Wie viel Hygiene ist (un-)gesund für Kinder?

Veröffentlicht von: Lydia Klöckner (23. Januar 2018)

© iStock

Hygiene ist ein heikles Thema, besonders unter Eltern: Einerseits wollen sie ihre Kinder vor gefährlichen Keimen schützen. Andererseits hört man immer, ein bisschen Schmutz brauche es, um das kindliche Immunsystem "abzuhärten". Was stimmt nun? Wir haben eine Expertin gefragt.

Sie wühlen im Matsch, essen vom Küchenboden, lutschen am Zeh, küssen den Hund, gerne auch in dieser Reihenfolge: Kleine Kinder interessieren sich nicht für Hygiene. Ihre Eltern oft umso mehr. Vielen Müttern und Vätern bereitet das Thema schon Kopfzerbrechen, wenn der Nachwuchs noch gar nicht da ist. Wie viel Sauberkeit ist gut für mein Kind?, fragen sie sich. Und: Kann Hygiene auch schaden?

Verfechter der sogenannten "Hygiene-Hypothese" meinen, dass Kinder an Allergien und Asthma erkranken, wenn sie in einem allzu sterilen Umfeld aufwachsen. Tatsächlich zeigen Studien, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, seltener von diesen Erkrankungen betroffen sind als Stadtkinder. Die Münchener Professorin Erika von Mutius ist Expertin für Allergien bei Kindern. Im Interview erklärt sie, was es mit dem sogenannten "Bauernhofeffekt" auf sich hat – und was Stadtbewohner tun können, um ihre Kinder vor Allergien zu schützen.

Onmeda.de: Frau von Mutius, viele Eltern fragen sich, was sie tun können, um ihrem Kind ein möglichst gesundes Wohnumfeld bieten. Was würden Sie ihnen raten?

Prof. Erika von Mutius: Auf diesem Gebiet gibt es bislang wenig Forschung, daher lässt sich keine allgemeine Empfehlung aussprechen. Wichtig ist natürlich, dass die Wohnung nicht dauerhaft feucht ist. Schimmelpilze oder bestimmte Schadstoffe, die Schimmelpilze absondern, können Asthma und andere Erkrankungen verursachen.

Manche Eltern erwägen, den Kindern zuliebe aufs Land zu ziehen. Ist das aus medizinischer Sicht sinnvoll?

von Mutius: Es wird zwar häufig behauptet, dass es sich in ländlichen Regionen gesünder lebt als in der Stadt. Aber das ist nicht erwiesen. Was wir wissen, ist, dass bestimmte Aspekte der traditionellen bäuerlichen Lebensweise dem kindlichen Immunsystem zugutekommen.

Welche sind das?

von Mutius: Der Aufenthalt im Kuhstall und der Konsum von roher Kuhmilch.

Was macht den Aufenthalt im Stall gesund?

von Mutius: Im Stall kommen Kinder mit einem Cocktail aus Fremdkörpern in Kontakt: Bakterien, Schimmelpilze, Staub und Hausstaubmilben. Dabei wird das kindliche Immunsystem gewissermaßen abgehärtet: Es entwickelt eine gesunde Toleranz gegenüber Mikroorganismen und Allergenen.

Kindern, die in vergleichsweise steriler Umgebung aufwachsen, fehlt diese Toleranz oft. Deshalb sind sie anfälliger für allergische Erkrankungen: Ihre Atemwege reagieren überempfindlich auf eigentlich ungefährliche Stoffe aus der Umwelt.

Wenn man es mit dem Putzen mal ein paar Wochen lang nicht so genau nimmt, kann sich auch in der Wohnung ein regelrechter Schmutzcocktail sammeln. Schützt dieser ebenso gut vor Allergien wie der Dreck aus dem Kuhstall?

von Mutius: Nein. Entscheidend für die Prägung des Immunsystems ist eine möglichst große Vielfalt an Mikroorganismen. In einer Wohnung wird es nie so viele verschiedene Mikroorganismen geben wie im Stall.

Vor einigen Jahren haben wir eine Studie zum Zusammenhang zwischen häuslichem Hygieneverhalten und Allergierisiko durchgeführt. Wir haben Familien aus München und Umgebung gefragt, wie häufig in ihrem Haushalt geputzt wird und wie oft sich die Kinder die Hände waschen. Auch haben wir erfasst, in welchen Familien wie viele Kinder an allergischen Erkrankungen und Neurodermitis erkrankten.

Dabei hat sich herausgestellt: Die Hygienestandards spielen für das Allergierisiko der Kinder keine große Rolle. In den Haushalten, in denen viel geputzt wurde, erkrankten nicht mehr Kinder an Allergien als in den weniger hygienebewussten Familien.

Was können Städter denn tun, um ihre Kinder vor Allergien zu schützen? Helfen zum Beispiel Urlaube auf dem Bauernhof?

von Mutius: Nein, und auch die wöchentliche Reitstunde nützt nichts. Wer dem Immunsystem seines Kindes etwas Gutes tun möchte, sollte traditionell hergestellte Kuhmilch kaufen. Diese enthält unter anderem bestimmte Immunabwehrstoffe, die die Mutterkuh zum Schutz des Kalbs bildet. Sie stärken jedoch auch das kindliche Immunsystem.

Muss es die Rohmilch vom Bauern sein?

von Mutius: Nein, Rohmilch kann mit Krankheitserregern belastet sein, daher muss sie vor dem Trinken abgekocht werden. Leider verliert sie dann auch ihre gesunden Eigenschaften. Auch bei der haltbaren Milch aus dem Supermarkt handelt es sich meist um "tote" Milch – egal, ob "Bio" draufsteht oder nicht.

Doch es gibt einige Hersteller, die ihre Milch nicht so verarbeiten, dass diese länger haltbar ist, sondern so, dass die gesunden Inhaltsstoffe erhalten bleiben. Auf der Milchpackung steht dann der Hinweis "traditionell hergestellt".

Frau Professor von Mutius, vielen Dank für dieses Gespräch!

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Allergien: Welche gibt es? Was hilft?
Kuhmilchallergie bei Babys und Kindern: Das sollten Eltern wissen


Wie lange wurde Ihr Kind gestillt?