Zähneknirschen: Stressventil mit Folgen

Veröffentlicht von: Dr. rer. nat. Geraldine Nagel (24. Oktober 2017)

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In vielen Betten wird nachts intensiv gearbeitet: mit den Zähnen. Zähneknirschen (fachsprachlich: Bruxismus) ist weit verbreitet und kann zu Beschwerden führen.

Beim Zähneknirschen reiben und pressen Betroffene die Zahnreihen von Ober- und Unterkiefer aufeinander. Dabei können Schäden an der Zahnsubstanz entstehen. Zähneknirschen kann in jeder Altersstufe auftreten und ist häufig ein Zeichen psychischer Anspannung. Die meisten Menschen knirschen vor allem nachts mit den Zähnen.

Was ist Zähneknirschen?

Zähneknirschen und Zähnepressen zählen zu den sogenannten Parafunktionen. Darunter versteht man Aktivitäten des Kausystems, die keinem zweckgemäßen Gebrauch, wie zum Beispiel dem Zerkleinern von Nahrung dienen. Häufig bemerken Betroffene das Zähneknirschen oder Zähnepressen gar nicht, da dieser Prozess meist unbewusst abläuft.

Zähneknirschen: Das sind die Ursachen

Für Zähneknirschen (Bruxismus) kommen verschiedene Ursachen infrage. Wichtig zu wissen: Zähneknirschen ist ein sehr häufiges Phänomen und nicht zwingend mit einer ernsthaften psychischen oder körperlichen Erkrankung verbunden.

Mit zu den häufigsten Ursachen von Zähneknirschen (Bruxismus) zählt vor allem Stress – oder genaugenommen eine ungünstige Stressverarbeitung. Denn nicht jeder der Stress hat, knirscht nachts auch mit den Zähnen. Manche Betroffene scheinen jedoch den tagsüber nicht ausreichend verarbeiteten Stress im Schlaf förmlich "wegzuknirschen". Das nächtliche Zähneknirschen gilt deshalb auch als eine Form der Schlafstörung, die sich in auffälligem Verhalten während des Schlafs zeigt. Mediziner sprechen hierbei von einer Parasomnie. Bruxismus kommt zwar teilweise auch tagsüber in Anspannungsphasen vor, tritt aber vor allem während des Schlafs auf. Dabei knirschen die meisten während der Traumphasen (REM-Phasen).

Neben Stress können jedoch auch andere Ursachen für das Zähneknirschen und Zähnepressen verantwortlich sein, wie zum Beispiel

  • Erkrankungen des Zahnhalteapparats,
  • schlecht sitzender Zahnersatz (wie Brücken, Kronen, Prothesen),
  • schlecht sitzende Zahnfüllungen oder
  • funktionelle Störungen des Kiefergelenks (sog. craniomandibuläre Dysfunktion).

In seltenen Fällen können neurologische Erkrankungen zu Bruxismus beitragen (z.B. multiple Sklerose).

Bei Menschen, die zu Bruxismus neigen, kann der Genuss von Alkohol oder koffeinhaltigen Getränken (wie z.B. Kaffee, schwarzer Tee, Cola oder Energydrinks), das Zähneknirschen fördern. Vermutlich, weil diese Substanzen Einfluss auf das Gehirn und damit auf das Regulieren der Schlafphasen haben. Bei Verzicht auf diese Genussmittel lässt das Zähneknirschen unter Umständen rasch nach.

Besteht der Verdacht, dass Medikamente das Zähneknirschen auslösen (z.B. Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), sollten Betroffene ihren Arzt darauf ansprechen. Er kann gegebenenfalls ein anderes Medikament verordnen. Keinesfalls sollten die Medikamente eigenständig abgesetzt werden.

Zähneknirschen ist eine Parafunktion

Zähneknirschen zählt zu den sogenannten Parafunktionen. Darunter versteht man Aktivitäten des Kausystems, die keinem funktionellen Zweck dienen – wie etwa dem Zerkleinern von Nahrung. Zu den Parafunktionen zählen neben Zähneknirschen auch:

  • Wangen-, Lippen- und Zungenbeißen,
  • Zähnepressen,
  • Zungenpressen (gegen Zähne oder Gaumen),
  • sowie das Kauen auf Objekten, wie zum Beispiel Fingernägeln oder Bleistiften.

Beim genauen Nachdenken fällt vielen Menschen auf, dass sie mindestens eine dieser Bewegungen regelmäßig und meist unbewusst ausführen. Trotz der weiten Verbreitung vieler Parafunktionen in der Bevölkerung haben sie häufig keine schwerwiegenden Folgen für Mund und Zähne. Beim Zähneknirschen und Zähnepressen können jedoch Schäden an den Zähnen entstehen.

In Ruhe befindet sich der Unterkiefer normalerweise in der sogenannten Schwebehaltung oder Ruheschwebe: Die Kaumuskeln sind dabei entspannt und die Zähne von Ober- und Unterkiefer berühren sich nicht. Der Abstand beträgt etwa zwei bis vier Millimeter. Kontakt sollten die Zähne eigentlich nur beim Kauen haben.

Beim nächtlichen Zähneknirschen pressen und knirschen Betroffene jedoch mit einer viel stärkeren Kraft und viel länger als beim normalen Kauen. Im Normalfall haben die Zähne pro Tag insgesamt nur circa 30 Minuten Kontakt. Bei Betroffenen, die mit den Zähnen knirschen, beträgt die Kontaktdauer jedoch etwa zwei Stunden – und das verbunden mit einer erheblich größeren Kraft. Der Zahnhalteapparat und auch die Zahnhartsubstanz können durch diese Dauerbelastung Schäden davon tragen.

Wie häufig kommt Zähneknirschen vor?

Zähneknirschen und Zähnepressen sind weit verbreitet. Fast alle Erwachsenen haben Abschleifspuren an den Zähnen, die durch Zähneknirschen entstanden sind. Auch bei Kindern beziehungsweise Jugendlichen kann Bruxismus auftreten.

Nur wenige Betroffene sind sich ihres Zähneknirschens dabei bewusst. Wenn das Reiben mit den Zähnen nachts auftritt und dabei keine auffälligen Beschwerden wie Muskelverspannungen im Kieferbereich, Schmerzen im Kiefergelenk oder Zahnschmerzen verursacht, bemerkt kaum jemand, dass er mit den Zähnen knirscht. Etwas häufiger nehmen Betroffene dagegen wahr, wenn sie nicht mit den Zähnen knirschen, sondern diese vor allem aufeinander pressen.

Zähneknirschen: Mögliche Symptome

Das Zähneknirschen und -pressen (Bruxismus) kann unangenehme Symptome verursachen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn der Bruxismus über einen längeren Zeitraum anhält und Betroffene sehr stark mit den Zähnen knirschen. Da die meisten Menschen im Schlaf mit den Zähnen knirschen, machen sich die Beschwerden häufig erst am darauffolgenden Morgen oder Tag bemerkbar.

Durch Zähneknirschen und Zähnepressen können unter anderem folgende Symptome auftreten:

Bereits bei leichtem Zähneknirschen können an der Zahnoberfläche Veränderungen in Form von Abschleifspuren (sog. Abrasionen oder Schlifffacetten) erkennbar sein. Ist das Knirschen sehr stark, können die Zähne empfindlich werden und schmerzen oder sich sogar lockern. Dann sind unter Umständen abgewetzte Zahnkronen sichtbar. Im schlimmsten Fall kann ein Zahn auch in der Längsachse durchbrechen.

Das Zähneknirschen kann sich zudem durch Beschwerden an der Kaumuskulatur bemerkbar machen. Die Kaumuskeln können sich durch die hohe Belastung beim Zähneknirschen und -pressen deutlich verstärken beziehungsweise vergrößern und schmerzhafte Verhärtungen entwickeln.

Auch die Kiefergelenke können durch die Dauerbelastung beeinträchtig werden. So kann zum Beispiel die Gelenkscheibe des Kiefergelenks (der sog. Discus articularis) verrutschen und die natürliche Kieferbewegung behindern. Das macht sich unter Umständen durch Knackgeräusche im Kiefergelenk oder auch eine eingeschränkte bis blockierte Mundöffnung bemerkbar.

Die Kräfte, die beim Zähneknirschen und Zähnepressen auf die Kiefergelenke einwirken, sind immens. Je nachdem, wie lange der Bruxismus besteht, können entzündliche Prozesse in den Kiefergelenkflächen und den Gelenkkapseln die Folge sein. Zusätzlich werden mitunter die Bänder des Kiefergelenks in Mitleidenschaft gezogen.

Auch das unbewusste Pressen der Zunge gegen den Gaumen oder die Frontzähne kann Beschwerden verursachen. Nicht selten verschiebt sich dabei auf Dauer die Stellung der Frontzähne nach vorne. Oder die Frontzähne lockern sich.

Diagnose: So stellt der Arzt Zähneknirschen fest

Bei Zähneknirschen (Bruxismus) stellt der Zahnarzt die Diagnose anhand der sichtbaren Folgen am Gebiss, wie zum Beispiel

  • Schleifspuren an den Zähnen,
  • abgewetzten Zahnkronen oder
  • einer vergrößerten Kaumuskulatur.

Liegen solche Veränderungen vor, ist der Bruxismus in der Regel bereits fortgeschritten.

Hilfreich ist es, wenn nahestehende Personen den Betroffenen auf das Zähneknirschen aufmerksam machen können: Häufig fällt das nächtliche Zähneknirschen dem Lebenspartner eher auf als dem Betroffenen, weil er nachts die Knirschgeräusche des schlafenden Partners  bemerkt. Dann ist oft ein frühzeitiges Einschreiten des Zahnarztes möglich, solange noch keine Zahnschäden vorliegen.

Zähneknirschen: Behandlung

Für Zähneknirschen (Bruxismus) gibt es keine ursächliche Behandlung im eigentlichen Sinn. Mit verschiedenen Maßnahmen lassen sich jedoch die Beschwerden lindern, die durch das Zähneknirschen entstehen, und Folgeschäden vermeiden.

Schienentherapie

Eine vom Zahnarzt speziell gefertigte Kunststoffschiene, die sogenannte Aufbissschiene (Knirscherschiene), schützt die Zahnreihen und verhindert das weitere Abschleifen der Zähne. Die durchsichtige Aufbissschiene wird in der Regel im Schlaf getragen. Je nach Situation kann es aber auch sinnvoll sein, sie zusätzlich tagsüber zu tragen.

Physiotherapie

Daneben können physiotherapeutische Übungen, manuelle Therapie, Massagen im Kieferbereich sowie Wärmebehandlungen dabei helfen, die Kaumuskulatur zu entspannen und Beschwerden zu lindern.

Selbstwahrnehmung

Häufig läuft das Zähneknirschen unbewusst ab – meist nachts, manchmal aber auch tagsüber. Ein weiterer wichtiger Schritt in der Therapie ist deshalb, zu merken, wenn man gerade knirscht oder presst – und es zu stoppen. Die Betroffenen gewöhnen sich also das Zähneknirschen ab, indem sie es bewusst wahrnehmen und willentlich unterdrücken. Je öfter sich der Betroffene selbst beobachtet und korrigiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, sich das Zähneknirschen "abzutrainieren". Auch eine Art Kalender, in den man seine "Knirschphasen" einträgt, kann hilfreich sein.

Insbesondere für Betroffene, die auch tagsüber häufig mit den Zähnen knirschen oder diese aufeinander pressen, können farbige Klebepunkte hilfreich sein: Auf Gegenstände aufgeklebt, die einem häufig ins Auge fallen (z.B. auf dem Rand des Computer-Bildschirms, dem Fernseher, dem Armband der Armbanduhr, auf dem Lenkrad oder dem Türrahmen der Wohnungstür), können diese daran erinnern, den Kiefer bewusst zu entspannen beziehungsweise locker zu lassen.

Zähneknirschen: Ein Arzt hält eine Aufbissschiene in der Hand. © iStock

Bei Zähneknirschen häufig Teil der Behandlung: die Aufbissschiene.

Entspannung

Da Stress beim Zähneknirschen eine Rolle spielt, ist das Erlernen einer Entspannungstechnik wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung sinnvoll. Bei regelmäßiger Übung können diese den Stresslevel senken. Auf diese Weise kommt Stress gar nicht erst so schnell auf beziehungsweise lässt sich schneller wieder abbauen.

Psychotherapie

Liegen dem Bruxismus psychische Probleme zugrunde, kann eine Psychotherapie ratsam sein. Sie kann dabei helfen, das Zähneknirschen und Zähnepressen zu beenden beziehungsweise zu verringern.

Zähneknirschen: Verlauf

Dauert das Zähneknirschen (Bruxismus) über längere Zeit an, können im Verlauf an der Zahnsubstanz und am Kiefergelenk Schäden entstehen. Wer bei Verdacht auf Zähneknirschen frühzeitig einen Zahnarzt aufsucht, kann möglichen Folgeschäden an der Zahnsubstanz und Beschwerden im Kopf-Hals-Bereich vorbeugen.

Das konsequente Tragen einer Aufbissschiene kann weitestgehend verhindern, dass das Gebiss durch das Knirschen Schaden nimmt.

Zwar knirschen die meisten Betroffenen vor allem nachts mit den Zähnen, hin und wieder kommt es jedoch zusätzlich auch tagsüber zum Knirschen oder Pressen. Das geschieht oft unbemerkt. Wenn es gelingt, sich das zusätzliche Zähneknirschen bewusst zu machen, ist das bereits viel Wert. Denn so haben Betroffene Gelegenheit, aktiv gegenzusteuern und die Belastung für Zähne und Kiefergelenk zu verringern.

Gerade zu Anfang ist es für Betroffene oft nicht einfach, ausreichend auf das Zähneknirschen zu achten. Im weiteren Verlauf gewöhnen sich die meisten jedoch daran, das Zähneknirschen und -pressen bewusst wahrzunehmen und zu unterbrechen.

Zähneknirschen: Wie kann man vorbeugen?

Beim nächtlichen Zähneknirschen und Zähnepressen (Bruxismus) spielt vor allem Stress eine wichtige Rolle als Auslöser. Wer Stress abbaut und lernt, mit Stress besser umzugehen, kann dem Zähneknirschen bis zu einem gewissen Grad vorbeugen oder es verringern. Dazu bieten sich Entspannungstechniken wie zum Beispiel autogenes Training oder progressive Muskelentspannung an.

Zähneknirschen: Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Zähneknirschen (Bruxismus)":

Onmeda-Lesetipps:

Forum Zahnmedizin (expertenbetreut)

Quellen:

Bruxismus. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 14.6.2017)

Patienteninformation Kiefergelenkschmerz. Online-Informationen der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde: www.dgzmk.de (Abrufdatum: 18.10.2017)

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin: Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 063/001 (Stand: 23.12.2016)

Zur Therapie der funktionellen Erkrankungen des kraniomandibulären Systems. Stellungnahmen der DGZMK. Online-Informationen der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde: www.dgzmk.de (Stand: 4.1.2016)

Patienteninformation Zähneknirschen und Zähnepressen – wie wirken sich solche Gewohnheiten auf unsere Gesundheit aus? Stellungnahmen der DGZMK. Online-Informationen der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde: www.dgzmk.de (Stand: 3.11.2014)

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Reitemeier, B., et al.: Einführung in die Zahnmedizin. Thieme, Stuttgart 2006

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Aktualisiert am: 24. Oktober 2017

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