Tabuthema Hämorrhoiden

Veröffentlicht von: Wiebke Raue

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Sie werden belächelt und sind ein beliebtes Thema für Witze: die Hämorrhoiden. Jenseits aller Belustigung sind Gespräche rund um den Allerwertesten aber meist tabu – wer redet schon gern über Körperteile unter der Gürtellinie oder gibt gar zu, dass er selbst ein Problem damit hat? Doch was sind eigentlich Hämorrhoiden? Wie entstehen sie und was kann man dagegen tun? Diese Fragen stellen viele aus falscher Scham gar nicht erst. Dabei betrifft das Thema mehr Menschen, als man meinen möchte: Genau genommen sogar jeden von uns.

"Als mir mein Arzt mitteilte, ich hätte Hämorrhoiden zweiten Grades, dachte ich zunächst, da muss eine Verwechslung vorliegen." Der Büroangestellte Karsten Berger* dachte bis dato, Hämorrhoiden könnten nur für ältere Leute zum Problem werden. "Vor der Diagnose habe ich immer kräftig mitgelacht, wenn in meinem Freundeskreis mal davon die Rede war", so der 35-Jährige. Dann aber sei ihm das Lachen gründlich vergangen: Brennen, Juckreiz und Blut im Stuhl machten dem Mann aus Hamburg das Leben schwer.

Männer und Frauen kann ein Hämorrhoidalleiden gleichermaßen treffen. © Jupiterimages/iStockphoto

Männer und Frauen kann ein Hämorrhoidalleiden gleichermaßen treffen.

Probleme mit dem Allerwertesten sind auch in der jüngeren Bevölkerung kein Einzelfall. Jeder zweite über 30-Jährige hat Schätzungen zufolge hierzulande mit mehr oder minder vergrößerten Hämorrhoiden zu kämpfen. "Junge Menschen sind immer überrascht, wenn man bei ihnen Hämorrhoiden feststellt und können es oft kaum fassen", so Dr. Ive Schaaf aus Moosburg. Die Behandlung von Hämorrhoidalleiden zählt schon seit Jahren zu einem Tätigkeitsschwerpunkt der Medizinerin.

Video: Hämorrhoiden

Aus Scham gehen viele Betroffene erst spät zum Arzt und versuchen, erste Anzeichen zu ignorieren. Beschwerden mit Hämorrhoiden sind zwar nicht lebensbedrohlich, können jedoch die Lebensqualität erheblich einschränken.

*Name von der Redaktion geändert

Jeder hat sie – wirklich jeder!

Auch wenn es erstaunlich klingen mag: Genau genommen besitzt jeder von uns Hämorrhoiden – viele Menschen wissen dies allerdings gar nicht. Ohne Hämorrhoiden hätte allerdings jeder von uns ein ernstes Problem.

"Am Ende des Darms brauchen wir einen ‘Feinverschluss‘, um ohne Probleme all die Aktivitäten eines Tages ausführen zu können, die einem so einfallen: Seilspringen zum Beispiel oder mit einem Kasten Bier in den Händen auch noch lachen", erklärt Dr. Ive Schaaf. "Da kommt ein enormer Druck auf den Darmausgang, der dann sicher geschlossen sein soll, egal ob der Stuhl fest oder flüssig ist." Dieser Feinverschluss, der hämorrhoidale Schwellkörper, ist ringförmig angeordnet und besteht aus kleinen Blutgefäßkissen. Er bewirkt zusammen mit einem Schließmuskel, dass wir in der Lage sind, unser Stuhlverhalten zu kontrollieren. Bei Bedarf gelangt Blut in die Blutgefäße – vergleichbar mit einem Schwamm, der gefüllt werden kann. Durch den Zu- und Abfluss von Blut gehen Stuhl oder Winde normalerweise nur dann ab, wenn es auch von uns gewünscht ist.

Von Hämorrhoiden zum Hämorrhoidalleiden

Fließt dauerhaft zu viel Blut zur falschen Zeit in den Schwellkörper, können sich Hämorrhoiden unverhältnismäßig stark vergrößern. Sie treten nach und nach aus dem After hervor. Erst wenn sie Beschwerden verursachen, haben sie einen Krankheitswert. "Genau gesagt spricht man dann von einem Hämorrhoidalleiden, denn Hämorrhoiden sind streng genommen die normalen Blutgefäßkissen", erklärt Ive Schaaf. Je nachdem, wie weit das Hämorrhoidalleiden fortgeschritten ist, unterteilt man Hämorrhoiden in vier Grade. Grad vier entspricht dabei der stärksten Ausprägung.

Bei Karsten Berger hatte der Arzt Grad zwei diagnostiziert: "Am Schluss spürte ich nach jedem Stuhlgang, wie die Hämorrhoiden vor den After traten", berichtet er. Die Angst, sein Problem einem Experten zeigen zu müssen, sei jedoch so groß gewesen, dass er erst nach Monaten diesen Schritt gewagt habe.

Nässen, Juckreiz, Brennen: die Symptome sind vielfältig

Vergrößerte Hämorrhoiden gehen zu Beginn häufig mit Beschwerden wie Juckreiz, Brennen, einem Gefühl der unvollständigen Darmentleerung oder einem dumpfen Druckgefühl einher. "Besonders oft aber spürt man erst mal gar nichts, sondern sieht einfach hellrotes Blut in der Schüssel oder am Klopapier", weiß Dr. Ive Schaaf. Blutungen entstehen dann, wenn fester Kot die geschwollenen, dünnen Gefäßpolster verletzt. Die verlorene Blutmenge umfasst zwar meist nur wenige Milliliter. Sie sieht jedoch oft nach mehr aus – und ist häufig der Grund, warum Betroffene schließlich doch einen Arzt aufsuchen. "Als ich eines morgens Blut auf dem Stuhl fand, war ich erschrocken. Ich dachte gleich an Krebs", erzählt Karsten Berger.

Je weiter Hämorrhoiden aus dem After gedrückt werden, desto häufiger kommt es auch zur Einschränkung ihrer Funktion als Feinverschluss des Afters. Darmschleim kann austreten, was als Schwitzen oder Nässen wahrgenommen wird. Besonders lästig seien für ihn das ständige Brennen und der Juckreiz gewesen, berichtet Karsten Berger. Derartige Symptome entstehen, wenn die Haut durch die aus dem Darm austretende Flüssigkeit permanent gereizt wird. Diese Reizung kann zu Entzündungen führen.

Hämorrhoiden haben zwar nichts mit Krebs zu tun, jedoch können die Folgen sehr unangenehm sein. In fortgeschrittenen Stadien leiden die Betroffenen unter Stuhldrang und so genanntem Stuhlschmieren, dem ungewollten Abgang von Stuhl. Darüber hinaus treten zunehmend Schmerzen auf, wenn die Hämorrhoiden vom Schließmuskel des Afters eingeklemmt werden. Sitzen kann dadurch zur Qual werden. Weitere Folgen eines nicht behandelten Hämorrhoidalleidens sind Afterrisse durch das Wundwerden der Hämorrhoiden oder auch eine Blutarmut aufgrund des Blutverlusts.