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Medizin

Wie riskant ist ein zu niedriger Blutdruck?

Von Stella Cornelius-Koch (11. Januar 2013)

Wer sich schlapp und unkonzentriert fühlt, leidet möglicherweise unter Hypotonie. Foto: Getty/Cultura RF

Das Problem niedriger Blutdruck wird oft nicht ernst genommen. Es gilt international als "deutsche Krankheit". Hinter den Beschwerden können aber ernste Erkrankungen stecken.

Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Schwindel und Konzentrationsschwäche: Hinter diesen Beschwerden kann sich ein zu niedriger Blutdruck verbergen. Eine Hypotonie liegt nach allgemeiner ärztlicher Auffassung dann vor, wenn der erste (systolische) Wert bei der Blutdruckmessung weniger als 100 Millimeter-Quecksilbersäule (mmHg) beträgt. Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung haben zwei bis vier Prozent der Bevölkerung eine entsprechende Veranlagung. Betroffen sind vor allem jüngere schlanke Menschen und insbesondere hochgewachsene schlanke Frauen.

Im Gegensatz zu Bluthochdruck (Hypertonie) gilt Hypotonie als harmlos, weil ein geringer Druck in den Gefäßen Herz und Kreislauf schont und dadurch sogar lebensverlängernd wirken kann. "Tatsächlich gibt es viele Menschen, die einen sehr niedrigen Blutdruck haben und damit bestens zurechtkommen. Daher spricht man von einer Hypotonie als Krankheit auch erst dann, wenn damit typische Beschwerden verbunden sind", erklärt Dr. med. Lutz Koch aus dem Seeheilbad  Graal-Müritz. Der Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin hat Jahrzehnte lang Hypotoniker in einer Kurklinik behandelt und erlebt, dass sie sich mit Hilfe natürlicher Behandlungsmaßnahmen, wie z. B. Kneipp-Anwendungen und sportlicher Betätigung, unter günstigen küstenklimatischen Verhältnissen stabilisieren konnten.

Beschwerden von Ärzten oft nicht ernst genommen

Dabei hat er auch die Erfahrung gemacht, dass die angegebenen Beschwerden der Patienten von ihren Hausärzten häufig nicht richtig eingeschätzt werden, obwohl ihr Wohlbefinden und ihre Lebensqualität oft deutlich beeinträchtigt ist. "Viele Ärzte sind der Meinung, der Patient habe eben einen niedrigen Blutdruck und müsse damit irgendwie zurechtkommen. Anstatt seine Beschwerden ernst zu nehmen, wird ihm oftmals nur geraten, mit seinem Leiden zu leben und ein bisschen mehr Sport zu treiben."

Wie wenig Beachtung die Hypotonie in der internationalen ärztlichen Fachwelt findet, zeigt auch die Tatsache, dass sie als Krankheitsbild nur in deutschen Medizinlehrbüchern vorkommt, weshalb sie im angelsächsischen Sprachraum auch als "german disease" ("deutsche Krankheit") bezeichnet wird. Über die Gründe kann der Mediziner nur spekulieren: "Niedriger Blutdruck gilt als nicht gefährlich. Hausärzte möchten gerne ernste Krankheiten behandeln und möglichst auch Medikamente verordnen."

Zwar gebe es durchaus blutdruckerhöhende Mittel, wie z. B. Sympathomimetika, die stimulierend auf das vegetative Nervensystem wirkten. Doch diese eigneten sich eher "bei einem schlechten Tag", etwa bei Kreislaufproblemen infolge eines Wetterwechsels oder einer Überforderung, aber weniger zur Dauermedikation. Da der Erfolg der medikamentösen Behandlung begrenzt ist, hätten viele Patienten das Gefühl, ihr Arzt helfe ihnen nicht ausreichend.

Diagnose nicht allein über den systolischen Blutdruckwert stellen

Prof. Bernhard Schwaab, Chefarzt der Curschmann-Klinik in Timmendorfer Strand, glaubt indes nicht, dass der niedrige Blutdruck allgemein von Ärzten unterschätzt wird: "Ich bin 23 Jahre im Beruf und habe die Hypotonie nur selten als wirklich relevantes Problem erlebt." Der Mediziner, der zugleich Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung ist, empfiehlt jedoch, einen "zu niedrigen Blutdruck" nicht allein über den systolischen Wert zu definieren, zumal die Grenze international unterschiedlich sei. Während deutsche Ärzte als Grenze unter 100 mmHg systolisch ansetzten, beginne eine Hypotonie gemäß den Richtlinien des US-amerikanischen Nationalen Herz-, Lungen- und Blut-Institutes erst bei einem Wert von unter 90 mmHg. "Die Hypotonie sollte daher weniger durch den Wert, sondern eher durch das Wohl- oder Missempfinden der betroffenen Patienten definiert werden."

Infos: Natürliche Hilfen

Salzreich ernähren: Bei Bluthochdruck tabu, bei niedrigem Blutdruck jedoch ausdrücklich erlaubt: der Griff zum Salzstreuer (z. B. auf dem Butterbrot). Tipp für unterwegs: eine Packung Salzstangen  oder -Cräcker mitnehmen und bei Bedarf knabbern.

Ausreichend trinken: Viel trinken (1,5 bis 2 Liter am Tag) wirkt stabilisierend auf den Blutdruck, weil dadurch mehr Flüssigkeit in den Kreislauf gelangt. Das ist besonders bei hohen Temperaturen wichtig sowie bei Personen, die viel schwitzen. Gut geeignet sind natriumreiche Mineralwässer, Saftschorlen, Kräutertees. Auch eine morgendliche Tasse Kaffee oder Schwarztee bringt den Kreislauf in Schwung.

Richtig bewegen: Regelmäßige Bewegung ist wichtig. "Günstiger als Ausdauersportarten sind bei niedrigem Blutdruck jedoch Disziplinen, die die Spontanbelastung des Körpers trainieren", rät Dr. Lutz Koch. Daher anstatt Rad fahren oder spazieren gehen lieber Kraft-Ausdauertraining machen, Badminton oder Tennis spielen. Auch Schwimmen ist wegen des hydrostatischen Drucks günstig.

Kneipp'sche Güsse: Besonders einfach, aber wirkungsvoll sind wechselwarme Duschen am Morgen, da sie den Kreislauf anregen. Dabei zeitlich zwischen warm und kalt im Verhältnis 10 zu 1 wechseln und die Prozedur mehrmals wiederholen. 

Regelmäßige Saunagänge: Sie trainieren ebenfalls die Blutgefäße und wirken so normalisierend auf den Blutdruck. Nicht übertreiben! Das anschließende kurze kalte Abbrausen ist besonders wichtig, da der Wechsel zwischen warm und kalt die Gefäße trainiert. Hypotoniker dürfen im Gegensatz zu Bluthochdruck-Patienten auch kurz ins Tauchbecken.

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