Depersonalisation und Derealisation: Leben wie im (Alb-)Traum

Veröffentlicht von: Wiebke Raue (10. Juni 2016)

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Menschen, die an Depersonalisation leiden, empfinden ihre Person oder ihren Körper als fremd, nicht mehr vertraut, unwirklich und fern. Häufig geht Depersonalisation mit einem ähnlichen Phänomen Hand in Hand – der Derealisation. Bei einer Derealisation erscheint nicht die eigene Person, sondern die Umgebung fremdartig, verändert und "wie im Traum".

Viele gesunde Menschen haben kurzzeitig das Gefühl, neben sich zu stehen oder die Umwelt distanziert wahrzunehmen, so etwa bei starker Erschöpfung. Depersonalisation und Derealisation können aber auch so ausgeprägt auftreten, dass sie ein Krankheitsbild darstellen: das Depersonalisations-Derealisationssyndrom. Aber was mag in jemandem vorgehen, der sich selbst fremd vorkommt? Wie fühlt sich jemand, der die Umwelt unwirklich und verzerrt erlebt? Dies können sich viele Gesunde nur schwer vorstellen.

Aus Angst, bei anderen Menschen auf Unverständnis zu stoßen oder für "verrückt" gehalten zu werden, verschweigen viele der Betroffenen ihre Beschwerden, was den enormen Leidensdruck noch verstärkt. Sie scheuen sich möglicherweise auch, einem Arzt von den Symptomen zu berichten. Und selbst dann vergeht bis zur richtigen Diagnose oft viel Zeit, denn das Depersonalisations-Derealisationssyndrom ist bislang nur wenig erforscht – und selbst manchen Ärzten unbekannt.

"Es ist, als ob ich neben mir stehen würde."

"Wenn ich spreche, fühlt es sich an, als spräche jemand anderes."

"Ich fühle mich wie ein Schauspieler in einem Film."

So oder ähnlich beschreiben Betroffene ein Phänomen, das sich vor allem durch das Gefühl der Selbstentfremdung auszeichnet: Depersonalisation (lat. de = herab, weg; persona = Charakter, Person).

Die Depersonalisation ist eine Störung des "Ich-Erlebens". Sie ist mit dem Gefühl verbunden, man sei von der eigenen Psyche beziehungsweise vom Körper losgelöst. Die betroffene Person kann sogar den Eindruck haben, es gäbe sie gar nicht. Die Depersonalisation kann auch einzelne Aspekte betreffen, die das Selbst ausmachen – zum Beispiel Gedanken, Gefühle oder Handlungen. So wirken die Gedanken nicht wie die eigenen, Körperteile erscheinen als nicht zugehörig oder Handlungen werden als "wie von einem Automaten" ausgeführt erlebt.

Im Gegensatz zur Depersonalisation nimmt man bei der Derealisation (lat. de = herab, weg, realis = sachlich, wesentlich) nicht sich selbst wie einen Fremdkörper wahr, sondern die Außenwelt. Andere Menschen, Gegenstände oder die gesamte Umgebung erscheinen wie im Traum, künstlich, farblos, leblos oder unwirklich.

Unwirklich, fremd, verzerrt: Die Realität wird von Menschen mit Depersonalisation und Derealisation wie im Traum erlebt. © iStock

Unwirklich, fremd, verzerrt: Die Realität wird von Menschen mit Depersonalisation und Derealisation wie im Traum erlebt.

Depersonalisation und Derealisation können sehr beängstigend sein und dem Leben in einem Albtraum gleichkommen. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen, die dauerhaft Entfremdungsgefühle haben, davon überzeugt sind, verrückt zu werden. Sie befürchten, die Kontrolle über ihren Verstand und ihr Verhalten zu verlieren.


Mit "Verrücktsein" hat das Depersonalisations-Derealisationssyndrom allerdings nichts zu tun. Zwar können sich ähnliche Phänomene auch im Rahmen einer Psychose wie der Schizophrenie zeigen, allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Im Gegensatz zum Depersonalisations-Derealisationssyndrom geht eine Psychose mit einem Realitätsverlust einher.  

Ein Beispiel: Bei Schizophrenie kann es vorkommen, dass ein Patient glaubt, seine Hand gehöre nicht zu ihm und werde von einer fremden Macht gesteuert. Bei einem Depersonalisation- Derealisationssyndroms hingegen weiß der Betroffene, dass es sich nur so anfühlt, als ob die eigene Person oder die Umwelt fremd oder verändert sind. Ihm ist klar: Nicht sein Körper oder die Umwelt haben sich verändert – sondern seine Wahrnehmung.

Auf einen Blick:

  • Von Depersonalisation spricht man, wenn eine Person sich selbst als verändert, unwirklich, neben sich stehend wahrnimmt.
  • Bei der Derealisation empfindet man hingegen die Umwelt als fremdartig und wie im Traum.
  • Stellen die Symptome ein eigenes Krankheitsbild dar, sprechen Ärzte von einem Depersonalisations-Derealisationssyndrom oder von einer Depersonalisations-Derealisationsstörung.