Schwindel (Vertigo): Alles über Ursachen, Diagnose und Therapie

Veröffentlicht von: Till von Bracht (19. September 2017)

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Kennen Sie das? Sie liegen morgens im Bett, stehen dann relativ schnell auf und plötzlich wird Ihnen schwindelig. Sie haben das Gefühl, das ganze Welt um Sie herum würde sich drehen. Sie müssen sich wieder setzen. Manchmal kommt neben den Schwindelanfällen auch Übelkeit und Benommenheit hinzu.

Dann sind Sie nicht allein: Das unangenehme Gefühl von Schwindel kennen wahrscheinlich die meisten aus eigener Erfahrung. Dabei können die Schwindelgefühle ganz unterschiedlich auftreten. Manche klagen zum Beispiel vor allem beim Liegen oder Aufstehen über plötzliche Schwindelattacken, anderen wiederum ist ständig schwindelig.

Die Ursachen für Schwindel sind vielfältig und können durchaus harmlos sein: Gerade Kinder kennen und lieben zum Beispiel das kurzzeitige Schwindelgefühl nach einer Karussellfahrt – was hin und wieder sogar bis zur Übelkeit führt. Auch Verspannungen kommen als Ursache für Schwindel infrage, häufig begleitet von Rücken- oder Nackenschmerzen

Etwa 60 Prozent der Schwindelzustände lassen sich nicht auf eine Krankheit zurückführen und verschwinden nach einiger Zeit wieder von selbst. Es kann allerdings auch vorkommen, dass die Schwindelanfälle Zeichen einer Erkrankung sind – etwa bei Morbus Menière oder bei einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs. Wenn Ihnen ständig schwindelig ist, sollten Sie daher unbedingt einen Arzt aufsuchen. 

Was ist Schwindel?

Schwindel ist keine Krankheit an sich, sondern "nur" Symptom. Von Schwindel – fachsprachlich Vertigo – spricht man, wenn der Betroffene Scheinbewegungen zwischen sich und der Umwelt wahrnimmt.

Der Begriff Schwindel findet oft auch im weiteren Sinn Verwendung: So sagen viele Menschen, ihnen sei schwindelig, wenn sie

  • sich benommen fühlen,
  • ihnen schwarz vor Augen wird oder
  • sie das Gefühl haben, gleich hinzufallen.

Wenn die Betroffenen dabei allerdings keine Scheinbewegungen wahrnehmen – das Hauptmerkmal von Schwindel –, handelt es sich nicht um eine echte Vertigo, sondern um eine sogenannte Pseudovertigo (griech. pseudo = falsch).

Schwindel: Welche Ursachen dahinterstecken können

Bei Schwindel kann es sich einerseits um eine ganz normale Reaktion des Körpers handeln – zum Beispiel wenn man Karussell fährt oder übermäßig viel Alkohol getrunken hat –, andererseits kann Schwindel auch im Rahmen einer Erkrankung vorkommen.

Als Ursachen für Schwindel oder Schwindelanfälle kommen daher viele verschiedene Auslöser infrage, wie etwa

In den meisten Fällen lässt sich keine genaue Ursache für den Schwindel feststellen und die Symptome verschwinden nach einiger Zeit von selbst. Lässt sich eine Ursache feststellen, so handelt es sich in den meisten Fällen um eine periphere vestibuläre Störung, überwiegend der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel. 

Wie entsteht Schwindel?

Allgemein gesagt entsteht Schwindel, wenn die Augen, die Rezeptoren in den Muskeln und das Gleichgewichtsorgan im Innenohr unterschiedliche Reize wahrnehmen. Über solche Inkonsistenzen entsteht im Gehirn die Information, dass etwas aus dem "Gleichgewicht" ist. 

Ein Beispiel: Während einer rasanten Karussellfahrt folgen unsere Augen den vorbeihuschenden Objekten – das visuelle System registriert also eine Drehung und meldet dies an das Gehirn. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr hingegen stellt bei konstanter Drehung keine Bewegungsänderung fest. Durch diese Diskrepanz kommt es zu Schwindel.

Darüber hinaus können auch die Psyche oder das Gehirn selbst solche Fehlinformationen produzieren, zum Beispiel bei Schäden am Gleichgewichtsnerv.

Manche Betroffene klagen vor allem morgens beim Aufstehen, beim Drehen des Kopfes oder beim Hoch- oder Runterschauen über kurze Schwindelattacken, die selten länger als eine Minute dauern. Begleitet wird der heftige Drehschwindel häufig von Übelkeit bis hin zu Erbrechen. Diese harmlose, wenn auch äußerst unangenehme Form des Schwindels nennt man in der Medizin benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel: Die Ursache hierfür sind vermutlich kleine Kristalle, die im Bogengang des Innenohrs die Sinneszellen reizen.

Auch in der Schwangerschaft (vor allem in den ersten sechs Monaten) kann es immer mal wieder zu Kreislaufproblemen und Schwindel kommen. Grund dafür ist das Hormon Progesteron, das dazu führt, dass sich die Blutgefäße erweitern und der Blutdruck abfällt.

Vor allem zu Beginn der Schwangerschaft kann einigen Frauen hin und wieder schwindelig werden. Dies liegt daran, weil durch die veränderte Durchblutung und die Hormonumstellung der Blutdruck schneller abfällt. © iStock

Vor allem zu Beginn der Schwangerschaft kann einigen Frauen hin und wieder schwindelig werden. Dies liegt daran, weil durch die veränderte Durchblutung und die Hormonumstellung der Blutdruck schneller abfällt.

Je nachdem, ob die Ursachen für den Schwindel mit dem Gleichgewichtsorgan zusammenhängen oder nicht, unterscheidet man

Vestibulärer Schwindel

Beim vestibulären Schwindel hängen die Ursachen direkt oder indirekt mit dem Gleichgewichtssystem zusammen. Das kann sowohl das  Gleichgewichtsorgan im Ohr (am Innenohr bzw. Labyrinth) als auch das Gleichgewichtszentrum oder die Gleichgewichtsnerven im Gehirn betreffen. 

Peripherer vestibulärer Schwindel

Vestibulärer Schwindel mit peripheren Ursachen tritt am häufigsten auf als:

  • Gutartiger (bzw. benigner) paroxysmaler Lagerungsschwindel: Dies ist die bei Erwachsenen häufigste Vertigo. Überwiegend ensteht sie durch eine Cupulolithiasis (Cupula = Kuppel, Lithiasis = Steinleiden), bei der sich im Innenohr kleine Kalksteinchen aus dem hinteren Vorhofsäckchen (Utriculus) lösen und an der Kuppel des hinteren Bogengangs anlagern: Ihr Gewicht verursacht eine Funktionsstörung des hinteren Bogengangs, der daraufhin überempfindlich auf Drehbeschleunigungen reagiert. Dabei ruft nicht die Lage des Kopfs den Schwindel hervor, sondern eine zu schnelle Bewegung des Kopfs hin zur erkrankten Seite. Die Kalksteinchen lösen sich in erster Linie im höheren Lebensalter ab; dies kann jedoch auch altersunabhängig als Folge von Unfällen geschehen: Meist hat dieser Schwindel seine Ursachen in Schädel-Hirn-Traumata, einer vorausgegangene Entzündung des Gleichgewichtsnervs und längerer Bettlägerigkeit.
  • Morbus Menière: Seine genauen Ursachen sind unbekannt. Für den Schwindel ist eine Ansammlung von Flüssigkeit (Endolymphe) verantwortlich, die sich im Innenohr anstaut: Durch den anhaltenden Lymphstau zerreißen regelmäßig die Trennhäute zwischen zwei verschiedenen Räumen des Innenohrs – dem häutigen Labyrinth –, was zu einer Durchmischung mit einer anderen Flüssigkeit (Perilymphe) führt und wahrscheinlich die Vertigo auslöst.
  • Akute Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Neuritis vestibularis): Als möglicher Auslöser gilt eine Virusinfektion des Gleichgewichtsnervs mit Herpes-simplex-Viren.

Zentraler vestibulärer Schwindel

Ein vestibulärer Schwindel mit zentralen Ursachen kommt zum Beispiel bei einer bestimmten Form von Migräneattacken (sog. vestibuläre Migräne) vor. Oft stecken auch Gefäßerkrankungen, entzündliche oder degenerative (d.h. mit Abbau oder Funktionsverlust einhergehende) Erkrankungen des Gehirns hinter einer Vertigo: So können beispielsweise Durchblutungsstörungen im Gehirn (z.B. durch Arteriosklerose oder beim Schlaganfall), multiple Sklerose, Parkinson und Tumoren Schwindelgefühle auslösen. Außerdem kann ein vestibulärer Schwindel als Folge von Unfällen auftreten (z.B. beim Schädel-Hirn-Trauma).

Aber nicht nur bei Erkrankungen und Verletzungen tritt vestibulärer Schwindel auf. Als Ursachen für Schwindel kommen auch einige Medikamente infrage: So können zum Beispiel Mittel gegen Bluthochdruck, Depression, Epilepsie und Migräne, Beruhigungsmittel (Sedativa) sowie bestimmte Antibiotika (aus der Gruppe der sog. Aminoglykoside) Vertigo als Nebenwirkung hervorrufen. Zudem können Alkohol- und Drogenkonsum vorübergehend die zentrale Steuerung des Gleichgewichts lahmlegen und so dazu führen, dass den Betroffenen schwindelig ist.

Nicht-vestibulärer Schwindel

Als Schwindel-Ursachen kommen auch Störungen infrage, die nichts mit dem Gleichgewichtssystem zu tun haben: Ein solcher nicht-vestibulärer Schwindel kann seine Ursachen in den unterschiedlichste Erkrankungen haben – zum Beispiel:

Auch ein zu niedriger Blutzuckerspiegel (bzw. Unterzuckerung) kann zu Schwindel führen – Ursachen hierfür können eine ungenügende Nahrungsaufnahme oder Diabetes mellitus sein. Desweiteren kann ein nicht-vestibulärer Schwindel beispielsweise durch zu geringe Flüssigkeitsaufnahme, hohes Fieber und unzureichende Sauerstoffversorgung entstehen.

Seelische Ursachen: psychogener Schwindel

Schwindel tritt nicht nur bei körperlichen Störungen auf, sondern kann auch seelische Ursachen haben: Ein solcher psychogener Schwindel kann beispielsweise durch Stress, Konflikte oder Angst bedingt sein. Ein typisches Beispiel für seelisch bedingte Vertigo ist phobischer Schwankschwindel: Diese (v.a. bei jüngeren Erwachsenen verbreitete) Schwindelart entsteht vor allem in bestimmten Situationen – wie beim Autofahren, beim Laufen über eine Brücke oder einen weiten Platz, beim Treppensteigen, beim Betreten eines leeren Raums oder durch besondere soziale und kommunikative Anforderungen (z.B. wenn man vor vielen Menschen eine Rede halten soll).

Schwindel: So nehmen Betroffene die Symptome wahr

Wem schwindelig ist, der nimmt nicht vorhandene Bewegungen entweder des eigenen Körpers oder der Umgebung wahr – es handelt sich also um sogenannte Scheinbewegungen.

Dabei können die Wahrnehmungen unterschiedlich sein: Einige Betroffene haben das Gefühl, dass der Boden schwankt oder sie in eine Richtung gezogen werden; sie können aber auch scheinbare Drehbewegungen oder Auf- und Abwärtsbewegungen wahrnehmen. Das Schwindelgefühl entsteht oder verstärkt sich typischerweise durch Bewegungen.

Dieser echte Schwindel löst fast immer begleitende Symptome aus: Die wahrgenommenen Scheinbewegungen führen bei einer voll ausgeprägten Schwindelattacke dazu, dass die Betroffenen unsicher beim Stehen und Gehen sind und dazu neigen, hinzufallen. Weitere mögliche Symptome bei Schwindel sind

Die Betroffenen sind oft blass und schwitzen. Darüber hinaus kann ein Schwindel mit einem Zittern der Augen verbunden sein, bei dem die Augäpfel aufgrund einer gestörten Funktion der Augenmuskulatur unwillkürlich und schnell aufeinanderfolgend zucken (sog. Nystagmus).

Bei den verschiedenen Formen von Schwindel sind nicht immer alle Symptome gleichermaßen ausgeprägt. Schwindel kann sowohl vorübergehend (episodisch) auftreten als auch andauernde (chronische) Verläufe zeigen. Dabei können die einzelnen Schwindelattacken entweder von selbst (spontan) oder durch entsprechende Reize entstehen.

Schwindel: So stellt der Arzt die Diagnose

Wert häufiger unter Schwindel leidet, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen. Der Arzt kann feststellen, ob der Schwindel zum Beispiel durch eine Erkrankung des Gehirns, durch eine Schädigung des Gleichgewichtsorgans im Ohr oder durch eine andere Krankheit verursacht wurde.

Je nachdem, wie der Betroffene selbst den Schwindel wahrnimmt und wie lange die Symptome anhalten, lassen sich verschiedene Schwindelformen unterscheiden. Diese Unterscheidung ist für den Arzt wichtig, damit er die Ursache für den Schwindel herausfinden kann. Auch die Frage, welche Faktoren das Schwindelgefühl verstärken, hilft dem Arzt bei der Diagnose.

Die wichtigsten Diagnosekriterien bei Schwindel sind:

  1. Art des Schwindels: Drehschwindel, Schwankschwindel, Gangunsicherheit oder Benommenheitsschwindel
  2. Dauer des Schwindels: Schwindelattacken oder Dauerschwindel
  3. Auslösbarkeit/Verstärkung des Schwindels: bereits Ruhe (z. B. Neuritis vestibularis), Gehen (z. B. bilaterale Vestibulopathie)
  4. Zusätzliche Symptome: wie etwa Erbrechen, Hörstörungen, Kopfschmerzen, HWS-Syndrom oder Sehstörungen

1. Die vier unterschiedlichen Schwindelarten

Der Schlüssel zur Diagnose ist ein sorgfältiges und umfassendes Arzt-Patienten-Gespräch (Anamnese), in dem der Betroffene seine Symptome genau schildert.

Je nachdem, wie der Betroffene selbst den Schwindel wahrnimmt, unterscheiden Mediziner die folgenden vier Schwindelarten:

Drehschwindel (wie im Karussell)

Beim Drehschwindel haben die Betroffenen das Gefühl, sie selbst oder die Umwelt um sie herum würden sich drehen. Den Betroffenen ist richtig schwindelig, was häufig zu Übelkeit, Erbrechen oder Fast-Erbrechen führt. Zu beachten ist, dass Beschreibungen wie "mir ist ganz schlecht“, "mir dreht sich alles“ oder "mir ist so komisch“ zwar auf einen Drehschwindel hindeuten, bei Nachfragen ergibt sich aber oft eine andere Diagnose.

Der Drehschwindel hält – je nach Ursache – Sekunden, Minuten, Stunden, Tage oder sogar Wochen an. Werden die Betroffenen ganz plötzlich von einem heftigen Schwindel befallen, der aber nur wenige Sekunden oder Minuten andauert, spricht man von einem sogenannten Attackendrehschwindel. Mögliche Ursachen sind Morbus Menière, Migräne oder Durchblutungsstörungen im Gehirn. Darüber hinaus kann auch multiple Sklerose zu Attackendrehschwindel führen.

Hält das Schwindelgefühl stunden- bis tagelang an, spricht man von einem anhaltenden Drehschwindel. Häufig ist eine Funktionsstörung des Gleichgewichtsorgans im Ohr der Grund für diesen Schwindel – zum Beispiel wenn der Gleichgewichtsnerv entzündet ist. Die Beschwerden klingen meist nach etwa ein bis zwei Wochen wieder ab.

Gangunsicherheit (bei klarem Kopf)

Bei Schwindel dieser Art ist den Betroffenen "vom Kopf her" eigentlich gar nicht schwindelig. Sie haben beim Sitzen, Liegen oder Fahrradfahren keine Schwindelgefühle, sondern nur beim Gehen. Die Betroffenen beschreiben den Schwindel oft so, als würden sich "unsicher durch den Raum gehen". Diese Gangunsicherheit hält meist nur so lange an, wie gelaufen wird. Übelkeit und Erbrechen besteht bei dieser Schwindelform nie. In den meisten Fällen steckt eine Polyneuropathie dahinter, die sogenannte bilaterale Vestibulopathie kann jedoch auch als Ursache infrage kommen. 

Schwankschwindel (wie Bootfahren)

Wenn die Betroffenen auf einmal das Gefühl haben, der feste Boden unter ihren Füßen würde sich bewegen, spricht man von Schwankschwindel. Diese Schwindelform ist häufig mit einer hohen Fallneigung verbunden, aber nur selten mit Übelkeit und Erbrechen.

Das Schwindelgefühl geht meist mit einem kurzfristigen Gefühl der drohenden Ohnmacht oder einem Schwarzwerden vor den Augen einher – etwa wenn die Betroffenen ihren Körper aufrichten (Orthostase) oder ihren Kopf nach hinten oder zur Seite wenden.

Für den Schwankschwindel kommen als Ursachen sowohl Schädigungen zentraler Strukturen im Gehirn (z.B. Epilepsie, Vergiftungen) infrage als auch Erkrankungen anderer Organe (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen). Auch ein visuell ausgelöster Schwindel gehört zum Schwankschwindel: Ein Beispiel hierfür ist die optokinetische Bewegungskrankheit. Hierbei entsteht durch großflächige Bewegungsreize – etwa in Großleinwandkinos oder in Flugsimulatoren – ein Widerspruch zwischen den über das Auge aufgenommenen Bewegungsreizen und der gleichzeitig erwarteten, aber fehlenden Körperbeschleunigung. Dieser Widerspruch führt zu einem Schwankschwindel mit Erbrechen.

Meistens tritt der Schwankschwindel jedoch als phobischer Schwankschwindel auf. Dabei zu einem plötzlichen Schwindelanfall mit Benommenheit sowie Stand- und Gangunsicherheiten, der anfangs nur wenige Sekunden andauert. Die Betroffenen erleben diese Anfälle als sehr bedrohlich und entwickeln eine ängstliche Erwartungshaltung vor der nächsten Attacke. Häufig lösen besondere Situationen den Schwankschwindel aus – wie Autofahren, Überqueren von Brücken, Treppensteigen, leere Räume oder bestimmte soziale und kommunikative Anforderungen.er Schwindel mit Benommenheit sowie Stand- und Gangunsicherheiten; dabei dauert der Schwindel anfangs nur wenige Sekunden an.

Benommenheitsschwindel

Beim Benommenheitsschwindel klagen die Betroffenen über ein Unsicherheitgefühl im Raum ohne klaren Kopf. Auch ein Gefühl des Wegsinkens wird beschrieben. 

Wie auch beim Schwankschwindel haben viele Betroffene außerdem das Gefühl, dass ihnen schwarz vor Augen wird oder sie das Bewusstsein verlieren. Die Symptome des Benommenheitsschwindels überlappen sich also deutlich mit den Schwindelgefühlen, die beim Schwankschwindel auftreten. 

2. Dauer des Schwindels: Plötzliche Schwindelattacken oder ständig schwindelig?

Hat der Arzt die Schwindelgefühle einer bestimmten Schwindelart zugeordnet, kann er mithilfe der Zeitdimension die Ursache für den Schwindel weiter eingrenzen.

Attackenschwindel

Hierbei setzt das Schwindelgefühl schnell ein und dauert oft nur wenige Sekunden oder Minuten an – typische Formen sind

  • der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel,
  • der orthostatische Schwindel oder
  • der Schwindel im Rahmen der Menière-Krankheit.

Dauerschwindel

Halten die Symptome mehrere Tage oder sogar Wochen an, spricht man von Dauerschwindel. Dieser tritt zum Beispiel bei

  • einem Ausfall des Gleichgewichtssinnes durch eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs oder
  • psychischen Krankheiten auf.

3. Modulierende Faktoren: Was löst den Schwindel aus? Wie kann man ihn verstärken?

Es gibt Patienten, denen wird vor allem dann schwindelig, wenn sie sich körperlich anstrengen. Bei anderen wiederum verstärken sich die Schwindelgefühle im Dunkeln. Weitere Faktoren, die einen Einfluss auf den Schwindel haben können, sind beispielsweise

  • bestimmte Bewegung des Kopfes,
  • Aufrichten des Körpers,
  • Heben/Arbeiten mit Armen über dem Kopf,
  • neue Brille (insbes. Gleitsicht),
  • Medikamenteneinnahme (insbes. Antihypertensiva, Sedativa, Antiarrhythmika, NSAR)
  • bedeutende Veränderung im Leben beziehungsweise psychische Belastung oder
  • Hungerperioden bei Diabetikern.

4. Zusätzliche Symptome

Bei Schwindel treten neben den wahrgenommenen Scheinbewegungen praktisch immer weitere Symptome auf: So kann ein Schwindelgefühl

  • mit einer Unsicherheit beim Stehen und Gehen,
  • mit Übelkeit, Erbrechen und Ohrensausen,
  • Hörstörungen,
  • Gefühllosigkeit in den Beinen,
  • Herzrasen oder Herzrhythmusstörungen
  • sowie mit einer gestörten Funktion der Augenmuskulatur (Nystagmus, Augenzittern)

einhergehen. Mithilfe der zusätzlich auftretenden Symptome lässt sich die Ursache für den Schwindel ebenfalls weiter eingrenzen.

Anschließend erfolgen körperliche Untersuchungen, bei denen der Arzt den Blutdruck, den Puls und die Augenbewegungen überprüft. Häufig kommen zur Diagnose auch verschiedene Tests zur Funktion des Gleichgewichtsorgans und zur Hörfähigkeit zum Einsatz, da Hör- und Gleichgewichtsorgan den gleichen Nervenstrang nutzen, um Informationen weiterzuleiten.

Um die häufigste Art von Schwindel, den gutartigen paroxysmalen Lagerungsschwindel, zu diagnostizieren, führt der Arzt sogenannte Lagerungsproben durch – zum Beispiel das Dix-Hallpike-Manöver. Hierbei sitzt der Patient zunächst aufrecht auf der Untersuchungsliege. Anschließend dreht der Arzt den Kopf des Patienten um etwa 45 Grad zur Seite und lässt seinen Oberkörper zügig und kontrolliert nach hinten fallen – die Kopfhaltung wird während dieser Bewegung nicht geändert. Bei einem gutartigen paroxysmalen Lagerungsschwindel zeigen die Patienten in dieser Endlage ein Augenzittern, fachsprachlich Nystagmus

Schwindel: Das können Sie gegen das Schwindelgefühl tun!

Grundvoraussetzung für die richtige Behandlung ist eine korrekte Diagnose. Erst wenn der Arzt weiß, welche Ursachen genau für den Schwindel verantwortlich sind, kann er geeignete Maßnahmen ergreifen.

Wenn zum Beispiel die Reisekrankheit hinter dem Schwindelgefühl steckt, reicht es oft schon, in regelmäßigen Abständen eine Pause einzulegen. Langfristig kann es dann auch helfen, wenn Sie sich vorsichtig in kurzen Abständen wiederholt den entsprechenden Reizen aussetzen. Diese Gewöhnung wirkt allerdings nur vorübergehend und bei bestimmten Bewegungsabfolgen. Daher schützt eine erworbene Unempfindlichkeit gegenüber dem Autofahren zum Beispiel nicht vor Seekrankheit.

Daneben sind zur Behandlung einer Reisekrankheit bestimmte Medikamente gegen Vertigo (bzw. Antivertiginosa) geeignet: Diese helfen gegen den Schwindel und gegen die oft gleichzeitige Übelkeit. Zum Einsatz kommen

Auch wenn beispielsweise ein Morbus Menière oder eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Neuritis vestibularis) hinter Ihrem Schwindel steckt, können zur Therapie vorübergehend Antivertiginosa zum Einsatz kommen, um Übelkeit und Erbrechen zu verringern. Dadurch bessern sich aber nur die Symptome – die Ursachen der Schwindelerkrankung verschwinden dadurch nicht.

Wichtig: Diese Präparate sollten nicht länger als drei Tage gegeben werden. Bei vielen Formen von Schwindel sind Antivertiginosa zur Behandlung außerdem völlig ungeeignet – vor allem zur Dauerbehandlung.

Je nach Ursache für die Schwindelgefühle können jedoch andere Medikamente helfen: Wenn zum Beispiel eine vestibuläre Migräne für Ihren Schwindel verantwortlich ist, sind zur Therapie Mittel gegen Migräneanfälle und zur Migränevorbeugung geeignet. Als vorbeugendes Medikament der ersten Wahl gelten Betablocker (wie Metoprololsuccinat), die etwa ein halbes Jahr lang einzunehmen sind.

Oft sind auch physiotherapeutische Maßnahmen ein wichtiger Bestandteil der Schwindel-Therapie. So heilen beispielsweise ein anhaltender Drehschwindel bei entzündetem Gleichgewichtsnerv und ein gutartiger (benigner) paroxysmaler Lagerungsschwindel durch krankengymnastische Übungen erheblich schneller. Die Übungen lösen Haltungsunsicherheiten aus und erfordern so Korrekturbewegungen: Die Krankengymnastik zielt also darauf ab, Ihre Gleichgewichtsreaktionen zu verbessern, indem sie bei Ihnen ständig Stand- und Gangunsicherheiten hervorruft.

Wenn die Schwindelattacken besonders häufig oder über Jahre auftreten und gleichzeitig Ihre Hörfähigkeit eingeschränkt ist, kann für Sie eine operative Behandlung in Betracht kommen (der Operateur kann z.B. das betroffene Gleichgewichtsorgan entfernen). Da jedoch viele Erkrankungen, die mit Schwindel einhergehen, eine gute Prognose haben und ohne Therapie heilen (was sich durch entsprechende Physiotherapie fördern lässt), sind solche operativen Maßnahmen eine Ausnahme.

Manöver nach Epley und Semont beim gutartigen paroxysmalen Lagerungsschwindel

Es gibt mehrere Lagerungsmanöver, um beim gutartigen paroxysmalen Lagerungsschwindel die Symptome zu bekämpfen. Dabei sollen durch bestimmte Drehungen des Kopfes und Oberkörpers die Kristalle im Bogengang des Innenohres gelöst werden, die als Ursache für diese Schwindelanfälle im Liegen oder beim Aufstehen gelten. 

Studien haben gezeigt, dass die Manöver nach Epley und das Semont-Manöver am wirksamsten sind. Beide Techniken kann man – nach sorgfältiger Anleitung durch einen Arzt – auch selbstständig zu Hause durchführen. Dabei sollten die Betroffenen die Übungen mehrfach täglich bis zur Beschwerdefreiheit wiederholen. Die Erfolgsraten liegen bei 50 bis 90 Prozent nach nur einer Woche.

Schwindel: Verlauf & Vorbeugen

Verlauf

Bei Schwindel hängt der Verlauf davon ab, warum es zu dem Schwindelgefühl kommt. Wenn es möglich ist, die Ursachen für den Schwindel durch eine angemessene Behandlung zu beseitigen, ist die Prognose in der Regel gut. Ein Dauerschwindel, der über Monate oder gar Jahre anhält, weist häufig auf einen seelischen Auslöser hin, da er selten infolge einer Erkrankung der für das Gleichgewicht wichtigen Organe entsteht.

Vorbeugen

Einem Schwindel können Sie nicht vorbeugen – besonders wenn das Schwindelgefühl als Begleiterscheinung einer Erkrankung des Nervensystems auftritt. Vorbeugende Maßnahmen sind darauf begrenzt, mit Schwindel verbundene Erkrankungen entsprechend zu behandeln und so weitere Schwindelattacken zu verhindern.

Wenn Sie bei ungewohnten Bewegungssituationen – wie im Auto oder auf einem Schiff – zu Schwindel neigen, sollten Sie versuchen, sich langsam an die neue Umgebung zu gewöhnen.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Schwindel (Vertigo)":

Selbsthilfegruppen / Beratungsstellen:

KIMM e.V.
Kontakte und Infos für Morbus Menière
info@kimmev.de
www.kimm-ev.de

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Quellen:

Schwindel. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 18.4.2017)

Hacke, P.: Neurologie. Springer, Berlin 2016

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM): Schwindel, akut in der Hausarztpraxis. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 053/018 (Stand: 30.11.2015)

Brandt, T., Dieterich, M., Strupp. M.: Vertigo – Leitsymptom Schwindel. Springer, Berlin 2013

Strupp, M., Dieterich, M., Brandt, T.: The treatment and natural course of peripheral and central vertigo. Deutsches Ärzteblatt International 2013; 110 (29–30): 505–16

Battegay, E. (Hrsg.): Siegenthalers Differenzialdiagnose. Thieme, Stuttgart 2013

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Schwindel – Diagnose. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 030/017 (Stand: September 2012)

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Schwindel – Therapie. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 030/018 (Stand: September 2012)

Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie. Springer, Berlin 2012

Aktualisiert am: 19. September 2017

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