Multiple Sklerose: Vererbbar oder nicht?

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion

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Forschungen zur Vererbung von multipler Sklerose weisen darauf hin, dass an der Entstehung der Krankheit erbliche Faktoren zwar beteiligt sind, darüber hinaus aber auch Umweltfaktoren einen erheblichen Einfluss nehmen. Demnach ist multiple Sklerose keine klassische Erbkrankheit. Die erblichen Grundlagen und das genaue Zusammenspiel verschiedener Einflüsse sind bisher nicht genau aufgeschlüsselt.

Was ist eine Erbkrankheit?

Eine Krankheit gilt dann als Erbkrankheit, wenn sie durch eine Veränderung am Erbgut (genauer: an der DNA) verursacht wurde. Diese sogenannte Mutation kann über eine elterliche Keimzelle, das heißt über die Ei- beziehungsweise die Samenzelle, vererbt werden. Aber auch bei einem familiär nicht vorbelasteten Menschen kann eine Erbkrankheit aufgrund von Neumutationen auftreten. Die meisten Erbkrankheiten beruhen auf dem Defekt an einem oder mehreren Trägern der Erbanlage – den sogenannten Genen.

MS – eine multifaktorielle Erkrankung?

Neben den klassischen Erbkrankheiten, bei denen ein Gendefekt als Auslöser im Vordergrund steht, gibt es noch die sogenannten multifaktoriellen Erkrankungen. Sie entstehen durch ein Zusammenspiel von

  • Veränderungen an verschiedenen Genen, die eine erbliche Veranlagung bedingen, und
  • verschiedenen weiteren Faktoren, wie Umwelteinflüssen oder Lebensführung.

Im Gegensatz zu einer klassischen Erbkrankheit lässt sich die Ursache von multifaktoriellen Erkrankungen nicht ausschließlich auf Veränderungen eines oder mehrerer bestimmter Gene zurückführen.

MS zählt zu den sogenannten multifaktoriellen Erkrankungen. Dabei scheinen neben Umwelteinflüssen sowohl erbliche Faktoren eine Rolle zu spielen, die empfänglicher für MS machen, als auch solche, die vor MS schützen. Wie genau diese vielschichtige Vererbung abläuft, ist noch weitgehend ungeklärt.

Wie hoch ist das Risiko, eine MS zu entwickeln?

Das MS-Risiko ist nicht ausschließlich erblich bedingt. Wie groß der Einfluss erblicher Veranlagung ist, steht noch nicht endgültig fest – sie scheint eine Rolle zu spielen, aber nicht im Vordergrund zu stehen. Viele Betroffene, die trotz MS eine Familie gründen möchten, fragen sich dennoch, ob sie die Krankheit an ihre Kinder weitervererben können.

Allgemein lässt sich sagen: Je entfernter der Verwandtschaftsgrad zu einem Menschen mit MS, desto kleiner ist das Risiko, ebenfalls multiple Sklerose zu entwickeln. Beispiel Zwillinge: Jemand, dessen eineiiger Zwilling bereits an MS erkrankt ist, hat ein mindestens 20-prozentiges Risiko, die Nervenkrankheit ebenfalls zu bekommen. Bei zweieiigen Zwillingen, deren Erbgut nicht identisch ist, beträgt dieses Risiko hingegen nur 5 Prozent.

Neuere Forschungen zeigen, dass Kinder im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein nur fünfmal höheres MS-Risiko haben, wenn auch ein Elternteil von MS betroffen ist. Dies ist ein geringeres Risiko als bisher angenommen. Demnach stehen die Chancen für Kinder von MS-Erkrankten gut, selbst keine MS zu entwickeln. Ein Gespräch mit dem Arzt und die richtige Vorbereitung auf eine Schwangerschaft können vorab viele Unsicherheiten beseitigen.

Erbliche Faktoren und Umweltfaktoren

Welche Umweltfaktoren an der Entstehung von MS beteiligt sein können, ist nicht genau bekannt. Aufgrund der geografischen Häufung in bestimmten Regionen könnten unterschiedliche Ernährungsformen und Vitamin D eine Rolle spielen. Als weiterer Einflussfaktor kommt eine Prägung des Immunsystems durch Virusinfekte in der Jugend infrage.

Auch wenn erbliche Faktoren bei der Entstehung von multipler Sklerose beteiligt sind und Betroffene die erbliche Veranlagung an ihre Kinder weitergeben können – den größeren Einfluss scheinen Umweltfaktoren zu haben. Herauszufinden, welche dies sind und wie man sie beeinflussen kann, wird hoffentlich helfen, neue Therapien zu entwickeln.

Weitere Informationen

Quellen:

Was sind Erbkrankheiten? Online-Publikation des Zentrums für Humangenetik: www.zhma.de (Abrufdatum: 2.1.2018)

Online-Informationen des Statistischen Bundesamts (Destatis): www.gbe-bund.de (Abrufdatum: 2.1.2018)

Fortschritte bei der Behandlung der Multiplen Sklerose. Interview mit Professor Ralf Gold, Direktor der Neurologischen Abteilung des St. Josef-Hospitals, Klinik der Ruhr-Universität Bochum: www.gesundheitsforschung-bmbf.de (Stand: 21.2.2017)

Deutschlandweite MS-Zwillings-Studie-Teilnehmer gesucht. Online-Publikation des Instituts für Klinische Neuroimmunologie der Universität München: www.klinikum.uni-muenchen.de (Stand: 19.11.2016)

Schmidt, R.M., et al.: Multiple Sklerose. Elsevier, München 2015

Multiple Sklerose: Vererbungsrisiko geringer als vermutet. Online-Publikation der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V: www.dmsg.de (Stand: 3.6.2014)

Multiple Sklerose und Kinderwunsch. Online-Publikation der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V: www.dmsg.de (Stand: 26.6.2012)

Der DMSG-Bundesverband fragt nach: Bisher größte genetische Studie in Deutschland entdeckt vier neue Risikogene für Multiple Sklerose. Online-Publikation der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V: www.dmsg.de (Stand: 22.2.2016)

Was ist Multiple Sklerose? Online-Publikation der Aktion Multiple Sklerose Erkrankter,
Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg (AMSEL) e.V.: www.amsel.de (11.6.2013)

Ist Multiple Sklerose vererbbar? Online-Publikation der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V: www.dmsg.de (Stand: 7.2.2007)

Krämer, G., Besser, R.: Multiple Sklerose: Antworten auf die 111 wichtigsten Fragen. Trias Verlag, Stuttgart 2006

Aktualisiert am: 2. Januar 2018



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