MS und Physiotherapie

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion

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Multiple Sklerose (MS) kann Gefühlsstörungen, Sehstörungen, Lähmungen der Muskulatur sowie Beeinträchtigungen der mentalen Leistungsfähigkeit mit sich bringen, sowohl in Schüben als auch – meist nach längerem Krankheitsverlauf – anhaltend.

Bei der Behandlung von multipler Sklerose spielt die Physiotherapie eine tragende Rolle, um die körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern. Das Training kann dazu beitragen, trotz MS ein aktiveres und selbstbestimmteres Leben zu führen.

Warum ist Physiotherapie bei MS sinnvoll?

Zu den typischen Symptomen der multiplen Sklerose gehören unter anderem Empfindungsstörungen wie Taubheit und Kribbeln sowie Muskellähmungen, durch welche die Muskeln schnell ermüden, verkrampfen und kraftlos und steif sind.

Hier setzt die Physiotherapie an: Mithilfe verschiedener Methoden zielt sie darauf ab, die Muskeln zu stärken sowie Koordination und Ausdauer zu verbessern. Menschen mit MS erhalten so ein besseres Körpergefühl und mehr Kontrolle über ihre Gliedmaßen. Schmerzen werden gelindert, Muskelkrämpfe (Spastiken) gelöst.

Im Verlauf der Therapie können einige Körperfunktionen, die durch multiple Sklerose eingeschränkt sind oder verloren gingen, verbessert oder wiederhergestellt werden. So kann regelmäßige Physiotherapie über mehrere Wochen dazu beitragen, dass Menschen mit MS

  • wieder längere Strecken gehen können,
  • sich sicherer bewegen,
  • sicher stehen können
  • und im Alltag seltener unter Fatigue leiden.

Außerdem kann die Physiotherapie Beschwerden, die im Krankheitsverlauf auftreten können, vorbeugen. Ob dies allerdings auch für Menschen mit weiter fortgeschrittenen MS gilt, ist noch nicht abschließend geklärt.

Dabei verfolgt die Physiotherapie bei MS Nah- und Fernziele:

  • kurzfristig gilt es, Schmerzen und Verspannungen zu lindern
  • langfristig soll über Gangschulung, Gleichgewichtsübungen und Krafttraining die Lebensqualität erhalten oder verbessert werden

Welche Ansätze gibt es?

Physiotherapeuten verwenden unterschiedliche Methoden, um Menschen mit MS zu mehr Lebensqualität zu verhelfen. Hierzu zählen schwerpunktmäßig

  • die Bobath-Methode,
  • die Vojta-Therapie,
  • die PNF-Therapie sowie
  • die manuelle Therapie.

Für jede dieser Methoden muss der Physiotherapeut eine spezielle, zertifizierte Zusatzausbildung vorweisen. Welche Methode in der ergänzenden Therapie der multiplen Sklerose eingesetzt oder mit anderen Ansätzen kombiniert wird, ist je nach Beschwerdebild unterschiedlich.

Die Physiotherapie bei MS kann durch Massagen und eine Atemtherapie unterstützt werden. So lassen sich Verspannungen abbauen beziehungsweise im Vorfeld vermeiden.

Bei der Methode nach Bobath handelt es sich um ein neurologisches Training. Es wird vorwiegend eingesetzt, um neue Bewegungsfolgen zu erlernen. Das ist beispielsweise nötig, wenn eine Gliedmaße ganz oder teilweise gelähmt oder beeinträchtig ist.

Bei dieser Methode bewegt der Therapeut den entsprechenden Körperteil und ahmt so die natürliche Bewegung nach. Das Gehirn soll dabei lernen, diesen Körperteil wieder besser wahrzunehmen und den korrekten Bewegungsablauf erneut abzuspeichern.

Auch die Vojta-Therapie zielt darauf ab, korrekte Körperhaltung und Bewegungsabläufe neu zu erlernen. Dafür drückt der Physiotherapeut gezielt auf spezielle Reizpunkte, um angeborene Reflexe auszulösen. Die Therapie nach Vojta ist besonders bei Koordinationsstörungen hilfreich.

Im Rahmen der manuellen Therapie lindert der Therapeut Schmerzen, die mit der MS einhergehen können. Dazu bewegt er sanft die Gelenke oder zieht vorsichtig an Körperteilen wie beispielsweise den Fingern. Dadurch werden die Muskeln entspannt und gedehnt, Verkrampfungen lösen sich.

Die propriorezeptive neuromuskuläre Fazilitation (PNF-Therapie) ist ein Koordinationstraining. Sie dient dazu, gestörte Bewegungsabläufe zu verbessern und die Muskelspannung zu regulieren. Hier wird der Betroffene selber aktiv: Durch gezieltes Fordern stärkerer Muskelgruppen können schwächere Muskeln gestärkt werden. Die nötigen Übungen lassen sich auch selbstständig zu Hause fortführen, um das Ergebnis zu verstärken.

Wie bekomme ich bei MS eine Physiotherapie?

Grundsätzlich ist die Physiotherapie eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen und wird vom Arzt verschrieben. Lange Zeit war multiple Sklerose jedoch nicht in der Liste der sogenannten Langzeitverordnungen enthalten, sodass keine dauerhafte Physiotherapie möglich beziehungsweise aufwendige Anträge bei der Krankenkasse nötig waren.

Zum Jahresbeginn 2017 wurde die Liste der Langzeitverordnungen jedoch erweitert, sodass multiple Sklerose zum sogenannten langfristigen Heilmittelbedarf zählt. Das bedeutet in der Praxis:

  • Aufwendige Anträge und Genehmigungen entfallen.
  • Der Arzt kann auch langfristig ohne Einfluss auf sein Budget Physiotherapie für Menschen mit MS verschreiben.

Wer multiple Sklerose hat, dem steht Physiotherapie zu, unabhängig von der Ausprägung der Erkrankung – und ebenso unabhängig davon, ob schwerwiegende Einschränkungen bestehen oder nicht. Denn die Physiotherapie dient sowohl der Linderung der Beschwerden als auch vorbeugend, um möglichst lange ein aktives, selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Was aber, wenn der Arzt kein Rezept ausstellt?

Mit MS haben Sie ein Anrecht auf Physiotherapie. Dennoch entscheidet letzten Endes Ihr Arzt, ob er Ihnen ein Rezept ausstellt oder nicht. Wenn Sie keine Physiotherapie erhalten, können Sie Folgendes tun:

  • Lassen Sie sich die Entscheidung des Arztes begründen und verweisen Sie wenn nötig auf die Regelungen, die seit 2017 gelten.
  • Wenn das nicht weiterhilft, wenden Sie sich an die Aktion Multiple Sklerose Erkrankter e.V. (AMSEL).
  • Wechseln Sie den Arzt.



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