Onmeda.de Logo

Erste Hilfe bei psychischen Problemen: Was können Laien tun?

Letzte Änderung:
Verfasst von Astrid Clasen • Medizinredakteurin

Ob für den Führerschein oder als betrieblicher Ersthelfer – viele von uns haben schon mal an einem Erste-Hilfe-Kurs teilgenommen, um in körperlichen Notfällen helfen zu können. Aber haben Sie sich jemals damit beschäftigt, wie Sie Erste Hilfe bei psychischen Problemen leisten könnten?

Überblick

Laien darin zu schulen, wie sie psychische Notfallhilfe leisten könnten, ist leider keine Selbstverständlichkeit. Dabei wäre es sinnvoll, wenn möglichst viele Mitglieder einer Gemeinschaft wüssten, was in psychischen Krisen als Erstes zu tun ist.

Viele Betroffene zögern lange, bevor sie sich jemandem anvertrauen – wenn sie es überhaupt aus eigenem Antrieb tun. Diese Erfahrung hat auch unser Foren-Experte, Psychiater Dr. Bernhard Riecke, gemacht. Speziell depressive Männer, bei denen die Erkrankung zum ersten Mal auftritt, hätten in vielen Fällen eine hohe Hemmschwelle, professionelle Hilfe anzunehmen. "Das hat gesellschaftspolitische Gründe, da auch in unserer angeblich so aufgeklärten Zeit psychische Erkrankungen als Schwäche, Versagen und so weiter angesehen werden", so Riecke.

Besonders bei einer beginnenden schizophrenen Psychose, wo jedes Krankheitsgefühl fehle, seien es oft die Angehörigen, die den Betroffenen zu einer Behandlung brächten, erklärt Riecke weiter. Er bringt es auf die Kurzformel: "Ein Schizophrener kommt nicht, er wird gebracht."

Mehr Aufklärung nötig

Darum hält Psychiater Riecke nahestehende Menschen – Angehörige, Freunde, nette Kollegen – oder andere Bezugspersonen besonders in psychischen Krisensituationen für unverzichtbar. Entsprechend wichtig findet er es, die Allgemeinheit über psychische Erkrankungen aufzuklären und besser zu informieren: "Info-Kurse wären schon ein Anfang." Geschulte und zur Empathie fähige Helfer seien beispielsweise in Betrieben wünschenswert: Sie könnten Mitarbeitern mit psychischen Krisen, Suizidgedanken oder Panikattacken sofort Beistand leisten.

Genau dieses Ziel verfolgt das Projekt Mental Health First Aid, das in Australien gestartet und mittlerweile in vielen weiteren Ländern eingeführt wurde. Zu dem Zweck bietet es entsprechende Schulungsprogramme für Jedermann.

Was ist Mental Health First Aid?

Mental Health First Aid ist ein Schulungsprogramm, das der Öffentlichkeit vermitteln möchte, wie man jemandem helfen kann, der ...

  • eine psychische Störung entwickelt,
  • eine Verschlimmerung einer bestehenden psychischen Störung durchmacht oder
  • eine psychische Krise durchlebt.

In den Schulungen lernen Laien, wie sie – ähnlich wie bei der klassischen Ersten Hilfe – Menschen mit psychischen Problemen Unterstützung bieten können, bevor diese professionelle Hilfe erhalten oder bis die psychische Krise überwunden ist. Die Entwickler des Projekts meinen, dass es an jedem Arbeitsplatz mindestens ebenso viele psychische wie klassische Ersthelfer geben sollte.

Inzwischen liegen schon einige Studien vor, die den Nutzen des Projekts belegen: Danach können die Schulungen das Verständnis für psychische Probleme in der Öffentlichkeit erhöhen und so die Unterstützung (und auch das Befinden) der Betroffenen verbessern.

In Deutschland gibt es solche Schulungen leider noch nicht. Wer wissen möchte, was zu tun ist, wenn ein Familienangehöriger oder Freund in eine psychische Krise gerät, dem kann folgende Anleitung zur Ersten Hilfe bei psychischen Problemen helfen.

Anleitung zur Ersten Hilfe

1. Woran kann man erkennen, dass jemand psychische Probleme hat?

2. Wie spricht man die betroffene Person am besten auf das Thema an?

3. Wie sieht eine gute Unterstützung aus?

4. Welche Dinge sollte man unbedingt vermeiden?

5. Wie kann man die betroffene Person dazu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?

6. Was tun, wenn die betroffene Person Hilfe ablehnt?

7. Was tun, wenn die betroffene Person selbstmordgefährdet ist?

Die drei wichtigsten Schritte im Überblick:

  1. Wenn Sie vermuten, dass jemand Selbstmordgedanken hat, sprechen Sie denjenigen direkt darauf an.
  2. Wenn der Betroffene Ihren Verdacht bestätigt, bleiben Sie bei ihr. Lassen Sie ihn auf keinen Fall allein!
  3. Stellen Sie Verbindung zu jemandem her, der professionelle Hilfe leisten kann. Kostenlose und anonyme Soforthilfe bekommen Sie zum Beispiel rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge Deutschland unter der Rufnummer 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Auch die kommunalen Sozialpsychiatrischen Dienste, die Teil des öffentlichen Gesundheitsdienstes sind, bieten kostenlose Hilfe und Beratung.

Selbstmordgedanken? Hilfe in ausweglosen Situationen

Erscheint Ihnen Ihre Situation ausweglos? Wissen Sie nicht mehr weiter und kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Versuchen Sie, mit jemandem darüber zu sprechen. Das kann ein Ihnen nahestehender Mensch sein – oder eine professionelle Anlaufstelle, zum Beispiel:

in Deutschland der Sozialpsychiatrische Dienst in Ihrer Stadt bzw. Region oder
die Telefonseelsorge
Tel.: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Internet: www.telefonseelsorge.de

in Österreich die Telefonseelsorge
Tel.: 142
Internet: www.telefonseelsorge.at

in der Schweiz der Schweizer Verband Dargebotene Hand
Tel.: 143
Internet: www.143.ch

Quellen

How to Help a Friend, Family Member or Co-worker with a Mental Illness or Crisis. Online-Informationen der Mental Health First Aid Australia: mhfa.com.au (Abrufdatum: 17.9.2018)

Morrissey, H., et al.: Do Mental Health First Aid™ courses enhance knowledge? The Journal of Mental Health Training, Education and Practice, Vol. 12, Iss. 2, pp.69-76 (2017)

Mental Health First Aid is an effective public health intervention for improving knowledge, attitudes, and behaviour: a meta-analysis. International Review of Psychiatry, Vol. 26, Iss. 4, pp. 467-75 (Online-Publikation: 19.8.2014)

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Linktipps:

  • www.telefonseelsorge.de Die Telefonseelsorge Deutschland bietet neben der klassischen Telefonberatung auch Mail-, Chat- und Face-to-Face-Beratung an. Telefonisch sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter folgenden kostenfreien Rufnummern rund um die Uhr erreichbar:
    0800 - 1 11 01 11
    0800 - 1 11 02 22
  • www.suizidprophylaxe.de Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) bietet auf ihrer Website unter anderem eine Liste von Anlaufstellen.