Die klebrige Wahrheit hinter Kinesio-Tapes

Veröffentlicht von: Till von Bracht (10. Mai 2017)

© Getty Images

Vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Der Leistungssport ist bunter geworden. Dabei geht es allerdings nicht nur um die immer farbenfroheren Sportschuhe. Nein, die Rede ist von bunten Klebestreifen, die die Haut der Sportler verzieren – auch Kinesio-Tapes genannt. Und auch immer mehr Menschen mit chronischen Rücken- oder Schulterschmerzen setzen auf die roten, blauen oder pinken Klebebänder. Mit Erfolg?

Kinesio-Tapes sind eigentlich nichts Neues. Schon in den 1970er-Jahren widmete sich der japanische Chiropraktiker Dr. Kenzo Kase dem elastischen Klebeverfahren. Er suchte nach einer Möglichkeit, die Durchblutung der Muskulatur zu steigern, damit Sportler ihre eigenen Bewegungen besser wahrnehmen können und seltener unter Gelenkschmerzen leiden – ohne dabei allerdings die Bewegungsfreiheit eingrenzen zu müssen. Und so stellte Kase nach zwei Jahren Forschungsarbeit 1979 zum ersten Mal seine Erfindung vor: das Kinesio-Taping.

Lange Zeit interessierten sich nur wenige Menschen für die luftdurchlässigen, elastischen Bänder aus Fernost. Doch seit immer mehr verklebte Spitzensportler wie der Sprintstar Usain Bolt, Tennisspielerin Serena Williams oder der italienische Fußballprofi Mario Balotelli in den Medien auftauchen, fragen sich hierzulande viele Breitensportler, ob es sich dabei um moderne Kriegsbemalung oder um eine medizinische Behandlungsform handelt.

Kinesio-Taping: Was soll es bringen?

Kinesio-Tapes sind keine gewöhnlichen Verbände. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Verbänden, die man aus dem Erste-Hilfe-Koffer kennt, sind die bunten Kinesio-Tapes atmungsaktiv und äußerst elastisch. Sie kleben – manchmal sogar mehrere Tage – direkt auf der Haut und passen sich sämtlichen Bewegungen an. 

Die aufgeklebten Streifen heben die Haut an den getapten Stellen etwas an, wodurch die Blut- und Lymphzirkulation angeregt werden soll. Das Band gibt sozusagen eine dauernde, sanfte Massage auf die Muskeln ab.

Korrekt aufgeklebt sollen die Streifen dazu beitragen,

  • Schmerzen und Schwellungen zu lindern,
  • den Lymph- und Blutfluss anzuregen,
  • die Gelenkbeweglichkeit zu verbessern,
  • den Muskeltonus zu regulieren
  • und eigene Bewegungen besser wahrzunehmen (Propriozeption).

Was sagt die Wissenschaft?

Mittlerweile gibt es zahlreiche Untersuchungen zur Wirksamkeit von Kinesio-Tapes – die Ergebnisse mögen den Hype um die bunten Wunderbänder allerdings etwas trüben.

Einige Studien deuten zwar darauf hin, dass Kinesio-Tapes bei leichten Muskelschmerzen und -verspannungen zumindest kurzzeitig die Symptome lindern können – allerdings wirken die aufgeklebten Bänder nicht besser als klassische Maßnahmen (z.B. Kälte- oder Wärmetherapie).

Das Bild zeigt den Fußballer Mario Balotelli mit drei Kinesio-Tapes auf seinem Rücken. © Getty Images

Mario Balotelli hat bei der EM 2012 unter anderem auch mit Kinesio-Tapes auf sich aufmerksam gemacht. Ob die aufgeklebten Streifen bei einem solch muskulösen Rücken überhaupt Wirkung zeigen, darf angezweifelt werden.

Gegen längerfristige Beschwerden – zum Beispiel gegen andauernde Rückenschmerzen – helfen Kinesio-Tapes nur geringfügig. In diesem Fall sollte man nicht ausschließlich auf die wundersame Wirkung bunter Zauberbänder hoffen, sondern sich lieber in die professionellen Hände eines Physiotherapeuten begeben und zum Beispiel die betroffene Muskulatur kräftigen.

Ein weiteres Bespiel: das Impingement-Syndrom. Hier sollen die aufgeklebten Tapes dazu beitragen, den Arm wieder schmerzfrei bewegen zu können. Wissenschaftlich gesehen darf auch dieses Versprechen angezweifelt werden. Die wenigen Forschungsergebnisse, die es dazu bislang gibt, sind widersprüchlich. 

Einige wenige Studien unterstützen allerdings die Annahme, dass Kinesio-Tapes die Gelenkbeweglichkeit und die Propriozeption (die Wahrnehmung von Bewegungen und Körperhaltungen) verbessern.

Zusammenfassung

Kinesio-Tapes sind relativ kostengünstig, schmerzfrei und verursachen keine Nebenwirkungen. Toll! Aufgrund der uneinheitlichen Studienlage und der widersprüchlichen Ergebnisse darf man von den farbigen Klebestreifen aber auch keine Wunder erwarten. 

Alles Humbug also? Nicht unbedingt! Man sollte den Placebo-Effekt der bunten Tapeverbände nicht unterschätzen. An der Weltspitze des Leistungssports entscheiden Nuancen über Sieg oder Niederlage. Allein, wenn der Sportler denkt, die aufgeklebten Kinesio-Tapes könnten Schmerzen reduzieren oder anderweitig zur Leistungssteigerung beitragen, haben sie schon einen wichtigen Zweck erfüllt.

Bei Menschen mit chronischen Rückenschmerzen können Kinesio-Tapes möglicherweise die Beweglichkeit der Wirbelsäule verbessern und somit die Behandlung zumindest unterstützen.

Weitere Informationen

Quellen:

Nelson, N.: Kinesio taping for chronic low back pain: A systematic review. Journal of Bodywork and Movement Therapies, Vol. 20, Iss. 3, pp. 672-681 (2016)

Parreira, P., et al.: Current evidence does not support the use of Kinesio Taping in clinical practice: a systematic review. Journal of physiotherapy, Vol. 60, Iss. 1, pp. 31-39 (2014)

Kalron, A., Bar-Sela, S.: A systematic review of the effectiveness of Kinesio Taping – fact or fashion? European journal of physical and rehabilitation medicine, Vol. 49, Iss. 5, pp. 699-709 (2013)

Morris, D., Jones, D., Ryan, H., Ryan, C.G.: The clinical effects of Kinesio® Tex taping: A systematic review. Physiotherapy theory and practice, Vol. 29, Iss. 4, pp. 259-270 (2013)

Mostafavifar, M., Wertz, J., Borchers, J.: A systematic review of the effectiveness of kinesio taping for musculoskeletal injury. The Physician and sportsmedicine, Vol. 40, Iss. 4, pp. 33-40 (2012)

Stand: 10. Mai 2017