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Depression: Die Ursachen

Veröffentlicht von Onmeda-Redaktion

Es gibt zwei verschiedene Erklärungsebenen für die Entstehung einer Depression. Zum einen die psychologische Sichtweise, indem wir das Verhalten des Betroffenen, seinen Umgang mit seinen Mitmenschen und seine gesamte Lebenssituation betrachten. Oft stoßen wir hier auf Faktoren wie Verlusterlebnisse oder eine chronische Überlastungssituation, die als Auslöser der Erkrankung eine Rolle spielen können. Durch eine Psychotherapie kann auf dieser Ebene helfend eingegriffen werden.

Allgemeines

Die andere Ebene ist die physiologische. Damit sind neurobiologische Veränderungen (Abläufe in den Nervenzellen und im Gehirn) gemeint, die dem Auftreten einer Depression vorausgehen oder diese begleiten. Ungleichgewichte der Botenstoffe im Gehirn können hier eine Rolle spielen. Durch Medikamente kann man direkt in diese neurobiologischen Zusammenhänge eingreifen.

Diese beiden Erklärungsebenen – die psychologischen und die physiologischen Erklärungsansätze – konkurrieren nicht miteinander, sondern ergänzen sich vielmehr. Das heißt, eine Depression ist nicht entweder psychologisch oder neurobiologisch bedingt, sondern es handelt sich hier um komplementäre Sichtweisen – ähnlich wie die zwei Seiten einer Medaille.

Was passiert im Gehirn?

Ob Gehen, Laufen oder Sprechen – jedes Verhalten wird durch die Aktivität über die Nervenfasern unseres Gehirns gesteuert. Auch Wahrnehmung, Gefühle und Denken hängen von der Funktion unserer Nervenzellen im Gehirn ab. Sobald wir die Aktivität dieser Nervenzellen direkt beeinflussen, zum Beispiel durch den Genuss von Alkohol, verändert sich auch unser Verhalten und Erleben. Durch winzige Mengen von Drogen kann kurzfristig ein intensives Glücksgefühl ausgelöst werden. Auch durch das Hören einer anregenden Melodie, beim Betrachten bestimmter Farben oder einer schönen Landschaft ändern sich unsere Hirnfunktion und unsere Stimmung.

Die rund 100 Milliarden Nervenzellen des Gehirns leiten ihre Aktivität bis in alle Verzweigungen ihrer Nervenenden durch elektrische Impulse fort wie elektrische Kabel. Zwischen den Nervenzellen besteht jedoch keine direkte Verbindung. Um die Impulse zur nächsten Nervenzelle weiterleiten zu können, müssen die Nervenzellen deshalb sogenannte Botenstoffe herstellen. Diese Botenstoffe werden an knopfartigen Ausstülpungen der Nervenfasern, den sogenannten Synapsen, in den Zwischenraum zwischen den Nervenzellen – den synaptischen Spalt – ausgeschüttet. Die freigesetzten Botenstoffe gelangen zur angrenzenden Nervenzelle, wo sie sich an bestimmten Kontaktstellen (Rezeptoren) anlagern und über unterschiedlichste Wege ihre Wirkung, beispielsweise eine Aktivierung der nachfolgenden Nervenzelle, entfalten.

Erreicht ein elektrischer Impuls über die Nervenfasern die Synapsen, so werden nach und nach derartige chemische Botenstoffe (Neurotransmitter) in den synaptischen Spalt abgegeben.

Für die Entstehung und Aufrechterhaltung einer Depression sind zwei Botenstoffe besonders wichtig: das Serotonin und das Noradrenalin. Die Nervenzellen, die diese speziellen Botenstoffe herstellen, liegen als Zellhaufen im Hirnstamm. Insgesamt sind es nur wenige Hunderttausend Nervenzellen; eine im Vergleich zu den 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn recht kleine Anzahl. Sie besitzen aber extrem lange Ausläufer, sogenannte Axone, die durch das gesamte Gehirn ziehen, sich tausendfach verzweigen und über Synapsen mit zigtausend anderen Nervenzellen Kontakt aufnehmen. Auf diese Weise entfalten diese den Botenstoff Serotonin produzierenden und freisetzenden Neurone eine große, eher global-modulierende Wirkung auf die Hirnfunktion, sind jedoch für eine exakte und rasche Signalübermittlung weniger gut geeignet. Dies gilt auch für die Neurone, die den Botenstoff Noradrenalin produzieren und freisetzen.

Serotonin und Noradrenalin sind deswegen von besonderem Interesse, weil so gut wie alle antidepressiv wirkenden Medikamente auf diese beiden Botenstoffe Einfluss nehmen. Dies legt den Gedanken nahe, dass bei einer Depression die Funktionsfähigkeit der Nervenzellen, die Serotonin und Noradrenalin produzieren, beeinträchtigt ist. Eindeutig zu belegen ist dies nicht, da die Konzentration des Serotonins oder Noradrenalins im Gehirn des Menschen nicht direkt gemessen werden kann. Unser Gehirn ist ein ebenso faszinierendes wie äußerst komplexes Organ, demgegenüber die oben dargestellten Erklärungsansätze eine klägliche Vereinfachung darstellen.

Können Depressionen vererbt werden?

Gut belegt ist, dass bei der Entstehung einer Depression eine entsprechende genetische Veranlagung eine Rolle spielen kann. Das heißt, Menschen, bei denen beispielsweise die Mutter oder der Vater erkrankt ist, haben ein höheres Risiko, selbst depressiv zu werden. Was bedeutet diese genetische Veranlagung nun genau?

Unsere genetische Ausstattung beeinflusst unsere Körpergröße, Augenfarbe, Persönlichkeit, die Lebenserwartung und auch, ob wir leicht Grippe oder Gefäßkrankheiten bekommen. Daher ist es naheliegend, dass auch bei Depressionen genetische Faktoren eine Rolle spielen. Sie beeinflussen unter anderem die Empfindlichkeit, unter bestimmten Bedingungen an einer Depression zu erkranken.

In Familienuntersuchungen konnte gezeigt werden, dass die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an einer Depression zu erkranken, für eine Person um das Dreifache erhöht ist, wenn die Eltern oder Geschwister an einer Depression erkrankt sind.

Zwillingsstudien

Es wäre jedoch denkbar, dass dieser Effekt nicht durch die Gene, sondern durch Umweltfaktoren wie zum Beispiel die Familienatmosphäre bedingt ist. Zwillingsuntersuchungen ergaben jedoch, dass bei Erkrankung des einen Zwillings der andere deutlich häufiger ebenfalls erkrankt ist, wenn es sich um eineiige und nicht um zweieiige Zwillinge handelt. Hat einer der Zwillinge eine unipolare Depression, so ist bei zweieiigen Zwillingen in 18 bis 20 Prozent der Fälle, bei eineiigen Zwillingen dagegen in 35 bis 42 Prozent der Fälle der andere ebenfalls betroffen.

Noch deutlicher ist der Unterschied zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen bei der bipolaren affektiven Erkrankung. Hier sind bei zweieiigen Zwillingen in 5 bis 8 Prozent der Fälle beide erkrankt, bei eineiigen Zwillingen dagegen in 50 bis 61 Prozent. Eineiige Zwillinge besitzen die gleichen Gene, während bei zweieiigen Zwillingen die genetische Ähnlichkeit wie bei normalen Geschwistern ist. Sowohl bei den ein- als auch zweieiigen Zwillingen kann man davon ausgehen, dass die Umweltfaktoren (z. B. häusliche Umgebung, Familienatmosphäre) ziemlich ähnlich sind, sodass das höhere Erkrankungsrisiko der eineiigen Zwillinge mit einiger Wahrscheinlichkeit auf genetische Faktoren zurückzuführen ist.

Im Rahmen sogenannter Adoptionsstudien untersuchen Wissenschaftler, ob Kinder depressiv erkrankter Eltern auch dann ein erhöhtes Erkrankungsrisiko tragen, wenn sie bereits sehr früh durch Adoption in eine andere Familie kommen. Außerdem wird das Depressionsrisiko für die Kinder ermittelt, wenn die Adoptiveltern an einer Depression erkrankt sind. Es liegen hier nur wenige Studien vor. Diese sprechen jedoch eher dafür, dass das Erkrankungsrisiko adoptierter Kinder in erster Linie von der Depressionsbelastung der biologischen und eben nicht der Adoptiveltern abhängt.

Insgesamt besteht kaum Zweifel daran, dass die Depression auch von genetischen Faktoren abhängt. Gleichzeitig zeigt die Tatsache, dass bei eineiigen Zwillingen trotz identischer genetischer Ausstattung in 58 bis 65 Prozent der Fälle nur einer der beiden an einer unipolaren Depression erkrankt, dass die Genetik natürlich nicht der einzig entscheidende Faktor ist.

Es gibt kein einzelnes "Depressionsgen"

Einige Erkrankungen sind durch die Veränderung eines einzelnen Gens bedingt. Das "Depressionsgen" gibt es jedoch nicht. Es ist davon auszugehen, dass die große Mehrheit der depressiven Patienten über mehrere, möglicherweise untereinander und mit Umweltfaktoren interagierende Gene verfügen, die für die erhöhte Anfälligkeit (Vulnerabilität) hinsichtlich depressiver Störungen verantwortlich sind. Hier können sich zahlreiche Wechselwirkungen zwischen Genen und Umwelt ergeben. Zum Beispiel lösen bestimmte psychische Belastungen nur dann eine depressive Episode aus, wenn eine bestimmte genetisch bedingte Empfindlichkeit vorliegt.

Macht Stress depressiv?

Stress im Sinne von Belastungen, zum Beispiel in der Partnerschaft oder am Arbeitsplatz, geht depressiven Episoden oft als Auslöser voraus. Auch die Depression selber ist ohne Zweifel ein äußerst stressiger Zustand. Daher ist es naheliegend zu untersuchen, was im Körper bei Stress passiert und ob diese Veränderungen für die Entstehung oder Behandlung von Depressionen bedeutsam sind.

Stress entsteht, wenn Sie sich von einer bestimmten Situation überfordert fühlen und nicht wissen, wie sich diese bewältigen lässt. Derartige stressige Situationen können von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich sein, da die gleichen Lebensereignisse ganz verschieden wahrgenommen werden: Während der eine den Umzug in eine fremde Stadt als eine angenehme Abwechslung betrachtet, fühlt sich ein anderer durch diesen Schritt hochgradig unter Stress gesetzt. Einige Menschen fühlen sich oft und schnell gestresst, andere dagegen nur selten.

Aber auch Ereignisse, die Menschen übereinstimmend als belastend erleben, wie etwa der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine nicht bestandene Prüfung, lösen ein unterschiedliches Stressempfinden aus. Entscheidend ist hier, wie eine Person die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten einschätzt und einsetzt. Und zwar sowohl zur Lösung des konkreten Problems als auch zur Bewältigung der mit der Situation einhergehenden negativen Gefühle wie Hilflosigkeit, Trauer oder Verzweiflung.

Was bewirkt Stress in unserem Körper?

In Stresssituationen entsteht eine ganze Reaktionskaskade in unserem Körper: An einer bestimmten Stelle unseres Gehirns – in einem Teil des Zwischenhirns (Hypothalamus) – wird das Kortikotropin-Releasing-Hormon (CRH) freigesetzt. Dieses wandert zur Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) und stimuliert dort die Freisetzung eines weiteren Hormons, des Adrenokortikotropins (ACT H). ACTH bewirkt nun die Ausschüttung des Stresshormons Kortisol aus der Rinde der Nebenniere. Diese Reaktionskaskade wird auch als Stresshormonachse bezeichnet.

Mit dem Kortisolanstieg im Blut sind eine Reihe körperlicher Reaktionen, wie erhöhter Herzschlag und Muskelanspannung verbunden, die bei der Bewältigung der bedrohlichen Situation helfen sollen. Sobald genügend Kortisol zur Verfügung steht, stellt der Körper die CRH-Produktion normalerweise wieder ein. Nur in bestimmten Ausnahmesituationen – wie einer Infektionserkrankung oder eben bei chronischem Stress – bleibt die Kortisolproduktion dauerhaft erhöht.

Erhöhter Kortisolspiegel bei Depressiven

Überaktivität und veränderte Reaktionsbereitschaft dieser skizzierten Stresshormonachse sind bei Patienten mit depressiven Störungen vielfach beschrieben worden. Bei der Mehrzahl depressiver Patienten finden sich erhöhte Kortisolspiegel im Blut und im Nervenwasser (Flüssigkeit, die die Hohlräume im Gehirn und Rückenmark ausfüllt) sowie andere Zeichen einer Überaktivität der Stresshormonachse. Diese Veränderungen verschwinden jedoch nach dem Abklingen der depressiven Symptomatik wieder. Auch findet sich bei rund der Hälfte der depressiven Patienten während der depressiven Episode eine gegenüber Gesunden veränderte Reaktionsbereitschaft der Stresshormonachse. Woran das liegt, konnten Forscher nur zum Teil klären. Diskutiert wird zum Beispiel, ob die Mechanismen, die eine Überaktivität verhindern, nicht richtig funktionieren.

Depressionen gehen häufig mit einer Überaktivität der Stresshormonachse einher.

Die besondere Rolle des CRH.

Eine besondere krankheitsverursachende Bedeutung könnte auch dem CRH zukommen. Es entfaltet seine Wirkungen nicht nur innerhalb der Stresshormonachse, sondern beeinflusst über CRH-Rezeptoren auch andere Hirnstrukturen, die für Gefühle bedeutsam sind. Bei Tieren kann CRH depressionsähnliches Verhalten mit Abnahme des Appetits und des Sexualverhaltens, Rückzugstendenzen und ängstliches Verhalten auslösen. Erhöhte CRH-Spiegel, wie sie im Nervenwasser depressiver Patienten gefunden wurden, könnten deshalb möglicherweise das Auftreten depressiver Symptome erklären. Wäre eine CRH-Überaktivität die Ursache der Depression, dann müssten Medikamente, die CRHRezeptoren blockieren, gute Antidepressiva sein. Derartige Substanzen sind entwickelt worden. Die Hoffnung, hier einen entscheidenden Durchbruch bei der Depressionsbehandlung zu erzielen, hat sich bisher jedoch nicht erfüllt.

Kritische Lebensereignisse können Depressionen auslösen

Wie sieht nun die psychologische Sichtweise der Depressionsentstehung aus? Vertraute Situationen und Anforderungen, wie zum Beispiel einen festgelegten Tagesablauf meistern wir quasi automatisch. Ändern sich unsere gewohnten und lieb gewonnenen Abläufe plötzlich (z. B. durch den Verlust des Arbeitsplatzes oder auch durch die Versetzung in eine andere Abteilung), so reagieren wir je nach Situation neugierig, verunsichert, misstrauisch oder ängstlich.

Psychologen nennen solche einschneidenden Erlebnisse "kritische Lebensereignisse". Ein charakteristisches Merkmal kritischer Lebensereignisse besteht darin, dass bislang erfolgreich eingesetzte Bewältigungsmechanismen plötzlich nicht mehr funktionieren. Es müssen neue erarbeitet werden. Gelingt das, so kann sich die betroffene Person dadurch weiterentwickeln. Gelingt es nicht, droht eine Art Dauerkrise.

Oft fungieren kritische Lebensereignisse als Auslöser einer Depression. Sie können für sich genommen die Erkrankung jedoch nicht erklären, da die meisten kritischen Lebensereignisse ohne Depressionen bewältigt werden. Zudem treten Depressionen häufig auch ohne vorausgehende kritische Lebensereignisse auf.

Bestimmte kritische Lebensereignisse gehören zum Lebensweg dazu. Sie treffen so gut wie jeden und lassen sich nicht vermeiden. Es gibt also nur die Möglichkeit, sich den Veränderungen zu stellen und zu versuchen, sie so gut wie möglich zu bewältigen.

Beispiele für solche Ereignisse sind:

  • Schulwechsel,
  • Einstieg ins Berufsleben,
  • Auszug aus dem Elternhaus,
  • Pensionierung.

Andere kritische Lebensereignisse sind dagegen statistisch gesehen zwar mehr oder weniger wahrscheinlich, aber nicht an eine bestimmte Lebensphase gekoppelt. Zum Beispiel:

  • Verlust- und Trennungserlebnisse (z. B. durch Tod oder Scheidung),
  • Arbeitslosigkeit,
  • schwere und/oder chronische Erkrankungen,
  • traumatische Erlebnisse (z. B. Unfälle).

Weitere Informationen

Buchtipps:

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Quellen:

Entnommen aus: Hegerl, U., Niescken, S.: Depressionen bewältigen – die Lebensfreude wiederfinden. TRIAS, Stuttgart 2008

Stand: 2008