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Kleptomanie: Pathologisches Stehlen

Letzte Änderung:
Verfasst von Wiebke Posmyk • Medizinredakteurin

Kleptomanie – hinter diesem Begriff verbirgt sich der krankhafte Drang, stehlen zu müssen. Was für Außenstehende oft schwer nachvollziehbar ist, erweist sich für Betroffene als großes Problem: Kleptomanie weckt in ihnen nicht nur Schuldgefühle, sondern kann zudem unangenehme Folgen nach sich ziehen – etwa eine Verhaftung.

Allgemeines

Der Drang, etwas zu stehlen, wird immer größer. Um welchen Gegenstand es sich handelt, ist dabei egal. Schließlich können sie nicht mehr widerstehen: Sie gehen in den Supermarkt oder in einen anderen Laden und werden zum Dieb. Menschen mit Kleptomanie entwenden wieder und wieder Dinge – obwohl sie es eigentlich nicht wollen.

Was die meisten Menschen Kleptomanie nennen, bezeichnen Wissenschaftler auch als pathologisches (= krankhaftes) Stehlen. Ein Kleptomane verspürt den Drang, (irgend-)etwas zu stehlen und kann diesem Impuls nicht standhalten. Der Betroffene ist nicht in der Lage, seine Handlungen bewusst zu steuern. Daher zählt man Kleptomanie zu den Störungen der Impulskontrolle. Sie kann chronisch ohne große Unterbrechungen verlaufen oder phasenweise auftreten. Zwischen den einzelnen Phasen liegen dann Zeiträume, in denen die Person nicht stiehlt.

Wie oft eine echte Kleptomanie vorkommt, kann man nur schätzen. Forscher vermuten, dass unter 100 festgenommen Ladendieben höchstens 5 an Kleptomanie leiden. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Meist beginnt das krankhafte Stehlen vor dem 20. Lebensjahr.

Andere Bezeichnungen für Kleptomanie

Der Begriff "Kleptomanie" kommt ursprünglich aus dem Griechischen (von griech. kléptein = stehlen und manía = Raserei, Wahnsinn).

Kleptomanie ist unter anderem unter folgenden Bezeichnungen bekannt:

  • pathologisches Stehlen
  • Stehllust
  • triebhaftes Stehlen
  • Stehlsucht

Der Begriff Stehlsucht ist allerdings irreführend, denn es handelt sich bei Kleptomanie medizinisch gesehen nicht um eine Sucht – sondern um eine Störung der Impulskontrolle, bei welcher der Patient dem Impuls zum Stehlen nicht widerstehen kann. Im Gegensatz zu den meisten Suchterkrankungen besteht keine körperliche Abhängigkeit.

Übrigens: Mit einer echten "Manie" – einer Störung, die mit großer Euphorie und Selbstüberschätzung einhergeht – hat die Kleptomanie nichts zu tun.

Sind Menschen mit Kleptomanie überhaupt schuldfähig? In der Praxis geht man bei Gericht nur in Einzelfällen von einer verminderten Schuldfähigkeit durch Kleptomanie aus (nach § 21 des Strafgesetzbuches). Daher sind mehrfache Verurteilungen keine Seltenheit – da es sich um Wiederholungstäter handelt, steigt das Strafmaß entsprechend im Laufe der Zeit.

Es gibt je nach psychotherapeutischer Grundrichtung verschiedene Theorien über mögliche Ursachen der Kleptomanie – die genaue Entstehung ist jedoch unklar. Manche Wissenschaftler glauben zum Beispiel, dass Betroffene einen Lustgewinn daran haben, etwas Verbotenes zu tun, andere gehen von versteckten Aggressionen aus.

Typische Anzeichen von Kleptomanie

Was unterscheidet einen Menschen mit Kleptomanie von einer Person, die einen "normalen" Diebstahl verübt? Charakteristisch für Kleptomanie ist der immer stärker werdende Drang, etwas zu stehlen. Irgendwann ist die Anspannung so groß, dass die Betroffenen diesem Impuls nicht mehr widerstehen können – und zugreifen. Zu typischen Tatorten zählen Supermärkte oder Selbstbedienungsläden. Während und nach der Tat fühlt sich ein Kleptomane für eine gewisse Zeit erleichtert, bis der Drang zum Stehlen erneut wächst.

In der Regel kann der Betroffene die gestohlenen Dinge nicht brauchen beziehungsweise haben diese keinen großen materiellen Wert. Die Auswahl erscheint vielmehr wahllos – was man auch daran erkennt, dass ein Kleptomane das Diebesgut häufig wieder entsorgt oder verschenkt. Andere horten die gestohlene Ware – oft noch in der Originalverpackung.

© Jupiterimages/Hemera
Der Drang, etwas zu stehlen, ist bei Menschen mit Kleptomanie übermächtig.

Obwohl sie immer wieder starke Schuld- und Schamgefühle verspüren, schaffen es Menschen mit Kleptomanie nicht, das Stehlen zu unterlassen. Sie versuchen, ihre Taten zu verheimlichen. Viele Betroffene fühlen sich zunehmend depressiv, weil sie nicht wissen, wie sie ihr Problem in den Griff bekommen sollen.

Auf einen Blick: Anzeichen von Kleptomanie

Menschen mit Kleptomanie:

  • haben immer wieder den unwiderstehlichen Drang, Dinge zu stehlen.
  • stehlen Dinge, die keine besondere Bedeutung haben; anschließend werden die Gegenstände weggeworfen, verschenkt oder gehortet.
  • spüren direkt vor dem Diebstahl eine steigende innere Spannung.
  • fühlen sich während bzw. nach der Tat kurzfristig innerlich befriedigt.
  • haben immer wieder Schamgefühle.
  • stehlen meist allein und versuchen, die Taten zu verheimlichen.

Ob tatsächlich eine Kleptomanie vorliegt, kann ein Experte herausfinden – etwa ein Psychologe oder Psychiater. Nach einem ausführlichen Gespräch mit dem Betroffenen und eventuell einem Angehörigen können verschiedene psychologische Tests Hinweise auf eine mögliche Kleptomanie geben.

Um andere Erkrankungen auszuschließen, ist eine körperliche Untersuchung wichtig – so könnte wiederholter Diebstahl beispielsweise im Rahmen einer Demenz auftreten, wenn der Betroffene schlichtweg vergisst, die Ware zu bezahlen.

Auch bei einer Depression kann häufiges Stehlen ein mögliches Symptom sein, wenn der Betroffene unter sogenanntem Verarmungswahn leidet. Der Patient ist dann davon überzeugt, bald kein Geld mehr zu haben. Erkrankungen wie Schizophrenie, Sucht oder Manie können ebenfalls mit Diebstählen verbunden sein. Darüber hinaus kann eine Lebenskrise dazu führen, dass ein Mensch vorübergehend zum Dieb wird.

Wie wird Kleptomanie behandelt?

Die Scham ist bei Menschen mit Kleptomanie in der Regel groß. Sie scheuen sich, einen Therapeuten aufzusuchen – die Erkrankung bleibt oft jahrelang unbemerkt. Häufig kommen die Betroffenen erst dann in Behandlung, wenn sie eines Diebstahls überführt worden sind – und entsprechende Auflagen bekommen haben.

Über die therapeutischen Erfolge bei Kleptomanie liegen bislang kaum gesicherte Daten vor. Meist kommt eine Verhaltenstherapie zum Einsatz: In der Therapie geht es darum, das schädliche Verhalten gezielt "umzulernen". Der Patient soll unter anderem lernen, sich selbst besser zu kontrollieren. So ist es empfehlenswert, wenn die Person künftig nur noch in Begleitung einkauft, etwa mit einem Angehörigen. Unterstützend können Medikamente zum Einsatz kommen, die auch bei Depressionen eingesetzt werden, etwa selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer wie Paroxetin.

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In vielen Fällen wird die Kleptomanie erst behandelt, wenn der Betroffene beim Stehlen erwischt wird.

Zu weiteren möglichen Therapien zählen zum Beispiel psychoanalytische Ansätze, die Gestalttherapie oder auch eine Familientherapie.

In vielen Fällen leiden Menschen mit Kleptomanie zugleich an einer anderen psychischen Erkrankung, zum Beispiel an einer Depression, einer Essstörung oder einer Angsterkrankung. Daher ist es wichtig, in einer Therapie diese Krankheiten ebenfalls zu behandeln.

Wenn Sie den Verdacht haben, unter Kleptomanie zu leiden: Überwinden Sie Ihre Scham und sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder einem Psychologen, um gemeinsam eine Lösung zu finden!

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Kleptomanie: Pathologisches Stehlen":


Onmeda-Lesetipps:

Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2014)

Payk, K., Brüne,M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

Möller, H., Laux, G., Deister, A.: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

Schneider, F.: Facharztwissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Berlin 2012

Leucht, S., Förstl, H.: Kurzlehrbuch Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2012

Möller, H., Laux, G.: MEMORIX Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2011

Möller, H.: Therapie psychischer Erkrankungen. Thieme, Stuttgart 2006

Letzte inhaltliche Prüfung: 25.02.2014
Letzte Änderung: 21.09.2020