmt, um einen Rückfall zu verhindern. Je nach Krankheitsbild können auch andere Medikamente zum Einsatz kommen, zum Beispiel Antidepressiva oder Lithium.

Der Verlauf einer nicht-organisch bedingten Psychose kann ganz unterschiedlich sein:

  • In manchen Fällen tritt nur ein einmaliger Schub auf.
  • Andere Patienten wiederum erleben immer wieder psychotische Schübe. Zwischen den Schüben sind sie weitgehend beschwerdefrei.
  • Es kann aber auch vorkommen, dass die Symptome nicht mehr vollständig zurückgehen und dauerhaft bestehen bleiben.

Behandlung von organisch bedingten Psychosen

Bei einer organisch bedingten Psychose, also einer Psychose, bei der eine äußere Ursache feststellbar ist, liegt der Fokus darauf, den Auslöser zu beheben.

Ist zum Beispiel ein Gehirntumor für die Psychose verantwortlich, wird es das Ziel sein, den Tumor entsprechend zu behandeln.

Gelingt es, die Ursache zu beseitigen, bildet sich eine akute körperlich bedingte Psychose häufig ohne Folgen zurück. Mithilfe von Psychopharmaka können die Beschwerden vorübergehend gelindert werden.

Psychose: Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Linktipps:

Aktionsbündnis seelische Gesundheit

Quellen:

Psychosen. Online-Informationen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN): www.seelischegesundheit.net (Abrufdatum: 20. November 2017)

Online-Informationen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie: www.psychenet.de (Stand: September 2017)

Psychose. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 7.7.2017)

Möller, H., Laux, G., Deister, A.: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

Stand: 20. November 2017