Muskelkrämpfe (Krampf, Spasmus): Ursachen und Behandlung

Veröffentlicht von: Till von Bracht (13. Oktober 2017)

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Bei einem Muskelkrampf zieht sich ganz plötzlich und ohne erkennbare Ursache die Muskulatur sehr stark zusammen. Und das schmerzt: Das weiß jeder, der schon einmal mitten in der Nacht von einem Wadenkrampf oder einem Krampf in den Füßen aus dem Schlaf gerissen wurde. Lange Zeit wurde ein Magnesiummangel als Hauptursache für einen Muskelkrampf angenommen. Ein Irrtum. Die Ursachen sind vielfältig und bleiben häufig unerkannt. 

Beim Sport oder in der Schwangerschaft sind Muskelkrämpfe ebenfalls keine Seltenheit – vor allem Wadenkrämpfe. Magnesium hilft da nur selten, stattdessen sollte man die betroffene Stelle regelmäßig dehnen.

Was ist ein Muskelkrampf?

Ein Muskelkrampf, Krampf oder Spasmus ist eine ungewollte und schmerzhafte Muskelanspannung. Während des Muskelkrampfes fühlt sich der betroffene Muskel steinhart an – nach wenigen Sekunden bis Minuten entspannt sich die Muskulatur aber für gewöhnlich wieder von selbst.

Ist von Krämpfen die Rede, sind meist Muskelkrämpfe in den Skelettmuskeln gemeint, also zum Beispiel Krämpfe in den Beinen, in den Füßen oder in den Händen. Im Prinzip können Krämpfe aber an fast jeder Stelle des menschlichen Körpers auftreten. 

Das liegt daran, dass Muskelkrämpfe nicht nur die quergestreifte Muskulatur sondern auch die glatte Muskulatur betreffen können – also zum Beispiel auch die inneren Organe (wie Harnblase oder Gallenblase) oder die Blutgefäße (sog. Gefäßspasmen). Nur der Herzmuskel nimmt hierbei eine Sonderstellung ein: Das Herz kann nicht verkrampfen!


Die Benennung der Muskelkrämpfe richtet sich in der Regel danach, an welcher Stelle sie auftreten: Wenn sich beispielweise die Muskeln in den Verdauungsorganen krampfhaft zusammenziehen, spricht man von Bauchkrämpfen. Die Ursache hierfür kann zum Beispiel ein Stein sein, der von der Gallenblase aus durch die engen Gallenwege gepresst wird. Einen Muskelkrampf der Blutgefäße bezeichnet man als Vasospasmus, einen Krampf in den Bronchien als Bronchospasmus und einen Spasmus im Kehlkopf als Laryngospasmus.

Darüber hinaus lassen sich drei verschiedene Formen des Muskelkrampfes unterscheiden. 

  1. Einen gewöhnlichen Muskelkrampf kennen vermutlich die meisten Menschen aus eigener Erfahrung. Dabei kommt es für einen kurzen Moment (Sekunden oder wenige Minuten) zu einer schmerzhaften Muskelanspannung – häufig in den Morgen­stunden in den Wadenmuskeln oder Zehen­beugern. 
  2. Ein klonischer Muskelkrampf macht sich durch plötzlich auftretende, sehr kurze Zuckun­gen bemerkbar. Ein Beispiel hierfür ist das Zucken der Beine beim Einschlafen.
  3. Bei einem tonischen Muskelkrampf dagegen ist die betroffene Muskulatur dauerhaft stark angespannt – etwa bei Dystonie, Tetanus oder einem Schreibkrampf. 

Welche Ursachen haben Muskelkrämpfe?

Bis heute weiß man nicht genau, welche Ursachen für Muskelkrämpfe verantwortlich sind. Daher gibt es bislang auch keine wirklich wirksame Methode, um Muskelkrämpfen vorzubeugen.

Nach derzeitigem Forschungsstand sind aber zumindest einige Faktoren bekannt, die das Risiko für Muskelkrämpfe erhöhen – dazu zählen 

Lang anhaltende Krämpfe der Skelettmuskulatur können auch beim Wundstarrkrampf (Tetanus), Schiefhals (Torticollis) oder Gesichtskrampf (Faszialiskrampf) auftreten.

Muskelkrämpfe durch Magnesiummangel?

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass ein Magnesiummangel stets Muskelkrämpfe verursacht. Bislang gibt es allerdings keine aussagekräftige Studie, die diesen Zusammenhang sicher bestätigen konnte. Deshalb gibt es viele Menschen, die trotz ausreichender Magnesium-Zufuhr regelmäßig unter Muskelkrämpfen leiden. Auf der anderen Seite führt ein Magnesiummangel nicht automatisch dazu, dass man Krämpfe bekommt.

Wenn die Muskelkrämpfe am ganzen Körper auftreten, liegt ein sogenannter generalisierter Krampfanfall vor. Generalisierte Muskelkrämpfe können ihre Ursachen beispielsweise in Fieber, Epilepsie oder einer Gehirnhautentzündung (Meningitis) haben. Auch Drogen- oder Alkoholabhängige können bei einem Entzug generalisierte Krampfanfälle bekommen.

Wenn ein Krampf die glatte Muskulatur betrifft (also das Muskelgewebe der Blutgefäße, Lymphgefäße oder Hohlorgane – mit Ausnahme des Herzens), stecken andere Störungen dahinter: In den Bronchien auftretende Muskelkrämpfe (Bronchospasmus) können ihre Ursachen beispielsweise in Asthma bronchiale haben.

Wenn sogenannte Koliken (d.h. krampfartige Leibschmerzen, die wellenförmig an Stärke zu- und abnehmen) durch Krämpfe der Hohlorgane entstehen, kommen hierfür beispielsweise folgende Ursachen infrage:

Muskelkrämpfe (Krampf, Spasmus): Diagnose

Normalerweise sind Muskelkrämpfe harmlos – wenn die Krämpfe aber immer wiederkommen, ist es sinnvoll, ein Arzt aufzusuchen. 

Damit sich der Arzt ein erstes Bild von den möglichen Ursachen machen kann, sollte man den Muskelkrampf genau beschreiben. Entscheidend ist dabei auch, wann die ersten Krämpfe auftraten und ob sich die Krampf-Intensität in der Zwischenzeit geändert hat.

Meist besteht der erste Schritt aus einer gründlichen körperlichen Untersuchung, bei der der Arzt nach Auffälligkeiten sucht. Wenn an den Skelettmuskeln häufiger Muskelkrämpfe (z.B. in der Wade) auftreten, kommt zur Diagnose eine Blutuntersuchung zum Einsatz: Mit ihrer Hilfe ist es unter anderem möglich, die Konzentration der Elektrolyte zu bestimmen.

Kolikartige Beschwerden weisen auf Muskelkrämpfe in einem Hohlorgan (z.B. Darm, Niere) hin. In dem Fall tastet der Arzt zur Diagnose den Bauch ab, kontrolliert die Darmgeräusche und nimmt eine Ultraschalluntersuchung vor.

Je nach vermuteter Ursache für die Muskelkrämpfe folgen zur Diagnose weitere Untersuchungen, wie zum Beispiel eine Elektroenzephalographie (EEG), Hirnwasserpunktion (Liquorpunktion), Röntgenuntersuchung des Bauchraums oder eine Computertomographie (CT).

Behandlung: Was Sie bei einem aktuten Muskelkrampf tun sollten

Bei einem akuten Muskelkrampf, etwa wenn Sie nachts im Bett liegen und sich auf einmal die Muskeln im Oberschenkel oder in den Waden verkrampfen, sollten Sie versuchen, den betroffenen Muskel zu dehnen. Studien haben ergeben, dass sich so manchmal die Dauer des Krampfes reduzieren lässt.

Was langfristig bei Krämpfen hilft

Magnesium?

Wer häufiger unter Muskelkrämpfen leidet, hört oft den gut gemeinten Ratschlag: "Nimm doch mal Magnesium". Ob magnesiumhaltige Brausetabletten und Pulver tatsächlich gegen Muskelkrämpfe helfen können, ist bislang aber noch unklar. Bislang gibt es keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die eine positive Wirkung von Magnesium beweisen konnten. 

Mit anderen Worten: Die Einnahme von Magnesium kann helfen, muss aber nichtSicher verhindern lassen sich Muskelkrämpfe mit Magnesiumtabletten jedenfalls nicht. 

Dehnübungen?

Wissenschaftler empfehlen außerdem, den betroffenen Muskel regelmäßig und über einen längeren Zeitraum zu dehnen. Gezielte Dehnübungen können dazu betragen, nächtliche Wadenkrämpfe zu verhindern. Die Wirksamkeit dieser Dehnübungen wird von Experten allerdings ebenfalls unterschiedlich bewertet. 

Unter Tipp: Wenn Sie immer wieder unter schmerzhaften Krämpfen in den Waden leiden, sollten Sie regelmäßig Dehnübungen für Ihre Wadenmuskeln durchführen. Stellen Sie sich dazu in Schrittstellung vor eine Wand, drücken Sie sich mit den Händen von ihr ab und strecken Sie das hintere Bein, sodass die Ferse den Boden berührt. Das Ziehen in der Wade sollte spürbar aber nicht schmerzhaft sein. 

Chinin?

Das Einzige, was nach derzeitigem Forschungsstand gegen Muskelkrämpfe hilft, sind Chininpräparate mit einer Dosierung von 200 bis 500 Milligramm täglich. Chinin kann im Einzelfall allerdings zu schwerwiegenden – teils lebensbedrohlichen – Nebenwirkungen führen. Chinin ist rezeptflichtig und darf daher nur von einem Arzt verordnet werden. 

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfiehlt, Chininsulfat nur dann einzunehmen, wenn der Betroffene sehr unter den Muskelkrämpfen leidet und Dehnübungen sowie Magnesiumpräparate wirkungslos blieben. Generell nicht auf Chinin zurückgreifen sollten

Was hilft bei Krämpfen im Bauchraum?

Wenn Sie wellenförmig zu- und abnehmende Bauchschmerzen (sog. Koliken) haben, weil an der glatten Muskulatur eines Hohlorgans Muskelkrämpfe auftreten, hängt die Therapie davon ab, welches Organ verkrampft und warum.

Ist beispielsweise eine Blinddarmentzündung für die Krämpfe verantwortlich, ist zur Behandlung meist eine Operation notwendig. Stecken Nierensteine hinter den Bauchkrämpfen, kann beispielsweise eine Stoßwellentherapie zum Einsatz kommen, um die Steine zu entfernen.

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:


Quellen:

Wadenkrämpfe – erneut kein Nutzen von Magnesium. Arznei-Telegramm, Jg. 48, Nr. 3, S. 29-30 (März 2017)

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2017)

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Chinin gegen nächtliche Wadenkrämpfe: Bescheid des BfArM zu Änderungen der Produktinformation, einschließlich Einschränkung der Indikation, u.a. wegen des Risikos für schwere Blutbildveränderungen (Thrombozytopenien) im Rahmen eines nationalen Stufenplanverfahrens (2.4.2015)

Wadenkrämpfe: Chinin jetzt rezeptpflichtig. Online-Informationen des Deutschen Ärzteblattes: www.aerzteblatt.de (2.4.2015)

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Aktualisiert am: 13. Oktober 2017

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