Schizophrenie: Wenn der Bezug zur Realität verloren geht

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (14. November 2017)

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Die Schizophrenie ist eine der schwerwiegendsten psychischen Erkrankungen. Sie beeinflusst die gesamte Persönlichkeit in unterschiedlicher Weise. 

Die Symptome einer Schizophrenie können sehr unterschiedlich sein. Sie reichen von Wahn und Halluzinationen über Denkstörungen bis hin zu Beeinträchtigungen des Gefühlslebens.

Was ist Schizophrenie?

Die Schizophrenie ist eine Psychose. Psychosen sind Erkrankungen, bei denen das eigene Erleben und die Wahrnehmung gestört sind.  

Typisch für eine Psychose wie der Schizophrenie sind

  • Realitätsverlust,
  • Wahrnehmungsstörungen,
  • Denkstörungen,
  • Probleme mit der Sprache,
  • Antriebsstörungen und
  • motorische Störungen.

Schizophrenie tritt häufig in Schüben auf. Das heißt: Die Symptome einer Psychose halten für eine gewisse Zeit an und klingen nach einigen Wochen bis Monaten vollständig oder teilweise wieder ab. 

Formen von Schizophrenie

Ärzte unterschieden verschiedene Formen von Schizophrenie. Je nachdem, welche Form vorliegt, sind bestimmte Symptome besonders stark ausgeprägt:

  • Bei der paranoiden Schizophrenie stehen vor allem beständige und häufige Wahnvorstellungen und Halluzinationen im Vordergrund. Betroffene glauben beispielsweise, Außerirdische oder Geister würden sie beobachten und mit ihnen reden. Oder sie sind der Überzeugung, dass sie verfolgt werden oder dass ihre Gedanken abgehört werden. Viele hören Stimmen, die ihnen Befehle erteilen oder Angst machen.Die paranoide Schizophrenie ist die häufigste Form der Schizophrenie.
  • Die katatone Schizophrenie zeichnet sich vor allem durch Bewegungsstörungen aus. So ist der Patient beispielsweise wie erstarrt und bewegungslos (sog. Stupor). Auf der anderen Seite kann es vorkommen, dass er sehr unruhig ist und immer wieder bestimmte Bewegungen wiederholt. Zum Beispiel schaukelt er mit dem Oberkörper hin und her. Auch kann es vorkommen, dass der Patient genau das Gegenteil von dem tut, was man ihm sagt – oder dass er wie ein Automat allen Wünschen nachkommt.
  • Die hebephrene Schizophrenie beginnt häufig im Jugendalter. Typisch ist eine Störung des Gefühls- und Gemütslebens. Charakteristisch ist vor allem der "läppische Affekt": Der Schizophrene verhält sich unangemessen heiter, unreif und albern. Zum Beispiel lacht er immer wieder, obwohl es keinen objektiven Grund dazu gibt. Weitere häufige Symptome der hebephrenen Schizophrenie sind Denkstörungen oder ein flapsiges, unberechenbares Auftreten.  
  • Die Schizophrenia simplex ist eine milde Form der Schizophrenie. Sie entwickelt sich meist schleichend. Die intellektuelle Leistungsfähigkeit verringert sich allmählich, die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab. Die Person interessiert sich immer weniger für Dinge, die ihr früher wichtig waren, und sie zieht sich zurück. Auf Außenstehende wirken die Erkrankten "merkwürdig" und "verschroben". Halluzinationen und Wahnvorstellungen treten bei der Schizophrenia simplex nicht auf.

Wie häufig ist Schizophrenie?

Statistiken zufolge erkrankt etwa eine von 100 Personen in ihrem Leben an einer Schizophrenie. Das heißt: Die Wahrscheinlichkeit eines Menschen, im Laufe seines Lebens schizophren zu werden, beträgt etwa 1 Prozent. Frauen und Männer sind etwa gleich häufig betroffen. Männer sind im Durchschnitt fünf Jahre jünger als Frauen, wenn sie erkranken.

Bei den meisten Patienten zeigen sich die ersten Symptome zwischen der Pubertät und dem 30. Lebensjahr.

Schizophrenie: Keine gespaltene Persönlichkeit 
Schizophrenie wird im Volksmund manchmal mit einer "gespaltenen Persönlichkeit" gleichgesetzt. Möglicherweise liegt das daran, dass Mediziner die Schizophrenie früher als "Spaltungsirresein" bezeichnet haben. Mit einer Persönlichkeitsspaltung hat die Schizophrenie jedoch nichts zu tun: Wenn ein Mensch mehrere Persönlichkeiten in sich vereint, spricht man von einer dissoziativen Identitätsstörung (auch: multiple Persönlichkeitsstörung). Diese Störung wird sehr selten diagnostiziert. Bei Schizophrenie ist die Persönlichkeit nicht "gespalten", vielmehr sind das innere Erleben und die Wahrnehmung der Umwelt stark gestört.

Schizophrenie: Symptome

Eine Schizophrenie kann sich durch viele unterschiedliche Symptome bemerkbar machen.

Häufige Symptome einer Schizophrenie sind 

Für sich allein genommen kann jedes Symptom auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten und ist kein Beweis für eine Schizophrenie. Bevor er die Diagnose stellt, wird der Arzt seinen Patienten daher gründlich untersuchen.

Im Zusammenhang mit Schizophrenie unterscheiden Mediziner

  • positive und
  • negative Symptome.

positive Symptome (auch: Plussymptome) sind verschiedene Phänomene, bei denen das normale Erleben übersteigert ist. Zu positiven Symptomen zählen zum Beispiel Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.

Von negativen Symptomen (auch: Minussymptomen) sprechen Ärzte hingegen, wenn bestimmte Bereiche im Vergleich zum gesunden Menschen eingeschränkt sind. Mögliche negative Symptome sind mangelnder Antrieb, Aufmerksamkeitsstörungen, die Unfähigkeit, sich zu freuen und sozialer Rückzug.

Wahnvorstellungen

Im Wahn geht der Bezug zur Realität verloren. Etwa 80 von 100 Menschen mit Schizophrenie haben im Verlauf der Erkrankung Wahnvorstellungen. Sie fühlen sich zum Beispiel verfolgt oder sie glauben, über besondere Macht zu verfügen.

Ein Beispiel für eine Wahnvorstellung: Ein Erkrankter sieht, dass Bauarbeiter die Straße aufreißen. Er bezieht diese Aktion sofort auf sich: Er ist felsenfest davon überzeugt, dass die Straße aufgerissen wird, damit ihn die Bauarbeiter ständig beobachten können. Seiner Meinung nach sind die Bauarbeiter in Wahrheit getarnte Geheimagenten, die unterirdische Abhörleitungen bis in seine Wohnung verlegen und ihn abhören wollen.

Menschen mit paranoider Schizophrenie sind häufig überzeugt, verfolgt zu werden. © iStock

Menschen mit paranoider Schizophrenie sind häufig überzeugt, verfolgt zu werden.

Das Besondere an solchen Wahnideen ist, dass sie auf Außenstehende sehr bizarr wirken und häufig magisch-mystische Einschläge aufweisen. Zum Beispiel glaubt der Schizophrene, eine Gottheit zu sein. Oder er meint, über besondere Kräfte zu verfügen, die man von Märchen- oder Fantasy-Figuren kennt.

Für die Betroffenen selbst sind sowohl die Halluzinationen als auch die Wahnvorstellungen in sich schlüssig und vollkommen real. Menschen mit Schizophrenie haben den Bezug zur Realität verloren und lassen sich auch nicht davon überzeugen, dass ihre Ansichten nicht der Wirklichkeit entsprechen.

Halluzinationen

An Halluzinationen leidet etwa die Hälfte aller Menschen mit Schizophrenie. Eine Halluzination ist eine Sinnestäuschung. Wer sie erlebt, nimmt Dinge wahr, die eigentlich nicht existieren und die Außenstehende daher nicht bemerken.

Die Erkrankten sehen beispielsweise Gesichter in Wänden, die gar nicht vorhanden sind (optische Halluzination); oder sie hören Stimmen, die sonst niemand wahrnimmt (akustische Halluzination).

Schizophrene sehen häufig Dinge, die nicht existieren. © iStock

Schizophrene sehen häufig Dinge, die nicht existieren.

Akustische Halluzinationen kommen besonders häufig vor. Oft äußern sie sich durch Stimmen, die dem Erkrankten Befehle erteilen (sog. imperative Stimmen) oder ihr Verhalten kommentieren (sog. kommentierende Stimmen). Manche Betroffene hören Stimmen, die sich untereinander unterhalten (sog. dialogisierende Stimmen).

Auch das Gedankenlautwerden gehört zu den akustischen Halluzinationen. Dabei glauben Betroffene, die eigenen Gedanken zu hören. Generell können Halluzinationen jedes Sinnesorgan betreffen, also auch das Riechen, Tasten und Schmecken.

Ich-Störungen

Bei einer Ich-Störung verschwimmt die Grenze zwischen "Ich" und "Umwelt". Ich-Störungen können sich ganz unterschiedlich äußern:

  • Depersonalisation: Eigene Gedanken, Gefühle oder Körperteile empfindet der Patient als fremd, als nicht zu sich gehörig.
  • Derealisation: Die Umwelt wird als unwirklich und andersartig erlebt.
  • Gedankenausbreitung: Der Schizophrene hat das Gefühl, dass sich seine Gedanken im Raum ausbreiten und dass andere sie hören können.
  • Gedankenentzug: Betroffene glauben, dass ihre Gedanken von außen entzogen bzw. weggenommen werden.
  • Gedankeneingebung: Der Betroffene glaubt, dass seine Gedanken von außen "eingepflanzt" wurden.

Formale Denkstörungen

Formale Denkstörungen treten bei rund zwei von drei Schizophrenen auf. Dabei ist der Denkablauf gestört. Das Denken von Menschen mit Schizophrenie ist zerfahren und zusammenhangslos, mit sprunghaften und unlogischen Gedankengängen bis hin zu willkürlichen Verknüpfungen von Worten. Einige Beispiele:

  • Die Betroffenen verschmelzen verwandte Sachverhalte (sog. Kontamination).
  • Teilweise erfinden sie Wörter neu, die völlig absurd klingen können und keinen Sinn zu haben scheinen (sog. Neologismen).
  • Sie reden in einem einzigen Satz über völlig unterschiedliche Dinge, sodass der Zuhörer gar nicht weiß, worüber sie sprechen.
  • Sie sagen einfach Wörter vor sich hin, ohne Sinn, Grammatik und besonderen Inhalt.
  • Bei manchen Betroffenen bricht das Denken in einem Gespräch plötzlich ohne erkennbaren Grund ab (sog. Gedankensperrung).

Affektive Symptome

Fast alle Menschen mit Schizophrenie zeigen affektive Symptome. Das bedeutet: Die Schizophrenie wirkt sich auf die Gefühlswelt aus.

Im Gespräch wirken viele Menschen mit Schizophrenie emotional abwesend oder gefühlsarm. Sie zeigen unangemessene Gefühle: Beispielsweise reagieren sie auf eine traurige Geschichte mit großer Freude. Oder sie werden traurig, wenn sie eine positive Nachricht bekommen. Auch ihre Mimik passt häufig nicht zu der Situation. Manchmal verhalten sie sich albern und läppisch-heiter (sog. läppischer Affekt).

Manche Schizophrene erleben gleichzeitig entgegengesetzte Gefühle. Sie lieben und hassen zum Beispiel zur selben Zeit oder können etwas wollen und gleichzeitig nicht wollen (sog. psychotische Ambivalenz). Insbesondere die hebephrene Schizophrenie ruft bei Betroffenen diese gegensätzlichen Emotionen hervor.

Wenn die akute Phase der Schizophrenie abgeklungen ist, bleibt häufig eine Gefühlsarmut bestehen. Die Erkrankten erleben Gefühle wie Freude oder Trauer nicht mehr so intensiv wie früher.

Psychomotorische Störungen

Im Rahmen einer Schizophrenie treten häufig psychomotorische Störungen auf.

Einige Betroffene leiden unter einer starken motorische Unruhe. Sie fühlen sich getrieben und neigen dazu, bestimmte Bewegungen immer wieder auszuführen (Bewegungsstereotypen). Zum Beispiel wippen sie wiederholt mit dem Körper hin und her.

Im extremen Fall sind Betroffene nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen, obwohl sie bei vollem Bewusstsein sind. Sie liegen dann wie erstarrt da (sog. katatoner Stupor) und wirken verängstigt und innerlich angespannt. Bewegt man einen Körperteil, etwa einen Arm, verharrt er in der veränderten Position.

Auch die Fähigkeit, mit anderen Menschen zu kooperieren, kann beeinträchtigt sein. Manche Patienten führen etwa automatisch genau das Gegenteil von dem aus, was man ihnen sagt (sog. Negativismus); oder sie erledigen Aufgaben so, als ob sie eine Maschine oder ein Automat wären (sog. Befehlsautomatie).

Übersicht: Mögliche Symptome der Schizophrenie

Symptom Beschreibung    Beispiele

Wahnvorstellungen

Der Betroffene verliert den Bezug zur Realität.

Verfolgungswahn: Der Patient fühlt sich von einem Geheimdienst verfolgt.

Beziehungswahn: Der Patient ist davon überzeugt, dass der Nachrichtensprecher im Fernsehen verschlüsselte Botschaften an ihn sendet.

Größenwahn, religiöser Wahn: Der Patient glaubt, ein (verkanntes) Genie zu sein; der Patient glaubt, Botschaften von einem gottähnlichen Wesen zu erhalten.

Halluzinationen

Der Betroffene nimmt Dinge war, die objektiv nicht existieren.

Akustische Halluzinationen: Der Patient hört Stimmen, die seine Handlungen kommentieren.

Optische Halluzinationen: Der Patient sieht eine Person, die nicht existiert.

Geruchs- und Geschmackshalluzinationen: Der Betroffene nimmt einen fauligen Geruch wahr, den andere Menschen nicht bemerken.

Körperhalluzinationen: Die Person hat das Gefühl, es würde elektrischer Strom durch ihren Körper fließen.

Formale Denkstörungen

Der Ablauf des Denkens ist beeinträchtigt.

Der Patient redet zusammenhanglos, umständlich und ohne Logik.

Der Patient antwortet völlig unpassend auf eine Frage.

Der Patienten verliert plötzlich den Gesprächsfaden.

Der Patient kombiniert Wörter miteinander oder erfindet neue Wörter (Neologismen).

Das Denken ist verlangsamt oder beschleunigt, was sich auch sprachlich bemerkbar macht.

Ich-Störungen

Der Betroffene kann nicht mehr oder nur schwer zwischen sich und der Umwelt unterscheiden.

Derealisation: Die Umgebung kommt der Person eigenartig fremd und künstlich vor.

Depersonalisation: Die eigene Person oder einzelne Körperteile werden als fremdartig und nicht zu einem zugehörig erlebt.

Gedankenausbreitung: Der Betroffene glaubt z.B., dass er eigene Gedanken auf andere Menschen übertragen kann.

Gedankenentzug: Die Person glaubt z.B., eine höhere Macht habe ihr die Gedanken "geraubt".

Gedankeneingebung: Die Person glaubt etwa, dass ihre Gedanken nicht die eigenen sind, sondern von einer fremden Macht "eingepflanzt" wurden.

Störungen des Affekts

Das Gefühls- und Gemütsleben ist beeinträchtigt.

Gefühle werden nur eingeschränkt wahrgenommen.

Der Patient fühlt sich depressiv.

Der Patient lacht, obwohl er traurig ist (sog. Parathymie).

Der Patient hat gegensätzliche, ambivalente Gefühle zu einer Person.

Der Patient ist aggressiv und angespannt.

psychomotorische Störungen, Willensstörungen

Der Bewegungsablauf und der Wille sind beeinträchtigt.

Der Patient möchte eine bestimmte Sache tun, kann sich aber nicht dazu entscheiden, diese umzusetzen (sog. Abulie).

Der Betroffene führt bestimmte Bewegungsmuster immer wieder aus, z.B. zieht er wiederholt Grimassen oder schaukelt mit dem Oberkörper (sog. Stereotypien).

Ausdruck und Mimik sind erstarrt, der Patient bewegt sich kaum oder gar nicht und zeigt keine/kaum Reaktionen auf Ansprache (sog. Stupor).

Es kommt zu starken Unruhezuständen (Agitiertheit).

Schizophrenie: Ursachen

Die genauen Ursachen der Schizophrenie sind noch nicht bekannt. Allerdings spricht vieles dafür, dass unterschiedliche Faktoren im Zusammenspiel die Erkrankung (sog. multifaktorielle Entstehung) auslösen. 

Forscher nehmen an, dass eine genetische Veranlagung (Disposition) bei der Schizophrenie eine zentrale Rolle spielt. Sie sehen Vererbung jedoch nicht als alleinige Ursache der Schizophrenie an. Auch biochemische Faktoren oder Komplikationen bei der Geburt können die Wahrscheinlichkeit für eine Schizophrenie erhöhen. Die Krankheit bricht nur aus, wenn mehrere dieser Faktoren zusammentreffen.

Genetische Veranlagung

Untersuchungen mit schizophrenen Menschen und deren Angehörigen belegen, dass eine genetische Veranlagung an der Entstehung der Schizophrenie beteiligt ist.

Die Wahrscheinlichkeit, Schizophrenie zu bekommen, erhöht sich, wenn Verwandte erkrankt sind. Je enger man mit der erkrankten Person verwandt ist, desto höher das Risiko. Einige Beispiele:

  • Ist ein Elternteil schizophren, beträgt die Wahrscheinlichkeit für das Kind etwa 10 Prozent. Das bedeutet: In 10 von 100 Fällen erkrankt das Kind von schizophrenen Eltern ebenfalls.
  • Sind in einer Familie beide Elternteile an einer Schizophrenie erkrankt, liegt das Risiko für das Kind bei 40 Prozent, ebenfalls eine Schizophrenie zu entwickeln.
  • Hat ein Zwilling eine Schizophrenie, liegt das Risiko, dass das Geschwisterkind ebenfalls erkrankt, bei eineiigen Zwillingen bei rund 50 Prozent. Bei zweieiigen Zwillingen beträgt das Risiko 15 Prozent.

Ist ein eineiiger Zwilling an Schizophrenie erkrankt, heißt das nicht zwangsläufig, dass der andere Zwilling auch Schizophrenie bekommt. Vielmehr erkrankt nur die Hälfte der Geschwister. Dies beweist, dass es nicht die genetische Komponente allein sein kann, die eine Schizophrenie verursacht – denn Zwillinge haben ein identisches Erbgut. Wäre Schizophrenie eine reine Erbkrankheit, müssten stets beide Zwillinge erkranken. Es müssen also noch weitere Faktoren hinzukommen, die dann in der Summe zur Schizophrenie führen.

Welche genetischen Besonderheiten bei der Schizophrenie vorliegen, ist noch nicht abschließend geklärt. Forscher vermuten, dass unter anderem die Chromosomen 6 und 8 eine Rolle spielen.

Halluzinogene wie zum Beispiel LSD oder Meskalin können eine schizophrene Psychose auslösen. Außerdem gibt es Hinweise für einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Schizophrenie. Bei Menschen mit der Veranlagung zur Schizophrenie kann regelmäßiger Cannabiskonsum die Erkrankung begünstigen.

Biochemische und neuroanatomische Erklärungen

In Studien konnte man bei vielen Betroffenen Veränderungen der Gehirnstruktur feststellen: So waren beispielsweise mit Gehirnflüssigkeit gefüllte Kammern im Gehirn (3. Ventrikel und Seitenventrikel) auffällig erweitert.

Zudem gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte Strukturen in einem bestimmten Teil des Gehirns, dem limbischen System, bei Schizophrenie verändert sind. Zum Beispiel sind bei Schizophrenen häufig auffällige Zellanordnungen oder eine verminderte Zahl an Nervenzellen zu finden.

Darüber hinaus konnte in einigen Hirnbereichen eine Minderdurchblutung beziehungsweise ein verminderter Stoffwechsel festgestellt werden, unter anderem im Frontalhirn.

Der Botenstoff Dopamin scheint bei Schizophrenie eine besondere Rolle zu spielen. Dopamin ist ein sogenannter Neurotransmitter: Der Stoff sorgt neben vielen anderen Substanzen dafür, dass bestimmte Nervenimpulse von einer Nervenzelle zur nächsten gelangen können. Sind die Botenstoffe nicht mehr im Gleichgewicht, können verschiedene Störungen die Folge sein.

Auch wenn diese sogenannte Dopamin-Hypothese nicht ausreichend belegt ist, spricht doch einiges dafür, dass Dopamin an der Entstehung der Schizophrenie beteiligt ist.

Wichtigstes Anzeichen dafür, dass Dopamin mit Schizophrenie im Zusammenhang steht, ist die Wirksamkeit der Antipsychotika (auch: Neuroleptika). Antipsychotika sind Medikamente, die Ärzte bei der Therapie der Schizophrenie einsetzen. Viele Symptome nehmen durch Antipsychotika deutlich ab, vor allem Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Diese Arzneimittel verhindern unter anderem, dass Dopamin an Dopamin-Rezeptoren andockt.

Neben dem Dopamin sind bei Schizophrenie vermutlich auch weitere Botenstoffe von Bedeutung, etwa Glutamat.

Psychosoziale Faktoren

Die Annahme, dass Probleme und Störungen im Miteinander der Familie, in der Partnerschaft oder im Berufsleben (sog. psychosoziale Bedingungen) eine Schizophrenie begünstigen, ist wissenschaftlich nicht belegt. Man vermutet, dass diese Faktoren allenfalls den Verlauf der Erkrankung beeinflussen. So bekommen Schizophrene beispielsweise häufiger einen Rückfall, wenn sie in ihrer Familien übermäßig behütet werden.

Die Schizophrenie bricht häufig in Lebensphasen aus, in denen Betroffene große Umbrüche bewältigen müssen. Zum Beispiel erkranken oft Pubertierende und Menschen, die ins Berufsleben einsteigen. Eine Partnerschaftskrise oder Probleme mit Kollegen allein reichen ohne eine entsprechende Veranlagung nicht aus, um eine Schizophrenie auszulösen.

Schizophrenie: Diagnose

Die Schizophrenie kann sich in ganz unterschiedlichen Symptomen äußern. Daher ist es gerade zu Beginn der Erkrankung oft nicht leicht, die Diagnose zu stellen.

Um eine Schizophrenie sicher feststellen zu können, müssen mehrere charakteristische Symptome über einen längeren Zeitraum hinweg vorliegen, in der Regel mindestens einen Monat lang. Zu solchen Symptomen zählen zum Beispiel Halluzinationen wie Stimmenhören, Wahnvorstellungen, eine zerfahrene, unlogische Sprache, Denkstörungen oder Gefühlsarmut.

Es gibt keinen speziellen Schizophrenie-Test. Deshalb wird der Arzt zu Beginn andere Krankheiten ausschließend wollen, die zu ähnlichen Symptomen führen könnten. Dazu gehören zum Beispiel:

Im Rahmen der Diagnose führt der Arzt verschiedene wichtige Tests und Untersuchungen durch. Er wird zum Beispiel

  • die Krankheitsgeschichte des Patienten erfassen (Anamnese),
  • seinen Patienten körperlich untersuchen,
  • das Blut untersuchen lassen und
  • eine Untersuchung des Gehirns veranlassen (z.B. Elektroenzephalographie (EEG)) und eventuell bildgebende Verfahren (MRTCT).

Schizophrenie: Behandlung

Man geht davon aus, dass mehrere Faktoren an der Entstehung der Schizophrenie beteiligt sind. Entsprechend setzen Ärzte bei der Therapie der Schizophrenie auf einen mehrdimensionalen Therapieansatz, bei dem die möglichen Auslöser berücksichtigt werden.

Zu wichtigen Therapie-Elementen zählen:

  • Behandlung mit Psychopharmaka; Psychopharmaka sind Medikamente, die die Psyche beeinflussen
  • Psychotherapie
  • soziotherapeutische Angebote

Insbesondere bei einem akuten Schizophrenie-Schub mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen sehen viele Betroffene nicht ein, dass sie eine Behandlung benötigen. Sie sind zu Beginn häufig nicht bereit, mit Ärzten und Therapeuten zusammenzuarbeiten. Gerade bei Wahnvorstellungen, Suizidgedanken oder großer Erregung ist meist ein stationärer Aufenthalt erforderlich.

Behandlung mit Psychopharmaka

Besonders in der akuten Phase einer Schizophrenie ist die Therapie mit Psychopharmaka der wichtigste Baustein. Psychiater setzen vor allem auf Antipsychotika (auch: Neuroleptika) wie Haloperidol oder Clozapin.

Antipsychotika beeinflussen die Konzentration verschiedener Botenstoffe im Gehirn, so zum Beispiel von Dopamin. Dies kann insbesondere die sogenannten Positiv-Symptome wie Wahnvorstellungen oder Halluzinationen reduzieren.

Klassische Antipsychotika können zu verschiedenen, teils starken Nebenwirkungen führen. Hierzu zählen vor allem Störungen der Motorik wie Bewegungsunruhe und unwillkürliche Bewegungen, Zittern oder Bewegungsarmut, aber auch Gewichtszunahme. Heutzutage kommen häufig Antipsychotika der zweiten Generation oder atypische Antipsychotika (Atypika) zum Einsatz. Ihr Vorteil ist, dass sie häufig mit weniger Nebenwirkungen verbunden sind.

Welches Medikament im Einzelfall infrage kommt, hängt von den jeweiligen Symptomen ab. Bei Positivsymptomen wie Halluzinationen verschreiben Ärzte vor allem stark wirksame Antipsychotika mit Wirkstoffen wie Haloperidol. Treten vorwiegend Negativsymptome wie zum Beispiel Bewegungsarmut auf, wählt der Arzt häufig atypische Antipsychotika wie Clozapin.

Bis die Medikamente wirken, dauert es meist einige Wochen. Sind die akuten Symptome abgeklungen, nimmt der Betroffene die Antipsychotika  noch über einen längeren Zeitraum ein (sog. Erhaltungstherapie), meist für mindestens ein bis zwei Jahre. Treten immer wieder Rückfälle auf, können auch dauerhaft Medikamente sinnvoll sein.

Psychotherapie

Im Rahmen der "unterstützenden (supportiven) Psychotherapie" helfen Therapeuten, Ärzte und Pfleger dem Erkrankten, mit der Schizophrenie umzugehen. Sie informieren ihn über die Erkrankung und klären über die Behandlungsmöglichkeiten auf. Je besser der Patient seine Erkrankung versteht, desto besser kann die Therapie wirken. Außerdem erarbeitet der Therapeut mit dem Patienten die Einflussfaktoren, die seine Krankheit begünstigen. Ziel ist, Hoffnung und Mut zu machen und für eine Therapie zu motivieren.

Die Psychotherapie dient auch dazu, aktuelle Probleme und Lebensentscheidungen zu besprechen und Lösungen zu finden, ohne den Erkrankten dabei zu über- oder unterfordern. Über- und Unterforderungen können einen erneuten schizophrenen Schub auslösen.

Vor allem die Verhaltenstherapie hat bei der Behandlung der Schizophrenie in den letzten Jahren an Einfluss gewonnen. Die Therapie hilft dabei, geistige Fähigkeiten zu verbessern. Außerdem üben die Patienten dabei den Umgang mit anderen Menschen, beispielsweise mit dem Ziel, soziale Ängste abzubauen.

Darüber hinaus hilft die Verhaltenstherapie dabei, mit Symptomen wie Wahn und Halluzinationen umzugehen. Der Patient erarbeitet mit dem Therapeuten zum Beispiel Ablenkungsstrategien, um die Aufmerksamkeit von bedrohlichen Halluzinationen abzulenken. Die Verhaltenstherapie kann auch bei Personen sinnvoll sein, die noch keine therapiebedürftige Schizophrenie, aber ein erhöhtes Risiko für die Erkrankung haben.

Soziotherapeutische Angebote

Die Soziotherapie fördert die Fähigkeiten der Erkrankten, die sie im alltäglichen Leben benötigen, zum Beispiel im Umgang mit anderen Menschen. Zu soziotherapeutischen Angeboten gehört unter anderem die Arbeits- und Beschäftigungstherapie oder Maßnahmen zur Wiedereingliederung (Rehabilitation) in verschiedenen Einrichtungen.

Soziotherapie arbeitet nach dem Prinzip der kleinen Schritte. Der Arbeitstherapeut steigert die Anforderungen an die Betroffenen stufenweise. Dies betrifft sowohl die Arbeitszeiten als auch den Schwierigkeitsgrad der Arbeitsaufgaben.

Die Therapie beginnt in der Regel in einer stationären Klinik. Danach kann der Betroffene in eine Tagesklinik wechseln (sog. teilstationäres Angebot). In der nächsten Stufe zieht er möglicherweise in eine Wohngemeinschaft mit therapeutischer Begleitung, in der er selbstständiger leben kann.

Schizophrenie: Verlauf

Der Verlauf einer Schizophrenie ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Viele Betroffene zeigen bereits Monate bis Jahre vor dem Ausbruch der Schizophrenie erste Anzeichen, die allerdings nicht offenkundig auf eine Schizophrenie hindeuten. Sie ziehen sich beispielsweise in dieser Zeit aus ihrem sozialen Umfeld zurück, wirken distanziert, sind häufig depressiv und nehmen die Realität bereits verzerrt wahr. Dieses Vorstadium der Schizophrenie bezeichnen Psychiater als Prodromalphase. Eine Schizophrenie kann aber auch ohne vorherige Ankündigung auftreten.

Beim akuten Ausbruch der Schizophrenie treten schließlich die typischen Symptome auf, zum Beispiel Wahn, Halluzinationen, Ich-Störungen, Denkstörungen und/oder Beeinträchtigungen der Gefühle und des Antriebs. Bei jedem Erkrankten sind diese Symptome unterschiedlich ausgeprägt und kommen in verschiedenen Kombinationen vor. Die akute Krankheitsphase der Schizophrenie dauert Wochen bis Monate und klingt danach wieder ab.

Schizophrenie verläuft häufig in Schüben. Die Gefahr liegt darin, dass nach jedem Schub, also nach jedem erneuten Ausbruch der Schizophrenie, bestimmte Symptome dauerhaft bestehen bleiben oder sich nicht vollständig zurückbilden. Vor allem Negativsymptome wie zum Beispiel

schränken Betroffene dann zunehmend ein.

In seltenen Fällen bilden sich auch sogenannte positive Symptome wie Wahn oder Halluzination nicht mehr vollständig zurück. Wenn Symptome zurückbleiben, sprechen Ärzte von einem Residuum.

Etwa ein Drittel der Betroffenen wird nach einer ersten schizophrenen Episode wieder vollständig gesund. Bei einem weiteren Drittel tritt die Schizophrenie immer wieder auf – die Symptome verschwinden mit einer entsprechenden Behandlung zwischen den einzelnen Schüben fast vollständig. Beim letzten Dritten bleiben einige Symptome dauerhaft bestehen.

Untersuchungen zeigen, dass bestimmte Umstände den Verlauf einer Schizophrenie günstig beeinflussen:

  • Bricht eine Schizophrenie akut aus, ohne dass die Betroffenen im Vorfeld Anzeichen dafür zeigten, deutet dies auf eine günstige Prognose hin.
  • Eine früh beginnende Behandlung mit Psychopharmaka beugt in vielen Fällen einem chronischen Verlauf vor.
  • Günstig für den Verlauf sind Lebensumstände wie eine feste Partnerschaft und ein gutes soziales Netzwerk.

Kann man einer Schizophrenie vorbeugen?

Erbliche Faktoren scheinen bei der Schizophrenie eine große Rolle zu spielen. Daher ist es nicht möglich, der Erkrankung wirksam vorzubeugen. Als genetisch vorbelastet gelten zum Beispiel Menschen, deren Eltern an einer Schizophrenie erkrankt sind oder waren.

Soziale und psychische Faktoren wie Stress, Traumata und belastende Ereignisse, aber auch Drogenkonsum begünstigen den Ausbruch der Krankheit. Aus diesem Grund empfiehlt man Menschen mit einer erblichen Vorbelastung, Stress weitestgehend zu vermeiden und keine Drogen zu konsumieren.

Schizophrenie: Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Schizophrenie":


Onmeda-Lesetipps:

Was ist eine Psychose?
Mehr zum Thema Halluzinationen

Linktipps:

www.kompetenznetz-schizophrenie.de Umfassende Informationen zum Thema Schizophrenie

Selbsthilfegruppen / Beratungsstellen:

Netzwerk Stimmenhören e.V.
Schudomastraße 3
12055 Berlin
030 / 78 71 80 68
030 / 68 97 28 41
stimmenhoeren@gmx.de
www.stimmenhoeren.de

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde
Reinhardtstraße 27 B
10117 Berlin
030 / 240 477 20
030 / 240 477 229
www.dgppn.de


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Quellen:

Online-Informationen des Kompetenznetzes Schizophrenie: www.kompetenznetz-schizophrenie.de. (Abrufdatum: 14.11.2017)

Schizophrenie. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 13.7.2017)

Schizophrenia. Online-Informationen der Weltgesundheitsinformation WHO: www.who.int (Stand: 2017)

Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

Gleixner, C., Müller, M., Wirth, S.: Neurologie und Psychiatrie. Für Studium und Praxis 2015/16. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2015

Reinhardt, D., Nicolai, T., Zimmer, K.-P.:Therapie der Krankheiten im Kindes- und Jugendalter. Springer, Berlin Heidelberg 2014

Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

Aktualisiert am: 14. November 2017

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