Tinnitus (Ohrgeräusche) – wenn es im Ohr piept und pfeift

Veröffentlicht von: Dr. rer. nat. Geraldine Nagel (22. September 2017)

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Es pfeift, piept, brummt und scheppert im Ohr: Ohrgeräusche solcher oder ähnlicher Art tauchen oft plötzlich auf und können den Alltag belasten. Ein Tinnitus ist zwar nicht gefährlich, dennoch ist der Leidensdruck bei Betroffenen oft groß.

Was ist Tinnitus?

Unter Tinnitus versteht man im Allgemeinen die anhaltende oder wiederkehrende subjektive Wahrnehmung eines Tons oder Geräuschs. Andere Personen können den Ton oder das Geräusch dabei nicht hören. Der Fachbegriff lautet Tinnitus aurium.

Subjektiver Tinnitus: Behandlung

Bei einem subjektiven Tinnitus, also Ohrgeräuschen, die nur der Betroffene wahrnimmt, richtet sich die Behandlung nicht allein nach der Ursache, sondern vor allem nach der Dauer seines Bestehens. Innerhalb der ersten drei Monate (akuter Tinnitus) sind die Aussichten darauf, dass der Tinnitus wieder weggeht, am besten. Die Heilungschancen für Betroffene sind daher umso besser, je früher sie zum Arzt gehen.

Besteht ein subjektiver Tinnitus bereits länger als drei Monate (chronischer Tinnitus), haben sich die Ohrgeräusche zu diesem Zeitpunkt in der Regel bereits verselbständigt. Das heißt, diese gehen nicht mehr im eigentlichen Sinne weg, Dennoch gibt es auch bei chronischem Tinnitus Möglichkeiten zur Behandlung. Sie basieren vor allem darauf, die Aufmerksamkeit vom Tinnitus wegzulenken und diesem eine andere, weniger belastende Bedeutung zu geben. Vielen Betroffenen gelingt es dadurch, den Tinnitus immer weniger wahrzunehmen oder sogar gar nicht mehr zu "hören". So entsteht bei ihnen der Eindruck, der Tinnitus sei weg – auch wenn die Ohrgeräusche im Grunde weiterhin bestehen.

Wichtig für die Behandlung ist auch, ob neben dem Tinnitus eine Hörminderung vorliegt. Gleicht man diese mit einem Hörgerät aus, lässt sich ein Tinnitus so häufig schon eindämmen oder gar beseitigen, da Geräusche, die "verloren" waren, wieder bewusst wahrgenommen werden.

Die tägliche Einnahme von Magnesium kann sich sowohl bei akutem als auch bei chronischem Tinnitus positiv auswirken. Denn der Mineralstoff wirkt auf bestimmte Rezeptoren ein, die einen übermäßigen Einstrom von Calcium in die Haarzellen im Innenohr verhindern. Ein übermäßiger Calciumeinstrom gilt als schädigender Faktor für die Haarzellen.

Tinnitus: Ein Arzt spricht mit einer Patientin. © iStock

Wie ein subjektiver Tinnitus behandelt wird, hängt vor allem davon ab, wie lange er bereits besteht.

Akuter subjektiver Tinnitus

Ein akuter Tinnitus besteht seit höchstens drei Monaten. Er wird, wenn seine Ursache im Innenohr liegt oder unbekannt ist, teilweise immer noch zuerst mit Infusionen mit durchblutungsfördernden Mitteln (teilweise kombiniert mit entzündungshemmenden Wirkstoffen) oder mit gerinnungshemmenden Mitteln behandelt. Die Infusionstherapie mit solchen Mitteln beruht dabei auf der Annahme, dass eine gestörte Durchblutung des Innenohrs die Ursache des Tinnitus ist. Und als Folge der Durchblutungsstörung würden die dort gelegenen Haarzellen mangelernährt. Die Haarzellen werden dabei nicht im eigentlichen Sinne durchblutet. Sie werden vielmehr aus der Gewebeflüssigkeit ernährt, die sie umgibt.

Wie man inzwischen weiß, ist eine Durchblutungsstörung jedoch eher selten die Ursache eines Tinnitus. Wie wirksam solch eine Infusionstherapie bei Tinnitus im  Einzelfall ist, lässt sich nicht genau sagen. Dennoch scheint sie bei manchen Betroffenen zu wirken, auch wenn der genaue Grund hierfür bisher wissenschaftlich nicht ergründet werden konnte.Mittlerweile kommt diese Behandlung jedoch nicht mehr so häufig zum Einsatz.

Zur Standardbehandlung eines akuten Tinnitus, der sich nicht innerhalb kurzer Zeit von selbst bessert, zählt in der Regel eine Infusion mit entzündungshemmenden Mitteln (Glukokortikoide). Alternativ können auch Tabletten mit den entsprechenden Wirkstoffen verschrieben werden.

Besteht die Ursache des akuten Tinnitus in einem Ohrschmalzpfropf, so kann der Arzt diesen umgehend schmerzfrei entfernen.

Bei Tinnitus bestehen die größten Erfolgsaussichten, wenn eine Behandlung so früh wie möglich durchgeführt wird, am besten innerhalb der ersten 24 bis 48 Stunden nach dem Tinnitus-Ereignis. Ein Tinnitus ist jedoch kein Notfall, sondern ein sogenannter Eilfall. "So früh wie möglich" heißt also nicht unbedingt "sofort".

Verfallen Sie daher bei einem plötzlich auftretenden Ohrgeräusch nicht in Panik, sondern versuchen Sie Ruhe zu bewahren. In der Regel ist es kein Problem, die kommende Nacht darüber zu schlafen. Häufig verschwinden die Ohrgeräusche sogar bis zum nächsten Morgen. Sollten die Ohrgeräusche am Morgen doch noch da sein, sollten Sie möglichst zeitnah einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt zurate ziehen – spätestens jedoch nach zwei Tagen.

Falls Sie zusätzlich zum Tinnitus das Gefühl haben, schlechter zu hören, gehen Sie möglichst sofort zum HNO-Arzt.

Hyperbare Sauerstofftherapie

Falls eine Infusionstherapie keine Besserung bringt, kann ein akuter Tinnitus auch mit der sogenannten hyperbaren Sauerstofftherapie behandelt werden. Allerdings ist diese Form der Behandlung umstritten und wird auch von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt.

Die hyperbare Sauerstofftherapie beruht auf der Annahme, dass bei Tinnitus ein Sauerstoffmangel im Innenohr vorliegen kann. Beim Aufenthalt in einer Überdruckkammer atmet der Betroffene Sauerstoff über eine Atemmaske ein. Mithilfe des erhöhten Drucks gelangt mehr Sauerstoff ins Gewebe und Blut, sodass auch das Innenohr mit mehr Sauerstoff versorgt wird. Sofern die Ursache des Tinnitus eine Durchblutungsstörung ist, lassen sich akute Ohrgeräusche auf diese Weise in einigen Fällen mindern. Bei chronischem Tinnitus zeigt die hyperbare Sauerstofftherapie dagegen selten eine Wirkung.

Keinen Sinn als Therapie macht dagegen das Einatmen von Sauerstoff bei normalen Druckverhältnissen, etwa indem Sauerstoff einfach über einen Nasenschlauch eingeatmet wird.

Chronischer subjektiver Tinnitus

Auch bei einem Tinnitus, der bereits drei Monate oder länger besteht, verabreicht der Arzt bei der erstmaligen Behandlung teilweise Infusionen mit durchblutungsfördernden Mitteln (teilweise kombiniert mit entzündungshemmenden Wirkstoffen wie Glukokortikoiden) oder mit gerinnungshemmenden Mitteln.

Daneben spielt bei chronischem Tinnitus bei der Behandlung vor allem Entspannung eine große Rolle. Mithilfe von regelmäßig durchgeführten Entspannungsübungen sollen die Betroffenen lernen, einerseits Stresssituationen besser zu beherrschen und andererseits den Tinnitus zu überhören. Letzteres geschieht, indem man sich zum Beispiel auf andere Geräusche in der Umgebung konzentriert. Denn beim Versuch, einen Tinnitus zu kontrollieren, fixieren sich Betroffene oft sehr stark auf die Ohrgeräusche. Dadurch drängen sich diese jedoch noch mehr in den Vordergrund. Entspannungstechniken wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung oder Yoga können dabei helfen, Anspannung und Konzentration auf die Ohrgeräusche allmählich abzubauen.

Eine kognitive Verhaltenstherapie kann dabei helfen, mit dem Tinnitus und mit Stresssituationen besser umzugehen und dadurch Erleichterung schaffen.

Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)

Eine recht erfolgreiche Methode, um chronischen Tinnitus zu behandeln, ist die sogenannte Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT). Grundlage dieser Behandlung ist die Erkenntnis, dass es möglich ist, den Tinnitus aus dem Bewusstsein zu verdrängen und den Betroffenen dadurch zu entlasten. Der Tinnitus soll von den negativen Gefühlen und Gedanken, die er beim Betroffenen hervorruft, entkoppelt werden. Eine Heilung im eigentlichen Sinne ist mithilfe der TRT jedoch nicht möglich.

Ein subjektiv empfundener Tinnitus kann unterschiedlich laut sein. Wie laut die zunächst harmlosen Ohrgeräusche wahrgenommen werden, kann die Folge eines ungünstigen Lernprozesses sein. Weil man dem Geräusch immer mehr Aufmerksamkeit schenkt, nimmt man es immer stärker wahr und empfindet es zunehmend als unangenehm und laut. Selbst wenn es im Grunde sehr leise ist. Das Geräusch verselbstständigt sich. So löst der Tinnitus schließlich körperliche Stressreaktionen aus, welche wiederum den Tinnitus verstärken können – ein Teufelskreis.

So wie es möglich ist, durch negative Lernprozesse eine Tinnitus-Wahrnehmung zu verstärken, kann man jedoch auch lernen, sich an die Ohrgeräusche zu gewöhnen. Gelingt das, nimmt man sie kaum noch wahr beziehungsweise empfindet sie nicht mehr als störend. Auf diese Weise kann eine Tinnitus-Retraining-Therapie den Teufelskreis unterbrechen.

Normalerweise filtert das Gehirn Hintergrundgeräusche aus der Wahrnehmung raus. Beim Tinnitus scheint dies jedoch nicht richtig zu funktionieren. Mithilfe einer Tinnitus-Retraining-Therapie kann eine normale Geräuschverarbeitung wieder hergestellt und die akustische Wahrnehmung im Gehirn wieder umtrainiert werden.

Bei der Tinnitus-Retraining-Therapie arbeiten meist ein HNO-Arzt, ein Psychologe und ein Hörgeräteakustiker mit dem Betroffenen zusammen. Die TRT besteht in der Regel aus:

  • dem sogenannten Counseling (Beratung und Aufklärung),
  • einer psychologischen Betreuung,
  • einer Abschwächung der Stressreaktionen durch Entspannungstechniken sowie
  • gegebenenfalls einem Rauschgerät oder im Falle einer Schwerhörigkeit einem mit einem Rauscher kombinierten Hörgerät.

Im Counseling erfährt der Betroffene, welche Ursachen sich hinter dem Tinnitus verstecken. Eventuelle Fehlinformationen, die der Betroffene vielleicht zum Thema Tinnitus hat, lassen sich hier richtigstellen. Es wird auch darüber aufgeklärt, dass das Retraining nicht dazu führt, dass die Ohrgeräusche im eigentlichen Sinne beseitigt werden. In den meisten Fällen kommt es jedoch zu einer Besserung, weil man den Tinnitus mehr oder weniger wahrnimmt und er dadurch quasi "verschwindet".

Ein wichtiges Element des Retrainings ist das Erlernen und Ausüben von Methoden, die insgesamt dazu dienen, sich vom Tinnitus abzulenken, Stress zu reduzieren und das persönliche Wohlbefinden zu steigern. Häufig besitzen Betroffene das hierfür nötige Wissen zum Teil schon, müssen sich dessen aber erst bewusst werden.

Zusätzlich werden in vielen Fällen sogenannte Rauschgeräte angepasst. Rauschgeräte sind Tongeber, die die Betroffenen wie kleine Hörgeräte hinter oder im Ohr tragen. Sie produzieren ständig ein leises, breitbandiges Rauschen (sog. weißes Rauschen, engl. white noise), das den Tinnitus absichtlich nicht verdeckt, aber vom Tinnitus ablenkt und dem Gehirn so eine Gewöhnung an die Ohrgeräusche ermöglicht. Denn insbesondere bei Stille, wie etwa abends beim Einschlafen, nehmen Betroffene den Tinnitus stärker und dadurch auch als störend wahr. Liegt beim Betroffenen eine Hörminderung vor, lassen sich die Rauschgeräte mit einem Hörgerät kombinieren. Die Tongeber kann man selbstständig einstellen. Sie sollten jedoch generell nur so laut oder leise eingestellt sein wie die Ohrgeräusche wahrgenommen werden, da der Tinnitus sonst nicht effektiv abtrainiert werden kann.

Durch die Kombination von Beratung, Stressminderung und Rauschgeräten lernt das Hörsystem im Gehirn, auf akustische Reize wieder normal zu reagieren, sodass der Tinnitus seine negative Bedeutung verliert. Die Tinnitus-Retraining-Therapie kann ambulant durchgeführt werden und dauert zwischen ein und zwei Jahren.

Weitere Therapiemöglichkeiten

Bei einem chronischen Tinnitus können je nach Ursache weitere Therapiemöglichkeiten in Erwägung gezogen werden:

  • Halswirbelsäule: Hängt der Tinnitus mit Veränderungen oder Muskelverspannungen im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) zusammen, kann eine Behandlung mittels manueller Therapie oder Osteopathie sinnvoll sein.
  • Kiefergelenke / Kauapparat: Auch Veränderungen im Bereich der Kiefergelenke bzw. des Kauapparates können einen Tinnitus hervorrufen. Hier sollten im Rahmen einer Behandlung entsprechende Experten hinzugezogen werden, z.B. ein Kieferorthopäde oder ein Zahnarzt mit funktionstherapeutischer Ausrichtung.

Ginkgo biloba

Ginkgo-biloba-Präparate sollen unter anderem die Durchblutung fördern. Aus diesem Grund kommt Ginkgo immer wieder auch bei Tinnitus zum Einsatz. Ob er tatsächlich wirkt, ist jedoch fraglich. Denn Studienergebnisse zur Wirkung von Ginkgo bei Tinnitus sind widersprüchlich. So kommen neuere große Studien sowie vergleichende Analysen anderer Studien (Metanalysen) beispielsweise zu dem Schluss, dass Ginkgo bei Tinnitus im Grunde kaum besser als ein Placebo (Scheinmedikament) wirkt.

Was Sie bei Tinnitus selbst tun können

Sowohl bei einem akuten als auch bei einem chronischen subjektiven Tinnitus gibt es Strategien, mit denen man selbst etwas gegen die Ohrgeräusche und gegen die Belastung, die dadurch entsteht, tun kann. Verschiedene Maßnahmen können dabei helfen, die Ohrgeräusche zu mindern und damit zurechtzukommen:

  • Stille meiden: Vor allem bei Stille fallen Ohrgeräusche stark auf, da die Ablenkung fehlt. Zum Einschlafen können hier etwas leise Musik, Naturgeräusche, ein Zimmerbrunnen oder andere leise Hintergrundgeräusche, die als angenehm empfunden werden, hilfreich sein.
  • Stressabbau: Vermeiden Sie Stress soweit wie möglich oder verringern Sie ihn. Lernen Sie eine Entspannungstechnik wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung und wenden Sie diese regelmäßig an (anfangs am besten täglich).
  • Aktiv sein: Wer sich zurückzieht und dem Tinnitus zu viele Gedanken widmet, gerät in einen Teufelskreis. Hobbys und andere Aktivitäten können Ihnen helfen, die Aufmerksamkeit auf positive Dinge zu richten.

Tinnitus: Ein Frau liegt auf einer Matte auf dem Rücken. © iStock

Entspannungsübungen wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training tragen oft deutlich zur Besserung eines Tinnitus bei. Am Anfang sollte man die Übungen am besten täglich durchführen.

Um bei Tinnitus zu lernen, die Ohrgeräusche zu überhören, kann folgende Übung hilfreich sein: Hören Sie täglich etwa zehn Minuten klassische Musik oder generell ein Musikstück Ihrer Wahl mit mehreren Instrumenten und stellen Sie die Lautstärke so leise ein, dass Sie sie gerade noch hören können. Konzentrieren Sie sich nun auf ein Instrument und versuchen Sie, ihm durch aktives Zuhören zu folgen.

Tinnitus als Stresssignal nutzen

Bei vielen Betroffenen mit chronischem Tinnitus werden die Ohrgeräusche durch Stress lauter. Anstatt in eine Spirale zu geraten und durch den lauteren Tinnitus in noch stärkeren Stress zu verfallen, können Betroffene hier ansetzen und dieses Phänomen für sich als eine Art "Frühwarnsystem" nutzen. So lässt sich der Tinnitus häufig auch positiv umdeuten und wird zu einer Hilfestellung, wenn es darum geht, die Bremse zu ziehen und auf genügend Auszeit oder Stressausgleich für sich selbst zu achten.

Objektiver Tinnitus: Behandlung

Bei einem objektiven Tinnitus – also Ohrgeräuschen, die der Arzt mit speziellen Geräten wahrnehmen kann – hängt die Behandlung davon ab, welche Ursachen hinter den Ohrgeräuschen stecken. Eine Beseitigung der Ursache ist nicht allen Fällen möglich.

Tinnitus: Was sind die Ursachen für Ohrgeräusche?

Tinnitus (Ohrgeräusche) kann zahlreiche Ursachen haben. Diese unterscheiden sich auch abhängig davon, ob man einen subjektiven Tinnitus hat, also nur selbst die Geräusche hört, oder einen objektiven Tinnitus, den auch der Arzt wahrnehmen kann.

Ursachen für subjektiven Tinnitus

Ein sogenannter subjektiver Tinnitus, der nur vom Betroffenen wahrnehmbar ist, kann als Begleiterscheinung unterschiedlicher Erkrankungen auftreten. Die Ursachen für die subjektiven Ohrgeräusche können in verschiedenen Bereichen des Ohrs oder auch im Gehirn liegen, wie beispielsweise:

Daneben können subjektive Ohrgeräusche aber auch auftreten im Zusammenhang mit:

Ein subjektiver Tinnitus kann dabei auf unterschiedlichen Wegen entstehen:

  • im Hörnerv,
  • im Hörzentrum des Gehirns (sog. zentraler Tinnitus) sowie
  • durch Stress.

Wie das im Detail geschieht, ist jedoch nur teilweise geklärt.

Entstehung im Hörnerv

Lärm oder der Einfluss von Innenohrgiften (wie bestimmten Medikamenten) können sich auf die Funktion des Hörnervs im Innenohr auswirken. Normalerweise entstehen in den Nervenfasern spontane elektrische Impulse, die man nicht wahrnimmt. Diese sogenannte Spontanaktivität ändert sich bei Beschallung des Ohrs. Sie enthält dann die Information des Schallreizes in verschlüsselter Form und leitet diese an das Schallzentrum im Gehirn weiter.

Im erkrankten Zustand ist diese Spontanaktivität vermindert oder in ihrer zeitlichen Abfolge verändert. Man vermutet, dass Abweichungen von der normalen Spontanaktivität im Gehirn zur Wahrnehmung eines Höreindrucks führen und so ein subjektiver Tinnitus entstehen kann.

Entstehung im Gehirn (zentraler Tinnitus)

Das Hörzentrum im Gehirn steht in Wechselwirkung mit dem Innenohr. Nervenfasern, die vom Gehirn kommen, übermitteln Botschaften an die sogenannten Haarzellen im Innenohr und umgekehrt.

Beim zentralen Tinnitus verarbeitet das Gehirn die von den Hörnerven übermittelten Informationen falsch. Als Folge produziert das Gehirn einen nicht vorhandenen Ton oder ein nicht vorhandenes Geräusch.

Tinnitus durch Stress

Als eine der häufigsten Ursachen von Tinnitus gilt Stress. Ein Stressreiz bewirkt im Körper eine Fülle von Reaktionen. Unter anderem schüttet der Körper vermehrt das Stresshormon Kortisol aus. Dieses verengt die Blutgefäße und verschlechtert die Fließeigenschaften des Bluts, indem es die Blutplättchen zur Verklumpung anregt. In den kleinsten Blutgefäßen (Kapillaren) kann es so zu Verschlüssen kommen, so etwa im Innenohr. Das Innenohr wird dann nicht mehr ausreichend durchblutet. Auf welche Weise dies jedoch letztlich zum Tinnitus führt, ist noch nicht vollständig geklärt. 

Tinnitus: In dieser Grafik sieht man eine Spirale über einem Ohr. © iStock

Wie ein subjektiver Tinnitus genau entsteht, ist noch nicht vollkommen geklärt. Sicher ist jedoch: Auch wenn nur der Betroffene die Ohrgeräusche hört – eingebildet sind sie nicht.

Ursachen für objektiven Tinnitus

Objektive Ohrgeräusche, die auch der Arzt mit speziellen Geräten wahrnehmen kann, entstehen durch körpereigene Schallquellen, die nahe am Innenohr liegen. Ein objektiver Tinnitus kann zum Beispiel folgende Ursachen haben:

  • Gefäßverengungen: Das dadurch wahrgenommene Geräusch ist häufig pulssynchron.
  • Verkrampfungen des Binnenmuskels im Mittelohr oder der Gaumenmuskeln: Es entstehen klickende oder knackende Ohrgeräusche.
  • Verschlussdefekt der Ohrtrompete: Die Ohrtrompete (auch Eustachische Röhre genannt) verbindet das Mittelohr mit dem Nasenrachenraum. Funktioniert der Verschluss hier nicht richtig, kann Luft ins Mittelohr gelangen. Betroffene nehmen dann zum Beispiel atemabhängige Ohrgeräusche wahr.
  • Kiefergelenke: Bei bestimmten Kiefergelenkproblemen kann es zu Ohrgeräuschen kommen, zum Beispiel weil Knochen- beziehungsweise Knorpelflächen beim Schließen oder Öffnen des Mundes aneinander reiben. Es entstehen dabei unter Umständen knirschende oder mahlende Ohrgeräusche.

Häufigkeit von Tinnitus

Akute subjektive Ohrgeräusche sind ein häufiges Phänomen. Schätzungen zufolge hatten etwa 25 Prozent der Bevölkerung schon einmal Ohrgeräusche, die jedoch nur vorübergehend auftraten.

Ein chronischer subjektiver Tinnitus kommt dagegen seltener vor. Er kann in jedem Lebensalter auftreten und betrifft rund 4 Prozent aller Erwachsenen. Etwa die Hälfte der Betroffenen fühlt sich durch den Tinnitus stark beeinträchtigt. Pro Jahr erkranken in Deutschland etwa 250.000 Menschen neu an einem Tinnitus. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer.

Da die Lärmbelastung in der Freizeit, etwa durch laute Musik (z.B. durch MP3-Player, Clubs, Konzerte), bei vielen zunimmt, tritt Tinnitus mittlerweile verstärkt bei jungen Menschen auf. In Deutschland sind mehr als 5 Prozent der Jugendlichen und unter 29-Jährigen von Tinnitus betroffen.

Ein objektiver Tinnitus liegt nur bei etwa einem Prozent aller Tinnitus-Fälle vor – und tritt damit vergleichsweise selten auf.

Symptome bei Tinnitus

Tinnitus ist genaugenommen keine Krankheit – sondern vielmehr ein Symptom, das unterschiedliche Ursachen haben kann. Ein Tinnitus kann sich in Form von Tönen oder Geräuschen verschiedenster Art äußern (z.B. Pfeifen, Klingeln, Rauschen, Brummen, Sägen). Die Ohrgeräusche können kontinuierlich oder unterbrochen sein, lauter oder leiser werden sowie ihre Tonhöhe verändern.

Viele Betroffene erleben einen Tinnitus als bedrohlich und sehr belastend, auch wenn er im Grunde nicht gefährlich ist. Zum Teil treten als Folge des Tinnitus weitere Symptome und gesundheitliche Probleme auf, wie zum Beispiel:

Zusammen mit dem Tinnitus können diese zusätzlichen Symptome den Lebensalltag sehr einschränken und sogar zur Arbeitsunfähigkeit führen. Es entsteht oft ein Teufelskreis, da die begleitenden Symptome zu weiterem Stress führen und den Tinnitus wiederum verstärken können.

Tinnitus: Diagnose

Besteht der Verdacht auf Tinnitus, stellt der Arzt zunächst Fragen zu Art und Häufigkeit der Ohrgeräusche. Außerdem nimmt er verschiedene Untersuchungen vor, um die Ursache näher zu ergründen beziehungsweise die Diagnose zu festigen, so zum Beispiel:

  • Untersuchung von Hals, Nase und Ohren
  • Hörtests
  • Analyse des Tinnitus-Geräusches: Bestimmung der Frequenz, bei der die Ohrgeräusche am stärksten sind, und Bestimmung ihrer Lautstärke mit einem sog. Audiometer; anschließend Beschallung des erkrankten Ohrs mit sog. weißem Rauschen, wobei ein Tonrauschen erzeugt wird, in dem alle für das Ohr hörbare Frequenzen enthalten sind
  • Tympanogramm, Stapediusreflex:
    1. Unter einem Tympanogramm versteht man die Überprüfung der Trommelfellbeweglichkeit mithilfe einer kleinen Sonde, die in den Ohreingang gesetzt wird und diesen verschließt. Die Sonde erzeugt nun gezielt Frequenzen, die auf das Trommelfell treffen. Als Reaktion beginnt das Trommelfell zu schwingen, was mithilfe der Sonde gemessen werden kann.
    2. Gleichzeitig wird in der Regel der Stapediusreflex getestet. Darunter versteht man die Fähigkeit des Steigbügelmuskels (Musculus stapedius), sich auf ein lauteres Geräusch hin reflexartig zusammenzuziehen. Dabei verkantet sich ein Teil des Steigbügels und bewirkt, dass durch das Geräusch entstehenden Schwingungen abgeschwächt im ovalen Fenster des Innenohrs ankommen. Der Stapediusreflex dient als natürlicher Schutz vor zu starkem Schalldruck.
  • Test auf otoakustische Emissionen: Das Innenohr nimmt Geräusche nicht nur auf, sondern sendet sie auch in nicht hörbarer Intensität wieder wie ein Echo zurück. Diese sog. otoakustischen Emissionen lassen sich mit Hochleistungsmikrofonen registrieren. Mit dem Test lässt sich die Funktionsfähigkeit der Hörschnecke bzw. der dort gelegenen äußeren Haarzellen überprüfen. Fehlen diese Emissionen, weist das auf eine Innenohrschädigung hin.

Tinnitus: Man sieht einen Mann bei einem Hörtest. © iStock

Ein Hörtest gehört zu den Standarduntersuchungen bei Tinnitus.

Im Rahmen der Diagnose können darüber hinaus folgende Untersuchungen zum Einsatz kommen:

  • Hirnstammaudiometrie (BERA): Dieser objektive Hörtest dient der Untersuchung des Hörnervs bzw. der Nervenreaktionen bei der Verarbeitung von Hörreizen im Gehirn.
  • Gleichgewichtsprüfung: Tinnitus ist in mehr als 20 Prozent der Fälle mit einer Gleichgewichtsstörung kombiniert.

Je nach vermuteter Ursache können weitere Untersuchungsmethoden sinnvoll sein, wie zum Beispiel:

Die subjektiv wahrgenommenen Ohrgeräusche (subjektiver Tinnitus) müssen von objektiven Ohrgeräuschen (objektiver Tinnitus) unterschieden werden. Letztere sind für den Arzt mit speziellen Geräten hörbar und können beispielsweise durch Verkrampfungen der Gaumenmuskulatur entstehen.

In Abhängigkeit von der Dauer der Ohrgeräusche unterscheiden Mediziner zudem:

  • akuten Tinnitus: besteht seit bis zu drei Monaten
  • chronischen Tinnitus: besteht länger als drei Monate

Außerdem kann man Tinnitus in unterschiedliche Schweregrade einteilen:

  • kompensierter Tinnitus (Grad I bis II): Der Betroffene nimmt das Ohrgeräusch wahr, kann jedoch damit umgehen. Es kommt nicht zu gesundheitlichen Problemen, die Lebensqualität wird nicht weiter beeinträchtigt.
    • Grad I: Trotz der Ohrgeräusche hat der Betroffene keinen Leidensdruck.
    • Grad II: Die Ohrgeräusche werden vorwiegend in Stille wahrgenommen und treten bei Stress und Belastung verstärkt auf.
  • dekompensierter Tinnitus (Grad III bis IV): Der Tinnitus hat spürbare Auswirkungen auf die Gesundheit und erzeugt einen hohen Leidensdruck beim Betroffenen.
    • Grad III: Anhaltende Beeinträchtigung im Privat- und Berufsleben; es kommt zu weitere Beschwerden wie z.B. Konzentrationsstörungen, Muskelverspannungen, Schlafproblemen oder sozialem Rückzug.
    • Grad IV: Betroffene nehmen den Tinnitus ständig wahr und empfinden ihn als Krankheit, die das Privat- und Berufsleben massiv beeinträchtigt. Es treten verstärkt weitere gesundheitliche Probleme auf.

Man sieht den Schriftzug Tinnitus auf einem Tablet-Display. © iStock

Von einem chronischen Tinnitus spricht man, wenn die Ohrgeräusche länger als drei Monate andauern.

Tinnitus: Verlauf

In vielen Fällen verschwindet Tinnitus (Ohrgeräusche) im Verlauf der Behandlung oder bessert sich. Bei etwa 70 Prozent der Betroffenen mit einem akuten Tinnitus gehen die Ohrgeräusche wieder weg.

Wie lange ein Tinnitus Im Einzelfall auftritt, ist dabei nicht vorherzusagen. Manchmal gehen die Ohrgeräusche bereits nach kurzer Zeit weg oder aber auch erst nach Monaten oder Jahren. Teilweise verschwinden die Ohrgeräusche auch spontan. Insgesamt sind Therapieerfolge wahrscheinlicher, je früher Betroffene ärztliche Hilfe suchen.

Allerdings ist es nicht immer möglich, den Tinnitus (vollständig) loszuwerden. Oftmals müssen Betroffene lernen, mit den Ohrgeräuschen zu leben. Vielen Betroffenen gelingt das mit der entsprechenden Anleitung jedoch gut, sodass der Tinnitus zwar noch da ist, die Lebensqualität aber nicht beeinträchtigt. Ein hilfreiches Konzept hierfür ist zum Beispiel die Tinnitus-Retraining-Therapie. Tinnitus-Selbsthilfegruppen bieten zudem die Möglichkeit, sich bei Mitbetroffenen Rat und Unterstützung zu suchen.

Tinnitus: Vorbeugen

Konkrete Maßnahmen, mit deren Hilfe Sie einem Tinnitus (Ohrgeräusche) sicher vorbeugen können, sind nicht bekannt. Unter anderem kann jedoch Lärm Auslöser für Ohrgeräusche sein. Deshalb empfiehlt es sich zum Beispiel bei Konzert- oder Clubbesuchen, bei denen mit Lärm in gehörschädigendem Ausmaß zu rechnen ist, Ohrstöpsel zu verwenden. Darüber hinaus ist es günstig, einen bewussten und entspannten Umgang mit Stresssituationen zu erlernen.

Tinnitus: Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Tinnitus (Ohrgeräusche)":

Onmeda-Lesetipps:

Forum HNO: Fragen Sie einen Experten um Rat

Linktipps:

Tinnituszentrum CharitéDas Tinnituszentrum der Charité bietet viele Informationen zum Thema Tinnitus.

Selbsthilfegruppen / Beratungsstellen:

Deutsche Tinnitus-Liga e.V.
Am Lohsiepen 18
42369 Wuppertal
+49 (0) 202-246520
dtl@tinnitus-liga.de
www.tinnitus-liga.de

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Quellen:

Tinnitus. Online-Informationen der Deutschen Tinnitusstiftung: www.deutsche-tinnitus-stiftung-charite.de/home/ (Abrufdatum: 22.9.2017)

Online-Informationen des Tinnituszentrums der Charité Berlin: tinnituszentrum.charite.de/patienten/patienteninformation/ (Abrufdatum: 14.2.2017)

Tinnitus. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 11.5.2017)

Tinnitus. Online-Informationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): www.gesundheitsinformation.de (Stand: 5.10.2016)

Hesse, G.: Tinnitus. Thieme, Stuttgart 2016

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie: Chronischer Tinnitus. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 017/064 (Stand: 28.2.2015)

Akuter Tinnitus und Hörsturz. Informationsbroschüre der Deutschen Tinnitus-Liga e.V.  (Stand: April 2015)

Tinnitus-Retraining-Therapie. Informationsbroschüre der Deutschen Tinnitus-Liga e.V. (Stand: Dezember 2014)

Tinnitus-Info. Informationsbroschüre der Deutschen Tinnitus-Liga e.V. (Stand: Dezember 2013)

Hilton, M. P., et al.: Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 3, Art. No. CD003852 (2013)

Arnold, W., Ganzer, U.: Checkliste Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme, Stuttgart 2011

Probst, R., Grevers, G., Iro, H.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme, Stuttgart 2008

Schaaf, H., Hesse, G.: Tinnitus – Leiden und Chance. Profil Verlag, München (2008)

Boenninghaus, H.-G., Lenarz, T.: HNO. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2007

Aktualisiert am: 22. September 2017