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Stockholm-Syndrom

Letzte Änderung:
Verfasst von Wiebke Posmyk • Medizinredakteurin

Wenn eine Geisel ihrem Peiniger Sympathie entgegenbringt, sprechen Psychologen vom Stockholm-Syndrom. Menschen mit Stockholm-Syndrom verteidigen beispielsweise ihren eigenen Geiselnehmer vor der Polizei – und manche gehen sogar eine Liebesbeziehung mit ihm ein. Durch die Sympathie zum Täter versucht ein Mensch unbewusst, ein von Terror geprägtes traumatisches Ereignis zu bewältigen.

Sympathie für den Täter

Stockholm, August 1973: Der schwer bewaffnete Jan-Erik Olsson überfällt eine Bank. Er nimmt vier Bankangestellte als Geiseln, einen Mann und drei Frauen. Olsson zwingt die Polizei, einen Gefängnisinsassen zu ihm zu bringen, den er besonders bewundert und der ihm im weiteren Verlauf bei der Tat hilft. Nach 131 Stunden gelingt es der Polizei, die Geiselnahme zu beenden. Auf Außenstehende wirken die Reaktionen der Opfer paradox: Alle vier verteidigten Olsson und seinen Komplizen – und hegen sogar positive Gefühle für sie.

Dass Opfer mit Tätern sympathisieren, beobachten Wissenschaftler immer wieder. Sie gaben diesem Phänomen in Anlehnung an die Ereignisse in Stockholm den Namen Stockholm-Syndrom.

© Jupiterimages/iStockphoto
Das Stockholm-Syndrom kann nach einer schweren traumatischen Erfahrung entstehen, etwa nach einer Geiselnahme.

Schutzreaktion als Überlebensstrategie

Menschen mit Stockholm-Syndrom sind Opfer einer traumatischen, ausweglos erscheinenden Situation geworden – wie etwa einer Geiselnahme oder Kidnapping. Die Betroffenen haben die Hoffnung auf Rettung nahezu aufgegeben und glauben, nicht mehr entkommen zu können. Sie sind überzeugt davon, dass der Täter letzten Endes die Oberhand gewinnen wird. Wissenschaftler vermuten, dass die Sympathie mit dem Täter durch eine psychische Schutzreaktion entsteht, die dem Opfer hilft, seinen Zustand zu ertragen.

Beim Stockholm-Syndrom entwickeln Betroffene positive Gefühle für ihre Peiniger – und negative Gefühle für die Polizei und alle Helfer. Die Opfer übernehmen Schritt für Schritt auch die Denkweisen und Ziele der Täter. Zudem legen sie deren Verhaltensweisen positiv aus und interpretieren sie als Freundlichkeit. Während der Geiselnahme in Stockholm deuteten die Opfer etwa die Erlaubnis, auf Toilette gehen zu dürfen, als Beweis für die Liebenswürdigkeit der Täter.

Aus Sicht des Opfers erscheint der andere nahezu allmächtig und in der Lage, über Leben und Tod zu bestimmen – sodass der Gepeinigte schließlich sogar dankbar ist, wenn er am Leben gelassen wurde. So auch nach der Tat in Stockholm: Die vier Geiseln zeigten auch Wochen später noch Dankbarkeit gegenüber ihren Geiselnehmern dafür, dass sie sie nicht umgebracht hatten. Damit nicht genug – sie besuchten die Geiselnehmer im Gefängnis, und ein weibliches Opfer ging sogar eine Liebesbeziehung mit dem Haupttäter ein, was besonderes Aufsehen erregte. Typisch ist beim Stockholm-Syndrom auch, dass die Geschädigten aus Sympathie die Tat herunterspielen, verharmlosen oder gar bei der Polizei eine Falschaussage machen.

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Das Stockholm-Syndrom hilft dem Opfer, seine Situation zu ertragen.

In den meisten Fällen von Verbrechen wie Geiselnahme oder Kidnapping entwickelt sich kein Stockholm-Syndrom. Vielmehr kommt es nach solchen Delikten nur selten vor, dass das Opfer die Person, die ihn schlecht behandelt hat, im positiven Licht darstellt.

Das Stockholm-Syndrom zeichnet sich dadurch aus, dass das Opfer

  • um sein Leben fürchtet
  • davon überzeugt ist, aus der Situation nicht entfliehen zu können
  • keine Informationen über die Situation hat
  • ausschließlich durch den / die Täter Aufmerksamkeit bekommt

Welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit ein Stockholm-Syndrom entsteht, darüber sind sich Wissenschaftler noch uneins. Forschungen haben ergeben, dass es nicht nur die Länge, sondern auch die Intensität des traumatischen Ereignisses ist, die das Stockholm-Syndrom begünstigt. Hinzu kommt, dass der Täter dem Opfer in der Regel keine körperliche Gewalt zufügt.

Stockholm-Syndrom in den eigenen vier Wänden

Auch Personen, die über lange Zeit familiärer Gewalt ausgesetzt waren, können Symptome zeigen, die dem Stockholm-Syndrom nach einer Geiselnahme ähneln. Manche Frauen nehmen etwa ihren Partner in Schutz, obwohl sie von ihm geschlagen werden, und lehnen jegliche Hilfe ab. Auch kommt es vor, dass das Opfer abstreitet, dass es tatsächlich zu Gewalt gekommen ist. Die Koalition mit dem Täter dient als unbewusste Strategie, um die Qualen ertragen zu können.

Weitere Informationen

Quellen:

Online-Informationen des Weissen Rings Schweiz: www.weisser-ring.ch (Abrufdatum: 28. April 2014)

Beckrath-Wilking, U. et al.: Traumafachberatung, Traumatherapie & Traumapädagogik. Junfermann, Paderborn 2013

Fröhlich, W.: Wörterbuch Psychologie. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010

Hausmann, C.: Notfallpsychologie und Traumabewältigung: ein Handbuch. Facultas Verlags- und Buchhandels AG, Wien 2010

De Frabrique, N. et al.: Understanding Stockholm Syndrom. The FBI Law Enforcement Bulletin, Vol. 76, No. 7 (Juli 2007)

Stein, F.: Grundlagen der Polizeipsychologie. Hogrefe, Göttingen 2003

Letzte inhaltliche Prüfung: 14.05.2014
Letzte Änderung: 24.08.2020