Eine Therapeutin im Gespräch mit einer Patientin.
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Verhaltenstherapie

Ob zur Behandlung von Depressionen, Zwangserkrankungen oder Phobien: Die (kognitive) Verhaltenstherapie ist ein allgemein anerkanntes Therapieverfahren. Anhänger der Verhaltenstherapie gehen davon aus, dass Verhaltensweisen erlernt werden – aber auch gezielt wieder "verlernt" werden können.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Verhaltenstherapie: Für wen ist sie geeignet?

Endlich die Angst vor Spinnen loswerden – dieses Ziel scheint für Menschen mit einer Spinnenphobie unerreichbar. Nicht nur bei Phobien dieser Art hat sich die Verhaltenstherapie bewährt, sondern auch bei vielen anderen psychischen Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen oder Zwangsstörungen.

Was ist Verhaltenstherapie?

Verhaltenstherapie umfasst ein breites Spektrum unterschiedlicher Behandlungsmethoden. Allen gemeinsam ist ein lerntheoretischer Ansatz: Verhaltenstherapeuten nehmen an, dass soziales Verhalten im Laufe des Lebens durch Erfahrungen gelernt wird. Demnach ist es möglich, negative Verhaltensmuster "loszuwerden", indem man sie durch neue Muster ersetzt – also ein neues, positives Verhalten erlernt.

Verhaltenstherapie verfolgt einen problemorientierten Ansatz: Der Betroffene soll gemeinsam mit dem Therapeuten konkrete Probleme oder Beschwerden als solche erkennen und Lösungen dafür finden. Anders als beispielsweise bei der Psychoanalyse spielt die Vergangenheit der Person oft nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es darum, die aktuelle Situation zu verändern. Jedoch gibt es auch verhaltenstherapeutische Ansätze, die etwa biographische Faktoren berücksichtigen.

Kognitive Verhaltenstherapie

Heutzutage stehen meist nicht nur reine Verhaltensweisen, sondern auch Denkmuster und Bewertungen im Fokus der Verhaltenstherapie; denn wie eine Person eine Situation bewertet, bestimmt maßgeblich, wie sich die Person verhält. Daher spricht man auch oft von kognitiver Verhaltenstherapie beziehungsweise setzt die Begriffe Verhaltenstherapie und kognitive Verhaltenstherapie gleich.

Die kognitive Verhaltenstherapie geht davon aus, dass sich Verhaltensweisen, Gedanken und das eigene Wohlbefinden gegenseitig beeinflussen.

Zwei Beispiele:

  • Hat jemand bei der Urlaubsplanung den Gedanken "Fliegen ist unsicher und gefährlich", so wird er möglicherweise eine Reise unternehmen, bei der kein Flug nötig ist. Vielleicht wird er im Nachhinein frustriert sein, weil er sich nicht getraut hat, das Flugzeug zu nehmen. Eine andere Person hingegen freut sich vielleicht sogar aufs Fliegen und bucht eine Flugreise.
  • Ein anderes Beispiel: Ein Kind geht an einer Gruppe spielender Freunde vorbei. Sie grüßen es nicht. Nun könnte das Kind denken: "Meine Freunde mögen mich nicht mehr" und in Zukunft die Freunde meiden. Die Folge: Das Kind wäre traurig. Das Kind könnte aber auch den Gedanken haben, dass die Freunde es vielleicht einfach nicht gesehen haben – und unbeschwert zur Gruppe gehen.

Unterschiedliche Denkmuster und Bewertungen können also bestimmte Verhaltensweisen begünstigen.

Die kognitive Verhaltenstherapie ist eine Möglichkeit, um solche negativen Muster aufzuspüren und zu verändern. Insbesondere bei der Behandlung von Depressionen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie bewährt, denn in der Regel geht eine Depression mit sehr negativen Gedanken einher.

Ziel der (kognitiven) Verhaltenstherapie ist es, bestimmte gelernte Verhaltensweisen, Gedanken und Bewertungen "umzulernen" und/oder positive Verhaltensweisen, Gedanken und Bewertungen zu erlernen und diese im Alltag umzusetzen. Im Fokus steht dabei die "Hilfe zur Selbsthilfe".

Einsatzgebiete der Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie kann bei ganz verschiedenen psychischen Erkrankungen und Störungen hilfreich sein.

Häufig kommt die Verhaltenstherapie zum Einsatz bei:

Bei Schizophrenie kann Verhaltenstherapie begleitend eingesetzt werden, etwa, um im Alltag besser zurechtzukommen. Auch bei verschiedenen Störungen im Kindes- und Jugendalter kann eine Verhaltenstherapie wirksam sein.

Ablauf einer Verhaltenstherapie

Die ersten Sitzungen (sog. probatorische Sitzungen) einer Verhaltenstherapie dienen Therapeut und Patient vor allem dazu, sich kennenzulernen und eine Beziehung zueinander aufzubauen. Beide Parteien können sich innerhalb von zwei bis vier Sitzungen entscheiden, ob sie miteinander arbeiten wollen und ob die Therapieform für den Patienten infrage kommt.

Nach den ersten Sitzungen entscheiden Therapeut und Patient/Klient, ob sie die Therapie fortführen wollen. Der Patient hat in dieser Zeit die Möglichkeit, den Therapeuten zu wechseln. Hat sich der Patient für die Therapie entscheiden, stellt der Therapeut einen entsprechenden Antrag bei der Krankenkasse.

Wie lange dauert die Therapie?

Es gibt eine Kurzzeit- und eine Langzeitbehandlung. Im Regelfall umfasst eine Kurzzeit-Verhaltenstherapie für Erwachsene bis zu 24 Sitzungen. Die Langzeittherapie umfasst im ersten Schritt bis zu 60 Sitzungen, kann aber auf bis zu 80 Sitzungen verlängert werden. Eine Sitzung dauert meist 50 Minuten.

Zu Beginn wird der Verhaltenstherapeut zusammen mit dem Patienten daran arbeiten, das eigentliche Problem zu identifizieren. Handelt es sich zum Beispiel um eine Angsterkrankung, wird der Therapeut genau erfragen, wovor der Patient Angst hat und in welchen Situationen die Angst auftritt.

Der Betroffene soll erkennen, wie sein Problem entstanden ist und welche negativen Denk- und Verhaltensweisen damit verbunden sind. Gemeinsam analysieren daher Therapeut und Patient, wie das Beschwerdebild entstanden ist. Auch arbeiten sie heraus, wie das Beschwerdebild aufrechterhalten wird. Beispiel: Ein Patient mit einer Hundephobie hält seine Angst aufrecht, indem er jeglichen Kontakt mit Hunden meidet. Durch das permanente Vermeiden kann der Patient die Angst nicht abbauen.

Aus der Analyse leiten sich die Therapieziele und -methoden ab. Die Therapieziele sind von Fall zu Fall unterschiedlich. Im Falle einer Zahnarztphobie könnte es etwa das Therapieziel ein, den Zahnarztbesuch nicht mehr zu meiden. Leidet eine Person unter Putzzwang, könnte es ihr Ziel sein, nur noch einmal in der Woche gründlich sauberzumachen. Auch allgemein gefasstere Ziele sind möglich, zum Beispiel "mehr Freude am Leben haben".

Der Therapeut legt gemeinsam mit dem Patienten fest, wie überprüft werden kann, dass einzelne Ziele erreicht werden – etwa in Form von Fragebögen oder Hausaufgaben. Anschließend wendet er individuell verhaltenstherapeutische Techniken an. Zum Beispiel konfrontiert er seinen Patienten direkt mit einer angstmachenden Situation.

Wichtig ist die aktive Mithilfe des Patienten: Häufig bekommt er Aufgaben, die er außerhalb der Sitzungen allein bewerkstelligen soll. So soll er neu gelernte Muster festigen und in seinem Alltag umsetzen. Auch kann ein Tagebuch hilfreich sein, in dem der Patient unter anderem seine Gedanken und Verhaltensweisen festhält. Mithilfe der Aufzeichnungen können Patient und Therapeut analysieren, welche negativen Gedanken und Gefühle der Patient hat und zu welchen Verhaltensweisen diese führen.

Nur mit der nötigen Eigeninitiative kann die Verhaltenstherapie erfolgreich sein

Wer zahlt?

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Verhaltenstherapie – genau wie für die analytische Psychotherapie und die tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Voraussetzung ist, dass der Betroffene unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung leidet, bei der die Verhaltenstherapie Erfolg verspricht. Bei privat Versicherten hängt die Kostenübernahme von der Art des Vertrages ab.

Techniken der Verhaltenstherapie: Beispiele

Die Verhaltenstherapie umfasst ein breites Spektrum unterschiedlicher Techniken. Welche zum Einsatz kommt, richtet sich unter anderem nach dem Beschwerdebild des Patienten. Oft werden auch verschiedene Techniken miteinander kombiniert.

Systematische Desensibilisierung

Die systematische Desensibilisierung kommt zum Beispiel bei spezifischen Phobien zum Einsatz – etwa bei einer Spinnenphobie. Ziel ist es, Angst schrittweise immer mehr abzubauen (= den Patienten zu desensibilisieren). Man geht bei dieser Technik davon aus, dass körperliche Entspannung und Erregungszustände wie etwa Angst nicht gleichzeitig bestehen können. Daher erlernt der Patient zunächst eine Entspannungstechnik – zum Beispiel die progressive Muskelentspannung.

Ist der Patient im entspannten Zustand, konfrontiert ihn der Therapeut langsam mit der angstmachenden Situation beziehungsweise dem angstmachenden Objekt – zunächst in der Vorstellung ("in sensu"), dann auch in der Realität ("in vivo").

Dabei steigt der Schwierigkeitsgrad stufenweise: Im Falle einer Phobie erstellt der Patient eine sogenannte Angsthierarchie, in welcher er festhält, welche Situation ihn in welchem Ausmaß ängstigt.

Zum Beispiel soll sich eine Person, die Angst vor engen / geschlossenen Räumen hat, zunächst im entspannten Zustand vorstellen, in einem Fahrstuhl zu fahren. Bleibt der Patient dabei entspannt, wäre der nächste Schritt, sich einen Fahrstuhl anzusehen, dann gemeinsam mit dem Therapeuten in den Fahrstuhl zu steigen, allein im Fahrstuhl zu stehen und so weiter. Durch diese Technik baut sich die Angst langsam ab.

Angst vor Spinnen: Beispiel für eine typische Angsthierarchie

Situation Gefühlter Schwierigkeitsgrad (0 = leicht, 10 = sehr schwer)
Sich eine Spinne vorstellen 2
Fotos von Spinnen betrachten 4
Eine Spinne in einem geschlossenen Behältnis betrachten 6
Eine Spinne in einem offenen Behältnis betrachten 8
Eine Spinne in die Hand nehmen 10

Expositionsverfahren (Konfrontation)

Diese Methode wird häufig bei Angststörungen wie zum Beispiel der Klaustrophobie (Angst vor engen/geschlossenen Räumen) angewandt, aber auch bei Zwangsstörungen. Im Expositionsverfahren wird der Patient mit seinen Ängsten direkt konfrontiert und zum Beispiel an die angstmachende Situation gewöhnt. Er muss seinen Ängsten so lange standhalten, bis diese spürbar nachlassen.

Beispiel: Bei Angst im Tunnel muss sich der Patient in einen Tunnel begeben und so lange dort bleiben, bis die Angst schwächer geworden ist. Wichtig ist, dass er nicht flüchten darf, sondern die Situation aushält – nur dann kann er lernen, dass die angstmachende Situation harmlos ist. Personen mit Zwangsstörungen müssen hingegen lernen, ihren Zwang zu unterdrücken, ohne rückfällig zu werden. Häufig arbeitet man auch hier mit einer Angsthierarchie: Man beginnt mit der Situation, die am wenigsten Angst macht, und steigert sich im Laufe der Therapie.

Eine Variante ist die Reizüberflutung, das sogenannte flooding, das man gut mit dem "Sprung ins kalte Wasser" vergleichen kann: Der Therapeut konfrontiert seinen Patientin hierbei gleich mit dem stärksten Angstreiz.

Selbstsicherheitstraining

Soll der Patient selbstsicherer werden und lernen, sich besser durchzusetzen, kann ein Selbstsicherheitstraining hilfreich sein. Häufig lernt die Person in Rollenspielen in einer Gruppe, sich zu behaupten und eigene Ansprüche zu äußern.

Kognitive Therapien/kognitive Umstrukturierung

Negative Gedanken beziehungsweise Bewertungsmuster erkennen und durch positive ersetzen – das ist das Ziel der kognitiven Therapien (sog. kognitive Umstrukturierung). Grundannahme ist es, dass psychische Erkrankungen häufig durch negative Denkstrukturen aufrechterhalten werden.

Oft hilft dem Patienten bei der kognitiven Umstrukturierung ein "Tagebuch", in dem er seine Gedanken und Verhaltensweisen festhält. Dieser Ansatz eignet sich unter anderem zur Behandlung von depressiven Störungen, Angststörungen, Suchterkrankungen und somatoformen Störungen, aber auch zur Bewältigung von Konfliktsituationen.

Gedankenstopp

Der Gedankenstopp ist eine Technik zur Selbstkontrolle. Sie soll dem Patienten dabei helfen, negative Gedanken und Grübeleien zu durchbrechen. Sobald ihm negative Gedanken präsent werden, lernt er, sie ganz gezielt selbst zu unterbrechen.

Modelllernen

Menschen sind dazu fähig, Verhaltensweisen anderer Personen zu beobachten und nachzuahmen und auch als eigene Verhaltensweise dauerhaft zu übernehmen.

Dieses Prinzip macht sich das Modelllernen zunutze: Beim Modelllernen geht es darum, ein bestimmtes positives Verhalten zu erlernen. Dabei bekommt der Patient zunächst eine Verhaltensweise vorgeführt, die er dann später selbst ausführen soll. Zum Beispiel kann der Therapeut einer Person mit einem Waschzwang demonstrieren, wie man sich „normalerweise“ die Hände wäscht.

Problemlösestrategien

Manchen Menschen fällt es schwer, Probleme adäquat zu lösen. Zum Beispiel neigen sie dazu, ein Problem aufzuschieben oder sich zurückzuziehen. Im Problemlösetraining erarbeitet der Patient Methoden, um eine schwierige Aufgabe gut zu bewältigen.

Neben diesen Methoden gibt es noch viele weitere Techniken in der Verhaltenstherapie. Neuere Ansätze berücksichtigen beispielsweise auch die Konzepte der Achtsamkeit und der Akzeptanz. Bei der Achtsamkeit geht es etwa darum, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu lenken.