Blutvergiftung (Sepsis): Symptome, Ursachen & Therapie

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (13. September 2017)

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Bei einer Blutvergiftung ist schnelles Handeln wichtig. Schon innerhalb der ersten Stunden kann sich der Zustand des Patienten so stark verschlimmern, dass sein Leben in Gefahr ist. Das lässt sich mit einer frühzeitigen Therapie meist vermeiden.

Was ist eine Blutvergiftung?
Von einer Blutvergiftung sprechen Mediziner, wenn sich das Immunsystem heftig gegen eine Infektion wehrt und dabei körpereigenem Gewebe schadet. Die Folge ist im schlimmsten Fall ein Organversagen, das tödlich enden kann.

Häufig entsteht eine Blutvergiftung aus einer Lungenentzündung, Wundinfektion oder Blasenentzündung. Doch auch andere Infekte sind mögliche Auslöser. In der Regel sind bakterielle Erreger die Ursache, seltener Viren oder Pilze.

Eine Blutvergiftung äußert sich häufig durch hohes Fieber und Schüttelfrost. Auch Herzrasen, niedriger Blutdruck und Verwirrtheit sind typische Anzeichen. Häufig verschlimmert sich der Zustand der Patienten sehr schnell.

Eine Blutvergiftung gilt daher als medizinischer Notfall, der eine frühzeitige Therapie erfordert!

Blutvergiftung: Ursachen

Meist beginnt eine Blutvergiftung mit einer örtlich begrenzten Infektion, etwa einer Wunde, einem Harnwegsinfekt oder einer Lungenentzündung. Normalerweise bekämpft der Körper die Erreger an Ort und Stelle. Wenn ihm das nicht gelingt, kann es passieren, dass die Erreger in den Blutkreislauf gelangen und sich im gesamten Organismus ausbreiten.

Das ruft eine heftige Abwehrreaktion des Immunsystems hervor. Wenn diese sich nicht nur gegen die Erreger, sondern auch gegen körpereigenes Gewebe richtet, können lebensbedrohliche Schäden an den Organen entstehen. Im schlimmsten Fall büßen dabei ein Organ oder mehrere Organe ihre Funktion ein.

Eine Blutvergiftung kann von unterschiedlichen Infektionsherden ausgehen. Meist verursachen Bakterien eine Blutvergiftung, seltener Viren oder Pilze. Die häufigsten Ursachen sind:

  • Lungenentzündung
  • Hirnhautentzündung (führt in 1 von 100 Fällen zur Meningokokken-Sepsis, bei der ein schwerer septischer Schock – das sog. Waterhouse-Friedrichsen-Syndrom – entstehen kann)
  • Wundinfektion
  • Katheterinfektion
  • künstliche Beatmung, die länger als 48 Stunden andauert (da über den Beatmungsschlauch Erreger in die Atemwege gelangen und eine Lungenentzündung auslösen können: die sog. ventilatorassoziierte Pneumonie, VAP)
  • Infektionen nach einer Operation

Blutvergiftung: Symptome

Typische Symptome einer Blutvergiftung sind:


Roter Strich = Blutvergiftung?
Entgegen der häufigen Annahme ist ein roter Strich, der sich zum Herzen hin ausbreitet, kein Anzeichen einer Blutvergiftung. Eine solche rote Linie ist vielmehr das Symptom einer Lymphangitis, die viele Menschen mit der Sepsis verwechseln.

Blutvergiftung: Definition und Diagnose-Kriterien

Die offizielle medizinische Definition der Blutvergiftung ist momentan im Umbruch. Bisher stellte der Arzt die Diagnose anhand der sogenannten SIRS-Kriterien. SIRS steht für "systemisches inflammatorisches Response-Syndrom". Mit den SIRS-Kriterien lässt sich die Stärke der Entzündungsreaktion beurteilen.

Nach der neuen Definition ("Sepsis-3") soll sich der Arzt stattdessen am sogenannten SOFA-Score orientieren. SOFA steht für "Sepsis-related organ failure assessment", also "Bewertung des mit der Sepsis verbundenen Organversagens". Künftig soll der Arzt also nicht mehr das Ausmaß der Entzündung beurteilen, sondern abschätzen, welche Schäden diese im Körper angerichtet hat.

Um sich möglichst schnell ein Bild vom Zustand der einzelnen Organe machen zu können, prüft der Arzt unter anderem,

  • ob der Patient verwirrt ist und/oder Bewusstseinsstörungen hat,
  • ob und wie gut die Lungen des Patienten funktionieren,
  • ob und wie stark der Blutdruck des Patienten abgefallen ist,
  • ob die Blutgerinnung des Patienten gestört ist,
  • wie hoch die Nierenwerte sind und 
  • wie hoch die Leberwerte des Patienten sind.

Den Zustand der einzelnen Organe bewertet der Arzt auf einer Punkteskala von 1 (leicht beeinträchtigt) bis 4 (stark beeinträchtigt). Aus den Punkten errechnet der Arzt den Gesamt-SOFA-Score. Beträgt dieser 2 oder mehr, kann der Arzt die Diagnose "Sepsis" stellen.

Eine sehr schwere Form der Sepsis ist der sogenannte "septische Schock". Er ist mit einem deutlich erhöhten Sterberisiko verbunden. Die beiden wichtigsten Anzeichen für einen septischen Schock sind:

  • stark abgesunkener Blutdruck und
  • erhöhte Laktat-Werte im Blut. (Wenn das Körpergewebe nicht ausreichend durchblutet wird, erhält es nicht ausreichend Sauerstoff. Dann sammeln sich immer mehr saure Stoffwechselprodukte wie Laktat im Körpergewebe an.)

Welche Untersuchungen sind nötig?

Mithilfe einer speziellen Form der Ultraschalluntersuchung, der sogenannten Echokardiographie, prüft der Arzt die Herzfunktion.

Zudem misst er den Blutdruck des Patienten und nimmt ihm Blut ab. Anhand der Blutwerte kann der Arzt

Warum gibt es eine neue Sepsis-Definition?
Die Diagnose "Sepsis" hat sofortige Konsequenzen für einen Patienten. Er wird als medizinischer Notfall eingestuft und kommt in der Regel unverzüglich auf die Intensivstation. Daher ist es sehr wichtig, dass Ärzte eine Blutvergiftung schnell und sicher erkennen können. Die Definition muss klar und eindeutig sein.

Die bisher gültigen Diagnose-Kriterien waren nach Ansicht vieler Mediziner zu unspezifisch, weil sich mit ihnen nur das Ausmaß der Entzündungsreaktion bewerten ließ. In der Praxis hat sich aber gezeigt, dass die Stärke der Entzündungsreaktion nicht unbedingt etwas darüber aussagt, wie schlecht es einem Patienten geht und ob sein Zustand lebensbedrohlich ist.

Die Überlebenschancen des Patienten scheinen vielmehr davon abhängig zu sein, wie viel Schaden die Entzündung bereits in seinem Körper angerichtet hat. Diese Frage steht im Mittelpunkt der neuen Definition. Die Blutvergiftung ist nun als "lebensbedrohliche Organdysfunktion" definiert, die durch eine Entzündung hervorgerufen wird.

Bisher stellten Ärzte die Diagnose anhand folgender Kriterien:

  1. Sind Erreger (Bakterien, Viren oder Pilze) im Blut nachweisbar?
  2. Liegt ein Systematic Inflammatory Response Syndrome (SIRS) vor? Mindestens zwei Kriterien müssen zutreffen:
    • Fieber höher als 38 Grad Celsius oder Körpertemperatur niedriger als 36 Grad Celsius (Hypothermie)
    • Herzfrequenz höher als 90 pro Minute (Tachykardie)
    • Atemfrequenz höher als 20 pro Minute (Tachypnoe) oder Hyperventilation
    • Vermehrung der weißen Blutkörperchen (Leukozytose) oder Verminderung der weißen Blutkörperchen (Leukopenie) oder mindestens 10 Prozent unreife Formen
  3. Sind Organfunktionen akut gestört? Mindestens ein Kriterium muss zutreffen:
    • akute krankhafte Hirnveränderung (Enzephalopathie)
    • relative oder absolute Verminderung der Anzahl Blutplättchen (Thrombozytopenie), die nicht durch akute Blutung oder immunologische Ursachen entsteht
    • herabgesetzter Sauerstoffgehalt im Blut (arterielle Hypoxämie); Herzerkrankungen oder Lungenerkrankungen sind als Ursache auszuschließen)
    • Funktionsstörung der Nieren (renale Dysfunktion)
    • stoffwechselbedingte Übersäuerung (metabolische Azidose)

Die neue Sepsis-Definition unterscheidet nur zwischen Sepsis und septischem Schock. Zuvor gab es drei Schweregrade der Sepsis, die der Arzt ebenfalls mithilfe der genannten Kriterien bestimmen konnte:

  • Eine Sepsis liegt vor, wenn die Punkte 1 und 2 zutreffen.
  • Eine schwere Sepsis ist durch alle drei Kriterien gekennzeichnet.
  • Ein septischer Schock besteht dann, wenn die Punkte 1 und 2 zutreffen und gleichzeitig mindestens eine Stunde lang der systolische Blutdruck einen niedrigeren Wert als 90 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) oder der mittlere arterielle Blutdruck einen höheren Wert als 65 Millimeter Quecksilbersäule aufweist.

Blutvergiftung: Behandlung

Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Infektion. Der Arzt muss daher schnellstmöglich klären, welche Krankheitserreger für die Blutvergiftung verantwortlich sind.

Meist sind Bakterien die Ursache. In diesem Fall behandelt der Arzt den Patienten mit Antibiotika. Es ist wichtig, dass dies rasch (innerhalb einer Stunde nach der Diagnose) geschieht.

Häufig setzt der Arzt zunächst ein Antibiotikum ein, das gegen verschiedene Bakterien wirkt (sog. Breitbandantibiotikum). Wenn die Therapie anschlägt und sich der Zustand des Patienten verbessert, kann der Arzt ein anderes Antibiotikum einsetzen, das sich gezielter gegen den vorliegenden Erreger richtet. So kann er das Risiko verringern, dass sich eine Widerstandsfähigkeit (Resistenz) gegen die Antibiotika entwickelt.

Wenn Antibiotika nicht helfen, haben möglicherweise Pilze die Infektion ausgelöst: In dem Fall eignen sich zur Therapie Mittel gegen Pilzerkrankungen (sog. Antimykotika).

Unterstützende Maßnahmen

Bei einer Sepsis sinkt der Blutdruck stark ab. Zudem ist die Durchblutung der Organe beeinträchtigt. Dadurch mangelt es den Organen an Sauerstoff, was im schlimmsten Fall zur Folge hat, dass sie versagen.

Um das zu verhindern, schleust der Arzt über eine Infusion große Mengen Flüssigkeit in den Körper des Patienten ein. Zusätzlich kann er ihm ein bestimmtes Mittel (Noradrenalin) verabreichen, das das Herz-Kreislauf-System anregt und den Blutdruck steigert.

Bei einem septischen Schock erfolgen diese Maßnahmen zu Beginn der Therapie. Das heißt: Der Arzt versucht zunächst, die Durchblutung der Organe wiederherzustellen. Erst anschließend bekämpft er die Infektion.

Darüber hinaus trifft der Arzt meist noch weitere Maßnahmen, um die Genesung des Patienten zu unterstützen. Dazu zählen:

  • Nierenersatzverfahren (Dialyse, Hämofiltration)
  • Beatmung
  • Ersatz von Blutzellen und -stoffen
  • Kontrolle des Blutzuckers

Blutvergiftung: Verlauf & Prognose

Da sich die Blutvergiftung über die Blutbahn ausbreitet, erreicht die Infektion in kurzer Zeit lebenswichtige Organe im Körper. Nach wenigen Stunden sind Organe wie Lunge, Herz und Leber befallen. Mögliche Folgen der Sepsis sind daher:

Die Heilungschancen des Patienten hängen vor allem davon ab, wie viel Zeit bis zum Behandlungsbeginn verstreicht. Wenn es nicht gelingt, die Blutvergiftung rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln, kann sie lebensbedrohlich sein. Bei etwa jedem vierten Patienten endet die Sepsis tödlich.

Rund 40 von 100 Überlebenden tragen bleibende Schäden davon. Möglich sind:

Blutvergiftung: Vorbeugen

Mit einer frühzeitigen Behandlung der Infektion lässt sich häufig verhindern, dass sich die Krankheitserreger im ganzen Körper ausbreiten.

Wer den Verdacht hat, dass er eine Blutvergiftung hat, sollte sofort einen Arzt aufsuchen.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Blutvergiftung (Sepsis)":


Linktipps:

Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 14.6.2017)

Herold, G.: Innere Medizin. Eigenverlag, Köln 2017

Weis, S., et al.: Sepsis 2017: Eine neue Definition führt zu neuen Konzepten. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 114, Heft 29-30 (24.7.2017)

Sepsis-3: Neue Definition stellt Organversagen in den Mittelpunkt. Online-Informationen des Ärzteblatts: www.aerzteblatt.de (Stand: 24.2.2017)

Fleischmann, C., et al.: Fallzahlen und Sterblichkeitsraten von Sepsis-Patienten im Krankenhaus. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 113, Heft 10 (11.3.2016)

Leitlinien der Deutschen Sepsis-Gesellschaft und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin: Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge der Sepsis. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 079/001 (Stand: Februar 2010)

Aktualisiert am: 13. September 2017

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