Das SeeleFon: Hilfe für psychisch Kranke und Angehörige

Veröffentlicht von: Wiebke Raue (18. Oktober 2017)

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01805/950 951: Unter dieser Nummer bietet das SeeleFon psychisch Kranken und deren Angehörigen deutschlandweit telefonische Hilfe. Nun wurde es mit dem Anti-Stigma-Preis ausgezeichnet – wer hier anruft, muss nicht befürchten, wegen seiner Erkrankung ausgegrenzt zu werden. Dr. Caroline Trautmann erzählt im Interview, welche Fragen den Anrufern auf der Seele liegen und warum psychische Krankheiten immer noch auf Unverständnis und Ablehnung stoßen.

„Mein Vater malt immer wieder sehr düstere Bilder. Wie soll ich damit umgehen? Kann ich anhand der Bilder auf seine Psyche schließen?“

„Ich habe zwei kleine Kinder. Mein Mann ist schizophren und hochgradig aggressiv. Wie soll ich mich ihm gegenüber verhalten?“

„Wo finde ich eine Selbsthilfegruppe in meiner Nähe?“

Dies sind nur drei der Fragen, die Frau Dr. Caroline Trautmann vom Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. (BApK) spontan einfallen, wenn es um mögliche Themen geht, die am SeeleFon besprochen werden. Die Beispiele verdeutlichen zum einen: Die Bandbreite der Anliegen ist groß. Zum anderen zeigen sie, welche Leistung die Berater jeden Tag aufs Neue vollbringen – und das ehrenamtlich.

Onmeda.de: Jedes Jahr vergibt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde zusammen mit dem Aktionsbündnis seelische Gesundheit den Anti-Stigma-Preis. 2017 hat sich das SeeleFon erstmals beworben – und auf Anhieb gewonnen. Was bedeutet dieser Preis für Ihre Initiative?

Dr. Trautmann: Der Preis hat für uns natürlich große Bedeutung und wir freuen uns enorm, dass wir für unsere jahrelange Arbeit geschätzt werden. Die Anerkennung für das SeeleFon gilt in erster Linie unseren ehrenamtlichen SeeleFon-Beratern, die von montags bis freitags unermüdlich am Telefon sitzen oder E-Mails beantworten und ohne die es das SeeleFon nicht geben würde!

Der Anti-Stigma-Preis will ein Zeichen gegen die Ausgrenzung und Ablehnung psychisch Kranker setzen. Was sagt Ihre Erfahrung: Inwieweit erleben psychisch Kranke heutzutage (noch) Stigmatisierung?

Dr. Trautmann: Die Stigmatisierung nimmt nicht ab. Eigentlich hat sich hier in den letzten 20 Jahren nicht allzu viel getan. Gerade in den Medien werden psychische Erkrankungen oft verzerrt und negativ dargestellt.

Haben Sie ein Beispiel?

Dr. Trautmann: Schauen Sie sich Fernsehsendungen wie den „Tatort“ an: Hier werden zum Beispiel oft Verbrechen mit psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Das ist eine falsche Darstellung und dadurch bekommt auch die Allgemeinbevölkerung ein ganz falsches Bild über psychische Erkrankungen. Das führt wiederum dazu, dass die Bevölkerung sehr negativ über psychische Erkrankungen urteilt. Sowohl die Medien als auch das Gesundheitssystem sollten hier mehr Aufklärung leisten.

Was sind das für Menschen, die das SeeleFon nutzen – und welche Themen bewegen sie besonders?

Dr. Trautmann: Beim SeeleFon rufen oft sehr verzweifelte Menschen an und man muss ihnen vor allem erst einmal zuhören. Oft hilft es dem Anrufer schon, wenn er weiß: „Da ist jemand, der mir helfen kann und der ein offenes Ohr für meine Sorgen und Probleme in Bezug auf die psychische Erkrankung hat." Wir bieten ein niederschwelliges Angebot, bieten unabhängige Informationen und können mit Verständnis und Offenheit dem Anrufenden, also den Betroffenen, den Familien und dem sozialen Umfeld helfen.

Ob 20 oder 80 – jede Altersgruppe ist unter den Anrufern vertreten. Und auch das Geschlechterverhältnis ist relativ ausgewogen. Nach meiner Einschätzung sind etwa 60 % der Anrufer Frauen.

Wer nutzt das SeeleFon häufiger: Psychisch Kranke oder deren Angehörige?

Dr. Trautmann: Prinzipiell richtet sich das SeeleFon sowohl an Angehörige als auch an Betroffene. Tendenziell rufen aber mehr Angehörige an. Viele von ihnen sind in großer Sorge um den psychisch erkrankten Menschen. Gesunde Menschen können das Verhalten psychisch Kranker nicht immer nachvollziehen. Sie wollen wissen, wie sie helfen können und wie sie am besten mit der Erkrankung der nahestehenden Person umgehen.

Wo liegen die Grenzen des SeeleFons?

Dr. Trautmann: Bei bestimmten Themen müssen wir an andere Stellen verweisen. Dies ist zum Beispiel bei akuten Krisen der Fall. Auch können wir keine speziellen Fragen zu Medikamenten beantworten. Hier raten wir etwa, einen Facharzt aufzusuchen oder mit dem Therapeuten zu sprechen. Juristische Fragen können wir ebenfalls nicht klären, aber entsprechende Anlaufstellen vermitteln – so etwa die Juristenkammer.

Das Herzstück des SeeleFons sind die ehrenamtlich tätigen Berater. Wie wird man Berater?

Dr. Trautmann: Unsere Berater – derzeit sind es zwölf – sind zum größten Teil Angehörige, aber auch Betroffene. Teilweise sind diese Menschen schon seit 30, 40 Jahren beratend tätig.

Natürlich wird jeder unserer Berater umfassend geschult, nach Möglichkeit jedes Jahr. Zusätzlich geben wir die Möglichkeit, mehrmals im Jahr in der Gruppe unter professioneller Anleitung Gespräche zu reflektieren. Und wir sind auf der Suche nach Unterstützung: Wir freuen uns immer, Angehörige und Betroffene zu finden, die bereit sind, für uns aktiv zu werden!

Seit September 2016 gibt es auch ein SeeleFon für traumatisierte Flüchtlinge. Wie sehr wird dieses Angebot bislang genutzt?

Dr. Trautmann: Das SeeleFon für Flüchtlinge bietet Beratung und Hilfe in arabischer, französischer und englischer Sprache. Das Projekt wird von dem BKK Dachverband sowie dem BKK Landesverband Nordwest unterstützt. Bislang haben wir noch nicht viel Zulauf. Rund 100 Personen haben das SeeleFon für Flüchtlinge seit September 2016 kontaktiert, darunter überwiegend Männer.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

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Forum Angst & Zwang (mit Expertenrat)

Depression: Tipps & Hilfe für Angehörige

Linktipps:

Zum Online-Auftritt des SeeleFons

Quellen:

Gespräch mit Dr. Caroline Trautmann, Geschäftsführerin des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK)

Online-Informationen des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK): www.bapk.de (Abrufdatum: 17.10.2017)



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