Stuhlübertragung: Fremder Kot als Therapie

Veröffentlicht von: Wiebke Raue (09. August 2016)

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Zugegeben: Die Vorstellung, den Stuhlgang einer anderen Person übertragen zu bekommen, ist meist nicht gerade mit schönen Assoziationen verbunden. Aber in manchen Fällen kann eine Stuhltransplantation (Stuhlübertragung, Mikrobiomtransfer) einen kranken Darm sogar heilen.

Bei einer Stuhltransplantation wird Stuhlgang eines gesunden Menschen in den kranken Darm einer anderen Person übertragen. Die Mikroorganismen, die sich im Stuhl befinden, siedeln sich im Darm des Empfängers an – und können so die kranke Darmflora verändern beziehungsweise wiederaufbauen.

Für wen ist die Stuhlübertragung geeignet?

Eine Stuhltransplantation kommt insbesondere für Personen infrage, die immer wiederkehrend an Durchfall leiden, der durch das Bakterium Clostridium difficile ausgelöst wird. Diese Durchfallerkrankung bezeichnen Ärzte auch als Clostridium difficile-assoziierte Diarrhö, kurz CDAD. Wissenschaftler konnten in Studien nachweisen, dass die Stuhlübertragung in Kombination mit Antibiotika bei der Behandlung von CDAD äußerst effektiv ist – so effektiv, dass die Stuhltransplantation bei immer wieder auftretender, auf andere Therapien nicht ansprechender CDAD mittlerweile auch in den europäischen Leitlinien empfohlen wird. Die Heilungsquoten liegen bei über 90 %.

Wenn fremder Stuhl bei Durchfall, der durch ein Bakterium verursacht wurde, die Darmflora positiv beeinflusst, könnte eine Stuhlspende dann nicht auch bei anderen Darmerkrankungen wirken? Mit dieser Frage befassen sich Wissenschaftler intensiv.

In einigen Studien wurde beispielsweise untersucht, ob eine Stuhltransplantation auch bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn helfen kann. Bei Colitis ulcerosa etwa konnte etwa Stuhltransplantation die Beschwerden bei einigen Patienten lindern – ein statistisch gesicherter Erfolg konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.

Wie wirksam eine Stuhlübertragung bei bestimmten Darmerkrankungen ist, wird derzeit noch erforscht. Gesichert ist jedoch, dass fremder Stuhl sehr wirksam bei Durchfallerkrankungen durch das Bakterium Clostridium difficile ist.

Wer kommt als Spender infrage?

In der Regel kommt der Stuhlspender aus dem Familienkreis beziehungsweise aus dem gleichen Haushalt des Patienten. Die Gründe: Personen, die in engem Kontakt miteinander stehen oder verwandt sind, haben eine ähnliche Darmflora, was die Wirksamkeit verstärkt. Zum anderen kann es aber auch aus psychologischer Sicht einfacher sein, einen bekannten Menschen spenden zu lassen. Als Spender geeignet sind nur Personen, die als "stuhlgesund" gelten und die nicht vor kurzem Antibiotika nehmen mussten. Der Stuhl des potenziellen Spenders wird vorab genau untersucht.

Wie funktioniert die Übertragung?

Stuhlübertragungen sollten nur in erfahrenen gastroenterologischen Einrichtungen durchgeführt werden. Nachdem der Stuhl untersucht wurde, wird er speziell aufbereitet und gefiltert. Wie kommt der Stuhlgang des Spenders aber nun in den Darm des Empfängers? Hier gibt es verschiedene Methoden:

  • Darmspiegelung: Bei einer Darmspiegelung kann der Stuhl direkt in den Dickdarm gegeben werden.
  • Nasensonde: Über eine Sonde, die durch die Nase in den Darm führt, gelangt der Stuhl an seinen Platz.
  • Kapseln: Der Patient kann Kapseln schlucken, in denen sich der aufbereitete Stuhl befindet.

Die Möglichkeit, das Spendermaterial in Kapseln zu verhüllen, ist noch relativ neu. Vorreiter ist die Kölner Uniklinik. Nach dem Schlucken gelangen die magensaftresistenten Kapseln in den Darm und zeigen so ihre Wirkung. Sind sie einmal hergestellt, können die Kapseln auch eingefroren werden, sodass der Patient nicht zwingend am Tag der Stuhlspende erscheinen muss.

Die Stuhlübertragung mithilfe von Kapseln ist noch ein relativ neues Verfahren. © iStock

Die Stuhlübertragung mithilfe von Kapseln ist noch ein relativ neues Verfahren.

Übrigens: Die Idee, mit dem Stuhl einer anderen Person einen Darm zu heilen, ist nicht neu. Die erste Transplantation wurde 1958 durchgeführt – und bereits Jahrhunderte zuvor schon beschrieben.

Onmeda-Lesetipps:

Quellen:

Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten: Bakterien gegen Darmerkrankungen. Stuhltransplantation bietet Chancen bei CED (Juni 2016)

Online-Informationen von Das Gastroenterologieportal: http://dasgastroenterologieportal.de (Stand: 24.6.2016)

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2016)

Pressemitteilung der Pharmazeutischen Zeitung online: Stuhltransplantation bei Colitis ulcerosa mäßig wirksam (6.7.2015)

Pressemitteilung der Pharmazeutischen Zeitung online: Erste Stuhltransplantation mit Kapseln in Deutschland (19.2.2015)

Youngster, I., et al.: Oral, Capsulized, Frozen Fecal Microbiota Transplantation for Relapsing Clostridium difficile Infection. The Journal of the American Medical Association (JAMA), Vol. 312, No. 17, pp. 1772-1778 (5. November 2014)

Lübbert, C., Endres, J., von Müller, L.: Clostridium-difficile-Infektion. Leitliniengerechte Diagnostik- und Behandlungsoptionen. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 111, Heft. 43, S. 723-31 (24. Oktober 2014)

Debast, F. et al.: European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases: update of the treatment guidance document for Clostridium difficile infection. Clinical Microbiology and Infection, Vol 20, Supplement s2, pp. 1-26 (März 2014)

Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Mukosale Immunologie und Mikrobiom: Stuhltransplantation – nicht neu, aber neu entdeckt (Dezember 2013)

Stand: 9. August 2016



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