Hypochondrie: Sind Hypochonder "eingebildete Kranke"?

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (12. September 2017)

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Hypochonder sind davon überzeugt, ernsthaft körperlich krank zu sein, obwohl es keinen medizinischen Hinweis dafür gibt. Hypochondrie ist eine psychische Erkrankung, die oft erst spät behandelt wird – denn die Betroffenen glauben nicht, dass ihre Beschwerden eine psychische Ursache haben könnten.

Ein Druck im Magen oder Kopfschmerzen – solche Beschwerden können viele Ursachen haben und oft sind sie harmlos. Die meisten Menschen sind beruhigt, wenn der Arzt Entwarnung gibt und keine körperliche Ursache findet. Nicht so ein Hypochonder: Er glaubt, dass der Arzt etwas übersehen haben muss und drängt auf weitere Untersuchungen. 

Was ist ein Hypochonder?
Ein Hypochonder befürchtet über einen längeren Zeitraum hinweg, an einer schweren körperlichen Erkrankung zu leiden, obwohl eine organische Ursache aus medizinischer Sicht ausgeschlossen wurde. Schon kleine körperliche Missempfindungen oder Veränderungen sieht der Hypochonder als Beweis, dass er tatsächlich krank ist. Er sucht meist weitere Ärzte auf und drängt auf immer neue Untersuchungen.

Die Hypochondrie (auch: hypochondrische Störung) ist eine Form der somatoformen Störung. Typisch für eine somatoforme Störung: Der Betroffene verspürt körperliche Beschwerden, ohne dass der Arzt eine organische Ursache finden kann. Im Gegensatz zu Personen mit anderen somatoformen Störungen ordnen Hypochonder ihre Symptome meist einer bestimmten Krankheit zu. So glauben Sie etwa, an Krebs oder einer Nervenerkrankung wie multipler Sklerose erkrankt zu sein.

Hypochonder werden häufig zu Unrecht als „eingebildete Kranke“ „Jammerer“ oder „Simulanten“ dargestellt, weil sie nicht körperlich krank sind. Dabei ist der Leidensdruck eines Hypochonders hoch: Er hat zwar keine körperliche, aber eine psychische Erkrankung, die behandelt werden muss.

Hypochondrie (hypochondrische Störung): Symptome

Was sind typische Symptome einer Hypochondrie (hypochondrische Störung)?

Ein Hypochonder ...

  • ist überzeugt davon, ernsthaft erkrankt zu sein, obwohl eine körperliche Krankheit ausgeschlossen wurde
  • spürt immer wieder in seinen Körper hinein und sieht körperliche Missempfindungen als Beweis für eine ernste Erkrankung
  • überprüft permanent körperliche Funktionen (z.B. Körpertemperatur, Blutdruck, Puls …)
  • stellt einen unauffälligen Arztbefund infrage und sucht immer wieder andere Ärzte auf.

Hypochonder haben permanent die Befürchtung, an einer körperlichen Erkrankung zu leiden – zum Beispiel an Krebs oder an multipler Sklerose. Schon kleinste körperliche Beschwerden oder Missempfindungen werden überbewertet/fehlgedeutet und sind für den Hypochonder ein Beweis dafür, dass er tatsächlich schwer krank ist. Einige Beispiele:

  • Ein leicht erhöhter Puls nach dem Treppensteigen ist völlig normal. Ein Hypochonder, der glaubt, eine schwere Herzerkrankung zu haben, sieht sich jedoch in dieser Annahme bestätigt, wenn das Herz „rast“.
  • Vorübergehende Verdauungsbeschwerden nach einem üppigen Mahl sind für die meisten Menschen kein Anlass, sich Sorgen zu machen. Für einen Hypochonder, der davon überzeugt ist, an Darmkrebs erkrankt zu sein, sind die Symptome hingegen ein Beweis, dass er wirklich krank ist.
  • Gelegentliche Kopfschmerzen können für einen Hypochonder die Bestätigung sein, dass er einen Hirntumor hat.

Selbst wenn medizinische Untersuchungen ergebnislos bleiben, sind Menschen mit Hypochondrie nicht von der Überzeugung abzubringen, Symptome einer schweren Erkrankung zu haben. Fehlende Untersuchungsbefunde interpretieren sie als Hinweis dafür, dass die Krankheit bisher unbekannt ist oder dass der Arzt sich irrt. Infolgedessen suchen sie oft eine ganze Reihe von Ärzten auf (sog. Ärzte-Hopping oder Doctor-Shopping). In manchen Fällen unterziehen sich Hypochonder sogar risikoreichen operativen Eingriffen, von denen sie sich Hinweise auf die Ursache ihrer Beschwerden erhoffen. Die Möglichkeit, dass ihre Beschwerden psychische Ursachen haben, schließen sie aus. 

Wie entsteht Hypochondrie?

Eine Hypochondrie (hypochondrische Störung) entsteht im Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Hypochonder haben oft schon vor Beginn der Erkrankung negative Erfahrungen mit Krankheiten gemacht – etwa, weil sie selbst oder ein Angehöriger schon einmal ernsthaft erkrankt waren. Zudem spielt eine Rolle, wie die Eltern mit Krankheit und Beschwerden umgegangen sind. Und auch genetische Faktoren sind an der Entstehung beteiligt.

Zu den wichtigsten Risikofaktoren für eine Hypochondrie gehört ein gesteigertes Erregungsniveau: Schon bevor die ersten Anzeichen der Störung auftreten, zeigen viele spätere Hypochonder eine hohe psycho-physiologische Reaktivität. Das bedeutet zum Beispiel, dass sie auf Reize besonders schnell mit erhöhtem Herzschlag reagieren. Außerdem haben hypochondrische Menschen eine besonders niedrige Wahrnehmungsschwelle für körperliche Reize. Sie können beispielsweise ihren Puls leichter spüren als andere. Nicht zuletzt neigen (spätere) Hypochonder zum Katastrophendenken. Sie bewerten Ereignisse oft extrem negativ.

Hypochonder sind meist eher ängstliche Menschen und neigen eher zu Angsterkrankungen als andere Personen.

Kommen zu den Risikofaktoren psychische Belastungen oder Stress hinzu, kann sich eine hypochondrische Störung entwickeln. Schon kleinste, in der Regel harmlose Beschwerden wie Spannungskopfschmerzen oder Verstopfung sind für die Betroffenen ein Hinweis auf eine ernste Erkrankung. Die Folge: Sie spüren verstärkt in ihren Körper hinein.

Nun geraten sie in einen Teufelskreis, durch den sich die Hypochondrie festigt:

  • Die Gewissheit, krank zu sein, erhöht ihr Stresslevel und steigert die Aufmerksamkeit für ihre Beschwerden; meist versuchen Hypochonder, in der Fachliteratur und im Internet mehr Informationen über ihr Leiden zu finden.
  • Durch die erhöhte Anspannung das ständige "Hineinspüren in den Körper" nimmt die Hypochonder vermehrt Symptome wahr, was ihn in seiner Annahme, krank zu sein, bestätigt.
  • Durch immer wieder neue Untersuchungen und Arztbesuche wollen sie sich vergewissern, dass alles in Ordnung ist, können es jedoch nicht glauben, wenn der Arzt nichts finden konnte.
  • Zusätzlich schonen sich viele Hypochonder aus Sorge um ihre Gesundheit und vermindern dadurch ihre körperliche Belastbarkeit. So kann es passieren, dass schon kleinere Anforderungen zu körperlichen Beschwerden wie zum Beispiel Atemnot und Herzstolpern führen.
Hypochondrie

Hypochonder befinden sich in einem Teufelskreis.

Hypochondrie aus psychoanalytischer Sicht

Aus Sicht von Psychoanalytikern liegen der Hypochondrie ungelöste inneren Konflikte zugrunde, die durch Schuldgefühle oder Angst entstehen. Die Betroffenen verschieben ihre Aufmerksamkeit ganz auf körperliche Störungen, um sich nicht mit den tatsächlich zugrunde liegenden Konflikten auseinandersetzen zu müssen.

Die körperlichen Beschwerden haben demnach zum Teil einen symbolischen Charakter: So könnten zum Beispiel Augenprobleme aus Sicht des Psychoanalytikers ein Ausdruck dafür sein, etwas nicht sehen zu wollen. Diese Annahme spiegelt sich auch in Ausdrücken wie "Mir ist etwas auf den Magen geschlagen" oder "Das bereitet mir Kopfschmerzen" wider.

Hypochondrie (hypochondrische Störung): Diagnose

Wenn eine Person seit längerer Zeit überzeugt ist, ernsthaft körperlich krank zu sein, obwohl wiederholte körperliche Untersuchungen keinen Hinweis darauf ergeben, könnte es sich um eine hypochondrische Störung (Hypochondrie) handeln.

Bevor der Arzt diese Diagnose stellt, muss er sicher sein, dass nicht doch eine körperliche Ursache hinter den Beschwerden steckt. Falls nicht schon geschehen, wird er seinen Patienten daher untersuchen.

Wichtig zur Diagnosestellung ist ein ausführliches Gespräch zwischen Patient und dem behandelnden Arzt oder Therapeuten. So wird der Arzt/Therapeut zum Beispiel wissen wollen,

  • welche Krankheiten sein Patient schon hatte,
  • wie er mit Beschwerden umgeht,
  • welche Behandlungen und Untersuchungen bereits durchgeführt worden,
  • wie er aufgewachsen ist und/oder
  • ob den Beschwerden ein belastendes Ereignis vorausgegangen ist (z.B. ein Krankheitsfall in der Familie, Stress …).

Diese Fragen sind wichtig, um die hypochondrische Störung von anderen psychischen Erkrankungen abzugrenzen, die mit ähnlichen Beschwerden einhergehen – etwa von einer Panikstörung oder einer Somatisierungsstörung. Zusätzlich können psychologische Tests Hinweise darauf geben, ob eine hypochondrische Störung wahrscheinlich ist.

Von einer Hypochondrie spricht man, wenn der Betroffene

  • seit mindestens sechs Monaten überzeugt ist, eine oder mehrere ernsthafte körperliche Krankheiten zu haben, die für die vorhandenen Symptome verantwortlich sind – auch wenn durch wiederholte Untersuchungen keine körperliche Ursache festzustellen ist.
  • sich konsequent weigert, den Rat und die Versicherung verschiedener Ärzte zu akzeptieren, dass keine körperliche Krankheit hinter seinen Symptomen steckt.
  • sich intensiv mit der eigenen Gesundheit beschäftigt.

Hypochondrie (hypochondrische Störung): Therapie

Bei einer Hypochondrie (hypochondrische Störung) ist eine Psychotherapie empfehlenswert. Hypochonder sind jedoch überzeugt davon, schwer körperlich erkrankt zu sein. In psychotherapeutische Behandlung begeben sie sich nur selten – oder erst nach einem jahrelangen Leidensweg.

Oft erkennen die behandelnden Ärzte schnell, dass die Beschwerden keine körperliche, sondern eine psychische Ursache haben. Die Betroffenen zweifeln diesen Befund jedoch an und fordern weitere Untersuchungen. So vergeht meist viel Zeit, bis sie sich in eine Psychotherapie begeben. In schweren Fällen können zusätzlich zur Psychotherapie Medikamente hilfreich sein.

Psychotherapie

Wie die Psychotherapie abläuft, hängt unter anderem von der Therapieform ab. Hilfreich kann zum Beispiel eine kognitive Verhaltenstherapie sein. Hier erfährt der Hypochonder unter anderem,

  • unter welchen Bedingungen sich die Symptomatik verändert,
  • mit welchen Situationen (z.B. Konflikte in der Familie oder eine hohe Arbeitsbelastung) diese Veränderungen in Verbindung stehen,
  • wie er negative Denkmuster erkennen und verändern kann und
  • wie ängstliche Selbstbeobachtung und Schonhaltung seine Beschwerden verstärkt.

Der Betroffene lernt, seine bisherigen Bewertungen von körperlichen Beschwerden kritisch zu hinterfragen. Das bedeutet zum Beispiel: Der Hypochonder erkennt, dass ein schnell schlagendes Herz nicht unbedingt auf eine Krankheit hinweist, sondern dass es andere, harmlose Erklärungen dafür geben kann – etwa Angst, Stress oder körperliche Anstrengung.

Auch Konfrontationsübungen können im Rahmen der Verhaltenstherapie infrage kommen. Der Hypochonder muss sich in den Übungen seinen Ängsten und Befürchtungen stellen – und beispielsweise aushalten, dass er in Zukunft nicht ständig den Arzt wechselt.

Hilfreich kann es sein, nahestehende Personen in die Therapie einzubeziehen und ihnen zu verdeutlichen, wie sie den Patienten am besten unterstützen können.

Ergänzende Therapiemöglichkeiten

Manche Personen mit einer hypochondrischen Störung  empfinden eine Entspannungstechnik als angenehm. Durch gezielte Entspannung können sie körperliche und seelische Anspannung abbauen. Zu Entspannungstechniken zählen zum Beispiel

Körperliche Bewegung kann sich positiv auf den Erkrankungsverlauf auswirken. Und auch Biofeedback kann helfen: Bei dieser Technik werden Körperfunktionen wie Herzschlag oder Blutdruck durch Lautsprecher oder Bildschirm sicht- und hörbar gemacht. Der Hypochonder lernt, wie seine Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen die Körperfunktionen beeinflussen: So führt Angst beispielsweise dazu, dass der Blutdruck sinkt.

Ist der Leidensdruck sehr hoch, können ergänzend zur Psychotherapie Medikamente hilfreich sein. So wird der Arzt zum Beispiel Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer verschreiben. Dazu zählen Präparate mit Wirkstoffen wie Citalopram, Paroxetin oder Sertralin.

Hypochondrie (hypochondrische Störung): Verlauf

Eine hypochondrische Störung (Hypochondrie) nimmt oft einen chronischen Verlauf, das heißt, die Erkrankung bleibt über einen langen Zeitraum hinweg bestehen oder flammt immer wieder auf. Dies ist insbesondere der Fall, wenn die Hypochondrie nicht oder nicht ausreichend behandelt wurde.

Ein Hypochonder ist überzeugt davon, körperlich krank zu sein, und sucht deswegen verschiedene Ärzte auf. Ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Therapie ist jedoch die Einsicht, an einer psychischen Erkrankung zu leiden. Daher haben die Betroffenen oft einen langen Leidensweg hinter sich, bis sie sich in psychologische Behandlung begeben.

Mithilfe einer Psychotherapie ist es möglich, eine hypochondrische Störung in den Griff zu bekommen.

Hypochondrie: Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Hypochondrie":


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Quellen:

Hypochondrische Störung. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 12.7.2017)

Deister, A.: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

Kasper, S., Volz, H.: Psychiatrie und Psychotherapie compact. Thieme, Stuttgart 2014

Payk, R., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

Schöpf, J.: Psychiatrie für die Praxis. Springer, Berlin 2013

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. und des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM): Umgang mit Patienten mit nicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 051-001 (Stand: April 2012)

Leucht, S., Förstl, H.: Kurzlehrbuch Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2012

Schneider, F.: Facharztwissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Berlin 2012

Peters, U.: Lexikon: Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. Urban & Fischer, München 2011

Abel-Wanek, U.: Hypochondrie. Die Last mit dem Leiden. Pharmazeutische Zeitung online, Ausg. 35/2011

Stand: 12. September 2017

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